+
Mister Europa-Cup: Klaus Augenthaler hat nach Oliver Kahn die zweitmeisten internationalen Spiele für Bayern absolviert, darunter „viele Krimis“.

CL-Finale 1982: "Es ist einfach alles schiefgelaufen"

München - Am Samstag steht der FC Bayern zum achten Mal im Finale der Champions League. Vor dem Duell mit Inter Mailand sprechen Protagonisten von einst in unserer Serie "Finale Erinnerungen" über ihre Erfahrungen. Heute: Klaus Augenthaler, 52.

Der langjährige Kapitän musste beim 0:1 gegen Aston Villa am 26. Mai 1982 in Rotterdam den Torschützen Peter White gewähren lassen – allerdings traf ihn keine Schuld. Eines seiner besten Spiele wurde am Ende zu einer seiner schlimmsten Erfahrungen. So grausam kann Fußball manchmal sein.

Herr Augenthaler, 1982 ging das Finale gegen Aston Villa 0:1 verloren – frisch herausgefragt: Was ist da schiefgelaufen?

Das ist leicht zu beantworten: Einfach alles ist da schiefgelaufen. Wirklich alles. Wir waren ja eindeutig die bessere Mannschaft. Wir hatten fünf, sechs 100prozentige Chancen – ich selber hatte davon zwei, eine klärt der Verteidiger gerade noch so auf der Linie! Und die sind zwei Mal vors Tor gekommen, einmal hat es gescheppert. Wir sind angerannt, angerannt, angerannt – mein Gott, so ist Fußball!

Die Bayern waren damals der große Favorit – war man zu überheblich?

Nein, das würde ich nicht sagen. Wir wussten ja auch, dass Aston Villa nicht umsonst im Finale gestanden ist.

Aber Sie hatten damals Breitner und Rummenigge in den Reihen – ein Duo, das Europa fürchtete.

Ach, dass der FC Bayern damals zum „FC Breitnigge“ aufgebauscht wurde, war eher eine Sache in der Öffentlichkeit. Intern wussten wir, was wir an diesen beiden haben – und sie wussten, dass sie ohne uns andere auch nicht gewinnen können. Und die anderen hatten ja auch Namen – ein Dremmler, ein Dürnberger, etc. Es war damals wie heute: Robben und Ribery können ohne den Rest auch nicht gegen Inter bestehen.

Noch im Spiel verbesserten sich die Chancen – zumindest vermeintlich: Ersatzkeeper Nigel Spink musste nach zehn Minuten ins Tor der Briten, der hatte keine einzige Liga-Partie im Kreuz, hielt aber alles, was auf ihn zukam . . .

Ja, so ist Fußball nun mal. Ich weiß noch, wir hatten auch mal so ein Spiel gegen Dortmund. Da stand Eike Immel im Tor, den kannte da noch keiner, der war 17, und der hat auch alles gehalten. Da hätten wir zwei Stunden spielen können, nichts wär da reingegangen. So war es auch in diesem verflixten Finale.

Sie selbst erhielten tags darauf gute Kritiken, obwohl der Siegtorschütze Ihr Gegenspieler war.

Ja, ich habe damals eines meiner besten Spiele gemacht. White war mein Mann, aber wir haben im Moment vor dem 0:1 Raumdeckung gespielt. Den hätten wir da im Verbund stoppen müssen. Nur einen einzigen Moment waren wir nicht resolut genug – da war der Titel verloren.

Es war eine historische Pleite: Zum 13. Mal hatten die Bayern ein Finale gespielt, und nun zum ersten Mal die Partie verloren.

Das weiß ich gar nicht mehr. Und über die Stimmung beim Bankett kann ich auch nicht viel sagen. Ich war mit Dürnberger bei der Dopingprobe, in so einem Wohnwagen. Bis die Sache erledigt war, hatte sich die Tafel schon aufgelöst. Und dann war noch ein bisschen Frustsaufen, das ist ja klar nach so einem Spiel.

Es hieß, Sie hätten für die Urinprobe zehn Bier, drei Cola und eine Tasse Kaffee benötigt . . .

Das glaube ich nicht, ich weiß es aber nicht mehr. Ich weiß nur, dass die zwei Engländer, die mit uns ausgelost wurden, nach 20 Minuten fertig waren. Die hatten einen Kasten Bier getrunken. Sauschnell.

Nach der Finalpleite wurde der Name Herbert Prohaska als Neuzugang gehandelt. Der wurde aber nie ein Münchner. Hätten Sie gerne mit ihm gespielt?

War das damals der 1. April? Naja, ich kann nur sagen, ich habe mein erstes Länderspiel damals gegen Österreich gemacht, gegen Prohaska. Das war schon wirklich ein ganz Großer. Der bei Bayern, das wäre nicht schlecht gewesen.

