Die Erdinger Bremse: An Sebastian Schwarz (r.) kommt keiner vorbei.
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Die Erdinger Bremse: An Sebastian Schwarz (r.) kommt keiner vorbei.

Erdings Top 100

Sebastian Schwarz: Mit NHL-Spielern auf dem Eis

  • Wolfgang Krzizok
    vonWolfgang Krzizok
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Sebastian Schwarz hat in allen Eishockey-Ligen gespielt, den Erding Gladiators zuliebe auch in der Landesliga. In unserer Rangliste ist er auf Platz 63.

Erding – „Jetzt haben wir 2020 wirklich alles mitgenommen, was im Angebot war“, meint Sebastian „Blacky“ Schwarz und versucht zu lächeln. Im April sind seine Zwillinge zur Welt gekommen. Bei der Geburt schwebten Ehefrau Stephanie und die Kinder in Lebensgefahr, jetzt hat auch noch Corona in der jungen Familie die Runde gemacht. „Das musst du erstmal alles hinkriegen“, meint der 34-Jährige „Auf der anderen Seite wird man auch ein bisschen geerdet.“ Eishockey hat der Verteidiger der Erding Gladiators derzeit nicht im Kopf, die Bayernliga-Saison ist ohnehin unterbrochen, und er überlegt im Moment sogar, seine Karriere zu beenden. Eine Karriere, die ihm Auftritte in der DEL und mit dem TSV Erding die Deutsche Jugendmeisterschaft eingebracht hat.

Die ersten Schritte auf dem Erdinger Eis macht Sebastian Schwarz mit sechs Jahren. „Ich habe erst anfangen dürfen, als ich bremsen konnte“, erinnert er sich. Die läuferische und technische Ausbildung bekommt er zunächst bei Kurt Hilse, dann bei Hans Huber und Thomas Pacina sowie bei Paul Streschnak. Wie fast alle Spieler beginnt er als Stürmer, Schüler-Trainer Franz Steer funktioniert ihn zum Verteidiger um. „Ich habe es nie bereut“, stellt er fest. „Klar ist Tore schießen toll, aber für mich war es immer reizvoll, den Stürmern das Toreschießen so schwer wie möglich zu machen.“

Und das macht er hervorragend. Er ist eine der Stützen der Erdinger Schülermannschaft, die in die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft in Landshut einzieht – allerdings ohne Schwarz. „Wir hatten entscheidende Spiele in Erding gegen Freiburg und Mannheim, die mussten wir gewinnen, um in die Endrunde zu kommen, da habe ich mit hohem Fieber gespielt“, erzählt er. Der Einzug in die Finalrunde wird geschafft, aber bei Schwarz wird Pfeiffersches Drüsenfieber diagnostiziert, er muss pausieren. „Da hat es mich voll zerlegt, und ich war drei Monte komplett raus.“

Deutscher Meister mit dem TSV Erding

Die Entschädigung folgt in der Jugend: Der TSV Erding wird Deutscher Meister. „Wir haben in der Saison nur ein Spiel verloren gegen Füssen im Penaltyschießen“, erzählt er stolz. „Das war so toll, als wir in der Endrunde an so Highlight-Orten wie Düsseldorf oder Iserlohn gespielt – und dann auch noch gewonnen haben.“

So fing alles an: Der Knirps im TSV-Dress.

Weiter geht es dann bei den Junioren. Für ihn ist es „das Beste, was uns von der Entwicklung her passieren konnte“. Meist sind drei Spiele am Wochenende angesagt, weil die Älteren schon in der Ersten spielen dürfen, die damals – nach der Jets-Pleite – gerade einen Neustart in der Bezirksliga macht. Für den DM-Titel fehlen lediglich fünf Tore auf Freiburg. Was den Erdinger aber am meisten ärgert: Er spielt in der deutschen Nachwuchs-Nationalmannschaft, wird aber nicht zur Weltmeisterschaft mitgenommen, „weil ich nicht in der DNL gespielt habe“. Für ihn ist das auch im Rückblick neben dem Verpassen der Schüler-Endrunde „die größte Enttäuschung meiner Eishockey-Laufbahn“.

