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Die Ur-Bayern-Generation: Gerd Müller, Franz Beckenbauer, Sepp Maier. Sie werden auch von Leuten gewählt, die sie nie haben spielen sehen.

Wie Bayern-Fans in die Vereinsgeschichte eintauchten

Die Qual der Beste-Bayern-aller-Zeiten-Wahl

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Die Qual der Beste-aller-Zeiten-Wahl Die Amerikaner sind im Sport ganz versessen auf generationsübergreifende Listen – und auch hierzulande verfällt man dem Reiz der Spielerei. Um die Jahrhundertwende wurde in diversen Sportarten Bilanz gezogen. Zum damaligen Begriff „aller Zeiten“ sind mittlerweile fast zwei Dekaden dazugekommen. Anlass für neue Wahlen. Rund um den FC Bayern gab es gerade eine. Aber was beeinflusste die Entscheidung: Emotion, Erinnerung, Statistik?

VON GÜNTER KLEIN

Christopher Ramm ist Redakteur der Internetplattform miasanrot.de und gnadenlos ehrlich. Warum ausgerechnet jetzt, zu Beginn des Jahres 2019, diese große Wahl „Top 15 Bayern-Spieler aller Zeiten“ stattfinden musste? „Ganz pragmatisch: Weil wir was für die Winterpause gebraucht haben, um unseren Blog vollzukriegen“, sagt er und lacht.

2019 ist eine krumme Jahreszahl. Es endet zwar eine Dekade, aber erst in elf Monaten; dann könnte man fragen: Wer waren die prägenden Figuren der Jahre 2010 bis 2019? Vom Jahrhundert, üblicherweise der Zeitraum für die großen Bilanzen, ist 2019 jedoch weit entfernt. Da könnte eine Wahl, die gar „alle Zeiten“ bilanzieren will, so bemüht wirken wie eine Ultimative Chartshow von Oliver Geisen auf RTL.

Andererseits: Der Mensch ist nun mal ein Listen-Tier. Er horcht erfreut auf, wenn ein Radiosender zur Wahl der ewigen Top 1000 aufruft, ist dann gespannt, ob diesmal „Stairway to heaven“ (Led Zeppelin) oder „Child in Time“ (Deep Purple) gewinnt und hofft, dass der beste Beatles-Song vor dem jeweiligen flüchtigen Sommerhit („Bella Ciao“) platziert ist.

„Mia San Rot“ hat selbst gewählt – und ein bisschen wählen lassen. Die Redakteure des Blogs, der laut seinem Impressum „ein privates Fanprojekt“ ist und „nicht mit der FC Bayern München AG, dem Verein oder anderen offiziellen Institutionen in Verbindung steht“, haben ihre Stimmen eingereicht, dazu kamen die einiger Blogger und Podcaster, die man zur Findung der Top 15 befragte. Max-Jacob Ost etwa war dabei (vom preisgekrönten „Rasenfunk“) oder der Taktik-Autor Tobias Escher („Spielverlagerung“).

Häppchenweise wurde das Endergebnis präsentiert – und wie sehr das die Bayern-Gemeinde bewegte, kann man den Kommentierungen entnehmen, die auf miasanrot.de einliefen. Klar: Bei jedem hätte die Liste anders ausgesehen.

Es zeigte sich: Kein Verein bewegt so sehr wie der FC Bayern, weil halt keiner so erfolgreich und berühmt ist (in Deutschland). Und natürlich bietet keiner diese Fülle an großen Spielern. Das Spezielle am FC Bayern dabei: Es gibt nicht die eine Generation, die weit über den anderen steht.

In den 70er-Jahren holten die Bayern dreimal den Europapokal der Landesmeister, die halbe Mannschaft bestand aus Weltmeistern von 1974 – und bis zur Jahrtausendwende waren das unbestreitbar die Vereinsheiligen. Danach kamen die Oliver-Kahn-und-Stefan-EffenbergBayern, die 2001 die Champions League gewannen, 2010 schließlich begann die Ära einer international bestückten Mannschaft, die national auftrumpfte wie keine zuvor und in der Champions League fast permanent das Halbfinale erreichte und 2013 abermals den Cup mitnahm.