Mit 89 Europapokal-Einsätzen sind Sie in der Bayern-Historie hinter Oliver Kahn (112) Zweiter. Welche Spiele blieben bei Ihnen besonders haften?

Ich habe so viele Krimis erlebt. Damals war alles noch anders als heute, weil ja von der ersten Runde an K.o.-Modus gespielt wurde. Gegen Liverpool gab es große Spiele, gegen Real Madrid, gegen die beiden Mailänder Klubs. Einmal waren wir im Halbfinale gegen Sofia schon 0:3 hinten. Gegen Aberdeen, da war Alex Ferguson noch dort Trainer, habe ich mal ein Tor gemacht. Natürlich ist auch das Halbfinale gegen Roter Stern Belgrad unvergessen: Erst schieße ich ein Tor, dann fliegen wir raus, wegen dieser Eigentor-Koproduktion von Raimond Aumann und mir. Das Finale 1987 habe ich rotgesperrt verpasst und war doppelt traurig, weil ich wegen einer Bandscheiben-OP nicht einmal mitfliegen konnte . . .

. . . man merkt, es fällt schwer, ein einzelnes Erlebnis herauszustellen . . .

Ja, aber wissen Sie, was noch hängen geblieben ist, abseits vom Sport? Die Reisen in den Ostblock damals. Da war ja noch Eiserner Vorhang, und es war manchmal schon fast unheimlich. Allein die Einreise: Es hat ewig gedauert, bis du überhaupt mal durch den Zoll durch gewesen bist. Da wurden dir meistens sämtliche Utensilien abgenommen: Zeitschriften, alles mögliche. Und man hatte eigene Köche dabei. Aus Angst, dass was ins Hotelessen gemischt wird.

Das klingt ja wirklich richtig abenteuerlich . . .

Naja, halb so wild. Und es gab auch wunderbar menschliche Erlebnisse. In Tirana hat mich ein Gegner nach Abpfiff gefragt, ob er meine Schuhe haben kann. Vor dem Rückspiel habe ich meine Tasche vollgepackt mit Sportsachen, Schuhen, etc. Als ich ihm die dann gegeben habe, hat er vor Freude geweint. Da hat man schon eine Gänsehaut.

Stichwort Gänsehaut: Fiebern Sie gegen Inter Mailand mit dem FC Bayern mit? Wer gewinnt?

Die Chancen stehen 50:50, mit einem leichten Ausschlag zugunsten des FC Bayern. Die Bayern haben jetzt ja viel Selbstvertrauen, weil sie trotz einiger Rückschläge und einem holprigen Start da stehen, wo sie hingehören: ganz oben. Und ich glaube, sie sind froh, dass es nicht gegen Barcelona geht. Die sind einfach spielstärker als Inter.

Dafür steht Inter Mailand hinten souverän . . .

Ja, die werden wohl Catenaccio spielen. Obwohl die auch recht viele Südamerikaner im Kader haben. Aber die Offensive der Bayern ist sehr stark. Für zwei, drei Chancen sind die da vorne immer gut. Nur müssen sie die reinmachen. Sonst läuft es wie anno 1982.

Andreas Werner

Morgen lesen Sie: 1974 – der erste große Triumph.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Offenbar nicht nur Zinedine Zidane: Ex-Bayern-Star jetzt auch Trainer-Kandidat in München?
Zinedine Zidane ist als möglicher Nachfolger für Trainer Niko Kovac beim FC Bayern München im Gespräch. Doch auch ein neuer prominenter Name macht jetzt die Runde beim …
Offenbar nicht nur Zinedine Zidane: Ex-Bayern-Star jetzt auch Trainer-Kandidat in München?
Robben rechnet ab: FC Bayern für Titel zu schlecht - „Habe so etwas hier noch nicht erlebt“
In einem Interview rechnet FCB-Star Arjen Robben mit der Leistung des FC Bayern München ab. Er meint: Für einen Titel reicht es aktuell nicht.
Robben rechnet ab: FC Bayern für Titel zu schlecht - „Habe so etwas hier noch nicht erlebt“
Sandro Wagner schmort auf Bayern-Bank - jetzt soll ein Klub aus dem Ausland Interesse zeigen
Beim FC Bayern München war Sandro Wagner zuletzt oft außen vor. Langsam baut sich Frust beim selbstbewussten Stürmer auf. Ein Klub soll jetzt an ihm dran sein. 
Sandro Wagner schmort auf Bayern-Bank - jetzt soll ein Klub aus dem Ausland Interesse zeigen
Boateng will Interview bei Sat.1 geben - dann erlebt er sein blaues Wunder
Jerome Boateng vom FC Bayern gibt bei Sat.1 ein Interview. Doch es läuft nicht wie geplant ab. Plötzlich hat er einen Neunjährigen vor sich sitzen - und sieht sich …
Boateng will Interview bei Sat.1 geben - dann erlebt er sein blaues Wunder

Kommentare