"Dass Ballack Werbung macht, muss die Mannschaft wegstecken"

- München - Für den FC Bayern beginnt mit dem Spiel in Frankfurt am Samstag die Bundesliga-Rückrunde. Wir sprachen mit Trainer Ottmar Hitzfeld über Psycho-Tricks gegen Bremen, die Taktik-Vorstellungen von Manager Uli Hoeneß, Oliver Kahns Wandlung und den möglichen Aufsteiger der nächsten Monate.

<P>Jeder beim FC Bayern müsse sich hinterfragen - das waren Manager Uli Hoeneß' letzte Worte vor der Winterpause. Das galt auch für Sie und Ihren Assistenten Michael Henke. Was hat Ihre Hinterfragung ergeben, was müssen Sie ändern?</P><P>Ottmar Hitzfeld: Es ist klar, dass man nach einer Vor- oder Rückrunde ein Fazit zieht und versucht, die Mannschaft wieder konzentriert vorzubereiten. Wir haben seriös gearbeitet, wir standen natürlich gewaltig unter Druck, deswegen hat die Mannschaft verkrampft und im spielerischen Bereich nicht so gut ausgesehen. Da ist es klar, dass man in der Vorbereitung mehr Wert auf die Offensive legt.</P><P>Das war es, was am meisten an den Bayern überrascht hat: Dass eine Truppe, die sich stets auf ihre mentale Stärke verlassen konnte, nervenschwach wirkte -nicht nur beim letzten Champions-League-Spiel gegen Anderlecht. Wie kriegt man das wieder raus? Wegtrainieren kann man es schließlich nicht.</P><P>Hitzfeld: Man muss mit der Mannschaft sprechen, sie muss sich weiterentwickeln, stabiler werden. Wir haben Spieler, die damit Probleme hatten. Was man im Training tun kann: die Abwehr dahin bringen, dass sie unter Druck nicht nur die Bälle wegschlägt, sondern Ruhe entwickelt - auch wenn das Spiel wieder was anderes ist, die Nerven vielleicht doch flattern und man die Bälle weghaut.</P><P>Mancher Spieler hat es, mancher nicht. Sagen wir mal: Makaay hat diese Stärke, diese Abgebrühtheit.</P><P>Hitzfeld: Willy Sagnol, zum Beispiel, hat sie auch, der ist cool im Abwehrbereich, manchmal wird das zum Leichtsinn, aber das ist eben der Spagat - das Risiko, wenn man versucht, im Ballbesitz zu bleiben. Als Trainer darf man bei solchen Spielern nicht gleich losschreien.</P><P>Bei Wahlen der besten Trainer wurden Sie in den letzten Jahren nicht genannt. Trainer des Jahres wird meist der, der mit seiner Mannschaft den Bayern am nächsten gekommen ist.</P><P>Hitzfeld: Es ist schon eine Auszeichnung, wenn man Trainer des FC Bayern ist, jeder Trainer in Deutschland würde das gerne machen, von daher ist klar, dass mich viele um den Job beneiden. Aber als Bayern-Trainer kann man fast nichts gewinnen, weil es sowieso heißt: Der muss Meister werden, holt man das Double, ist das normal. Gut, es ist ein Unterschied, ob man schon sechs Jahre dabei ist, immer in der Spitze, auch schon Welttrainer war - da wird ständig mehr erwartet, und man will auch mal andere Köpfe sehen. Ist ja auch gut und richtig so. Ich muss nicht Trainer des Jahres werden, sondern zufrieden sein mit dem, was ich hier bei Bayern leiste. In der Vorrunde waren zu viele schlechte Spiele, um zufrieden zu sein.</P><P>Muss gut tun, wenn man hört, man sei ein Kandidat etwa als Nationaltrainer für England . . .</P><P>Hitzfeld: Das tut gut, man kann stolz darauf sein, dort gehandelt zu werden.</P><P>Käme das denn in Frage, im Ausland zu arbeiten? Sie haben bisher immer im deutschsprachigen Raum gewirkt.</P><P>Hitzfeld: Ich will das offen lassen, aber zurzeit kann ich es mir überhaupt nicht vorstellen, dass ich im Ausland arbeite. Ich halte es weiter so, dass ich mich auf meinen Job konzentriere, versuche, erfolgreich zu sein, dadurch halte ich mir alle Optionen offen.</P><P>Im Titelkampf wurde Bremen als Hauptrivale ausgemacht. Uli Hoeneß hat in seiner typischen Art schon angefangen zu sticheln und Werder an das UI-Cup-Aus gegen den SV Pasching erinnert. Fährt Bayern die Psycho-Taktik?</P><P>Hitzfeld: Fußball ist Showbusiness, über jeden Ausspruch wird berichtet, ein verbaler Schlagabtausch gehört dazu.</P><P>Hoeneß könnte auch der Feind auf der eigenen Bank sein. Wie nahe darf Ihnen der Manager rücken? Er hat angekündigt, verstärkt die Nähe zur Mannschaft zu suchen.</P><P>Hitzfeld: Bei mir ist es so: Ich bin ja immer gleich. Ich versuche, die Mannschaft zu führen, gerecht, hart zu sein, auch mal nachzugeben. Wenn Uli Hoeneß sich mehr Zeit nimmt für uns, sich nicht nur um wirtschaftliche, sondern auch um sportliche Dinge kümmert, kann das nur gut sein für den FC Bayern.</P><P>2004 ist EM-Jahr. Bedeutet für den polynationalen Kader des FC Bayern: Da werden sich viele Spieler für ihre Ländermannschaften positionieren wollen. Wie weit gehen Ihre Rücksichtnahmen?