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„Nächste Saison drei Klubs hinter uns lassen“: Stefan Reuter pflegt den Augsburger Realismus.

Stefan Reuter im Interview

„Wir können noch aufstocken“

Augsburg - Es geht noch was: Augsburgs Manager Stefan Reuter spricht im Interview über Stadionausbau, Wertschätzung für torarme Stürmer und Bayerns Klasse.

Von den deutschen Weltmeistern 1990 haben sich wenige einen Platz im Fußballgeschäft erkämpfen können. Er gehört zu den Gewinnern: Stefan Reuter. Der heute 47-Jährige managt seit eineinviertel Jahren den FC Augsburg, der eine der Überraschungen dieser Bundesligasaison ist. Am Samstag (15.30 Uhr) spielt der FCA gegen den FC Bayern, für den Reuter als junger Verteidiger kickte.

-Wenn Sie an Ihre Zeit als Spieler beim FC Bayern, von 1988 bis 91, denken: Hat die damalige Generation sich überhaupt getraut, den Gedanken zu fassen, man könnte mal 50 Spiele ungeschlagen bleiben oder eine halbe, vielleicht ganze Saison immer nur gewinnen?

Es war zu meiner Zeit klar, dass das Ziel immer nur Meisterschaft heißen kann, und in meinen drei Jahren waren wir dreimal im Halbfinale des Europapokals. Doch damals war die Konkurrenzsituation in der Liga noch eine andere, und unser Kader war nicht so groß, obwohl wir auch viele Spiele hatten. Jetzt hat das eine ganz andere neue Dimension angenommen, der Vorsprung, der immer schon da war, ist gewachsen. Die Bayern haben einen Kader, mit dem sie die englischen Wochen wegstecken, sie haben einen eigenen Spielstil und sie haben es geschafft, dass Spieler sich auch noch wertgeschätzt fühlen, wenn sie draußen sitzen. Es ist das Ergebnis einer Entwicklung über 40 Jahre.

-Obwohl es so leicht wirkt, was die Bayern veranstalten, versichern sie, dass  harte Arbeit dahintersteckt. Ist dem so?

Immer wenn etwas leicht aussieht, ist es das Ergebnis intensiver Arbeit. Nehmen Sie Franz Beckenbauer, über den man sagte, ihm falle alles zu – ich habe ihn als Trainer in der Nationalmannschaft erlebt: Da sieht man, wie viel Professionalität und Disziplin dazugehört, es leicht aussehen zu lassen. Und es ist beeindruckend, wie schnell ein Pep Guardiola seine Spielidee beim FC Bayern reingebracht hat. Hut ab! Überhaupt Respekt, wie alle nach dem verlorenen Champions-League-Finale von 2012 sich aufgerafft und zur Mia-san-mia-Mentalität zurückgefunden haben. Von Journalisten werden wir oft gefragt, ob wir nicht offensiver mit Zielen umgehen müsste, die Bayern würden es doch auch machen. Aber sie machen es, weil sie die Qualität haben. Ziele müssen realistisch sein.

-Da sind wir bei Ihrem FC Augsburg, der eine starke Saison spielt. Wie haben Sie eigentlich André Hahn entdeckt, den Shooting-Star, den sie vor 15 Monaten vom Drittligisten Offenbach geholt haben?

Wenn man 30 Jahre in der Bundesliga unterwegs ist, hat man ein großes Netzwerk, und wir haben Scouts und Trainer, die das Geschäft kennen. André war auffällig, besonders im DFB-Pokal, da hatte er einige Szenen. Als ich an Weihnachten 2012 hierherkam, habe ich mit unserem Trainer Markus Weinzierl den Kader analysiert: Wir brauchten einen Spieler, der schnell und körperlich präsent ist, der in die Tiefe geht. Als perspektivisch interessanten Spieler hatten einige bei uns André Hahn auf dem Schirm. Aber es war schwierig, ihn zu bekommen, weil ihm viele Anfragen vorlagen – aber alle für den Sommer. Doch wir konnten ihm die Erste Liga sofort bieten, noch im Winter. Und er hat viele Sonderschichten eingelegt, seine Entwicklung ist kein Zufall. Hahns Beispiel zeigt, dass man seinen Traum auch über Umwege verwirklichen kann. Im Nachwuchsleistungszentrum des Hamburger SV war er nicht übernommen worden. Jetzt geht er nach Mönchengladbach, schade für uns. Wir müssen ihn ersetzen und dabei versuchen, an sportlicher Qualität noch zuzulegen.

-Der FCA ist längst gesichert. Merken Sie in Gesprächen mit Spielern, dass Sie eine andere Ausgangsposition als noch vor einem Jahr, wo man bis zum letzten Spieltag um den Klassenerhalt kämpfen musste?

Natürlich. Wir bekommen täglich mehrere Bewerbungen von Spielern. Wir erfahren auch eine ganz andere Wahrnehmung. Letztes Jahr in der Winterpause mit neun Punkten konnten wir schlecht sagen: ,Sieht gut aus, dass wir kommende Saison Erste Liga spielen.’ Die Rückrunde, die folgte, war ein Traum. Der Klassenerhalt war wie ein Titel. Wir haben unsere Leistung in dieser Saison bestätigt, in der nächsten wird es darum gehen, wieder drei Mannschaften zu finden, die hinter uns stehen. Wir brauchen noch ein paar Jahre, um stabil in der Liga zu sein.

