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Tölzer Löwen: Ein Horrorfilm mit schrecklichem Ende

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Von: Nick Scheder

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Tölzer-Löwen-Trainer Kevin Gaudet (re.) mit Kapitän Philipp Schlager (li.) und dem verletzten Verteidiger Marcus Götz.
Bittere Momente: Löwen-Trainer Kevin Gaudet (re.) mit Kapitän Philipp Schlager (li.) und dem verletzten Verteidiger Marcus Götz nach dem Gegentreffer, der den Tölzer Abstieg besiegelte. © Oliver Rabuser

EISHOCKEY: Die Tölzer Löwen müssen in die Oberliga, weil sie nicht auf das Unvermeidliche vorbereitet waren.

Bad Tölz – Leeres Eis. Verwaiste Kabine. Nur die Betreuer Andre „Hacky“ und Ernst „Opa“ Frech halten mit betretenen Gesichtern die Stellung. Die Tölzer Löwen sind abgestiegen. „Diese Saison – ein Horrorfilm mit schrecklichem Ende“, sagt Trainer Kevin Gaudet. Sein Team muss nach der umkämpften 3:4-Heimniederlage nach Verlängerung, die das 2:4 in der Play-down-Serie besiegelte, runter in die Oberliga Süd. Der strahlende Gegner Bayreuth bleibt in der DEL 2.

Ein Horrorfilm mit schrecklichem Ende

„Ich habe so etwas“, sagt Gaudet, „noch nie erlebt. Es ist traurig, mehr als alles andere, echt hart.“ Wenigstens hat seine Mannschaft ein mitreißendes letztes Spiel abgeliefert. Voller Einsatz, großer Kampf, schöne Tore, meist gut verteidigt – nicht selbstverständlich in dieser Saison. „Jeder hat gedacht, irgendwann müssen sie doch einbrechen“, sagt Gaudet. „Aber sie haben immer weitergemacht, aber auch immer Pech gehabt.“ Die 3:2-Führung hielt nur bis 25 Sekunden vor Schluss. Es traf der „Mann der Serie“, Ville Järvälainen, der auch nach 94 Sekunden in der Verlängerung den Tölzer Abstieg mit dem 3:4 besiegelte.

Nachts schweißgebadet aufgewacht

Fast noch schlimmer empfand Gaudet die fürchterliche 3:8-Heimniederlage sowie zuvor die 1:10-Klatsche gegen Weißwasser. „Da bin ich nachts schweißgebadet aufgewacht, konnte nicht mehr schlafen, das hat wehgetan, das will ich nicht mehr erleben.“ Dennoch entzieht er sich nicht der Verantwortung. „Ich denke, ich habe meinen Job gemacht, aber“, sagt Gaudet, „auf dem Eis sind wir abgestiegen.“ Er mache sich Vorwürfe nach jeder Niederlage. „Ich bin der Trainer, ich nehme eine Schuld auf mich.“ Er hat viel darüber nachgedacht, was er hätte anders machen können. Es ging für den überschaubaren Haufen ums Überleben, darum, für jedes Spiel, jeden Wechsel immer wieder Energie zu finden. Doch für sonstiges Eingreifen waren ihm mit dem Minikader – und zu diesem Schluss kommt auch Gaudet selbst – größtenteils die Hände gebunden.

Abstiegskandidat mit kleinem Kader

„Ich hab von Anfang an gesagt, wenn wir mit dem kleinen Kader antreten, sind wir Abstiegskandidat.“ Es habe an Geld gefehlt. Viel Geld, nachdem von Wee nichts mehr geflossen war. Hinzu kam Pech. Viel Pech: mit Verletzungen, Corona und bei den Verpflichtungen. Max-French-Ersatz Grant Besse „war ein ganz schlechter Ersatz“. Nico Kolb hielt mehr von sich, als unter dem Strich herauskam. Auch bei Thomas Brandl und Pascal Aquin fehlte die Effizienz.

Fingerbrüche, Leistenverletzungen und Gehirnerschütterungen

Lukas Vantuch wollten die Löwen aus finanziellen Gründen nicht behalten. Mit Ian Brady und Dominik Bohac hatten sie zwei fehleranfällige Verteidiger, Markus Eberhardt schwankte zwischen Genie und Wahnsinn und nahm zu viele Strafen. Talent Maximilian Leitner machte Fortschritte. Einzig Marcus Götz machte einen guten Eindruck – wenn er denn spielte: Er fiel fast die ganze Saison aus – zweimal Fingerbruch, nachdem er zweimal eine Scheibe auf den gleichen Finger bekommen hatte. Dazu kamen diverse Leistenverletzungen und Gehirnerschütterungen im Kader.