Mit dem TSV Erding steigt Schwarz bis in die Bayernliga auf, macht in Erding sein Abitur und beschließt dann, es als Profi zu versuchen. Landshuts Sportlicher Leiter Bernd Truntschka meint: „Wir schauen uns das mal an, und wenn es nicht klappt, ist nichts passiert.“ Es klappt. Der Erdinger erkämpft sich im Zweitligateam des EVL unter Trainer Dany Naud einen Stammplatz an der Seite des 16 Jahre älteren Petr Bares („Ein alter Haudegen, das war super“). Er absolviert alle 59 Saisonspiele. „In der Mannschaft standen Spieler wie Cinibulk, Oswald, Daffner, Dietrich, Schinko, Hundhammer, Dylla und Geipel“, schwärmt Schwarz. „Bei den Derbys gegen Regensburg und Straubing war die Halle mit 6500 Zuschauern ausverkauft. Das war der Wahnsinn.“ Im Jahr darauf aber verletzt sich der Erdinger nach starkem Saisonbeginn an der Schulter, „und dann durfte ich nicht mehr so viel spielen“.

DEL mit dem ERC Ingolstadt

Franz Steer vermittelt ihn in der Saison 2007/08 zum DEL-Club ERC Ingolstadt, er bestreitet dort 33 Spiele und ist für den EHC München in der Zweiten Liga 21 Mal im Einsatz. „Das war das vogelwildeste Jahr, das ich erlebt habe“, bekennt Schwarz. In beiden Clubs fliegen Trainer und Manager raus, unter anderem Bernie Englbrecht in München, „und letztlich hatte ich in einem Jahr fünf Trainer“. Zwei Höhepunkte werden ihm in Ingolstadt aber ewig in Erinnerung bleiben. „Ich habe mit Felix Schütz in einer Reihe gespielt, und ich habe mein erstes und einziges DEL-Tor geschossen“, erinnert er sich. „Das war in Köln vor 14 000 Zuschauern – und auch noch gegen Nationaltorwart Robert Müller.“

Und noch etwas bleibt ihm im Gedächtnis: Ingolstadts Keeper Jimmy Waite. „Der hatte brutal einen an der Klatsche“, erzählt Schwarz lachend. Der Kanadier hat einen Aufräum-Tick. „Wenn er zum Beispiel von der Kabine zur Toilette gegangen ist, dann hat er auf dem Weg dorthin alle Trinkflaschen geordnet und jedes noch so kleine Papierchen aufgeklaubt. Dann haben die Jungs schnell alle Flaschen wieder durcheinandergebracht und Papierchen auf den Boden geworfen, und als der Jimmy zurückkam, hat er erst gestutzt und dann wieder alles aufgeräumt. So ging das regelmäßig“, erinnert sich Schwarz

2008 führt sein Weg zurück nach Landshut. Ein Jahr später bietet sich während der Saison die nächste DEL-Gelegenheit, denn Schwarz wird für drei Monate an den Krefelder EV ausgeliehen, Trainer ist Martin Jiranek. „Die hatten damals viele Verletzte, und ich habe viel gespielt“, erinnert er sich. Zusammen mit dem heutigen Nationalspieler Sinan Akdag bildet er ein Verteidiger-Paar. „Dann aber haben sie wie wild nachverpflichtet, am Ende waren wir zehn Verteidiger, und es war klar, dass ich nach Landshut zurückgehe.“ Trainer beim EVL ist mittlerweile Tobi Abstreiter, „dem hatte ich immer bewundernd zugeschaut, als er noch bei den Erding Jets gespielt hat“.