-Aber der Anspruch beim Publikum steigt. Das Thema derzeit ist ja die Qualifikation zur Europa League.

Die Leute hier sind trotzdem realistisch. Walther Seinsch, unser Präsident, sagte zu mir: ,Herr Reuter, wir dürfen auch mal absteigen, doch müssen so aufgestellt sein, dass wir auch wieder hochgehen können.’ Es gibt gute Beispiele: Freiburg, Mainz, Nürnberg – sie haben Abstiege verkraftet und sind nicht auseinander gefallen. Wir sind 17. in der Fernsehgeldtabelle und haben den zweitkleinsten Spieleretat der Liga – da ist es ein Erfolg, drei Vereine hinter sich zu lassen.

-Ist das Augsburger Publikum zu selektiv? Bei aller spürbaren Begeisterung und einer Stadionauslastung über 90 Prozent: Ausverkauft sind nur die besonderen Spiele wie am Samstag gegen die Bayern, wie gegen Dortmund, das Derby gegen Nürnberg…

Der Heimbereich ist nahezu komplett ausverkauft. Klar, wenn wir Mittwochabend gegen Leverkusen spielen, ist der Auswärts-Fanblock nicht voll. Wir sind mit der Auslastung ganz zufrieden, doch es ist auch so: Der FCA hat 25 Jahre im Profifußball nicht stattgefunden, uns fehlen zwei Generationen von Fans. So weit wie der FC Bayern, der immer ausverkauft hat und den Dauerkartenabsatz beschränken muss, sind wir noch nicht. Doch unser Stadion ist ein Glücksfall: Näher dran geht nicht, steiler geht nicht, und durch die Logen und den Businessbereich hat man gute Vermarktungsmöglichkeiten. Walther Seinsch, unser Präsident und Visionär, hat vom neuen Stadion gesprochen, als die Lizenz in der Regionalliga noch nicht gesichert war und die Mannschaft vor ein paarhundert Zuschauern in der Rosenau gespielt hat. Wie sehr hat er Recht bekommen!

-Könnte man aufstocken?

Ja. Es wurde vorausschauend geplant. Fundament und Statik sind so ausgelegt, dass man eine Kapazität von 50 000 bis 54 000 Plätzen schaffen könnte. Die Dachkonstruktion wäre leicht herunterzunehmen, man würde einen Rang draufsetzen. Doch in den nächsten Jahren wird man sich mit diesem Thema noch nicht beschäftigen.

-Wie wird die Mannschaft 2014/15 aussehen?

Im Kern werden wir zusammenbleiben und punktuell Veränderung vornehmen.

-Und wenn der FCA in die Europa League kommt?

Dann müsste man sich intensivst Gedanken machen, ob man den Kader einen Tick breiter aufstellt. Aber man hat keine Garantie, lange international dabei zu sein. Vor allem müsste man trainingstechnische Überlegungen anstellen: Wie gewöhnt man sich an die Mehrbelastung? Aber das ist weit weg, für uns wäre es gigantisch, in dieser Saison unter den ersten Zehn zu landen.

-Der FCA hat ein sensationell torgefährliches Mittelfeld – Altintop, Werner und Hahn haben zusammen 27 Tore erzielt – doch vorne keinen Knipser. Wünschen Sie sich einen – oder ist es egal, wer die Dinger macht?

Im Grunde egal. Es ist eben auch unsere Spielweise, dass wir vorne einen haben, der die Räume für die Außen schafft, sich dabei aufreibt und selbst nicht so oft zum Abschluss kommt. Doch auch Raul Bobadilla hatte Phasen, in denen er extrem gefährlich war, Sascha Mölders hat vorige Saison zehn Tore erzielt, Arkadiusz Milik ist noch sehr jung, hat aber Abschlussqualität. Wenn einer sehr viel für die Mannschaft arbeitet, weite Wege geht, den Gegner gut anläuft, ist das auch wertvoll. Wir messen nicht nur an Toren.

-Stehen Sie noch mit auf dem Trainingsplatz?

Regelmäßig. Der Trainer und ich, wir besprechen täglich, was an der Mannschaft zu verbessern ist, dafür brauche ich das Gefühl, nahe dran zu sein.

-Der FC Bayern zwischen zwei Champions-League-Spielen – ein guter Zeitpunkt, um gegen ihn zu spielen?

Glaube ich schon. Die Bayern haben in Manchester enormen Aufwand betrieben.

-Der FCA war der kleine Liebling der Münchner Fans. Ist er es noch nach dem Foul von Torhüter Marvin Hitz an Arjen Robben beim Pokalspiel?

Es war eine unglückliche Aktion, Marvin ist zu spät gekommen, er hat sich sofort entschuldigt. Ich habe schon mitbekommen, dass wir in München Sympathien genießen, und kann mir nicht vorstellen, dass sich das durch ein unglückliches Foul verändert. Wir haben eine faire Mannschaft.

Das Interview führte Günter Klein.

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