Reizvolle Wahl, schwere Wahl. Auch wenn sich der Zeitraum „Alle Zeiten“ eh schon beschränkte auf die vergangenen 50 Jahre, als es mit den Meisterschaften in der Bundesliga losging (1969). Meister waren die Bayern zuvor schon mal geworden, 1932. Problem: „Zu dieser Zeit gibt es nur das geschriebene Wort“, sagt Christopher Ramm. Aber keine Bilder, die einen Eindruck vermitteln würden, wie die Bayern damals Fußball gespielt haben. Auch die Oberliga-Mannschaft der 50er-Jahre, von der Edmund Stoiber zu schwärmen pflegt, lag vor der Zeit medialer Verfügbarkeit.

Es ist ja noch nicht mal vom deutschen WM-Sieg 1954 eine Aufzeichnung in voller Länge erhalten geblieben, und vom berühmten Fritz-Walter-Tor 1956, bei dem er durch die Luft fliegt und den Ball mit der Hacke trifft, gibt es nur ein Foto. Man kann den Treffer allenfalls erahnen, muss ihn in der Phantasie mit einem Bewegungsablauf ausgestalten – trotzdem führt er eine Wahl „Top 10 der Hackentricks“ an. Zlatan Ibrahimovic (2004) und Rabah Madjer (1987, für Porto gegen die Bayern) hatten mir ihren aus allen Winkeln ausgeleuchteten Kunststücken keine Chance.

Maurice Hauß ist einer der Autoren von „Mia san rot“, das vor allem mit seinen Spielanalysen eine große Leserschaft erreicht. Neulich hat er das Portal bei einer Uli-Hoeneß-Diskussion in der bayerischen Fernsehsendung „Blickpunkt Sport“ souverän vertreten. Hauß ist 24, seine Kindheitserinnerungen an die Bayern sind die Deutsche Meisterschaft 2000 und „wie sich beim Jubeln Giovane Elber und Carsten Jancker in einen Teppich eingewickelt haben“. Elber war sein erster Held, sein Lieblingsspieler. „Ich musste mich überwinden, ihn nicht auf meine 15er-Liste zu setzen“, sagt er. Er rang um Objektivität, um einen Blickwinkel, der über das eigene Erleben hinausgeht. Maurice Hauß hat Bücher und Artikel gelesen über die Zeit, in der er noch nicht geboren war, er hat seinen Vater ausgefragt. Er wollte auch den Legenden des Vereins gerecht werden.

Oliver Schmidt ist 47 und somit fast doppelt so alt. Er lebt in Köln, ist einer der Gast-Juroren. Bekannt ist er unter Bayern-Anhängern als „Breitnigge“, so heißt sein Blog, den zu füllen er aus Zeitgründen („Familie, Job, Ehrenamt“) nicht mehr kommt. Er war einer der Fußball-Pioniere im Netz.

Schmidt wollte nicht objektiv werden, sondern subjektiv bleiben. „Ich kann nicht raus aus meiner Haut“. Die Liste, die er einreichte, wich am stärksten ab von dem, was offizielles Endergebnis war.

Schmidts Sieger war nicht Gerd Müller, sondern Arjen Robben („Hat eine Ära geprägt mit seiner Einstellung“). Sein Zweiter wurde nicht Beckenbauer, sondern Javi Martinez („Mit seiner Haltung in politisch schwierigen Zeiten; emotional hat er bei mir eine Explosion hervorgerufen“). Auch Roy Makaay wurde bei ihm hoch notiert („Der erste Transfer, bei dem viel Geld im Spiel war. Auf dem Platz eiskalte Spielweise, neben dem Platz supersympathisch“), und der Torwart, den er am meisten schätzt, ist Jean-Marie Pfaff (nicht Maier, Kahn, Neuer). Schmidt hat einige Spieler aus den 80ern berücksichtigt: Roland Wohlfahrt, Hans Dorfner, Brian Laudrup, Norbert Nachtweih. Breitner, die eine Seite seiner Breitnigge-Existenz, setzte er auf vier, Rummenigge, die andere, kam ebenso wenig vor wie Uli Hoeneß oder Franz Beckenbauer. „Wegen der Rollen, die sie nach ihrer Karriere gespielt haben.“ Oliver Schmidt sagt: „Ich bin auch nicht der Taktikfuchs wie andere. Meine Wahl ist höchst emotional.“

Christopher Ramm findet, jede Wahrnehmung werde bestimmt durch die Zeit, „in der man fußballsozialisiert wird“. Er ist 1986 geboren und somit 32, zur Saison 1993/94 entstand sein noch kindliches Interesse am FC Bayern. „Lothar Matthäus“, sagt er, „habe ich erst in seiner zweiten Phase in München und da als Libero erlebt. Ich habe ihn nie mit dem dynamischen Mittelfeldspieler assoziiert, der in einer Saison 16 Tore schoss.“

