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Kein Mann großer Gesten: Bei Löwen-Trainer Kevin Gaudet gilt es schon als Gefühlsausbruch, wenn er nach einer strittigen Schiedsrichterentscheidung beide Arme hebt. Seine Vorbilder: Die Trainer der nordamerikanischen Profi-Liga NHL.

Der neue Löwen-Trainer im Porträt

Kevin Gaudet: Ein ehrgeiziger und akribischer Arbeiter

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Der 55-jährige Kanadier will Bad Tölz zum „feinsten Standort der DEL 2“ machen. Dabei pflegt Gaudet einen völlig anderen Coaching-Stil als viele seiner Vorgänger.

Bad Tölz – Es hat schon viele Trainer in der Geschichte der Tölzer Löwen gegeben, die wie die Schachterlteufel während der Spiele an der Bande auf- und abhüpften, tobten, schrien und gestikulierten. Einen ganz anderen Coaching-Stil pflegt Kevin Gaudet, neuer Trainer der Tölzer Löwen. Konzentriert blickt er aufs Eis, so gut wie nie verändern sich seine Gesichtszüge. Wenn er nicht gerade in seinen Notizblock schreibt, steht er mit verschränkten Armen auf der Bank hinter den Spielern. Es ist fast ein Gefühlsausbruch, wenn er bei einer strittigen Schiedsrichterentscheidung beide Arme hebt. Temperamentvoll wird der 55-Jährige allenfalls, wenn er die Kabinentüre hinter sich schließt.

Mit seiner ruhigen und besonnenen Art orientiere er sich an den Trainern in der nordamerikanischen Profi-Liga NHL, sagt Gaudet, „auch wenn ich mich nicht mit ihnen vergleichen will“. Während der Spiele denke er immer darüber nach, was wichtig ist für den nächsten Wechsel, sagte der gebürtige Kanadier, der die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen hat. Gerade in der Saisonvorbereitung mache er sich viele Notizen, weil er seine Mannschaft erst mal kennen lernen will: „Auch als Lehrer muss man lernen.“

Gaudets Tugenden: Gelassenheit und Ehrgeiz

Was Gaudet neben Gelassenheit auszeichnet, ist Ehrgeiz. Seiner eigenen Einschätzung nach sei er manchmal sogar zu ehrgeizig. Seine Gedanken kreisen 24 Stunden am Tag ums Eishockey. Wenn er nicht mit der Mannschaft arbeitet, kümmert er sich um die Videoanalyse, denkt über Powerplay-Formationen nach und sinniert darüber, ob er die Reihen anders zusammenstellen könnte, um noch mehr Potenzial aus jedem einzelnen Spieler herauszukitzeln. Außerdem surft er mit Vergnügen im Internet auf allen erdenklichen Trainer-Webseiten.

Der Testspiel-Auftakt war verheißungsvoll.

Seine Ehefrau Robin Niderost bildet auch keinen Gegenpol zum Eishockey. Im Gegenteil, seit 15 Jahren sind die beiden ein Duo, wenn es um sportliche Fragen geht. Niderost kümmert sich als Trainerin um die Fitness der Spieler. „Das hat in Straubing angefangen“, sagt Gaudet. „Nicht weil sie meine Frau ist, sondern weil ich ihr vertraue.“ An den Meistertiteln in Bietigheim hatte sie maßgeblichen Anteil. Lachend sagt Gaudet: „Es ist mein Glück, dass ich sie habe. Und ihr Pech, dass sie mich hat.“ Seinen Spielern lebt der Coach Disziplin vor. Viermal pro Woche geht er zum Krafttraining, dreimal zum Joggen oder Radfahren: „Ich liebe das Training, versuche absolut fit zu sein und erwarte das auch von meinen Spielern.“

Großes Interesse an den Löwen bei der „Fan-Meile“ 

Abschalten vom Eishockey kann Gaudet nur in der Sommerpause – und beim Golfen: „Ich liebe diesen Sport. Du denkst, du kannst es, und am nächsten Tag bist du grottenschlecht. Es gibt nicht viele Sportarten, bei denen das so eng beieinander liegt.“ Auch beim Golfen entwickelt er Ehrgeiz, sein Handicap liegt bei fünf. Demnächst will er mal auf dem Platz des Golfclubs Isarwinkel vorbeischauen, der sich direkt hinter der Arena befindet.

