Mehrere Spieler der DEB-Auswahl, unter anderem Maximilian Kastner, bejubeln den Einzug ins Halbfinale.
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Jaaaa! Halbfinale! Die Freude kennt bei Maximilian Kastner (rechts) und Co. nach dem Drama gegen die Schweiz keine Grenzen.

Maximilian Kastner verrät die Rituale der DEB-Auswahl bei der WM

„Wir sind Weltmeister-Besieger“

  • VonPatrick Hilmes
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Was hat die Deutsche Eishockey-Nationalmannschaft doch wieder bei der Weltmeisterschaft in Lettland begeistert. Einer der WM-Helden ist Maximilian Kastner. Der Garmisch-Partenkirchner spricht im Tagblatt-Interview mit Sportredakteur Patrick Hilmes über diese unvergessliche Reise voller Höhepunkte aber auch bitteren Niederlagen.

Herr Kastner, was haben Sie als erstes getan, nachdem Sie wieder in Deutschland angekommen sind?

Wir mussten bereits gegen 4 Uhr aus dem Hotel raus. Dann ging’s ab zum Flughafen, sind in Frankfurt gelandet und dann ging es weiter nach München. Daheim hab’ ich erst mal geduscht, Tasche ausgepackt, und dann ging es weiter nach Garmisch-Partenkirchen.

Danach sind Sie wahrscheinlich tot ins Bett gefallen, oder?

Ich bin zwar um 17 Uhr nochmals eingeschlafen, aber dann bin ich noch mit meinen Kumpels was Essen gegangen. Ich hab’ ja alles verpasst. Zunächst die Außengastronomie und jetzt darf man auch wieder innen essen. Das musste ich direkt mit den Jungs ausnutzen. Wir haben es uns gut gehen lassen. Das war mal wieder Zeit.

Sind sie schon beim Stolz angelangt oder herrscht noch Enttäuschung?

Mittlerweile bin ich stolz. Die Enttäuschung war schnell weg, dadurch dass wir so ein geiles Team waren. Das hat man auch in dem Video von Dominik Kahun gesehen, dass viral gegangen ist. Wie wir im Bus lautstark Wonderwall gesungen haben. Aber natürlich ist nach den Spielen in der Kabine kein Auge trocken geblieben.

Nach welchem Spiel - Finnland oder USA?

Nach beiden. Das Spiel gegen Finnland war das enttäuschendere, da wir die bessere Mannschaft waren und unverdient verloren haben. Das muss man erst mal schaffen, solch eine Nation an die Wand zu spielen. Wir haben auch vom Co-Trainer der Finnen gehört, dass sie nicht dachten, dass sie weiterkommen.

Wie war die Stimmung danach in der Kabine?

Die Enttäuschung war natürlich riesig. Vor allem bei Toni (Bundestrainer Toni Söderholm, Anm. d. Red.). Das ist sein Heimatland, und er war Trainer des besseren Teams, nur die falsche Mannschaft ist weitergekommen. In der Kabine danach hat er nicht mal einen Satz zu Ende bringen können. Im Spiel gegen die USA waren wir zu verbissen aufgrund der Medaillenchance. Die Amerikaner waren einfach abgeklärter.

Wie lautet dennoch Ihr WM-Fazit?

Ich denke, wir haben sehr, sehr viel bewirkt. Uns haben auch viele positive Nachrichten erreicht. Darauf sollten wir jetzt aufbauen. Nicht den Kopf in den Sand stecken und der Medaille hinterher weinen. Wir sollten nach vorne schauen und Olympia in Angriff nehmen. Wir haben wieder gezeigt, dass wir es mit den Top-Nationen aufnehmen können. Und wir sind Weltmeister-Besieger (lacht).

Die Kanadier haben sich wieder den Titel geholt. Hatten Sie damit gerechnet, nachdem Kanada so knapp die Vorrunde überstanden hatte?

Das ist schon unglaublich, wenn man bedenkt, dass Kanada raus gewesen wäre, wenn wir gegen Lettland unentschieden gespielt hätten. Aber danach war es klar, dass die den Titel holen. Das passte einfach zur Story.

Wie war es, über einen solchen Zeitraum in der Corona-Blase zu leben?

