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Benedikt Huß im Porträt

Stimmungskanone mit Umschaltfunktion

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Porträt:  Spaßmacher Bene Huß kam auf Umwegen zum Eishockey und kann auch ernst.

Sachsenkam – Die Kraft und das Durchsetzungsvermögen vom Judo, die Schnelligkeit vom Laufen, Geist und Konzentration vom Schießen: Benedikt Huß ist nicht den klassischen Weg zum Eishockeyspieler gegangen. Aber er war gut vorbereitet, als er mit fast 15 Jahren bei den Schülern des EC Bad Tölz einstieg. Kaum fünf Jahre später bestritt der Sachsenkamer sein erstes Spiel für die erste Mannschaft – und blieb dem Tölzer Eishockey trotz anderweitiger Angebote sein Leben lang treu. Als Spieler, bis er mit 30 Jahren wegen eines Bandscheibenvorfalls aufhören musste. Und dann als Co-Trainer, meist an der Seite von seinem Freund und Förderer Axel Kammerer, mit dem er die Tölzer Löwen 2017 in die DEL 2 brachte und der Tölz Richtung Landshut verließ und soeben wieder den Aufstieg geschafft hat. Huß hält große Stücke auf Kammerer. „Man hätte ihn niemals gehen lassen sollen“, sagt der 52-Jährige, der Tölz als Spieler und Trainer 16 Jahre lang verbunden war. Weitere vier Jahre trainierte er den Nachwuchs des SC Reichersbeuern.

Er selbst ist hinter der Bande auch ein Freund des klaren Wortes. „Wenn jemand Fehler macht, muss man das gleich ansprechen, nicht später.“ Ab und zu seien aber auch aufbauende Worte nötig. Auch das beherrscht Huß, die Stimmungskanone. Spaßmacher, Strafbankkönig, manchmal gehen die Emotionen mit dem Kraftpaket durch. Doch bei all dem darf eines nicht in Vergessenheit geraten: Huß war zeit seines Lebens ein ehrgeiziger, leistungsbewusster Sportler, der zum Beispiel immer auf die Ernährung achtete, der bei allen Disziplinen viel Talent hatte, immer mit vollem Engagement dabei und in vielen Sportarten erfolgreich war.

Auch jetzt noch. Huß wurde gerade Oberbayerischer Meister im Trap. Beim Tontaubenschießen wird mit dem Schrotgewehr auf eine Wurfscheibe – früher aus Ton, mittlerweile aus einer umweltfreundlichen natürlichen Materialmischung – geschossen. Huß beherrschte die olympische Disziplin, bei der es vor allem auf Konzentration und mentale Stärke ankommt, sehr gut, traf schon mal 196 von 200 Wurfscheiben. Wurde zweimal Deutscher Mannschaftsmeister, zuletzt 2017, zigmal Bayerischer Meister, später trainierte er Michael Goldbrunner, der es bis in die Nationalmannschaft schaffte. Huß kam bei Turnieren viel herum, traf interessante Menschen.

Sein eindrücklichstes Erlebnis war das mit einem Scheich bei einem internationalen Turnier in Biberach. Huß traf auf dem Weg zum Schießplatz Ahmed Al Maktum mit einer ganzen Entourage aus Leibwächtern, Kofferträgern und Begleitern. Trotzdem täuschte der Oberbayer spaßeshalber einen Angriff an. Die Leibwächter verdutzt, der Scheich erst verunsichert, dann amüsiert. Später trafen sich die beiden wieder, mittlerweile wusste Huß, dass es ein Familienmitglied des Königshauses von Dubai gewesen war, einer der weltbesten Sportschützen und Olympiasieger 2004 im Doppeltrap. „Du bist ein starker Kerl“, sagte der Scheich grinsend, als er sich an den Vorfall in Biberach erinnerte. Auch eine Begegnung am Petersplatz in Rom fällt Huß ein: Papst Johannes Paul II. schüttelte ausgerechnet dem Sachsenkamer Buam die Hand.

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Spaßvogel Huß hat viel erlebt in seinem Sportlerleben. Bei Judo-Wettkämpfen fern der Heimat spielte er der Konkurrenz in der gemeinsamen Unterkunft gerne mal Streiche. Auf dem Eis verschaffte er sich Respekt. „Unter meinem ersten Trainer bei den Männern, Martin Wild, wurde ich immer auf die Ausländer geschickt“, erzählt Huß. „Ich hatte nie Angst im Zweikampf.“ Die Kanadiern Scott MacLeod und Doug Morrison in Diensten von Hedos München konnten davon ein Lied singen. „Die hatten Respekt“, sagt Huß. „Bei einem Spiel ist Morrison schon nach neun Sekunden im Tor drin gelegen.“

Vor einem Spiel gegen Freiburg, damals haushoher Favorit in der 2. Liga, wollten die Tölzer den Gegner verunsichern. Huß und ein paar Kollegen schnappten sich die Scheiben, die die Freiburger feinsäuberlich zum Torwart-Warmschießen aufgereiht hatten, und droschen sie kreuz und quer übers Feld. „Die Freiburger waren fuchsteufelswild“, erinnert sich Huß grinsend. „Es gab eine Massenschlägerei schon vor dem Spiel.“ Die Aktion zahlte sich aus: Tölz verlor das Spiel gegen den turmhohen Favoriten nur knapp mit 1:2.