Ravensburg Towerstars: Mit dem Bodensee vor der Haustür

2010 steht Schwarz zunächst ohne Verein da. „Landshut wollte mich nicht mehr, nach Bremerhaven hätte ich – wie jedes Jahr – sofort gehen können, aber da wollte ich nicht hin.“ Als Peter Draisaitl, Trainer des Zweitligisten Ravensburg Towerstars, anruft, geht alles sehr schnell. „Das war vom Ort her, so im Eck zwischen Deutschland, Österreich und der Schweiz, mit dem Bodensee vor der Haustür, mit die schönste Station in meiner Laufbahn“, schwärmt Schwarz, und ergänzt: „Und die erfolgreichste mit dem Gewinn der deutschen Zweitliga-Meisterschaft.“ Er erinnert sich an eine „coole Truppe mit professionellem Umfeld, unter anderem mit super deutschen Spielern wie Slavetinsky, Busch und Samendinger“.

Eins bleibt ihm aber besonders im Gedächtnis. Ab und zu nimmt Coach Draisaitl seinen damals 15-jährigen Sohn Leon beim Training mit aufs Eis, der damals bei den Schülern des Mannheimer ERC spielt. „Der ist bei uns immer mitgehüpft, wir haben immer gelacht und uns immer gedacht, was er eigentlich will, aber das hat sich mittlerweile geändert“, gesteht Schwarz. Leon Draisaitl ist heuer zum MVP, also zum besten Spieler, der NHL gewählt worden.

Deutscher Meister: Gemeinsam mit Michael Vasicek bejubelt Sebastian Schwarz (r.) den Titel in der DEL 2.

Schwarz spielt in der Abwehr an der Seite von Michael Vasicek und erzählt begeistert von der Finalserie. „In der ersten Runde haben wir gegen meinen alten Verein Landshut 4:0 gewonnen, dann im Halbfinale gegen Rosenheim mit Trainer Franz Steer 4:1, und schließlich im Finale gegen Schwenningen 4:0 – das war brutal cool“, berichtet Schwarz.

Ende der Profilaufbahn – Studium an der Uni Oldenburg

Zwei weitere Jahre bleibt der Erdinger in Ravensburg, „unter anderem mit vielen Ausländern, die in der DEL gespielt hatten wie Thompson, Cabana, Kinch oder Maloney – das war schon stark“. Im zweiten Ravensburger Jahr, mit Trainer Uli Liebsch und Top-Star Bob Wren, gibt es ein denkwürdiges Viertelfinale gegen Heilbronn. „Da lagen wir in der Serie 0:3 hinten und haben bei den nächsten Spielen schon immer unsere Fortgeh-Klamotten eingepackt, weil wir nach dem Ausscheiden gleich feiern gehen wollten, aber dann haben wir 4:3 gewonnen“, erzählt Schwarz lachend. Im Halbfinale folgt dann aber das Aus gegen den späteren Meister Landshut. In der darauf folgenden Saison ist wieder im Halbfinale gegen Schwenningen Endstation. Während des Lockouts in Übersee tummeln sich einige NHL-Profis in der Zweiten Liga. „Das war schon ein Erlebnis, mit denen auf dem Eis zu stehen“, schwärmt der Erdinger. Mit Adam Hall (Tampa Bay Lightning) spielt er bei den Towerstars zusammen, prominentester Gegenspieler ist Wayne Simmonds von den Philadelphia Flyers, der in Crimmitschau untergekommen ist.

Im Nürnberger Stadion musste ich in der Landesliga antreten – da, wo ich zehn Jahre zuvor im DEL-Spiel mit Ingolstadt vor vollem Haus in der Starting Six war.

Sebastian Schwarz über seine Rückkehr zu den Gladiators

Schwarz ist jetzt an einem entscheidenden Punkt in seinem Leben angekommen. Während seiner Verletzungszeit in Landshut hat er ein BWL-Studium an der Uni Oldenburg aufgenommen, ein spezieller Studiengang für Spitzensportler. Jetzt muss er entscheiden: „Studium durchziehen oder nicht“. Und so beendet der Erdinger seine Profi-Laufbahn.

Der Weg führt ihn zurück in die Heimat. „Warum nicht wieder Erding habe ich mir gedacht“, erzählt er – noch dazu, wo die Gladiators in der Oberliga spielen. „Das Finanzielle war da nicht ausschlaggebend.“ Vielmehr genieße er es, „dass ich wieder mit den Jungs zusammenspielen konnte, mit denen ich aufgewachsen bin, und wir waren eine gute Truppe“. Die Gladiators ziehen in die Playoffs ein, der Verteidiger kommt in 48 Spielen auf 39 Scorerpunkte (6 Tore, 33 Assists), der persönlich beste Wert in seiner Laufbahn. „Da konnte ich den Jungs ein bisschen helfen und auch dem Verein etwas zurückgeben“, sagt er.

