Egoismus-Debatte, nächster Teil

München - Den FC Bayern bewegt die Frage, ob Spieler auch zu viel Teamgeist an den Tag legen können – was fraglos ein Luxusproblem ist.

Es stand 2:0, der FC Schalke 04 war längst besiegt, es tickten bereits die Schlussminuten ab. Doch die zuletzt so merkwürdig lethargische Offensivabteilung des FC Bayern hatte ein Elan gepackt, als könne sie mit einem couragierten Endspurt all die Tore aufholen, die man in den vergangenen Wochen versäumt hatte zu erzielen. Arjen Robben umkurvte ein paar Gegner, drang mit dem Ball am Fuß in den Strafraum ein. Er müsste schießen, dachten alle. Doch er schoss nicht. Er passte. Auf Franck Ribery. Der hatte offensichtlich aber auch gedacht, sein Teamkollege werde abziehen. Das Abspiel überraschte ihn so sehr, dass er nicht mal reagierte.

Ribery inszeniert aktuell einen vorbildlichen Mix

Später lief bei Uli Hoeneß diese Szene noch immer im Hinterstübchen ab, als er tobte, die Medien hätten den Niederländer so verwirrt mit ihren Negativberichten, dass ihn nun selbst bei aussichtsreichsten Chancen Bammel befällt. In den letzten Monaten hatte sich die Kritik am Stil des Flügelflitzers manifestiert, zu konsequent Kameraden in besseren Abschlusssituationen zu übersehen. Der Präsident findet, die Debatte sei „eine Scheiß-Diskussion“ und unterstellte einigen Medien persönliche Animositäten als Antriebsfeder ihrer Berichte. Er muss das so darstellen, und tatsächlich differierten die Kritiken in puncto Schärfe – nur ist auch Fakt, dass die Quelle des Murrens über Robbens Art innerhalb des Teams auszumachen war.

Bayern gegen Schalke: Einmal Note 1 - einer wäre besser im Bett geblieben

Immer wieder aktuell: Uli Hoeneß' explosivste Attacken

Immer wieder aktuell: Uli Hoeneß' explosivste Attacken

Jetzt, so schimpfte Hoeneß, spiele Robben ab, wenn er alleine gehen müsste – so geschehen in der Schlussphase des Schalke-Spiels, als er sogar Ribery überrumpelte mit dem Versuch, dem Franzosen das dritte Tor aufzulegen. Die Bayern werden in den nächsten Tagen den goldenen Mittelweg finden müssen, um den nächsten Teil der Egoismus-Debatte zu beenden, der ja eigentlich nun in die exakt entgegensetzte Richtung als der erste zielt. Die Kernfrage lautet in diesem Fall: Können die Spieler auch zu viel Teamgeist an den Tag legen? Zweifellos handelt es sich hierbei um ein Luxusproblem.

Zumal man ja bloß auf die andere Spielfeldseite der Bayern schauen muss, um einen Mann zu sehen, der aktuell einen recht gelungenen Mix aus individueller und selbstloser Klasse inszeniert: Ribery war auch in den schwachen Partien der vergangenen Wochen meist der auffälligste Akteur, und gegen die Schalker dominierte er die Partie nicht nur mit seinen Treffern, die über Sieg und Niederlage einzig und allein maßgeblich waren. „Es war fast eine Explosion, wie er gespielt hat“, staunte Christian Nerlinger. Wenn jemand wie der Sportdirektor, dem es bekanntlich davor graut, mit plakativen Begriffen Schwarz-Weiß-Malerei zu bedienen, schon Vergleiche mit Sprengkraft sucht, hat das viel Aussagekraft.

Immer wieder aktuell: Uli Hoeneß' explosivste Attacken

Immer wieder aktuell: Uli Hoeneß' explosivste Attacken

Immer wieder aktuell: Uli Hoeneß' explosivste Attacken

Ribery, der heuer bereits zehn Tore und zehn Vorlagen auf seinem Konto hat, ist als Zauberer unumstritten. Das war er schon immer, doch was bisher noch zu sehr in seinem Inneren ruht, ist die Fähigkeit, die Kollegen mitzureißen. Oder ihnen sogar voranzugehen. Ribery spielt nun schon seit fünf Jahren für die Bayern, er ist sportlich unantastbar und mit 28 in einem reifen Alter – es kommt die Zeit, in der er sich auch seiner Verantwortung für das Gesamtgefüge bewusst werden muss. Er kann diese Mannschaft prägen – und sollte sich nicht darauf beschränken, sie allein mit seinen Tricks zu beschenken. Gerade in der jetzigen Phase braucht das Team einen Mann, der Aufbruchstimmung symbolisiert.

„Wir hatten in letzter Zeit alle ein bisschen Angst“, sagte Ribery, „wir müssen jetzt alles gewinnen und warten, dass Dortmund Fehler macht. Wir sind jetzt wieder dabei.“ Die Schlussoffensive gegen Schalke sollte erst der Anfang sein.

Andreas Werner

Rubriklistenbild: © dpa

Auch interessant

Kommentare