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Der Kapitän geht von Bord: Sebastian Kastner, bester Spieler der abgelaufenen Saison, hört auf.

Schritt notwendig, um finanziell zu überleben

Eishockey: TSV Farchant steigt freiwillig aus der Landesliga ab

  • Andreas Mayr
    vonAndreas Mayr
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Der TSV Farchant macht das Wettrüsten in der Eishockey-Landesliga nicht mehr mit und geht freiwillig zurück in die Bezirksliga. Die neue Klasse verspricht attraktivere Gegner, mehr Zuschauer. Den Trainer hat der Verein auch gefunden – bei einem der künftigen Rivalen.

Farchant – Wir nennen einmal keine Zahlen, weil die das ganze System Eishockey – unten im ambitionierten Hobbybereich – nur noch verrückter aussehen lassen würden. Verraten sei: Es fließen verrückte Summen. In der Landesliga, fünfte von oben, zweite von unten, ist in den vorigen Jahren ein Rüstungsstreit ausgebrochen, den man am ehesten noch mit dem großen Goldrausch vergleichen kann. Einigermaßen billige Importspieler versprechen schnelle Erfolge, also Aufstiege. Der TSV Farchant – ein Landesligist – hat zuletzt kurz überlegt, ob er sich nach Jahren des Widerstands doch beteiligen soll. Dann tischte Andreas Maier, der Teammanager, Summen auf. Mehr als das doppelte Budget bräuchte der Klub für vier fähige Zugänge. „Wer soll das bezahlen, vor allem in der jetzigen Zeit?“, fragt Maier. Der Etat sei ausgereizt, sagt Johannes Pimiskern, der Abteilungsleiter. „So geht es nicht weiter“, betont Maier.

TSV Farchant zieht sich in die Bezirksliga zurück

Deshalb rüstet und steigt der TSV Farchant ab. Richtig gehört. Der TSV Farchant – die Schablone für Dorfvereine ohne (Semi-)Profis – zieht sich in die Bezirksliga zurück. Freiwillig. Dort kostet eine Saison weniger als die Hälfte. Teure Eiszeiten und aufwendige Auswärtsfahrten fallen weg. In der abgelaufenen Saison spielte Farchant 36 Mal, Nachbar Mittenwald in der Bezirksliga 16 Mal.

Die Bitte um Rückstufung hat Pimiskern an den Verband (BEV) gesendet. Eine Antwort steht aus. Der Spartenchef sagt: „Das ist der einzige Weg. Wir haben das Ziel, dass Eishockey in Farchant länger überlebt.“ Ob die Entscheidung ohne Corona anders ausgefallen wäre? Vielleicht, sicher ist es nicht. Mit der Pandemie jedenfalls blieb kaum eine Variante B. Zu unsicher die Zukunft, Ein- und Ausgaben kaum zu kalkulieren. Die Verantwortlichen fragten auch die Spieler. Die sagten alle, was Sportler denken und fühlen: „Wir wollen in der höchsten Liga spielen.“ Aber noch mehr möchten sie ihre Identität behalten. Ein Klub mit auswärtigen Profis wäre nicht mehr im Sinn des TSV, der 2015 dem Zusammenschluss heimatloser Hobbyspieler entsprungen ist. „Das ist ein Projekt für jedermann“, stellt Pimiskern klar, selbst Mitglied und Gründer des wiederbelebten Teams.

Vier Stützen des Teams verlassen TSV Farchant

Farchant hat sein natürliches Limit erreicht. Obwohl Trainer Markus Jocher sie dreimal pro Woche, manchmal viermal, hart angepackt hatte, schafften sie es einfach nicht in die Meisterrunde. Dort trafen sich die Klubs mit den Bezahl-Hacklern. „Wenn du vorne mitspielen willst, musst du bezahlte Spieler haben. Andernfalls ist das Ende der Fahnenstange erreicht“, sagt Maier.

Zur Geschichte des Rückzugs gehört auch der Verlust von vier Stützen. Maximilian Reindl und Florian Imminger – er geht nach Peißenberg – nahmen Angebote von höherklassigen Teams an. Sebastian Kastner, der Kapitän und beste Spieler der abgelaufenen Saison, hört auf. Mit 36 darf man das, findet Maier. Noch eine Personalie bedauert er sehr: William Picotin-Mazet geht. Gleich ganz weg. Denn seine Eltern verlassen berufsbedingt Deutschland, es zieht sie wieder in die Heimat Montreal, der Sohn geht mit. Wäre er kein Kanadier, hätte er den Sprung in die Oberliga geschafft, davon ist Maier überzeugt. „Ein großer Verlust, sportlich wie menschlich.“ Maiers Resümee für alle vier Abgänge.

Christian Mayr neuer Trainer - Jocher coacht künftig U17 des SCR 

Christian Mayr ist neuer Trainer des TSV Farchant in der Bezirksliga.

Der Rest stellt sich der neuen Liga. Selbst Lorenz Mittermaier, der ehemalige SCR-Verteidiger, bleibt. Mit ihm hatten auch andere Klubs verhandelt. Coach Jocher betreut künftig die U17 des SC Riessersee. „Der will seinen Weg gehen“, sagt Maier. Der Ex-Profi hat Farchant trainiert, als wäre er noch Profi. „Markus war fast zu sehr Profi für diese Liga“, bestätigt Pimiskern. Das ist als Lob zu verstehen. Jocher lehrte den Farchantern eine Taktik, die sich für jeden Gegner eignet. Die „Tote Schlange“ war mehr: ein Lehrsatz des Jocher-Hockeys.

Das Gute ist: Sein Nachfolger denkt ähnlich. Christian Mayr setzt auf Disziplin, schätzt die Defensive, obwohl er in seinen besten Jahren am liebsten stürmte und für den SC Riessersee einmal 24 Tore in einer Oberligasaison schoss. Teammanager Maier hatte Gerüchte aus Österreich vernommen. Ein Verein interessierte sich für den Trainer des EV Mittenwald. Maier fragte nach. Sie einigten sich. Damit ist das neue Führungsduo Pimiskern-Mayr perfekt. Sie treffen die Entscheidungen in Absprache mit dem Vorstand, Maier sagt seine Meinung, wenn er gefragt wird. Vom Manager zum Berater. Gerechnet hat er nicht mit diesem Fang. „Ein absoluter Klassiker“, sagt er. „Ein Farchanter für eine Farchanter Mannschaft.“

Trainer Christian „Butzi“ Mayr spielt im Derby gegen Ex-Club

Exzellente Voraussetzungen für ein zuschauerreiches Derby mit Mittenwald, nun der Ex-Klub vom „Butzi“. Keiner erwartet noch einmal 2000 Zuschauer wie im Januar 2016, aber doch „deutlich mehr“ als zuletzt in der Landesliga. Das ist eine der Schattenseiten der fünften Liga. Viele unbekannte Gegner sorgen für zu viele Heimspiele, 18 in der vorigen Saison. Der Fan war übersättigt. Ab Oktober tritt der TSV gegen Mittenwald und Bad Bayersoien an. „Das hat sportlich seinen Reiz“, findet Pimiskern, der sich entsprechende Derby-Aktionen vorstellen kann. Maier schlägt eine neue Spielzeit vor. Zurück zum Samstagabend, 19 Uhr. Wie damals, im glorreichen Bezirksligajahr, das alles andere erst möglich gemacht hat.

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