Philipp Michl (r.) bejubelt sein Tor gegen den ESC Geretsried
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Volltreffer: Philipp Michl (r.) bejubelt sein Tor gegen den ESC Geretsried. Archivfoto.

Erdings Top 100

Niemals aufgeben: Philipp Michl und seine außergewönlichen Erfolge

  • Wolfgang Krzizok
    vonWolfgang Krzizok
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Philipp Michl war Eishockeyprofi und ist dreifacher Deutscher Meister im Inline-Hockey. Aber der eigentliche Kampf in seinem Leben war viel schwieriger.

Erding – Er hat als Eishockeyprofi viele Winkel in Deutschland gesehen. „Nebenbei“ wurde er dreimal Deutscher Meister im Inline-Hockey. Seit vier Jahren ist Philipp Michl wieder daheim in Erding und führt heuer die Gladiators erstmals als Kapitän aufs Eis. Aber neben den Auseinandersetzungen auf dem Eis führt der 31-Jährige, der durchaus als streitbar gilt, auch noch einen anderen Kampf, nämlich den gegen eine heimtückische Krankheit (siehe Kasten unten), die ihn während seiner aktiven Zeit immer wieder angetrieben hat, was eigentlich mehr Bewunderung verdient als die sportliche Karriere. Nicht zuletzt deshalb lautet sein Lebensmotto: „Aufgeben gibt es nicht, und gefallen lassen muss man sich nichts.“

So fing es an: Philipp Michl als TSV-Bambini.

Im Alter von drei Jahren geht Philipp Michl mit seiner Mama regelmäßig ins Eisstadion. Zum einen, um den Erding Jets zuzujubeln, zum anderen, um seinem vier Jahre älteren Bruder Patrick, der Torwart im TSV-Nachwuchs ist, beim Training und Spiel zuzuschauen. Es ist nur logisch, dass er auch mit Eishockey anfängt, erst in der Laufschule bei Kurt Hilse, dann bei Legende Hans Huber. Zwei Jahre spielt er später unter Coach Stefan Teufel beim EHC Klostersee, um dann wieder zum TSV zurückzukehren und mit Franz Steer an der Bande die bislang erfolgreichste Erdinger Nachwuchszeit mitzugestalten. Sein persönlicher Höhepunkt ist die Endrunde um die Deutsche Schülermeisterschaft 2002 in Rosenheim, als der TSV Vierter wird. Im letzten Spiel feiert Erding einen 8:3-Erfolg gegen den Krefelder EV – mit vier Michl-Toren. Sogar die ARD zeigt einen kurzen Bericht, mit einem Michl-Interview. „Die VHS-Kassette mit dem Beitrag hat mein Vater in seinem persönlichen Archiv“, erzählt der 31-Jährige und ergänzt: „Dieses Turnier wird immer in meinem Kopf bleiben.“

2004 folgt der Wechsel ins DNL-Team nach Landshut. Unter Trainer Ewald Steiger wird der Erdinger zum Leistungsträger – und setzt wieder eine Marke. In den Playoffs geht es gegen Serienmeister Mannheim, „eine absolute Übermacht“, wie Michl erzählt. Landshut hat in der Serie keine Chance. Dennoch schießt er in einem Playoff-Spiel drei Tore: „Auch das werde ich nie vergessen.“ Er steht zusammen mit ein paar anderen aus der DNL auch viermal im Kader des Zweitligisten Landshut Cannibals. „Das war schon aufregend, da dabei zu sein“, erinnert er sich. „Eiszeit haben wir natürlich keine gekriegt, aber Dabeisein war alles.“ Mitspieler in der DNL sind damals unter anderem die späteren Nationalspieler Felix Schütz, Gerrit Fauser und Stephan Daschner. Auch Philipp Michl wird einige Male in die Nationalmannschaft berufen: „Das waren tolle Erlebnisse, ich war unter anderem in Finnland und Kanada, aber zur WM-Teilnahme hat es leider nie gereicht.“

54 Scorerpunkte in 44 Spielen

Der Erdinger entscheidet sich für eine Profilaufbahn und erinnert sich noch gut ans erste Jahr, als Landshut unter Trainer Andi Brockmann ins Playoff-Finale vorstößt, dort aber Spiel fünf gegen Kassel in der Verlängerung verliert. In dieser Zeit macht sich Michl auch neben dem Eis nützlich. Der langjährige Landshuter Betreuer Ludwig „Luggi“ Weiß wird schwer krank, und so springt halt der Youngster ein. „Plötzlich war keiner mehr fürs Team da. Ich hab’ neben dem Stadion gewohnt, außerdem war ich der jüngste Spieler, also hab’ ich zusammengeräumt und die Wäsche gewaschen. Das gehört sich so“, erinnert er sich. In der Saison drauf bricht er relativ schnell seine Zelte in Landshut ab.

