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Neun Jahre Oberliga-Eishockey hat Marcus Kerti hinter sich. Inzwischen ist er Mentaltrainer und coacht Mannschafts- und Einzelsportler.

Mentaltrainer im Interview

Marcus Kerti: „Kinder brauchen mehr Eigenverantwortung‘

  • Wolfgang Krzizok
    vonWolfgang Krzizok
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Der Mentaltrainer und ehemalige Eishockeyspieler weiß: Eine fachspezifische Ausbildung allein reicht nicht aus.

Erding/Grafing– Er weiß, wovon er spricht. Marcus Kerti war viele Jahre Eishockeyspieler beim EHC Klostersee, nach seiner Nachwuchszeit neun Jahre in der Oberliga. Nach einer schweren Verletzung musste der heute 42-Jährige seine Laufbahn beenden und sammelte in dieser Zeit viele persönliche Erfahrungen im Bereich Mentaltraining und Kinesiologie (Bewegungswissenschaft). Er sattelte um vom Bankangestellten zum Mentaltrainer und coacht heute Profi-Mannschaften, im Fußball, Eishockey, Handball oder Volleyball, Einzelsportler, Unternehmensvorstände, Kranke, aber auch „ganz normale Menschen“. Auf Einladung der Eishockeyabteilung des TSV Erding referierte Kerti nun beim „1.  Nachwuchsabend“ via Zoom vor rund 90 interessierten Eltern.

Herr Kerti, was fällt Ihnen ein, wenn Sie ans Erdinger Eishockey denken?

Grundsätzlich die gute Stimmung in der Erdinger Eishalle. Allerdings habe ich zu Oberligazeiten nie gegen Erding gespielt, weil der TSV damals nicht in der Oberliga war.

Was verbindet Sie sonst noch mit Erding?

Im Nachwuchs hatte ich Stefan Teufel eine Zeit lang als Trainer, und später habe ich beim EHC Klostersee mit einigen Erdingern zusammengespielt, allen voran mit meinem Verteidiger-Kollegen Rudi Lorenz – damals allerdings noch Mittelstürmer (lacht).

Und dann mussten Sie Ihre Karriere nach einer schweren Verletzung beenden. Sie mussten sogar eine Knochentransplantation im Oberschenkel über sich ergehen lassen.

Das war eine schwierige Situation für mich, meinen geliebten Sport nicht mehr ausüben zu können. Zumindest war das die Aussage der Ärzte. Es war mental sehr herausfordernd. Einen Tag habe ich gedacht, die Ärzte haben keine Ahnung, am nächsten Tag, dass sie total Recht haben. Bis ich zu dem Entschluss kam, es muss noch etwas anderes geben als Ärzte und Physiotherapie. Dazu kamen massive Magen-Darm-Probleme aufgrund der vielen Medikamente, die ich einnehmen musste. Da habe ich mich dann mehr mit Vorgängen im Gehirn beschäftigt, habe eine Selbststudie gestartet mit mentalen Komponenten und tatsächlich noch vier Spielzeiten bei Bad Aibling in der Landesliga gespielt.

Nach Ihrem unerwarteten sportlichen Comeback haben Sie sich dann auch einige Jahre später beruflich verändert.

Ja, ich habe dann meinen Job als Bankangestellter aufgegeben und mich selbstständig gemacht als Mentaltrainer, Stresscoach und Salutogenetiker.

Sie coachen Erwachsene und Kinder. Was ist einfacher?

Kinder sind viel zugänglicher. Sie sind noch nicht so verkopft, wie wir Erwachsenen. Sie entscheiden viel aus dem Bauchgefühl heraus und probieren Sachen einfach aus. Das fehlt den Erwachsenen oft, diese Intuition.

Aber bei den Kindern wird doch auch schon oft Druck erzeugt.

Wir sind in einer extremen Leistungsgesellschaft. Schneller, höher, weiter diktiert leider immer noch unsere Gesellschaft zu großen Teilen. Daraus folgt: Nur der wird akzeptiert, der der Beste ist oder am meisten Stress hat. Das führt unweigerlich zu Druck, noch mehr Stress und langfristig auch zu gesundheitlichen Problemen, nicht nur bei Kindern.

Kann man da etwas dagegen tun? Wie kann man den Druck reduzieren?

Es braucht eine gewisse Nachhaltigkeit. Und es braucht eine Ausgewogenheit zwischen Leistungs- und Breitensport. Wir sollten versuchen: Wen kann ich wie fördern, wen kann ich zusätzlich motivieren, damit er/sie dabei bleibt? Wir sollten keinen fallen lassen, denn am Ende des Tages ist jeder Einzelne für ein Team wichtig. Wenn Trainer das verstehen, werden sie es in Zukunft leichter haben.

So wie im Fußball gibt es jetzt auch im Eishockey immer mehr Leistungszentren. Fluch oder Segen?