Plötzlich muss der DNL-Keeper ran

Dann das Torhüterproblem: Marco Wölfl fiel früh für die ganze Saison aus, für ihn kam Jimmy Hertel, der die Erwartungen nicht erfüllte und bald von Keeper Nummer drei, dem 21-jährigen Josef Hölzl, überholt wurde. Während der Play-downs gegen Crimmitschau gab es eine Zeit, da fielen beide verletzt aus. Beim 1:10 musste DNL-Keeper Joshua Baron die Scheiben aus dem Tor sammeln. Hölzl machte seine Sache nach anfänglicher Nervosität in der Abstiegsrunde zwar gut. „Aber wir konnten nicht erwarten, dass er uns den Klassenerhalt rettet, er ist jung und braucht einen Torwarttrainer“, sagt Gaudet. Den habe er neben Verstärkung in der Abwehr am meisten vermisst.

Selbst Schlusslicht Selb hat aufgerüstet

„Unsere Gegner haben sich für die Play-downs extrem verstärkt, wir nicht“, moniert Gaudet. Selbst Aufsteiger Selber Wölfe, in der Hauptrunde abgeschlagenes Schlusslicht, rüstete für die Abstiegsrunde mit fünf neuen Spielern auf – und schaffte den Klassenerhalt im ersten Versuch. Bei den Löwen passierte vor Beginn der Abstiegsrunde – gar nichts. Der neue Löwen-Chef Ralph Bader wollte sich zu einer Saisonbilanz erst nach den Einzelgesprächen mit den Spielern am Donnerstag äußern. Doch der Garmisch-Partenkirchner wälzte schon nach dem letzten Play-down die Verantwortung auf seine beiden Vorgänger ab. „Die Fehler wurden zu Beginn der Saison gemacht, mit so einem kleinen Kader in die Saison zu gehen, ist verantwortungslos. Uns waren die Hände gebunden“, sagte er nach dem Spiel am Dienstag. „Es ist sehr bitter, aber wir stehen wieder auf.“

Und für Gaudet war nicht alles schlecht: „Wir waren 40 Spieltage lang in den Play-off-Plätzen“, sagt der Löwen-Coach. „Ich war sehr stolz darauf, dass wir es in der schwierigen Liga die ganze Zeit mit nur zweieinhalb Reihen geschafft haben, uns von den Abstiegsplätzen fernzuhalten.“

Antreten trotz Corona-Befall

Dann fielen Philipp Schlager und Tyler McNeely verletzt aus; extrem wichtig Spieler. Seitdem ging es abwärts. Und dann kam Corona. „Die Pandemie hat uns den Klassenerhalt gekostet“, meint Gaudet. 15 Spieler fielen aus. Zwar wurden in der Zeit Partien gestrichen oder verlegt. Doch dann mussten die Löwen wieder ran – mit Mindeststärke und Spielern, die wochenlang nicht trainiert hatten, nach der Krankheit noch nicht fit waren. Was Gaudet nicht versteht: „In der Vorsaison sind die Play-downs ausgefallen aus Fairnessgründen wegen Corona.“ Jetzt waren die Zahlen fünfmal so schlimm, und der Abstieg wurde ausgespielt. „Kann man das verstehen?“ fragt Gaudet und würde die Sache am liebsten vor einem Gericht geklärt wissen. So wie es eventuell DEL-Absteiger Krefeld tut. So kündigte es zumindest Geldgeber und Klubboss Sergey Saveljev an.

Zeit für Abschiede bei den Löwen

Für Gaudet bedeutet der Abstieg auf jeden Fall auch einen Abschied. „Ich werde nicht Tölzer Trainer in der Oberliga“, stellt der 58-Jährige klar. Und selbst wenn die Löwen gegen den Abstieg vorgehen sollten und recht bekämen, Gaudet würde sich zu keiner weiteren Saison mehr überreden lassen. „Dann wäre der Etat noch kleiner, weil es ja künftig keine Corona-Hilfen von der Regierung mehr gibt.“

Verträge gelten nicht für die Oberliga

Und auch für den einen oder anderen Spieler heißt es Abschied nehmen. Manche haben bereits Verträge bei anderen Clubs. Laufende Verträge, wie bei Lubor Dibelka, gelten nicht für die Oberliga. Verteidiger-Talent Maximilian Leitner folgt wohl dem Ruf eines baden-württembergischen DEL-Vereins. Auch wenn Tölz nichts davon hat, wenn junge Spieler ihren Ausbildungsverein verlassen: „Ich bin sehr stolz darauf, dass ich solche Talente weiterbringen konnte – auch wenn mir das immer keiner glaubt“, sagt Gaudet. Die Frage wird nun sein, um welche Talente herum eine Oberliga-Mannschaft gebaut wird.

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