Der Gescheiterte: FC Bayern vor dem Trainerwechsel

München/Hannover - Wie glücklich war der FC Bayern mit Louis van Gaal noch im vorigen Sommer. Doch das „Feierbiest" ist Geschichte. Auch der holländische Fußball-Lehrer schafft es nicht, in München zur Langzeitlösung zu werden.

Schön war der Sonntagmittag an der Säbener Straße, der Münchner Heimstatt des FC Bayern. Ein Tag, der schon mehr dem Frühling gehörte als noch dem Winter. Die Sonne wärmte, und als um 12 Uhr die Mannschaft zum Auslaufen auf den Trainingsplatz kam, wurde tatsächlich applaudiert.

Bilder: Der Sonntag beim FC Bayern

Bilder: Der Sonntag beim FC Bayern

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Zum Bayern-Training am Sonntag pilgern allerdings nur freundlich gesinnte Leute. Touristische Laufkundschaft, Neuschwanstein-Publikum. Statt Schlösser schaut man halt mal Stars an. Und Stars bleiben Stars, auch wenn sie die letzten drei Spiele verloren haben.

Es waren natürlich auch Leute aus Sensationsgier gekommen: Würden sie noch einmal Louis van Gaal sehen, würden sie vielleicht sogar live eine Trainerentlassung mitkriegen? Doch da wurde den Kiebitzen wenig geboten: Die namentlich gekennzeichneten Parkplätze der Bayern-Bosse Karl-Heinz Rummenigge, Karl Hopfner, Andreas Jung, Christian Nerlinger und von Präsident Uli Hoeneß blieben leer - man tagte, aber außerhalb. Und Louis van Gaal fuhr zwar schon früh vor (um 9.35 Uhr lenkte er seine Dienstlimousine in die Tiefgarage), blieb während der kurzen Trainingseinheit aber im Haus. Das war aber keine Besonderheit: Am Tag nach dem Spiel gibt es nur ein bisschen Bewegungstherapie, deren Leitung van Gaal grundsätzlich seinem Assistenten Andries Jonker überlässt.

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Bilder: Der Sonntag beim FC Bayern

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Louis van Gaal blickte durchs Fenster auf den Trainingsplatz herab. So als spürte er: Es ist ein Abschiedsblick. Mit der 1:3-Niederlage in Hannover hatte er den letzten Bonus aus dem Sommer 2011 aufgebraucht.

Damals tanzte er auf dem Rathausbalkon mit Oberbürgermeister Christian Ude. Die Fans unterhielt er als „Feierbiest“. Dass das Champions League-Finale gegen Inter Mailand 0:2 verloren gegangen war, trübte den Glanz des Trainers nicht. Sein Verdienst neben dem nationalen Double (Meisterschaft, DFB-Pokal): Er hatte nahezu ganz Deutschland für den FC Bayern begeistert, weil der nicht mehr berechnend und verwaltend spielte, sondern offensiv, kreativ, schön. Und weil in dieser Mannschaft nicht nur die teuer eingekauften Spieler wie Arjen Robben und Franck Ribery brillierten, sondern auch die mit Stallgeruch: Thomas Müller und Holger Badstuber, die vor van Gaals Zeit nur in der 3. Liga gespielt hatten.

Für Bastian Schweinsteiger, das lange stagnierende Talent, fand van Gaal die passende Position: die des „Sechsers“, an der strategischen Schnittstelle des Spiels. Bundestrainer Joachim Löw konnte vieles von van Gaals Vorarbeit auch für die Nationalmannschaft übernehmen. „Wir spielen das Louis-van-Löw-System“, witzelte Thomas Müller bei der WM in Südafrika.

Gut eineinhalb Jahre beträgt Louis van Gaals Amtszeit beim FC Bayern. Unterm Strich ist das mehr Episode als Ära. Näher an Jürgen Klinsmann (zehn Monate) als an Ottmar Hitzfeld (sechs plus eineinhalb Jahre). Dennoch prägt sich diese Zeit ein. Weil immer was los war: eine halbe Saison des Zweifels, eine halbe voll mit berauschtem Aufspielen - gefolgt von neuen Zweifeln und schließlich dem Niedergang.