Überflieger wie Tom Kühnhackl und Tobias Rieder werden ins Zweitligateam hochgezogen, Philipp Michl wird zum Oberligisten Passau ausgeliehen – mit Trainer Klaus Feistl. 50 Spiele, 20 Scorerpunkte sind die Ausbeute. Im Jahr darauf läuft es bei den Blackhawks für ihn deutlich besser, mit 54 Scorerpunkten in 44 Spielen. „Das war ein geiles Jahr mit fünf Ausländern im Team“, erinnert sich der Erdinger, der an der Seite des Kanadiers John Sicinski stürmt und bester deutscher Scorer wird.

Weil die Passauer in finanziellen Nöten sind, wechselt Philipp Michl zum Ligakonkurrenten EV Landsberg 2000 – und kommt vom Regen in die Traufe. Das Team verschleißt mit Dave Rich und Elvis Beslagic zwei Trainer, steigt ab – später folgt die Insolvenz. Frank Gentges, der damalige Trainer des West-Oberligisten EHC Dortmund, fragt beim Erdinger an. „Das war das erste Mal, dass ich gemerkt habe: Da will dich der Trainer, sonst haben immer nur Agenten angerufen.“ Anfangs sei das Verhältnis zum recht eigenwilligen Coach etwas schwierig gewesen, „aber wir haben uns zusammengerauft“. 72 Scorerpunkte in 50 Spielen sind eine beeindruckende Bilanz. Erst im Halbfinale ist gegen Duisburg Schluss – und den Erdinger zieht es wieder in den Süden. „Es gibt schönere Städte als Dortmund“, meint er rückblickend. „Außerdem haben sie mir dreimal die Scheibe am Auto eingeschlagen und den Wagen ausgeräumt.“

„Der schlechteste Wechsel, den ich gemacht habe“

Die nächste Station von Philipp Michl ist der EV Regensburg, und er gibt zu: „Das war der schlechteste Wechsel, den ich gemacht habe.“ Mit Trainer Leos Sulak sei er gar nicht zurecht gekommen („Da durfte ich nicht das spielen, was ich hätte können“), auch habe in der Mannschaft nie Harmonie geherrscht. In den Playoffs kommt das Aus gegen Klostersee. „Wie das möglich war, mit dieser Mannschaft, frage ich mich immer noch.“ Spieler wie Cinibulk, Fical und Anciczka seien für die Oberliga überqualifiziert gewesen.

Vor 7000 Leuten in der TUI-Arena, das war unglaublich

Philipp Michl erinnert sich ans Hannover-Derby.

Von der Oberpfalz geht es nach Niederbayern, doch ist das Gastspiel in Deggendorf nur von kurzer Dauer. „Mein Landshuter Mitspieler Thomas Daffner hat mir mal gesagt: ,Scheiß da nix, dann feit da nix’, und das habe ich immer beherzigt.“ Er habe immer den Mund aufgemacht, wenn ihm etwas nicht gepasst habe. Und so sei er gleich mit Trainer Jan Benda „zusammengerückt“ – es war kurz vor der Handgreiflichkeit. „Man hat mir einen Wechsel nahegelegt und mich am Ende rausgeworfen“, gibt Michl freimütig zu.

Den Erdinger führt der Weg zu den Hannover Indians. Der Club muss aus finanziellen Gründen aus der Zweiten Liga runter, ein mit Michl befreundeter Anwalt übernimmt vorübergehend die Geschäftsführung. „Das war ein super Jahr, die Fans waren der Wahnsinn“, schwärmt er. Höhepunkt ist das Derby gegen die Hannover Scorpions, das es seit 20 Jahren nicht mehr gegeben hat. „7000 Leute in der TUI-Arena, das war unglaublich“, schwärmt Michl. „Und auch wenn wir brutal hoch verloren haben, das Spiel werde ich immer in Erinnerung behalten.“ Der Verein sei damals top geführt gewesen, „die Stadt war angenehm, das war alles sehr cool“. Doch dann wechselt die Vereinsführung. „Es gab Streitigkeiten, und ich habe dann den Verein wegen diverser Betrügereien verklagt“, erzählt Michl.