Sehr zäh. Wir durften fast nie das Hotel verlassen. Nur einmal sind wir zum Essen gefahren, das war irgendwo im Wald – komplett abgeschottet. Da gab’s einen Burger, und wir durften mal zwei Stunden raus. Ansonsten hatte jeder sein Einzelzimmer, zudem waren wir in den ersten drei Tagen in Einzelisolation. Anschließend konnten wir zumindest zusammen essen, Karten spielen, Tischtennis spielen, ein bisschen auf den Zimmern zusammenhocken. Aber normalerweise geht man ja in die Stadt und schaut sich ein bisschen um. Wir hatten auch einen super Ausblick auf Riga – 20. Stock. Man konnte alles sehen, wohin man nicht durfte.

War zumindest ein bisschen WM-Atmosphäre zu spüren?

Nicht wirklich. Man war total abgeschottet, auch zu den anderen Mannschaften. Es gab nur wenige Momente, in denen man gemerkt hat, dass es eine Weltmeisterschaft ist. Einer war, als im ersten Vorrundenspiel Lettland Kanada geschlagen hatte. Lettland war auch bei uns im Hotel untergebracht. Und ich dachte, die lettischen Fans rasen in unser Hotel, so euphorisch waren die. Die haben auch unglaublich gejubelt, als wir Kanada geschlagen haben. Ein anderer Moment war, als wir gegen Lettland vor Zuschauern gespielt haben. Ich hab’ Gänsehaut nach dem Einlaufen bekommen. Das waren ja nicht viele, aber es war laut und ungewohnt. Man gewöhnt sich leider sehr schnell daran, dass keine Zuschauer da sind, dass es leise ist, dass du jeden Mitspieler hörst. Und dann auf einmal, als es richtig um was ging, waren wieder Fans da. War ein tolles Gefühl. Es hätte auch genau das Spiel der Letten dadurch sein können. Aber das haben wir nicht zugelassen.

Die Mannschaft hatte ja verschiedene Drucksituationen zu überstehen. Die erste gegen Lettland. Hättet ihr verloren, wäre die WM eine Enttäuschung gewesen...

Das ganze Turnier war Wahnsinn. Ups and Downs. Nachdem wir die ersten drei Spiele gewonnen hatten, dachte man schon so: Wow, das wird unsere WM. Dann verliert man aber gegen Kasachstan und Finnland. Da hat man schon Druck gespürt. Aber wir wussten, wenn wir unser Spiel spielen, dann gewinnen wir das. Das war auch vom Coach und unter den Spielern so kommuniziert. Jeder hat von dem anderen den Druck genommen. Dadurch konnten wir es einfach genießen.

Dann ging es weiter mit dem Drama gegen die Schweiz...

Das war brutal, eines der härtesten Spiele der WM. Die Schweizer haben im Voraus etwas gestichelt. In den Medien wurde kommuniziert, dass es keinen einfacheren Gegner im Viertelfinale gibt als uns. Es kam so rüber, als wären wir eine leichte Hürde. Aber im Spiel waren wir die bessere Mannschaft, haben doppelt so viele Schüsse abgefeuert. Es war nur eine Frage der Zeit, bis wir ein Tor schießen. Man hat gemerkt, dass denen der Stift geht. Nach dem 2:2 waren die nur noch leise, und bei uns war die Stimmung so geil. In der Overtime wollte dann keiner den falschen Schritt machen, keiner der Depp sein. Das Penaltyschießen war dann der Wahnsinn. Schlimmer ging’s nicht.

Hat Marcel Noebels vorher erzählt, was er vorhat?

Nein. Im Spiel davor muss er raus und dann macht er so einen Move – brutal. Hätte er ausgleichen müssen, hätte er den bestimmt nicht so gemacht. Ich hab’ nur gedacht: Willst du mich verarschen? Die Bank ist komplett durchgedreht. Es gibt ein cooles Video, in dem zu sehen ist, wie unser Physiotherapeut mit der Tür gegen die Bank scheppert und Tobias Rieder gar nicht weiß, wo er hinlaufen soll. Einfach nur geil.

Wie laut wart ihr anschließend in der Kabine?

Das waren keine geschlossenen Kabinen, sondern eine abgetrennte Turnhalle. Daher war oben alles offen. Ich glaube, man hat uns gut gehört, denn wir sind komplett ausgerastet (schmunzelt).

War das der geilste Moment des Turniers?

Ja, definitiv. Auch wie wir an der blauen Linie standen und jeder die Nationalhymne gebrüllt hat. Das waren zwar ziemlich schiefe Töne, aber das war wurscht (lacht).

