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Glänzende Zeiten: Mit Csernai (r.) erlebten die Bayern Anfang der 80er den ersehnten Auftrieb, die Stars waren Rummenigge (l.) und Breitner.

Bayern trauern um Pal Csernai

Der erste Konzepttrainer

München - Die Bayern trauern um Pal Csernai. Uli Hoeneß sagt nach seinem Tod: „Er hat diesen Klub unglaublich nach vorn gebracht.“

Uli Hoeneß kann sich noch gut erinnern, wann die Spieler unter Pal Csernai besonders nervös waren: Jeden Donnerstag. Da stand auf dem Trainingsplan elf gegen elf, und der Coach unterbrach den Übungskick beim kleinsten Fehler. „Vor diesen Einheiten hatten unsere Jungs mehr Muffensausen, als wenn es am Samstag in der Bundesliga zur Sache ging. Du hattest den Eindruck, bei einem Fehler bricht gleich die Welt zusammen“, erzählt der Präsident, der damals als Manager fungierte. „Bertram Beierlorzer kam mal zu mir und sagte: ,Der Csernai, der macht mich fertig.’“ Aber es wirkte: Unter dem Ungarn feierten die Bayern 1980 ihre erste Meisterschaft nach sechs Jahren.

In der Nacht zum Sonntag ist Pal Csernai im Alter von 80 Jahren nach langer Krankheit verstorben. Der FC Bayern trauert um seinen ehemaligen Coach, der ein früher Vorbote der heutigen Zeit gewesen ist. „Er war ein absoluter Konzepttrainer, der erste in der Bundesliga“, erinnert sich Hoeneß, „er war ein Produkt der ungarischen Schule, hatte ganz klare Vorstellungen von diesem Sport, und an der Umsetzung hat er bis zum Erbrechen üben lassen.“ Und jeden Donnerstag kam es schließlich zum Härtetest.

Csernai konnte aufbrausend sein, wenn etwas nicht so lief, wie er wollte. Er hatte Temperament, ungarisch halt, meint Hoeneß, der damals seine ersten Schritte als Manager machte. Es waren turbulente Zeiten: Csernai wurde vom Assistenten zu Gyula Lorants Erben ernannt, Wilhelm Neudecker dankte als Präsident ab, Hoeneß startete 1979 als Manager. „Pal hat mich sehr gefordert, aber ich habe von ihm auch viel gelernt. Er war damals ein Anfänger, wie ich, er als Cheftrainer – und wir wuchsen beide an unseren Aufgaben.“

Das aufbrausende Temperament hat der heutige Präsident noch deutlich vor Augen: Wintertrainingslager in Annecy, nahe Genf. Damals musste der FC Bayern sparen, und der kleine französische Ort nahe Genf war nicht gerade ein Glücksgriff. Es regnete eine Woche durch, die Spieler moserten, der Trainer kochte. Hoeneß rief den Hotelmanager des „Interconti“ in Genf an, ob man übersiedeln könne. Letztlich reiste man früher ab. In Annecy war das Personal traurig, zum Abschied kochte der Familienbetrieb noch mal auf, doch der Oberkellner war besonders nervös. So landete ein ganzer Topf Pastasauce auf Csernai. „Ich bleibe keine Nacht“, brüllte er, Hoeneß konnte ihn gerade noch beruhigen. „Wir haben diese Nacht überstanden, er konnte da sehr stur sein“, berichtet der Bayern-Boss. Inzwischen schmunzeln sie bei der Anekdote in München.

Csernai war ein Mann, der es mit den schönen Dingen des Lebens hielt. Nicht nur auf dem Platz, wo er das „Pal-System“ einführte, womit er Wegbereiter letztlich auch für die Generation Pep Guardiola gewesen ist. Der Ungar ließ im Raum verteidigen, als Erster, in Zeiten, in denen die Vorstopper einem Gerd Müller „am liebsten bis zur Toilette nachgelaufen wären“ (Hoeneß). Die Trainingseinheiten begannen stets mit 20 Minuten Gymnastik, er turnte jede Übung vor, er war fit. „Wir hatten damals keine so teure Mannschaft, aber wir haben unsere Gegner mit unserem Stil, mit Pals Stil überrascht“, erläutert Hoeneß die Strategie. 1982 schaffte man es sogar bis ins Finale des Europapokals, holte zwei Mal die Meisterschaft und den Pokal.

Neben Taktik und Turnübungen standen der charakteristische Seidenschal sowie kulinarische Genüsse für die Vorlieben des Ungarn. „Er war ein Gourmet“, weiß Hoeneß noch, ab und an machte man sich dieses Faible zunutze. Damals flatterten gerne mal lukrative Angebote für Freundschaftsspiele in Afrika ins Haus. Dotiert mit 100 000 Mark, das war höchst attraktiv, auch die Maschinen wurden gestellt. Aber man wusste: Csernai würde nicht mitspielen, zumindest nicht einfach so. Willi O. Hoffmann und Hoeneß luden den Trainer in solchen Fällen zum Abendessen. Alles vom Feinsten. Zwei, drei Stunden wurde getafelt, es gab Champagner, guten Rotwein, und gegen Ende sagte Hoffmann dann: „Pal, Dienstag, nach Casablanca, Mittwoch ist ja spielfrei, wie schaut es aus?“ Csernai ging in die Luft („niemals“), also wurde noch eine Runde Rotwein geordert. Gegen zwei Uhr nachts willigte der Coach zum Marokko-Trip ein. „Willi und ich mussten die Verantwortung übernehmen, wenn wir das Spiel danach verlieren würden“, so Hoeneß. Man gewann 4:1.

Man hat sich damals gut ergänzt, wie Gymnastikstunden und Champagner. Zu jedem Geburtstag haben die Bayern ihrem früheren Coach bis heute eine Kiste Champagner geschickt, „wir wussten ja, wie gerne er das mag“, erzählt Hoeneß. Und man wusste, dass man ihm etwas schuldete: „Pal Csernai hat diesen Klub damals einfach unglaublich nach vorne gebracht.“

Andreas Werner

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