Die Nadel (li.) schenkte Diego Maradona vor dem UEFA-Pokal-Rückspiel 1989 dem damaligen Ballungen Holger Schmidtke.
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Die Nadel (li.) schenkte Diego Maradona vor dem UEFA-Pokal-Rückspiel 1989 dem damaligen Ballungen Holger Schmidtke.

„Er konnte sich alles erlauben“

Gegen den FC Bayern: Der Tag, an dem Diego Maradona München verzauberte

Diego Maradona ließ den FC Bayern 1989 im Halbfinale des Uefa-Pokals scheitern. Holger Schmidtke war damals als Balljunge im Münchner Olympiastadion dabei - und erhielt vom Superstar ein besonderes Geschenk.

  • Diego Maradona ist am 25. November im Alter von 60 in Buenos Aires verstorben
  • Der vielleicht beste Fußballer der Geschichte verzauberte 1989 im Münchner Olympiastadion die Zuschauer, was heute in unzähligen youtube-Videos zu sehen ist. 
  • Holger Schmidtke war damals 14 Jahre alt und Balljunge. Er bekam von „El Pibe de Oro“ sogar ein Geschenk, das er immer noch wie einen Schatz hütet. 

München - 1989 trat Diego Maradona mit dem SSC Neapel im Halbfinale des UEFA-Pokals im Rückspiel beim FC Bayern in München an. 

Jeder der 73.500 Zuschauer wird diesen Tag wohl bis an sein Lebensende in Erinnerung behalten. Der argentinische Weltmeister verzauberte schon vor Spielbeginn das ganze Olympiastadion. Mit stehenden Ovationen wurde der Spielmacher nach dem Aufwärmen in die Kabine verabschiedet. 

Holger Schmidtke war zu dieser Zeit Nachwuchsspieler des FC Bayern. Der damals 14-Jährige durfte als Balljunge die Partie am Spielfeldrand verfolgen. Mehr noch: Bevor sich Diego Maradona in der Kabine vorbereitete, nahm Schmidtke all seinen Mut zusammen und fragte nach einem Autogramm. Bekommen hat er viel mehr. 

Von Holger Schmidtke

Diego Maradona: Bei der WM 1986 spielt er sich ins Herz des elfjährigen Holger

Im Sommer 1986 bin ich als Elfjähriger mit meinem Vater vor dem Fernseher geklebt, die deutsche Nationalmannschaft um Teamchef Franz Beckenbauer euphorisierte uns und kämpfte um den WM-Titel in Mexiko. Unsere Elf überzeugte mit Kampf und Leidenschaft, allerdings verzückte kein deutscher Nationalspieler so sehr wie dieser Diego Armando Maradona. Diese Ballbehandlung, diese Pässe, diese Dribblings, diese Standards und diese Tore wie gegen Belgien oder zuvor England

Damals spielte ich in der E-Jugend des FC Rot Weiß Oberföhring unter meinem ersten Trainer Alois Kurrer. Wenn kein WM-Spiel war, zogen wir nach der Schule los zum Oberföhringer Bolzplatz und wollten Maradona kopieren. 

Diego Maradona: Holger Schmidtke erlebt „El Pibe de Oro“ 1989 als Balljunge im Münchner Olympiastadion

Meine Freunde und ich verfolgten Maradonas Karriere in Italien. Er knüpfte nahtlos an seine WM-Leistungen an und holte mit dem SSC Neapel die erste Meisterschaft überhaupt. Was für ein genialer Spieler, er war ein Freigeist, konnte sich alles erlauben und brachte mit seinem Spielstil die ganze Welt hinter sich. Ein Kicker aus armen Verhältnissen holt mit einem armen Verein wie dem SSC Neapel den Scudetto, unglaublich. Wir dachten:, „Maradona kann alles erreichen.“

Mein eigener Weg als Fußballer führte mich als Jugendspieler zum FC Bayern. Ein besonderes Highlight war die Fußball-Saison 1988/89. Beim Nachwuchs des FC Bayern fieberte jeder Kicker der C-Jugend den Heimspielen im Olympiastadion entgegen. Die Nachwuchsspieler wurden als Balljungen eingesetzt. Was für ein cooles Erlebnis, als wir die besten Kicker aus der 1. Bundesliga hautnah miterlebten und unseren Stars wie Lothar Matthäus, Klaus Augenthaler, Hansi Flick, Stefan Reuter oder Wiggerl Kögl die Bälle holen durften. Und es kam noch besser.