Wurde danach zumindest ein bisschen gefeiert?

Ja, ein bisschen schon. Aber wir wussten natürlich, dass es nur ein kleiner Schritt war, wir hatten ja noch viel mehr vor. Daher sind wir diszipliniert geblieben.

Und dann ging es weiter im Halbfinale gegen Finnland mit dieser historischen Chance...

Wir waren aufgeregt, aber schon im ersten Spiel gegen Finnland haben wir gesehen, dass wir eine Chance haben. Wir sind richtig gut eingestellt worden, auch in den Special Teams. Die ersten zehn Minuten waren ja taktisch geprägt. Jeder schaute, ob der andere wirklich so spielt, wie man es sich gedacht hat. Da hat man auch gemerkt, dass beide Coaches Taktikfüchse sind. Das war vielleicht nicht so geil zum Anschauen, aber man wollte auch nicht den ersten Fehler machen. Die Finnen können sehr gut mauern. Dann machen die aus ihren ersten beiden Chancen zwei Tore. Die Qualität haben sie halt, das wussten wir auch zu akzeptieren. Doch wir wussten auch, dass wir weiter eine Chance haben. Wir ließen uns nicht aus dem Rhythmus bringen. Auch die Coaches haben eine positive Stimmung rübergebracht. Wir haben einfach gewusst, dass wir besser sind. Es gab nicht eine Situation, in der ich dachte, dass die Finnen überlegen sind. Wir haben einfach nur ein Tor zu wenig gemacht. Eigentlich waren wir näher an Silber und Gold als an Bronze.

Was schmerzt mehr, die Niederlage gegen Finnland oder die gegen die USA?

Gegen Finnland. Die gegen die USA schmerzt nicht mal annähernd so sehr, weil wir einfach näher dran waren, um wieder Geschichte zu schreiben.

Wie viele Nachrichten hatten Sie auf Ihrem Handy?

Unglaublich viele. Sehr viele positive, auch nach dem Halbfinale. Das tat gut.

Wie hat es das Team wieder geschafft, den Mannschaftsspirit aufs Eis zu bekommen?

Schon in der Vorbereitung haben sich keine Gruppen gebildet. Toni hat den Kader so zusammengestellt, dass es auch vom Charakter passt. Es gibt immer Spieler, die nicht zum Einsatz kommen. Wenn die dann negative Stimmung reinbringen, kann das die ganze Mannschaft runterziehen. Die Jungs, die nicht spielten, haben nie ein langes Gesicht gemacht. Wir wussten, dass wir das Talent haben und eine Einheit sein können, die jeden schlagen kann. Wir haben uns auch gesagt: Sollten wir schlecht spielen, bleibt die Stimmung gut. Wenn einer einen Check fährt, den Angriff des Gegners unterbricht, dann feiern wir das auf der Bank. Diese Stimmung haben wir mit aufs Eis genommen und von Tag eins so gespielt. Der Gegner muss dann dich, das Team und die Moral auf der Bank erst mal brechen. Wir haben verkörpert, dass man nicht nur das Talent braucht, sondern auch den Willen, dass sich jeder für den anderen aufopfert. Das hat man besonders im Spiel gegen Kanada gesehen. Da hat sich jeder in die Schüsse geworfen, keiner war sich dafür zu schade.

Dazu gehörten auch Sie. Wie viele blaue Flecke haben Sie noch?

Einer ist immer noch an der Hüfte da. Aber ich wusste ja, dass das Unterzahlspiel meins sein wird. Wenn man die Rolle nicht akzeptiert, hat man in dem Team auch nichts verloren.

Nimmt seine Rolle vollends an: Kastner (l.) ist vor allem gefragt, wenn sich Deutschland in Unterzahl befindet.

Wie war es, als Sie die Nachricht bekommen haben, dass Sie bei Ihrer ersten WM dabei sind?

Das war die Erfüllung meines Kindheitstraums. Auch meine Eltern waren unglaublich stolz. Ein schönes Gefühl, wenn die Familie so hinter einem steht. Ab dem Zeitpunkt hab’ ich nur gedacht: Jetzt kann es nur noch geil werden. Dieses Gefühl, mit dem Klamotten der Nationalmannschaft im Flieger zu sitzen und dann vor dem ersten Spiel das Trikot überzustreifen – unbeschreiblich. Eine Zeit, die man nie mehr vergisst. Im Endeffekt ist es nur schade, wenn man sieht, dass die Amerikaner ihre Medaille gar nicht so richtig gefeiert haben. Wir wären komplett ausgerastet.