Dreifacher Deutscher Meister

Der Liebe wegen zieht es ihn 2014 heim nach Erding, Philipp Michl lernt seine spätere Frau Julia kennen und beendet seine Profi-Laufbahn. Die Gladiators spielen Oberliga und halten die Klasse. 48 Spiele, 48 Scorerpunkte lautet die Michl-Bilanz. Doch geben die Gladiators aus finanziellen Gründen die Lizenz zurück und müssen in die Landesliga. Michl klagt ausstehendes Geld ein, widmet sich im Sommer zunächst wieder dem Inlinehockey bei den Erding Crowns und feiert erstmals die Deutsche Meisterschaft. Das Endspiel gegen Germering endet nach regulärer Spielzeit 9:9. Nach 17 Sekunden in der Verlängerung trifft Philipp Michl zum 10:9-Siegtreffer. Zwei weitere Titel folgen 2015 und 2016. Weil es 2017 mangels Teams nur noch eine Pokalrunde gibt und seitdem der offizielle Inline-Betrieb ruht, sind die Erdinger folglich immer noch amtierender Deutscher Inlinehockey-Meister. „Inlinehockey hat immer richtig Spaß gemacht“, resümiert Michl.

Privates Glück: 2014 lernt Philipp Michl seine Julia kennen, die er zwei Jahre später heiratet.

Im Herbst 2015 macht der Erdinger die Vorbereitung beim EV Landshut mit. Die Trainer Toni Krinner und Ewald Steiger „wollten mich behalten, und das in einer Oberligatruppe, in der fast lauter Zweitligaspieler standen wie Abstreiter, Geipel oder Hammer“. Der Aufstieg wird verfehlt, prompt haben die Landshuter mit finanziellen Problemen zu kämpfen. „Das war dann ein totales Durcheinander“, erzählt Michl. In der Geschäftsführung habe es einen stetigen Wechsel gegeben und auch auf der Trainerbank, wo zunächst Bernie Englbrecht das Heft in der Hand hält und später Alex Serikow.

Mit einer kurzen Playoff-Runde 2016/17 endet nicht nur die Saison für den EV Landshut, sondern auch die Wanderschaft von Philipp Michl. „Dann bin ich in Wartenberg sesshaft geworden, mit Hochzeit, Kind und allem, was dazugehört“, erzählt er. Sohn Luis kommt 2017 zur Welt. „Und damit bin ich auch wieder bei den Erding Gladiators angekommen.“ Beruflich macht er sich als Versicherungskaufmann selbstständig und ist seitdem für die „Bayerische“ tätig. Nicht nur privat, auch sportlich läuft es rund für Philipp Michl. Er punktet zuverlässig und legt 2019/20 mit 39 Scorerpunkten in 23 Spielen sein bislang bestes Jahr bei den Gladiators hin.

Frank Gentges war der beste Trainer

Wenn er an seine bisherige Laufbahn zurückdenke, gebe es viele Menschen, die ihm im Gedächtnis geblieben sind und auch noch lange bleiben werden. „Der beste Trainer im Sinne Eishockey-Verstand, unter dem ich gespielt habe, war Frank Gentges“, stellt Philipp Michl fest. „Und vom Menschlichen her Ewe Steiger.“ Als Sturmpartner hätten ihn Spieler wie John Sicinski („Mit dem habe ich mich am besten verstanden“), Peter Abstreiter, Conny Strömberg, Brandon Dietrich, Brent Walton, Thomas Daffner und Martin Anciczka („Der mit Abstand beste Verteidiger, mit dem ich gespielt habe“) am meisten geprägt.

Der ganze Stolz: Philipp Michl mit Sohn Luis.