Sie taten sich anfangs schwer mit diesem kantigen Kerl aus den Niederlanden, der sich als „arrogant und dominant“ vorstellte und im Flugzeug den Vorstand schon mal vom Promi-Sitz in der ersten Reihe vertrieb, weil er fand, dieser Platz stünde dem Cheftrainer zu. Im November 2009 war van Gaal fast schon entlassen, eine Woche trennte ihn davor, zum „fliegenden Holländer“ zu werden. Doch es fügte sich: In der Bundesliga blieb man an Leverkusen dran, in der Champions League kam man doch noch weiter; ein mühsam erarbeiteter 1:0-Sieg gegen Haifa aus Israel legte den Schalter um.

Neue Spieler? Der Trainer wischte alles vom Tisch

Ein halbes Jahr war van Gaal dann der Held. Die Spieler lobten seine Philosophie, die Öffentlichkeit goutierte die in putzigem Deutsch vorgetragenen intimen Bekenntnisse des Niederländers („Meine Frau und ich, wir liegen nachts Löffel an Löffel“), den Fans gefiel, dass dieser Trainer den Eindruck erweckte, er lasse sich von den Bayern-Oberen nicht lenken, nicht unterbuttern. Atmosphärische Störungen gab es auch in dieser Zeit, doch sie blieben intern. Das Spannungsfeld: Uli Hoeneß sah den Trainer kritisch, Sportdirektor Christian Nerlinger stützte van Gaal bedingungslos. Was aber auffiel: Vom Vertrag auf Lebenszeit wie etwa in der Ära Hitzfeld war im Zusammenhang mit van Gaal nie die Rede.

Doch wann wendete sich das Blatt gegen den Trainer, wann war die Geschichte vom erneuerten jungen frischen FC Bayern zu Ende? Vielleicht schon in der Nacht von Madrid, in den Stunden nach dem 0:2 gegen Inter Mailand. Christian Nerlinger stand in der Lobby des Hotels, die Zigarre dampfte, der Sportdirektor entwarf seine Vision, wie es weitergehen sollte. „In der nächsten Saison“, prophezeite er, „werden wir keine Startschwierigkeiten haben, weil Trainer und Spieler sich nicht mehr aneinander gewöhnen müssen.“ Neuzugänge? Brauche man nicht. Man holte die Leihspieler Toni Kroos aus Leverkusen und Breno aus Nürnberg zurück - das müsste genügen.

Der FC Bayern bot Louis van Gaal zwar an, auf dem Transfermarkt tätig zu werden - doch der Trainer wischte alles vom Tisch. Nationalspieler Sami Khedira - nicht besser als das österreichische Nachwuchstalent David Alaba aus der eigenen Jugend. Inzwischen ist Khedira eine Stütze von Real Madrid, während man Alaba an die TSG Hoffenheim ausgeliehen hat. Zu haben gewesen wäre der holländische Außenverteidiger Gregory van der Wiel, doch van Gaal versprach, er werde das Münchner Gewächs Diego Contento aufbauen. Vor einigen Wochen hat er den Deutsch-Italiener dann zur zweiten Mannschaft in die 3. Liga geschickt. Kurz vor Ende der ersten Transferfrist (31. August) kam dann noch der holländische Spielmacher Rafael van der Vaart auf den Markt, die Bayern hätten ihn haben können und verzichteten. Tottenham Hotspur nahm den bei Real Madrid nicht mehr gefragten Ex-Hamburger dankend an.

Die Bayern hechelten in der laufenden Saison von Beginn an hinterher, van Gaal schob es auf die WM: „Von uns waren mehr Spieler dabei als von jedem anderem Verein.“ Doch irgendwann verloren diese Erklärungen ihre Glaubwürdigkeit. Es bestätigte sich vielmehr, was eigentlich schon in der Champions League-Nacht von Madrid offensichtlich war: Die Abwehr des FC Bayern ist zu schwach besetzt für ein Team mit höchsten Ansprüchen, ein Verein hatte sich falsch eingeschätzt.

Doch Verteidigen ist in van Gaals Fußballwelt zweitrangig. „Ich will immer den schönen Fußball spielen lassen“, sagt er. Für ihn bedeutet das: Angriff, Flügelspiel - und man muss ein Tor mehr schießen als der Gegner. 4:3 ist besser als 1:0. Verteidiger müssen bei ihm die Spieleröffnung beherrschen, sie sind die ersten Angreifer. Im Winter-Trainingslager in Doha hat er seine Abwehrleute nur das eine üben lassen: Ball nach vorne bringen.