Diego Maradona: 1989 gegen den FC Bayern im Olympiastadion in München

Der UEFA-Cup hielt ein ganz besonderes Erlebnis für uns Balljungen parat. Der FC Bayern traf im Halbfinale auf den SSC Neapel um Diego Maradona. Auch wenn das Hinspiel mit 0:2 verloren ging und das Ausscheiden bevorstand, war die Vorfreude auf das Rückspiel am 19. April 1989 riesig. Der weltbeste Fußballer Diego Armando Maradona kommt. Und ich kann hautnah dabei sein.“

Das Olympiastadion war mit 73.500 Fans ausverkauft. Das Flutlicht strahlte, ehe es Mucks Mäuschen still im weiten Rund wurde. Vor allen anderen Spielern von Neapel und Bayern kam Maradona wie ein Popstar alleine aus den Katakomben. Gemächlich schlenderte er an den zahllosen Fotografen, den anderen Balljungen und mir vorbei auf den grünen Rasen. Er hatte seinen Ball in der Hand. Er winkte allen Zuschauern zu, schickte Küsschen in die Neapel-Nordkurve. Wer dachte, dass sich Maradona wie jeder normalsterbliche Fußballer warm machen würde, wurde eines Besseren belehrt.

Diego Maradona: Standing Ovations vom ausverkauften Olympiastadion in München

Er fing im Mittelkreis an zu jonglieren, lieferte minutenlang unglaubliche Tricks ab und das gesamte Stadion bedankte sich mit Standing-Ovations. Die Südkurve feierte einen gegnerischen Spieler, was ich so noch nie erlebt habe

Dann drehte Maradona noch eine Stadionrunde mit Ball in der Luft, ehe er wieder Richtung Umkleiden trabte. Ich stand immer noch beim Aufgang zu den Kabinen und Maradona steuerte direkt auf mich zu. Er winkte den Zuschauern leidenschaftlich, auch den Bayerischen. 

Diego Maradona schenkt Balljunge Vereinsnadel des SSC Neapel statt Autogramm

Meine Augen wurden immer größer, doch dann fasste ich mir ein Herz. Ich machte einen großen Satz nach vorne, hielt  Maradona auf, meine Hand landete an seiner linken Schulter. Da ich seine Sprache nicht konnte, fragte ich ihn mit Händen und Füßen nach einem Autogramm. Ich hatte keinen Stift. Maradona setzte ein strahlendes, verständnisvoilles Lächeln auf. Er zeigte mir, dass ich warten solle, ging auf einen Neapel-Funktionär zu und entriss diesem eine SSC-Vereinsnadel. Maradona streichelte mir über den Kopf, steckte mir die Nadel an meinen FC Bayern-Trainingsanzug und verschwand in den Katakomben. Ein Gefühl wie Weihnachten.

Das Spiel endete 2:2, für mich nur noch Nebensache. Wieder holte mich die Geschichte von 1986 ein. Mein geliebter FCB schied wie die deutsche Elf zwar aus, aber ich war weniger traurig als sonst. Weil wir gegen eine Mannschaft ausgeschieden sind, die den weltbesten Fußballer in seinen Reihen hatte. Maradona drang bis in den Münchner Stadtteil Oberföhring vor. Und die Nadel habe ich heute noch. Ruhe in Frieden, Du mitreißender Fußball-Popstar.

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