Bayern-Jungprofi Contento: "Ich bin ein böser Junge"

München - Diego Contento, 20, hat sich so gut entwickelt, dass der FC Bayern auf den Kauf eines neuen Außenverteidigers verzichtet. „Ich muss aber weiterhin jeden Tag voll da sein", weiß das Eigengewächs. Ein Gespräch über Wurzeln, Träume und Ziele.

-Diego Contento, die WM ist eine Weile her, aber eine Frage stellt sich. Mit wem wurde - Hand aufs Herz - mitgefiebert: Italien oder Deutschland?

Für mich war Italien Favorit, aber bei mir war es insgesamt so, dass einfach der Bessere gewinnen sollte. Mein Herz hat für Deutschland und Italien geschlagen - wenn ich ehrlich bin, eigentlich noch ein bisschen mehr für Italien. Ich war schon traurig, als da nach der Vorrunde Schluss war - als Weltmeister, das ist bitter. Aber was soll man machen? Es hilft ja nichts.

Argentinien kam bei uns trotz Maradona klar hinter Italien. Aber es stimmt: Meine Eltern stammen aus Neapel, sie haben ihn damals dort als Spieler erlebt. Maradonas Name war immer ein großes Thema in unserer Familie - da muss man ja nur meinen Namen anschauen: Diego Armando Contento, das kommt dann dabei raus (lacht). Meine Eltern sind stolz, dass ich auch Fußballprofi geworden bin.

-Und wie steht es um Ihre eigene Gemütslage? Mit 20 Profi beim FC Bayern zu sein - ist das jetzt Ihr Leben oder Ihr Traum?

Es ist beides. Es ist mein Leben - aber auch ein Traum.

-Sie kamen bereits als Vierjähriger zum FC Bayern. Ein zartes Alter . . .

Stimmt. Bei mir lief alles ein bisschen anders. Meine zwei älteren Brüder haben bei Bayern gespielt, und mit denen habe ich, als ich ganz klein war, einfach mal auf so einer Wiese am Trainingsgelände gekickt. Da hat mich ein Trainer beobachtet und gesagt, ich soll mal zum Training kommen. Das habe ich gemacht, und dann hieß es, ich könnte regelmäßig kommen. Bloß gab es damals im Verein meinen Jahrgang gar nicht - ich war ja erst vier Jahre alt. Ich hab' dann insgesamt drei Jahre F-Jugend gespielt, als 90er Jahrgang mit dem 88er, zum Beispiel mit Mats Hummels. Ich musste ja warten, bis meine Altersklasse erst einmal herangereift kam. Und eine G-Jugend gab es nicht.

-Was ist aus Ihren beiden Brüdern geworden?

Die hatten im Fußball nicht so viel Glück wie ich. Der Ältere, Vincenzo, musste mit 18 Jahren bei den Bayern aufhören, wegen eines Schienbeinbruchs. Er spielt jetzt nur noch freizeitmäßig, beim FC Azzurri. Der andere Bruder, Domenico, hatte, als er so 16 war, anderes im Kopf als Fußball. Er spielt jetzt auch nur noch bei Azzurri München.

-Kann man sagen, dass Sie aus einer fußballverrückten Familie stammen?

Ja, absolut. Mein Vater nimmt auch alle meine Spiele auf. Danach zeigt er mir Situationen, die ich hätte besser machen können. Er ist mein härtester Kritiker. Dabei meint er es ja nicht böse. Er will ja nur, dass ich mich verbessere.

-Wann hatten Sie den Punkt erreicht, an dem Sie wussten: Das mit dem Profiwerden, das klappt.

Es ist alles sehr schnell gegangen. Ich durfte unter Jürgen Klinsmann das erste Mal reinschnuppern. Aber seit Louis van Gaal da ist, fühle ich mich wirklich so, dass ich es packe. Nach meinem ersten Spiel, im Februar gegen Florenz, hat er mir gesagt, dass ich gut war. Da bist du gleich ein paar Zentimeter größer, wenn so ein Trainer sowas sagt. Van Gaal hat Weltstars wie Clarence Seedorf oder Andres Iniesta entdeckt. Da bist du dann schon stolz.

-Hermann Gerland sagt, er wusste spätestens beim Drittligaspiel in Emden: Aus Ihnen wird was.

Ich erinnere mich daran. Ja, stimmt, das war ein besonderes Spiel. Da habe ich auch ein Tor gemacht, aus 30 Metern in den Winkel. Der Boden war tief, es war neblig, aber ich habe mich da richtig reingebissen . . .