Huß ist ohnehin einer, der vorangeht. Bei Rückstand in wichtigen Spielen war oft er derjenige, der die Kollegen bei der Ehre packte. „Wollt ihr das Spiel verlieren, oder sollen wir uns wehren?“, brüllte der langjährige Tölzer Kapitän dann oft. „Wir lassen uns nichts mehr gefallen!“ Mehrfach gelang es ihm und seiner Mannschaft, Spiele noch zu drehen. Die Partie gegen Hedos München vergisst er nie: 0:5-Rückstand, Tölz drehte auf, gewann noch mit 7:6. Auf diese Weise sammelte Huß viele Erfolge. Schaffte mit dem EC Bad Tölz den Aufstieg in die erste Liga. Als Trainer – an der Seite von Axel Kammerer – wurde er 2008/09 Spitzenreiter in der Hauptrunde, bevor die Löwen insolvent gingen. 2017 kam er – erneut mit Kammerer als Headcoach – ins Playoff-Finale und sicherte damit den Aufstieg in die DEL 2. „Das waren schon tolle Erlebnisse.“

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Dabei kam Huß mit dem Eishockey erst spät in Kontakt. Zunächst war er Einzelsportler. Er wuchs in Sachsenkam mit dem älteren Bruder Hans als Söhne der Altwirt-Wirtsfamilie auf. Er ging dort zur Grundschule, später zur Volksschule in Reichersbeuern, beendete seine schulische Laufbahn mit dem Quali in Gaißach, bevor er eine Schreinerlehre absolvierte. Den Beruf übt Huß immer noch aus – seit 37 Jahren im gleichen Betrieb in Holzkirchen. Er ist verheiratet mit Marion (früher Gerg), hat zwei Kinder (Benedikt und Johannes, letzterer selbst erfolgreicher Eishockeyspieler in der DEL) und lebt immer noch in Sachsenkam.

Sport jedoch spielte immer schon die übergeordnete Rolle. In der Wirtschaft der Eltern gab es einen Schießstand, „da sind wir ständig hin“. Auf die Jagd, die Familie hat ein eigenes Revier, geht er seit 30 Jahren. Auch Laufen konnte er. In der 8. Klasse war er Jahrgangsschnellster auf 100 Metern. Außerdem war er Bayerischer Vizemeister im Judo, hätte es vermutlich weit bringen können. „Es hätte mir gut gefallen.“

Doch dann kamen wichtigere Dinge: „Mofas, Moped, Mädels.“ Er fuhr Motocross-Rennen von 16 bis 22 Jahre, war auch dabei nicht schlecht. Und der Mannschaftssport. „Ich wollte lieber etwas im Team machen.“ Schon beim Fußball beim SV Sachsenkam fühlte er sich wohl. Und so landete er beim Eishockey – mit fast 15 Jahren. Die treibende Kraft war sein Greilinger Spezl Andreas Brockmann, der allerdings drei Jahre später zum Berliner SC wechselte. Huß machte den Rückstand zu den Kollegen schnell wett. „Was mir an Technik gefehlt hat, habe ich mit Härte ausgeglichen.“

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Die Defizite hat er mehr und mehr reduziert: „Ich habe trainiert wie ein Blöder.“ Später war der Abstand nicht mehr so groß, schließlich spielt es sich schlecht ohne Talent in der 2. Bundesliga. Liga. Huß war zwar kein Torjäger, sammelte aber dennoch so manchen Scorerpunkt. Und mit dem Können reduzierten sich auch seine Strafzeiten mehr und mehr. Aber die Einstellung blieb. „Früher hat man noch mehr checken dürfen, und ich hab’ nie Angst vor dem Gegner gehabt.“ Ihm war es immer wichtig, sich auf dem Eis Respekt zu verschaffen – nicht ohne zuweilen ein Portion Selbstironie: Immer wenn die Heilbronner im Wellblechpalast gastierten, wurden die Tölzer gerne mit lustigen Holzhacker-Buam-Gesängen verunglimpft. „Wir waren vorbereitet“, sagt Huß. „Einmal haben wir daraufhin vor dem Spiel Baumstämme aufs Eis geschleppt und zammgehackt.“

Der Show-Faktor habe damals eine weit größere Rolle gespielt. So veranstalteten die Tölzer beim Spiel gegen Erzrivalen Garmisch kurzerhand ein improvisiertes Ritterturnier, Huß’ Teamkollege Florian Curth legte einst einen viel beachteten Strip aufs Eis – „wir hatten eine Mordsgaudi“, sagt Huß, oft Antreiber solcher Aktionen. Doch aus Spaß kann bei Huß schnell Ernst werden. „Ich kann umschalten, von lustig auf extrem bei der Sache.“ Er mag Zuverlässigkeit, Ehrgeiz, Pünktlichkeit, setzt sich ein für das, was er erreichen will. Derzeit ist es ihm beispielsweise ein Anliegen, den Anteil an Importspielern in der DEL zu reduzieren. Dafür würde er gerne kämpften. Das nötige Durchsetzungsvermögen hätte er.

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