Er gibt sie heraus, wenn sich der Verein auflöst

Sechzger hat Original der ersten FCB-Chronik

München - Bayern-Fans haben in einem Archiv in Berlin die erste Vereinschronik entdeckt und lassen alle mitlesen. Es gibt nur zwei Exemplare - und eines hat ein Sechzger.

Die Fan-Szene des FC Bayern ist geschichtsbewusst, das hat sie zur Genüge bewiesen, in den vergangenen Jahren mit der Wiederentdeckung von Kurt Landauer, dem jüdischen Vor- und Nachkriegspräsidenten. Einst war diese große Figur des Vereins vergessen – 2014 wurde sie bundesweit zum Begriff, als ihr die ARD einen Themenabend mit Film, Dokumentation und Diskussionsrunde widmete. Allem vorangegangen: Initiativen der Fans, namentlich des Club Nr. 12 und der Schickeria, die dafür sogar mit dem Julius-Hirsch-Preis ausgezeichnet wurde.

Nun gibt es ein neues historisches Projekt – auf die Beine gestellt haben es Leute, die sich „Erfolgsfans“ nennen. Das ist natürlich ironisch gemeint. Geht zurück auf den Vorwurf, den sich Anhänger des FC Bayern immer anhören müssen: Sie würden den Verein doch nur wegen der Titel und Siege so toll finden. Das ist bei einem wie Ruben Schulze-Fröhlich aus Pliening (Lkr. Ebersberg) nicht der Fall. Er liebt seinen Klub nach Niederlagen nicht weniger und betreibt den Podcast „Erfolgsfans“, in dessen Folgen es um das aktuelle Geschehen beim FC Bayern geht – und auch um das, was früher mal war. Mitstreiter von Schulze-Fröhlich ist Stefen Niemeyer, Bayern-Blogger aus Berlin (www.ueberdielinie.de). Sie haben eine große Wiederentdeckung gemacht: die der ersten Chronik des FC Bayern. Und sie lassen alle Interessierten daran teilhaben.

Sie wussten aus später erschienenen Büchern, dass 1925 eine Chronik des FC Bayern erschienen war. In München gibt es nur eine – nicht gut erhaltene und unvollständige – Kopie im Besitz des Club Nr. 12. Schulze-Fröhlich und Niemeyer fanden schließlich heraus, dass noch zwei Original-Exemplare existieren in Deutschland.

Ein Löwen-Fan will Dokumente erst rausrückern, „wenn sich der FC Bayern auflöst“

An das eine, das ein Sammler von alten Zeitungen und Schriften besaß, kamen sie nicht heran. „Der war ein Sechziger und hat uns gesagt, er würde die Chronik erst rausrücken, wenn unser Verein sich auflöst“, erzählt Ruben Schulze-Fröhlich. Doch das andere Buch war zugänglich: Es gehörte zum Erbe, dass der ehemalige FC-Bayern-Spieler von 1908, Harry Engel, dem Jüdischen Museum in Berlin vermacht hatte. Dort ist es weiterhin aufbewahrt – doch Stefen Niemeyer und Ruben Schulze-Fröhlich durften die 130 Seiten mit einer Spezialkamera (ohne Blitz) abfotografieren. Sie haben die 25-Jahre-FC-Bayern-Festschrift digitalisiert – und seit heute ist sie über die Seite www.erfolgsfans.com abrufbar. Im pdf-Format (auf DINA4-Format hochgezogen) oder sogar als E-Book. Gratis. In bester Qualität. Und man muss auch nicht die Sütterlin-Schrift beherrschen, um zu verstehen. Die 90 Jahre alte Chronik kommt ziemlich zeitgemäß daher.

Nicht nur optisch, sondern auch im Ton, findet Stefen Niemeyer: „Man erwartet altertümliche oder schwülstige Sprache. Tatsächlich ist sie sehr lebendig.“ Ihn habe interessiert, so der Berliner, ob sich im FC Bayern von 1925 etwas findet vom FC Bayern 2015. Und? Ja. „Es wird deutlich der Anspruch formuliert, mehr zu sein als ein Verein in der Stadt. Der FC Bayern hat sich damals schon mit internationalen Gegnern gemessen.“ Mit Teams aus England oder – ein Höhepunkt – den Boca Juniors aus Argentinien. Zweiter Punkt: Man könne auch die Rivalität zum anderen Münchner Verein spüren, die sich bereits in den ersten 25 gemeinsamen Jahren etablierte. Niemeyer: „Genüsslich wird die Bilanz von 31 Siegen und 14 Unentschieden aus 57 Spielen aufgeführt.“

Erste Klub-Wappen, Hymnen und Mannschaftsfotos

Was man noch findet in der Chronik: die ersten Wappen des FC Bayern (mit Blau – das ergab die Recherche), die ersten Hymnen und Lieder, Aufnahmen früherer Spielstätten. Und vor allem: Mannschaftsfotos, Ehrentafeln, viele viele Namen. Schulze-Fröhlich und Niemeyer hoffen, dass sich Nachkommen damaliger Spieler bei ihnen melden, dass sich herausfinden lässt, was aus den ersten Generationen beim FC Bayern geworden ist.

Die Geschichte ist noch nicht fertig erzählt, sie soll immer weiter gehen.

Günter Klein

Rubriklistenbild: © MIS

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