Viele Offerten ausgeschlagen

In der Saison darauf stehen die Gladiators in den Playdowns, in der ersten Runde wartet der EV Füssen. „Den Verantwortlichen wäre es lieber gewesen, wenn wir noch eine Runde gespielt hätten, damit wir noch Einnahmen gehabt hätten“, erzählt er. „Aber die Mannschaft hat sich nicht darauf eingelassen, hat Charakter gezeigt und gleich in der ersten Runde gewonnen.“ Sportlich ist der Klassenerhalt geschafft, aber es ist kein Geld mehr da, und die Gladiators müssen in die Landesliga, „mit einer leicht überqualifizierten Truppe“, meint Schwarz schmunzelnd. Ein komisches Gefühl ist es für ihn, als er im Nürnberger Stadion in der Landesliga antreten muss – „da, wo ich zehn Jahre zuvor im DEL-Spiel mit Ingolstadt vor vollem Haus in der Starting Six war“. Seinen Heimatverein zu verlassen, kommt für ihn trotz mehrerer Angebote nicht mehr in Frage.

Acht Jahre sind seit dem Wechsel aus Ravensburg vergangen. Sportliche Enttäuschungen habe er stets recht gut verkraften können. „Wenn man in einer Playoff-Runde ausscheidet, sind das für mich keine Enttäuschungen, das muss man sportlich hinnehmen“, stellt er klar. „Aber viel mehr ärgert mich, mitzuerleben, wie es in diesem Business abläuft. Dass ein Wort oft nichts zählt. Das hinterlässt schon einen faden Beigeschmack.“

Was ihn persönlich sehr mitgenommen habe, war der Tod von Robert Dietrich, der aus dem Nachwuchs des ESV Kaufbeuren stammte. „Wir waren richtig gute Freunde, haben von Anfang an beim BEV und in den Nachwuchsnationalmannschaften gespielt“, erinnert sich Schwarz. Dietrich war 2011 von den Mannheimer Adlern in die Russische KHL zu Lokomotive Jaroslawl gewechselt. Bei einem Flugzeugabsturz im September 2011, auf dem Weg zu einem Auswärtsspiel, kam die gesamte Mannschaft ums Leben,

Zukunft noch offen: „Jetzt muss erst einmal Ruhe einkehren“

Sebastian Schwarz ist mittlerweile als Großschadenregulierer bei der Allianz tätig, ist seit März 2019 verheiratet, und eishockeytechnisch seit März 2020 zur Untätigkeit verdammt, was er aus familiären Gründen durchaus zu schätzen weiß. Verläuft doch die Geburt seiner Zwillinge im April dramatisch. Es kommt bei Ehefrau Stephanie in der 32. Schwangerschaftswoche zur Eklampsie, sie muss mit dem Notarzt ins Krankenhaus gebracht werden, die Zwillinge Leonard und Carlotta kommen acht Wochen zu früh zur Welt – kurioserweise am gleichen Tag wie Papa Sebastian.

Traumduo: Stephanie und Sebastian Schwarz.

Nach einem kurzen Eishockey-Intermezzo – die Bayernliga-Saison 2019/20 wird im November schon wieder gestoppt – hat die Familie auch noch mit dem Corona-Virus zu kämpfen, die Krankheit jedoch mittlerweile überstanden. Ob er bei den Gladiators als Spieler weitermacht oder dem Eishockey zumindest in einer anderen Funktion verbunden bleibt, das weiß er nach den aufregenden Monaten noch nicht. „Jetzt muss erst einmal Ruhe einkehren“, wünscht sich Sebastian Schwarz.

Wolfgang Krzizok

Weitere Porträts aus unserer Serie Erdings Top 100 finden Sie auf unserer Übersichtsseite.

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