Dass er von einigen Vereinen im Unfrieden gegangen sei, dazu stehe er, betont der 31- Jährige. „Ich habe mir nie alles gefallen lassen, und ich stehe zu jeder Klage und zu jedem Artikel, der danach erschienen ist“, sagt er und stellt fest: „Ich habe am Ende immer Recht bekommen.“ Was ihm wichtig ist: „Es ging nie gegen den Verein oder die Fans, nur gegen die Entscheider. Wir verdienen keine Millionen, da finde ich es umso gemeiner, wenn wir beschissen werden.“

Seit heuer führt er die Gladiators als Kapitän aufs Eis – von der Mannschaft gewählt. „Als Kind habe ich immer in Erding zugeschaut und den bewundert, der das C auf der Brust hatte. Jetzt trage ich selber das C – das macht mich stolz, und es ist letztlich ein Traum in Erfüllung gegangen“, sagt der 31-Jährige. Und was er sich fürs Erdinger Eishockey wünscht? „Dass man irgendwann mal wieder die Oberliga anpeilt, und dass vor allem der Nachwuchs wieder an alte Zeiten anknüpft.“ Wie damals in den 1990ern, als Philipp Michl gerade das Eishockeyspielen gelernt hat.

Wolfgang Krzizok

Brillanter Schlittschuhläufer, Techniker – und Fighter: Philipp Michl führt seit seiner Kindheit nicht nur einen Kampf gegen seine Gegner auf dem Eis, sondern auch gegen eine heimtückische Krankheit – und hat es bislang nie öffentlich gemacht. Der 31-Jährige leidet an Mukoviszidose. Archivfoto.

Ein Sportlerleben mit Mukoviszidose: „Bereue es, dass ich es immer verschwiegen habe“

Als 1993 bei Philipp Michl und seinem Bruder Patrick Mukoviszidose diagnostiziert wird, eine schwere Stoffwechselerkrankung, die vor allem die Lungenfunktion beeinträchtigt, verändert dies das Leben der Buben total. „Ab dem Zeitpunkt musste ich jeden Tag bis zu 25 Tabletten nehmen, darunter viele Antibiotika, und auch inhalieren“, erzählt Philipp Michl. Die durchschnittliche Lebenserwartung habe damals bei zehn bis 15 Jahren gelegen. „Die Ärzte haben immer gesagt: ,Sport machen und durchhalten’“, erinnert er sich.

Als Kind habe er es noch nicht so gemerkt, „da waren die Symptome nicht so stark“, aber im DNL-Alter habe er speziell beim Laufen nicht mithalten können. „Ich habe es meinen Mitspielern verschwiegen, weil ich nicht aus Mitleid bevorzugt werden wollte“, sagt Michl. „Ich wollte mich erst oben festbeißen und dann erzählen. Und ich bin mir sicher: Vom Talent her hätte ich es geschafft.“ Aber Muskelaufbau und entsprechende Gewichtszunahme, das sei bei dieser Krankheit nicht möglich.

„Bis jetzt haben es keine zehn Leute in meinem Umfeld gewusst, dass ich diese Krankheit habe“, erzählt der 31-Jährige. „Im Nachhinein bereue ich es, dass ich es vor meinen Mitspielern immer verschwiegen habe.“ Selbst als er in den Nachwuchs-Nationalmannschaften im Einsatz gewesen war, hätte es nie jemand herausgefunden.

Erfreulich sei, dass die Behandlung nun große Fortschritte gemacht hat. „Nach 27 Jahren nehme ich jetzt ein neues Medikament, das erst seit 1. September auf dem Markt ist, jetzt muss ich nicht mehr husten, muss nur noch so zehn bis zwölf Tabletten pro Tag nehmen und nur noch vierteljährlich zum Arzt“, erzählt er strahlend. Er ist sich sicher, dass es ihm ohne den regelmäßigen Sport nicht so gut gehen würde, und er empfiehlt: „Jeder, der sowas hat, soll sich was zutrauen und Sport machen, denn Sport und die erzielten Erfolge steigern die Motivation.“ Er hat festgestellt: „Sport hat meine Lebensqualität immens gesteigert, und ich weiß, dass, egal ob krank oder nicht krank, Sport sehr viel bewirken kann.“ Das Lernen durch Sport – Teamgeist, Pünktlichkeit etc. – „ist die beste Schule für das Leben“.

Wenn er auf seine Karrieredaten blickt, auf die vielen Vereine, für die er gespielt hat und auf seine Scorerbilanz unter anderem von 314 Punkten bei 356 Drittliga- und 109 Punkten bei 74 Bayernligaspielen, „dann bin ich darauf genauso stolz wie mein Spezl Felix Schütz auf seine Olympische Silbermedaille“. wk

Weitere Porträts aus unserer Serie Erdings Top 100 finden Sie auf unserer Übersichtsseite.

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