Nachfolger in Sicht: Eigentlich sollte Coman (l.) Ribery beerben – nun ist es vorläufig andersrum.
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Nachfolger in Sicht: Eigentlich sollte Coman (l.) Ribery beerben – nun ist es vorläufig andersrum.

FC Bayern nach der Coman-Verletzung

Hoffen auf den Kroos-Effekt

  • vonHanna Raif
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Der Nachricht kam jäh und ist schmerzhaft: Kingsley Coman wird dem FC Bayern wohl in dieser Saison nicht mehr zur Verfügung stehen. Sportlich eine Schwächung – für das Binnenklima aber ein Vorteil. Vor allem, weil sich für Franck Ribery und auch Arjen Robben neue Chancen auftun.

München – Im modernen Fußball gibt es ja so ein paar Verletzungen, die früher nahezu unbekannt waren – und aktuell Hochkonjunktur haben. Die Schambeinentzündung gehört genauso dazu wie der Muskelbündelriss, und auch das blöde Syndesmoseband reißt den Profis von heute halt leider sehr gerne. Vor jeder kurz anberaumten Untersuchung bei Hans-Wilhelm Müller Wohlfahrt überwiegt die Hoffnung, dass am Ende keine dieser Diagnosen steht, denn so unterschiedlich sie sind: Sie ziehen zwangsläufig eine lange Ausfallzeit nach sich.

Bei Kingsley Coman ist aus einem kleinen Zweikampf in der Partie gegen Hertha jene schwere Fußverletzung entstanden, die stets eine Operation nach sich zieht. Wenn das obere Sprunggelenk keinen Stabilisator mehr hat – die Syndesmose fehlt –, ist an Leistungssport nicht zu denken. Von einem „wochenlangen Ausfall“ sprach man am OP-Tag offiziell beim FC Bayern, jeder (Hobby-)Mediziner aber weiß, dass ein weiterer Einsatz des 21-Jährigen in der laufenden Saison so gut wie ausgeschlossen ist. Läuft die Reha optimal, kann er es zur WM schaffen. Die Bayern aber müssen den angestrebten Weg ins Champions League-Finale ohne ihn gehen.

Man kennt sich inzwischen aus mit Verletzungen dieser Art, und weil die Erfahrungswerte so eindeutig sind, plant man auch intern um. Wenn derjenige ausfällt, auf dem die Hoffnungen in der entscheidenden Saisonphase geruht haben, müssen andere in die Bresche springen. Die anderen, das sind in diesem Fall Franck Ribery und – weil die Offensive sich neu aufstellen muss – auch Arjen Robben. Die beiden Altmeister also, die vergangene Woche beim ersten wichtigen Spiel gegen Besiktas Istanbul auf der Bank saßen und darüber nicht allzu erfreut waren. Die Frage, die sie in den letzten Zügen ihrer Verträge begleitet: Sind sie noch gut genug?

Das Wörtchen „noch“ rührt vor allem aus dem Alter der einst gefürchteten Flügelzange. 34 Jahre haben „Rib“ und „Rob“ inzwischen auf dem Buckel, man schaut in der Führungsetage seit Monaten genau auf die Entwicklung der beiden verdienten Stars. Die Tendenz geht in beiden Fällen zur Verlängerung des auslaufenden Arbeitspapiers, trotzdem müssen sie getrennt betrachtet werden. Ursprünglich wollte man beobachten, wie Ribery seine Reserve-Rolle akzeptiert und Robben seinen anfälligen Körper pflegt. Nun wird man den Blick darauf richten müssen, ob die beiden noch mal den Glanz alter Tage versprühen und im internationalen Wettbewerb den Unterschied ausmachen können.

Die Verletzung von Coman entzerrt den Konkurrenzkampf zwangsläufig. Auf den Außenbahnen sind die Bayern plötzlich nur noch einfach besetzt, James und Thomas Müller könnten auf die (ungeliebten) Positionen ausweichen. Wenn Thiago wieder bei vollen Kräften ist, dürfte das eine Option sein. Trotzdem sind die Chancen für Ribery und auch Robben nun deutlich gestiegen.

Die Diskussion um die Unantastbarkeit der beiden Altmeister ist nicht neu. Sie wird regelmäßig geführt, wenn junge, hoffnungsvolle Spieler gekauft werden. In der kommenden Saison wird der derzeit an Hoffenheim verliehene Serge Gnabry nach München kommen, zudem soll man den für rund 30 Millionen zu habenden Brasilianer Malcom von Girondins Bordeaux auf der Liste haben. Wie ernst man mögliche Nachfolger aber nehmen muss, zeigt sich traditionell erst im Saison-Endspurt. Coman war heuer einer, den man sehr, sehr ernst genommen hat.

Eine ähnliche Situation ist noch nicht allzu oft vorgekommen, aber es gab sie schon. Man erinnert sich noch gut an das Triple-Jahr, in dem Robben über seine ungewohnte Joker-Rolle unter Heynckes wie zuletzt alles andere als glücklich war. Er kam erst zum Zug, als Toni Kroos sich im Viertelfinal-Hinspiel gegen Juventus Turin verletzte. Der Rest ist bekannt.

Während Kroos seinen – ja, genau – Muskelbündelriss auskurierte, gelang Robben im Wembley-Stadion das Siegtor.

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