Ehrgeiz brachte Gaudet einst bis an die NHL heran. Wie so ziemlich jeder kanadische Bub begann er mit vier Jahren mit dem Eishockeyspielen. Erste Erfolge feierte er mit der Mannschaft der Universität Moncton, mit der er zweimal Meister wurde. Zweimal erhielt Gaudet Probeverträge bei NHL-Clubs. Das erste Mal bei den Edmonton Oilers, die seinerzeit mit Legenden wie Wayne Gretzky, Jari Kurri und Paul Coffey bestückt waren. „Eine unglaubliche Mannschaft“, erinnert sich Gaudet. Mit einem richtigen Vertrag klappte es aber nicht. Anschließend versuchte er hartnäckig, in den Kader der Minnesota North Stars zu kommen, wieder ohne Erfolg. Warum es mit dem NHL-Engagement nicht geklappt hat? „Ich war einfach nicht gut genug“, gesteht Gaudet.

Geile Playoffs gegen Taticek, Kames und Ledlin

Für die Saison 1991/92 erhielt er eine Anfrage des Nord-Oberligisten ESC Wedemark. Gaudet sollte im Spiel gegen den ETC Timmendorf zeigen, was er kann. Wedemark siegte mit 12:5, Gaudet schoss sieben Tore – und hatte seinen Vertrag als Spielertrainer in der Tasche. Zehn Jahre lang blieb er bei den Scorpions, mit denen er bis in die DEL durchmarschierte. Noch genau erinnert er sich an die Playoff-Schlachten gegen die Tölzer Löwen – die damals noch unter dem Vereinsnamen EC Bad Tölz aufliefen – um Petr Taticek, Vladimir Kames und Fred Ledlin. „Das zweite Spiel ging in die Verlängerung, das alte Tölzer Stadion war proppenvoll. Das waren geile Spiele.“

In Nürnberg entlassen:„Die schlechteste Erfahrung meines Lebens“

Nach den Stationen Straubing, Hannover und Wien wechselte er nach Bietigheim, wo er aus dem Feiern nicht mehr herauskam. In sechs Jahren gewann er mit seiner Mannschaft dreimal die Meisterschaft in der DEL 2 und holte zwei Pokalsiege.

Während Gaudet für gewöhnlich recht lange bei seinen Arbeitgebern blieb, endete das jüngste Gastspiel bei den Nürnberg Ice Tigers indessen sehr schnell: nach dem vierten Spieltag. „Das war die schlechteste Erfahrung meines Lebens“, sagt Gaudet. „Es war, als ob mir jemand mit dem Messer ins Herz sticht. Das Problem sei ein Wechsel auf der Geschäftsführer-Position während der Sommerpause gewesen. „Schon beim ersten Gespräch mit Wolfgang Gastner hatte ich ein schlechtes Gefühl. Ich habe gemerkt, dass er mich nicht mag.“ Daran änderten auch drei Siege in vier Spielen in der Champions Hockey League nichts. Nach zwei Niederlagen in der DEL mit einem Tor Unterschied war Schluss. „Das war der Horror, wenn man in den 20 Jahren davor nur Erfolg hatte. Ich habe auch einen Stolz und ein Ego. Die Leute müssen ja denken: Wunder, was da passiert ist, wenn man nach so kurzer Zeit entlassen wird. Die Antwort: Nichts.“

Marco Pfleger: Ein Top-Stürmer für die Löwen

Nun ist er in Bad Tölz angekommen und will seine Ideen und Erfahrungen einbringen. „Es ist eine Herausforderung, wenn man der kleinste Standort in der DEL 2 ist. Aber das kann auch der feinste Standort werden.“

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