Angenehmes Wetter, perfekte Rasenplätze, nobles Hotel mit einem extra für die Mannschaft und den Trainerstab reservierten Flur - der FC Bayern verbrachte in Katar ein ideales Trainingslager. Dennoch zeichnete sich am Arabischen Golf ab: Die Beziehung würde nicht mehr lange halten.

Schon ein paar Wochen vorher hatte ein Fernsehauftritt von Uli Hoeneß tiefe Einblicke in die Zerrissenheit gewährt. In der Talkrunde „Sky90“ startete der Präsident einen Überraschungsangriff gegen van Gaal. Es war eine flammende Anklage gegen die Selbstherrlichkeit des Trainers, der keine andere Meinung gelten lasse, Gesprächspartner geringschätze, manche Spieler falsch behandle. Doch es schien, als käme auch der populäre Hoeneß nicht an gegen van Gaal. Für die Fans war der unantastbar, die Respektsperson. Und van Gaal pflegte den Kontakt zum Anhang, wenn er ein Kind im Bayern-Outfit sah, strich er ihm großväterlich übers Haar. Sogar nach dem 1:3 am Samstag in Hannover gab er Autogramme und winkte freundlich aus dem Bus.

Hätten die Bayern van Gaal im Herbst entlassen, wäre es zum Guttenberg-Effekt gekommen: Solidarisierung des Volks. Eine Märtyrer-Geschichte.

Doch nun fehlt van Gaal das im Sport Elementare: Erfolg. Und es ist offensichtlich, dass er dafür auch die Verantwortung trägt. Sein in der Winterpause ohne Not vollzogener Torwartwechsel vom Routinier Jörg Butt, 36, zu Nachwuchsmann Thomas Kraft, 22, hat nichts bewirkt, der Abstand zur von Dortmund besetzten Bundesligaspitze ist von 14 auf 19 Punkte angewachsen, im DFB-Pokal ist der FC Bayern gegen Schalke ausgeschieden. Mit dem in sich ruhenden und unprätentiösen Butt hat er der Mannschaft einen Anker genommen - und mit der Freigabe für Mark van Bommel dem Verein tief ins Fleisch geschnitten.

Die Gefolgschaft für van Gaal wurde kleiner

Van Bommel war nicht mehr der schnellste und beste Spieler - doch er war das Sprachrohr. Einer, der kritischen Medien höflich, aber mit Argumenten entgegentrat. Voriges Jahr hatte van Bommel seinem Landsmann van Gaal in der kritischen Phase beigestanden. Doch als ihm klar war, dass er wegrationalisiert werden sollte, änderte van Bommel seine Einstellung zum Trainer. Nun sitzt er beim AC Mailand - und lobt in Interviews jeden beim FC Bayern, dem menschlichen Verein, der Wohlfühloase; nur einen erwähnt er nicht einmal: van Gaal. Der ist für ihn gestorben.

Die Gefolgschaft van Gaals in der Mannschaft wurde kleiner, in Hannover sagte der neue Kapitän Philipp Lahm ganz kühl: „Jeder hier wird am Erfolg gemessen.“ Der Trainer hatte fast nur noch seinen Hofstaat, sein Klein-Amsterdam, mit den Assistenten Jonker und Frans Hoek, den Scouts Max Reckers, Jos van Dijk und Marcel Bout. Es erinnerte an sein letztes großes Scheitern beim FC Barcelona 2003: Damals hatte er acht holländische Spieler verpflichtet. Es rettete ihn nicht.

„Wir werden Entscheidungen nicht in der Emotionalität nach einem Spiel treffen, wir tun gut daran, es mit Rationalität zu machen“, sagte Karl-Heinz Rummenigge in Hannover. Uli Hoeneß indes forderte klar: „Wir müssen handeln und nicht reden.“ Die ARD vermeldete, Louis van Gaal sei am Sonntag zum letzten Mal in die Tiefgarage an der Säbener Straße eingefahren.

Die Trennung war nur noch Formsache, obwohl van Gaal noch am Samstag „das Vertrauen meines Vorstandes“ zu spüren glaubte. Die Eitelkeit gebot ihm, noch eine letzte Anmerkung zu setzen. Ihn hätten, verriet er, schon zahlreiche europäische Top-Vereine angerufen.

Günter Klein

Rubriklistenbild: © ap

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