Ich denke, Fluch und Segen zugleich. Wir sollten hier auch die Rahmenbedingungen checken sowie die Realität überprüfen. Was wird uns „verkauft“, und was wird in den Akademien tatsächlich umgesetzt. Hier erlebe ich persönlich sehr starke Unterschiede, insbesondere im Bereich Persönlichkeitsentwicklung. Grundsätzlich ist das eine gute Möglichkeit, Talente zu fördern. Jedoch denke ich, nicht zu jedem Preis und schon gar nicht zu Lasten der Kinder, die oftmals viel zu früh aus ihrem gewohnten Umfeld, ihrer Familie, rausgerissen werden. Ich glaube, dass letztlich mehr die Qualität der Dorfvereine das Rennen machen wird, wenn sich diese für die Zukunft familiär aufstellen. Hier sollte die Philosophie der Vereine überdacht und in der jetzigen Zeit neu strukturiert werden. Wenn ein Verein sagt: Bei mir spielen nur die Besten, ist das auch in Ordnung. Nur fehlt oft die klare, ehrliche und offene Kommunikation.

Und dann sind da noch die Eltern.

Die absolut wichtig sind, denn sonst wäre ein Vereinsleben nicht möglich. Klar mischen sich Eltern gerne auch mal mit ein. Das passiert aus meiner eigenen Wahrnehmung nur dann, wenn nicht klar und offen kommuniziert wird. Sowohl von Vereins- als auch von Trainerseite. Wichtig ist eine klare Linie, bei der jeder weiß, was Sache ist, dann kommt es auch nicht zu Missverständnissen.

Aber die Eltern können doch auch hintenrum Einfluss nehmen.

Also grundsätzlich ist es so, dass die Kinder selten schuld sind, wenn es Streit oder Mobbing in der Mannschaft gibt. Das sind meistens die Eltern, die indirekten Einfluss auf die Kinder nehmen. Manchmal nicht absichtlich, sondern ganz unbewusst mit Kommentaren, wie: Der kann doch nicht richtig Schlittschuhlaufen, oder warum spielt denn der bei dir in der Reihe. Die Eltern sind nun mal die Bezugspersonen. Kinder nehmen alles ungefiltert auf und geben es eins zu eins wieder. Sie hinterfragen gewisse Themen noch nicht. Das ist die Wahrheit. Das macht es für Trainer so herausfordernd.

Welchen Rat würden Sie Eltern geben?

Sie sollen ihre Kinder mehr zur Eigenverantwortung erziehen. Sie sollen ihnen zum Beispiel nicht jeden Tag das Pausenbrot herrichten und ihnen die Klamotten rauslegen oder immer die Eishockeytasche tragen. Nur mit mehr Eigenverantwortung bekommen sie auch das nötige Selbstbewusstsein und können in Extremsituationen Verantwortung übernehmen, zum Beispiel wenn der Trainer beim Eishockey bei Rückstand kurz vor Schluss den Torwart vom Eis nimmt und die Mannschaft dann mit Sechs gegen Fünf spielt. Die Kinder sollen und müssen selbst Erfahrungen sammeln und Lösungen finden. Das ist das Wichtigste im Leben.

Können die Trainer da nicht helfen?

Die Trainer können sehr wohl unterstützen. Doch die meisten Trainer sind in dieser Thematik überfordert und wissen nicht, wie sie das Ganze angehen sollen. Sie wurden die letzten Jahre hauptsächlich fachspezifisch ausgebildet. Dabei wäre Mentaltraining so wichtig, um die Kinder auch in ihrer Persönlichkeit zu entwickeln.

Viele würden jetzt wahrscheinlich sagen: Das hat’s früher auch nicht gebraucht.

Das mag stimmen. Nur fahren wir jetzt immer noch mit Kutschen durch die Stadt? Wir haben heute eine ganz andere Generation von Kindern. Die wollen alles wissen, die wollen Erklärungen, was allerdings viele Trainer noch überfordert. Im Gegensatz zu früher ist es heutzutage eher ein Miteinander von Spielern und Trainern – und genau da müssen wir hinkommen. Ich denke, wir Trainer können von den Kindern auch gewisse Dinge lernen, wenn wir uns darauf einlassen.

Jetzt, während Corona, gibt es alle möglichen Challenges, außerdem machen Nachwuchstrainer – wie beim TSV Erding – mit den Kindern regelmäßiges Online-Training. Reicht das, um die jungen Sportler bei Laune zu halten?

Wir leben jetzt seit zwölf Monaten in diesem Wahnsinn. Auch wenn viele Kinder noch bis November auf dem Eis standen, ist die Luft nach vier Monaten Online-Training raus. Das liegt an dem ganzen Homeschooling und den fehlenden sozialen Kontakten, die wir online nicht ersetzen können. Kinder brauchen ihre Freunde – und das live. Deshalb haben wir es schwer, die Kinder für unsere Online-Trainings zu motivieren. Hier ist Kreativität gefragt, und es zahlt sich aus, wer auch schon vor der Zeit einen guten Draht zu seiner Mannschaft hatte. Denn diese Trainer haben in meiner Beobachtung eine gute Trainingsbeteiligung, auch online. Wichtig ist in der jetzigen Zeit der Austausch mit dem Kindern und vor allem den Eltern. Das wird auch das Rezept für die Zukunft sein, um mit neuen Handlungsideen gemeinsam erfolgreich zu sein.

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