-. . . Gerland sagt, Sie hätten da trotz der widrigen Umstände keinen einzigen Zweikampf verloren.

Ja, wobei ich schon so ehrlich sein muss, zu sagen, ich habe defensiv noch Schwächen. Offensiv bin ich besser. Aber ich bin ein aggressiver Junge, ein böser Junge, ich lasse mir nichts gefallen. Nur so bringt man es zu was auf dem Platz. Respekt vor deinem Gegner muss schon da sein - aber das darf dich nicht bremsen.

-Sie gelten nun als erster Anwärter auf den Platz links hinten. Wer da spielt, muss die Drecksarbeit für Franck Ribery erledigen.

Das ist schon ok. Wir verstehen uns sehr gut, auch privat. Klar muss ich die Drecksarbeit machen - ich bin ja auch der Junge. Glanz und Kunst kommen später. Erst kommt die Arbeit, und von mir aus eben auch die Drecksarbeit. Ich habe kein Problem damit.

-Sie haben auch die Meisterfeier eng mit Ribery und David Alaba verbracht. Wie ist diese Freundschaft entstanden?

Das ist einfach so gekommen. Franck ist ein witziger Kerl. Er macht viele Scherze, bei jedem, bei mir aber vielleicht ein paar mehr . . .

-Was für Streiche spielt er Ihnen zum Beispiel?

Wenn ich das alles erzähle . . . naja, ok, es ist ja halb so wild. Er versteckt ab und zu meine Schuhe auf dem Fernseher, wo ich sie nicht sehen kann. Oder er tut was in die Schuhe rein, Zahnpasta oder so.

-Auf die Palme bringt er Sie da nicht - Hamit Altintop sagt, Ihre Stärke sei, sie seien stets cool. Wirft Sie nichts aus der Bahn?

Nein, gar nichts. Ich bleib' immer ruhig.

-Bemerkenswert cool waren Sie beim schweren Champions-League Spiel in Lyon. Sportchef Christian Nerlinger schwärmt da noch heute von Ihnen.

Ja, das war bisher mein bestes Spiel in meiner Karriere. Ein paar Tage vorher haben wir gegen Hannover 7:0 gewonnen, da ist mir eine Torvorlage gelungen, das hatte mir Selbstvertrauen gegeben. In Lyon habe ich dann gekämpft, gekämpft, gekämpft. So etwas wird belohnt.

-Viele sehen in Ihnen den nächsten deutschen Nationalspieler des FC Bayern - aber würden Sie nicht eher für Italien spielen?

Natürlich ist Nationalspieler ein großes Ziel. Es wäre ein Traum, mal eine WM oder EM zu spielen. Ich weiß aber noch nicht, für welches Land ich mich entscheiden würde. Wenn es mal so weit käme, wäre das eine schwere Kiste für mich. Wenn ich für Deutschland spiele, verrate ich Italien. Anderersei"Ich ts bin ich in Deutschland groß geworden. Für die deutsche U 20 habe ich schon gespielt.

-Gibt es einen anderen Klub, dem neben dem FC Bayern Ihr Herz gehört?

Der FC Bayern kommt bei mir immer an erster Stelle. Aber irgendwann möchte ich auch mal für Neapel spielen.

-Ein Italiener ist auch Ihr großes Vorbild: Paolo Maldini, der sein Leben lang beim AC Milan spielte.

Bei ihm passte alles: Seine Disziplin, seine Fähigkeiten auf dem Platz. Er war ein super Spieler, offensiv und defensiv sehr stark - und er hat mit 40 noch gespielt. All die Jahre hat man nie etwas Negatives über ihn gehört, er ist menschlich absolut in Ordnung. Diese Mischung macht ihn zu einem vorbildlichen Spieler. Ich hoffe, ich kann irgendwann mal auf eine ähnliche Karriere zurückblicken.

-Inzwischen sind Sie schon jetzt einer, auf den die Jungen im Verein aufschauen. Wollen die Tipps?

Ja. Ich sage dann immer, sie sollen bleiben, wie sie sind, Gas geben, sich nicht verstellen und die Chancen, die sie kriegen, dann auch nutzen.

-Auf Ihrem Unterarm steht „Bad Boy" - sind Sie das, ein „böser Junge"?

(schmunzelt) Also, auf dem Platz bin ich ein echt böser Junge. Aber sonst bin ich ein netter Kerl. Ich habe noch andere Tattoos: Die Initialen von meinen Eltern und den Namen Diego an den Armen, und am Bein etwas Christliches. Ich bin sehr gläubig. Tattoos haben bei mir immer eine besondere Bedeutung.

Interview: Andreas Werner

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