</P><P>Hitzfeld: Für mich zählt allein der Erfolg des FC Bayern, dass der an erster Stelle steht, muss auch den Spielern bewusst sein. Wir sind der Arbeitgeber, bei uns verdienen sie viel Geld, es muss selbstverständlich sein, dass man sich total in den Dienst des Vereins stellt.</P><P>Aber weh tut es Ihnen schon, wenn etwa ein Tobias Rau um die EM-Teilnahme gebracht würde, wenn er in München auf zu wenig Bundesligaspiele kommt . . .</P><P>Hitzfeld: Weh tut es mir schon, aber wir werden schauen, dass er möglichst viele Spiele bekommt, wir werden auch rotieren bei unserer Zwei-, Dreifachbelastung.</P><P>Beim FC Bayern hat die Rückrunden-Überraschung Tradition: Vor drei Jahren spielte sich Owen Hargreaves nachhaltig in die Mannschaft, vorige Saison kam Bastian Schweinsteiger aus dem Nichts zu 14 von 17 möglichen Punktspielen.</P><P>Hitzfeld: Immer möglich. Wir haben zwar einen großen Kader, aber auch viele verletzungsanfällige Spieler, da ergibt sich immer die Chance, jemanden heranzuführen. Wie Piotr Trochowski. Der kann auch so ein Star werden, der hat sich schon rangekämpft, braucht halt noch eine gewisse Erfahrung. Dem traue ich den Sprung zu.</P><P>Reden wir über etablierte Spieler. Oliver Kahn: Sieht so aus, als hätte er die Kurve gekriegt. Die letzte Boulevard-Schlagzeile hatte er im Sommer.</P><P>Hitzfeld: Das war eine positive Entwicklung, die er genommen hat. Anfangs waren da noch die privaten Probleme, dann seine Augenverletzung, die kaum jemand richtig wahrnehmen wollte, die ihn aber behindert hat - durch Weltklasseleistungen hat er sich zurückgemeldet.</P><P>Was halten Sie als sein Trainer davon, dass Kahn sich einen persönlichen Mentalcoach nehmen will?</P><P>Hitzfeld: Ich habe nichts dagegen, ich halte von mentalem Training sehr viel, ich habe das als Spieler auch gemacht, das hat mir gut getan, das bringt den Spitzensportler schon weiter. In Deutschland ist es nicht so eingeführt, in Amerika anerkannter. Nur hat es keinen Sinn, autogenes Training mit der Mannschaft zusammen zu machen.</P><P>Das wäre wohl ein Gegluckse wie in der Schulklasse.</P><P>Hitzfeld: Ja, da wären zu viele Störfelder. Da reicht es, wenn schon einer das nicht annimmt.</P><P>Es wird ausführlich über Michael Ballacks taktische Rolle diskutiert. Uli Hoeneß sagt, Taktik werde überbewertet, Hauptsache sei, dass die Spieler laufen. Da müssen Sie jetzt aber widersprechen. </P><P>Hitzfeld: Klar ist die Taktik wichtig, sie ist der Grundstein eines Spieles. Mit unserer Taktik haben wir die Champions League gewonnen. Hätten wir drauf los gespielt, hätten wir keine Chance gehabt. Michael Ballack ist ein Mittelfeldspieler, das heißt, er ist offensiv und defensiv; im modernen Fußball muss man auch mit acht, neun Mann verteidigen können, also ist er von defensiven Aufgaben nicht entbunden.</P><P>Wenn Sie im Auto nach Hause fahren, wie oft hören Sie Michael Ballack im Radio?</P><P>Hitzfeld: Er ist omnipräsent mit seinen Werbeslogans, darum freue ich mich, wenn die Rückrunde losgeht und er wieder mehr über sportliche Themen redet.</P><P>Die Konstellation mit Ballack auf allen Kanälen könnte Neid schaffen.</P><P>Hitzfeld: Das muss die Mannschaft wegstecken. Jeder hat das Recht, Werbung zu machen. Wenn er das Angebot bekommt, dann soll er das annehmen und Geld verdienen. Man muss sich diese Stellung halt hart erarbeiten, die Leistung sprechen lassen. Probleme gäbe es, wennDas Interview führte Günter Klein Michael Ballack die Leistung nicht bringen würde.</P><P>Aber Schwäche wird dramatischer ausgelegt, wenn einer so im öffentlichen Fokus steht wie Ballack.</P><P>Hitzfeld: Die Gefahr besteht immer, dass die Kritiker kommen und sagen, der soll sich mehr auf Fußball konzentrieren. Damit setzt Michael sich selbst unter Druck.</P><P>Zu Sebastian Deisler: Es scheint, als würde es im FC Bayern Sie am härtesten treffen, dass er diese Probleme hat. Sie kennen ihn von klein auf, waren immer dahinter, dass er nach München kommt, und man kann sich vorstellen, dass Sie als Freund der Familie Deisler sich besonders verantwortlich fühlen.</P><P>Hitzfeld: Ich kümmere mich um jeden Spieler im Kader intensiv, aber bei Basti ist es halt mal so, dass ich den Kontakt zu den Eltern habe, was bei anderen Spielern nicht der Fall ist.</P><P>Realistisch gesehen: In dieser Rückrunde wird schon aufgrund des körperlichen Rückstandes nicht mit Deisler zu rechnen sein.<BR>Hitzfeld: Ich habe immer gesagt, dass er in der Rückrunde spielen wird, das hieße, dass er die körperliche Verfassung dazu hat. Ich gehe davon aus, dass wir das zusammen schaffen. Dass er die Unterstützung von jedem Mitspieler bekommt, muss selbstverständlich sein.</P><P><BR> </P>

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