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Seit drei Jahren spielt Ben Meisner Eishockey in Deutschland - das hat ihn gerettet.

Der Eishockey-Torhüter, der sich töten wollte

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Ben Meisner ist einer der Neuzugänge beim DEL2-Club Tölzer Löwen. Einer, in den man Hoffnungen setzt: ein deutsch-kanadischer Torwart mit DEL-Erfahrung. Große Öffentlichkeit hat Meisner, 28, bislang nicht bekommen – nun hat er sich geäußert und von einer Karriere mit Depressionen und Selbstmordplänen erzählt. Und von der Wende.

München – „The Players’ Tribune“ ist eine amerikanische Internetplattform, auf ihr soll besonderer Journalismus stattfinden. Geschichten mit Tiefgang – erzählt von den Akteuren des Sports selbst. Den Athleten und Spielern.

Den aktuellen Aufmacher liefert ein Eishockeyspieler, der seinen Artikel überschreibt mit „I’m Not Connor McDavid“. McDavid ist der junge Superstar Kanadas, Stürmer bei den Edmonton Oilers, durch den Sport Millionär geworden.

Ben Meisner ist gerade von den Augsburger Panthern (DEL) zu den Tölzer Löwen (DEL2) gewechselt, in seiner Zeit in Nordamerika hat er für unbekannte unterklassige Profi-Clubs gespielt wie die Utah Grizzlies, die Fort Wayne Komets, Norfolk Admirals, Wichita Thunder, Evansville Icemen. Ja, er sei kein Connor McDavid, sagt er, von ihm würde niemand Notiz nehmen, wenn er jetzt diesen letzten Schritt tut. Runter vom Stuhl, auf dem er steht. Das würde das Ende sein. Er hat sich schon die Schlinge um den Hals gelegt, das Seil angebracht. Das war vor einigen Jahren, Ben Meisner hat es nicht exakt datiert: Er wollte sich aufhängen.

Er hatte und hat (immer noch, gelegentlich) depressive Phasen, er beschreibt sich als einen Menschen, dem es schwer fiel, sich mit anderen zu einer Gemeinschaft zu finden. Zu dieser grundsätzlichen gesundheitlichen Problematik kam der Existenzkampf im Eishockey in Nordamerika. Es gibt drei größere Ligen: die NHL, von der er träumte und immer wieder in Pre-season-Camps ging (von einem kannte er etwa den Münchner Konrad Abeltshauser ganz gut), die AHL, in die er kurz mal als Ersatzmann berufen wurde, und die East Coast Hockey League (ECHL). Er war dort nie eine Nummer eins, Meisner lebte in ständiger Sorge um den Verlust des Arbeitsplatzes.

Er verdiente 500 Dollar die Woche, „aber davon gehen die Gebühren für den Agenten und der Beitrag für die Spielergewerkschaft weg. Bleiben 395 Dollar, die ich mit nach Hause nehme.“ Und Meisner rechnete auch das durch: „Es gibt 98 Profiteams, das sind Stellen für 196 Torhüter. Aber 320, die als ,free agents’ auf dem Markt sind und was suchen.“ Könnte er sich, wenn es ihm schlecht geht, einfach krankschreiben lassen? Die Clubs der ECHL kalkulieren alle rasiermesserscharf, es gibt keine finanziellen Spielräume, jemanden durchzuziehen.

Ben Meisner erzählt, dass er am Computer immer mehrere Fenster offen hatte – um zu sehen, was sich auf dem Torhütermarkt in allen Ligen tut. Ob Gefahr für ihn droht. „Ich hatte nichts gegen die Leute, aber in meinen Augen wurden sie zu Feinden.“ Er weinte täglich, er tat sich schwer, aufzustehen an manchen Tagen. Meisner bezeichnete sich als paranoid.

Er hat sich nicht umgebracht, weil er nicht wusste, was dann als nächstes kommt. Weil er nicht sicher war, ob sein Leben einfach erlischt oder es eine Form der Existenz nach einem leiblichen Tod gibt. Er entschloss sich, weiterzuleben.

2015 wechselte er – seine deutsche Abstammung half ihm dabei – nach Bremerhaven, damals in der 2. Liga in Deutschland. Der dortige Trainer Mike Stewart förderte ihn, nahm ihn mit nach Augsburg. Bei den Panthern hatte Meisner eine tolle Zeit in den Playoffs 2017, als es gegen Nürnberg im Viertefinale in ein Best of Seven ging. Er profitierte von einer Gehirnerschütterung des Nummer-eins-Torwarts, er machte fünf Spiele, hielt über 93 Prozent der gegnerischen Schüsse. Vergangene Saison rutschte er im internen Augsburger Ranking auf Position drei ab, ließ sich nach Crimmitschau (DEL2) ausleihen.

In Deutschland geht es Ben Meisner relativ gut. Er hat sich geöffnet, er hat professionelle Hilfe gefunden. Das war die Wende in seinem Leben, er sieht nun „jeden Tag als Segen. Ohne Hilfe wäre ich tot.“

Er hat in der „PLayers’ Tribune“ seine Mail-Adresse veröffentlicht. Wer sich in einer ähnlichen Lage befindet wie einst er, möge ihn kontaktieren. Ihn Ben nennen oder Meis. Egal. „Ich bin für dich da.“

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