Für Ramm war auch Michael Ballack ein bedeutender Bayern-Spieler. Einer, der keine Chance hatte, in die Top 15 zu kommen, obwohl er vier Jahre (2002 bis 06) Chef der Mannschaft war. Aber für Ballack war der FC Bayern wie für einige andere bedeutende Spieler (Andy Brehme, Stefan Reuter, Jürgen Kohler, Jürgen Klinsmann, Torsten Frings, Toni Kroos) nur eine Episode. Wenn man sieht, welche 15 Spieler die ultimative Liste von „Mia san rot“ bilden – es sind die, die ihre Karriere ausschließlich oder großteils beim FC Bayern verbracht haben. Es kamen also auch die Typen rein: Mehmet Scholl (15.), Katsche Schwarzenbeck (14.), Klaus Augenthaler.

Undankbarer 16. wurde Thomas Müller, „da haben nur 0,13 Punkte gefehlt“, so Maurice Hauß. „Wir haben als Kommentar eine Grafik bekommen, die aufzeigt, dass er der Spieler mit den meisten Pflichtspieleinsätzen und Toren ist, der es nicht in die Top 15 geschafft hat“.

Für Christopher Ramm ist naheliegend, „dass Thomas Müller noch zu jung ist“. Noch zu sehr mittendrin in der Karriere; alle anderen haben schon aufgehört (der Drittplatzierte, Philipp Lahm) oder so gut wie (Bastian Schweinsteiger, die Nummer sieben), oder ihr Werk kann als nahezu vollendet gelten (Arjen Robben auf Rang 9, Franck Ribery auf 12). Insofern kein schlechter Zeitpunkt für eine Allzeit-Wahl.

Ramm hat noch eine andere Erklärung in Sachen Müller: Er erkennt auch bei ihm „das Toni-Kroos-Phänomen. Ein Spieler, der nicht der Beste seiner Mannschaft ist, sondern immer nur der Viert- oder Fünftbeste.“ Außerdem beschäftigt ihn das Szenario, dass Müllers Wahrnehmung heute eine noch positivere wäre, „hätte 2012 im Champions-League-Finale gegen Chelsea jemand die Ecke auf Drogba weggeköpft“. Dann wäre Müller der Siegtorschütze und Held gewesen.

Oder auch: Hätte sich das Elferschießen 2012 noch länger hingezogen, wäre Manuel Neuer angetreten und hätte er den Ball siegbringend versenkt – der Torwart stünde wohl höher als auf Platz 13. Der ehemalige FC Bayern-Kaderplaner Michael Reschke nennt Neuer „den besten Torhüter, den es je gegeben hat“. Bei „Mia san rot“ landete er hinter Kahn (4./Ramm: „Auf der Linie noch einen Ticken besser“) und dem Maier Sepp (11.). Ramm: „Neuer wurde auch mit dem Finalerfolg 2013 nicht so in Verbindung gebracht wie Kahn mit dem 2001.“

Schon Kahn und Neuer zu vergleichen ist schwer, weil sie für eine höchst unterschiedliche Art des Torwart-spiels stehen. Noch weiter auseinander sind naturgemäß Feldspieler aus verschiedenen Epochen. Maurice Hauß: „Außer dass noch der Ball mit dem Fuß gekickt wird, ist das heute eine ganz andere Sportart als vor 50 Jahren. Fußball hat sich extrem verändert, es ist viel mehr Taktik im Spiel.“

Man kann die Liste rauf- und runterdiskutieren, viele weitere Namen einwerfen wie Franz Roth, Sören Lerby, Sebastian Deisler, Thiago, David Alaba, Owen Hargreaves.

„Vielleicht“, meint Christopher Ramm, „machen wir mal eine Wahl, wer die talentiertesten Spieler waren“. Es kommt ja wieder eine Pause in der Bundesliga.

Das sind die Top 15 der „Mia san rot“-Redaktion und ihrer Gastjuroren:

1. Gerd Müller

 2. Franz Beckenbauer

 3. Philipp Lahm 

4. Oliver Kahn 

5. Karl-Heinz Rummenigge

 6. Lothar Matthäus

 7. Bastian Schweinsteiger

 8. Paul Breitner 

9. Arjen Robben 

10. Klaus Augenthaler 

11. Sepp Maier 

12. Franck Ribery 

13. Manuel Neuer

 14. HansGoerg Schwarzenbeck

 15. Mehmet Scholl

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