Hat man mitbekommen, dass Deutschland im Eishockey-Fieber war?

Ich hab’ das gar nicht so glauben können, da man es ja nie so wirklich mitbekommen hat. Aber durch die ganzen Nachrichten hat man es dann doch langsam immer mehr gemerkt. Ich denke, dass wir da wieder eine Schritt nach vorne gemacht haben. Das Wichtigste ist, dass wir hoffentlich dadurch den Nachwuchs animieren konnten. Wenn nicht, war das irgendwie alles für die Katz.

Gab es ein bestimmtes Ritual der Mannschaft vor den Spielen?

Holzi (Korbinian Holzer, Anm. d. Red.) hat immer die Starting Six vorgelesen, beziehungsweise vorgeschrien (lacht). In den ersten Spielen haben wir dabei im Rhythmus von „We will rock you“ Stimmung gemacht. Zu jedem Spieler hat er dann noch zwei, drei Sätze gesagt, jeden zum Lachen gebracht. Nach dem dritten Spiel hat er dann gar keine Stimme mehr gehabt. Nach den zwei verlorenen Partien in der Vorrunde haben wir das Ritual ein bisschen geändert. Da standen wir alle im Kreis und haben laut A-U! geschrien, sodass es auch die anderen Mannschaften gehört haben. Zudem wollte Toni, dass immer einer ein Video zusammenschneidet, dass dann in den Meetings vor jedem Spiel gezeigt wurde. Es war egal, ob es motivierend oder lustig war. Dominik Bittner beispielsweise hat sich eine Szene aus dem Film „The Wolf of Wall Street“ rausgesucht. Andere haben sich Highlights ausgesucht. Das diente dazu, um locker zu werden, nicht zu versteift in die Spiele zu gehen. Das hat Toni sehr gut hingekriegt.

Wie beurteilen Sie Ihre eigene WM-Leistung?

Ich glaube, dass ich meinen Job gut erledigt habe. Es hätten mehr Punkte sein können, aber ich war für andere Dinge zuständig. Ich denke, ich habe eine gute WM gespielt. Eigentlich war das letzte Spiel gefühlt das beste von mir, auch wenn das Ergebnis überhaupt nicht passte.

Sie konnten sich also auch im Nachhinein mit Ihrer Rolle abfinden?

Absolut. Ich wusste, es sind so viele gute Offensivspieler da. Daher hab’ ich geschaut, dass ich hinten alles wegräume.

Gab es den einen Spieler, der alle zusammengehalten hat?

Nein, es war immer alles gemeinsam. Natürlich gehen Mo (Kapitän Moritz Müller, Anm. d. Red.) und Holzi als Alpha-Tiere voran, aber jeder hat seinen Teil dazu beigetragen, seinen Charakter in die Mannschaft gebracht, sein Ego in den Hintergrund gestellt.

Gab es schon ein abschließendes Gespräch mit Toni Söderholm?

Das kommt noch. Toni braucht ein paar Tage, um das zu verdauen. Ihn hat das schon sehr mitgenommen. Das Einzige, das er nach den Spielen sagen konnte, war, wie stolz er auf uns ist.

Wie geht es für Sie nun weiter?

Erst mal runterfahren. Wir haben in der Familie einen neuen Hund, mit dem ich ein bisschen Zeit verbringen werde. Dann gehts zum Golfen an den Gardasee mit den üblichen Verdächtigen ins selbe Hotel wie immer. Die freuen sich bestimmt schon, dass wir kommen. Seid ihr gute Gäste? Immer (lacht).

Danach bereiten Sie sich in Garmisch-Partenkirchen mit Ihren Kumpels auf die nächste Saison mit dem EHC Red Bull München vor?

Ich habe die Jungs schon eingespannt, unser Haus zu renovieren – als Training natürlich (lacht). Zur Entschädigung gibts immer Essen. Zudem werde ich heuer vermehrt in Garmisch-Partenkirchen trainieren – im Fitnessstudio, auf die Berge gehen, Radfahren. Danach geht es wieder los mit dem Training in München. Es war sehr ungewohnt für mich, solange zu spielen. Jetzt war’s auch gut. Aber das war’s definitiv wert.

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