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„Nicht der Typ Spieler, auf den Ancelottti steht“: Thon über Schalkes Goretzka.

Interview mit Sport1-Experte

Thon: Ich glaube, Ancelotti steht nicht auf Goretzka

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Olaf Thon über die Talentförderung des FC Bayern, Leon Goretzkas Zukunft und 100 Millionen für Manuel Neuer 

München – Olaf Thon (51) wird das Halbfinal-Hinspiel um die Deutsche U-19-Meisterschaft zwischen „seinem“ FC Schalke und dem FC Bayern heute im Grünwalder Stadion (16 Uhr/Sport1) zwar verpassen, er fuhr aus terminlichen Gründen bereits gestern von München nach Hause. Dennoch wird der Weltmeister bei dem Duell seiner beiden ehemaligen Klubs zuhause zuschalten. In unserem Interview analysiert der „Sport1“-Experte die Jugendarbeit der Kontrahenten.

Herr Thon, wenn wir über junge Fußballer sprechen, die zu Großem berufen sind, sind wir bei Ihnen genau richtig: Mit 18 schon Pokalheld. Was haben Sie von diesem 6:6 im Halbfinale gegen Bayern im Jahr 1984 noch heute im Kopf?

Olaf Thon: Ich war 18 Jahre und einen Tag alt, tags zuvor hatte ich Geburtstag. Eigentlich hätte ich noch A-Junioren spielen können. Es war ein unfassbares Erlebnis, und ich kann mich heute gut in junge Spieler hineinversetzen, die jetzt Außergewöhnliches erleben. Aktuell denke ich da an Ajax Amsterdam, das mit einigen 17-, 18-Jährigen vor dem Einzug ins Europa League-Finale steht. Aber auch bei Schalke haben wir eine stolze Tradition, Talente zu formen: Manuel Neuer, Mesut Özil, Benedikt Höwedes, Julian Draxler, Max Meyer, Leroy Sane, jetzt Thilo Kehrer – die Liste ist lang. Und diese U 19 hat sicher auch wieder Spieler, die es in die Erste Liga schaffen.

Wo wäre der 18-jährige Olaf Thon heute – auch schon bei den Profis?

Thon: Ich hoffe doch (lacht). Aber es ist heute viel, viel schwerer, sich als Junger durchzusetzen, weil früher weniger Ausländer pro Team zugelassen waren. Heute müssen Klubs ja fast zu ihrem Glück gezwungen werden, wenn sie nicht die große Kaufkraft haben und deshalb auf Jugendarbeit setzen müssen. Wie Ajax jetzt zum Beispiel oder auch Benfica Lissabon. Der FC Bayern hat hingegen das Kunststück geschafft, Philipp Lahm oder Thomas Müller zu halten, obwohl sie viele haben wollten – und gleichzeitig anderen deren Spitzenleute wegzukaufen. Uns Schalkern zum Beispiel Manuel Neuer. Damit wurde uns das Herz herausgerissen – und das für einen Schnäppchenpreis von 30 Millionen Euro. Ich habe damals schon gesagt, er müsste 100 Millionen kosten. Damals haben alle gelächelt. Wie sich die Summen aber entwickelt haben, muss man heute klar sagen: Manuel Neuer wäre bei einem Wechsel sicher seine 100 Millionen wert. Er wird aber nie mehr wechseln.

Generell hapert es jedoch beim Bayern-Nachwuchs, seit Jahren. Die „Knappenschmiede“ ist erfolgreicher. Warum – was macht Schalke so gut?

Thon: Ja, ich war ehrlich gesagt etwas überrascht, dass Bayern bis ins U-19-Halbfinale gekommen ist. Bodo Mentze und Norbert Elgert haben die „Knappenschmiede“ mit den jeweiligen Vorständen vor Jahren exzellent aufgebaut. Leider verlieren wir im Gegensatz zu Bayern unsere Talente meist ab einem gewissen Alter. Zuletzt Leroy Sane, jetzt erwägt Leon Goretzka den Abschied. Aber wir bleiben dran, auch wir bauen ein neues Nachwuchsleistungszentrum wie Bayern in Fröttmaning, und dazu sogar ein extra Stadion mit 10.000 Zuschauern für die Nachwuchsteams. Wir bleiben attraktiv.

Sane trauern die Bayern-Fans nach – haben die Münchner Bosse verpasst, ihn zu sich zu holen?

Thon: Schalke und mir ist es lieber, dass er nicht beim FC Bayern gelandet ist. Da bin ich ehrlich. Ich denke, ein Jahr länger bei uns wäre für seine Entwicklung besser gewesen. Er hat aber nach einem halben Jahr bei Manchester City Fuß gefasst, weil sich Qualität durchsetzt. Bei Bayern hätte er es noch schwerer gehabt, weil das mit Real Madrid und dem FC Barcelona einfach ein Klub ist, der noch eine Stufe über dem Rest steht. Zumindest aktuell – denn die Engländer werden mit ihrem vielen Geld bald aufrücken.

Leon Goretzka steht auf der Münchner Einkaufsliste weit oben.

Thon: Er ist ein riesiges Talent und hat die Geschicke in unserem Mittelfeld in die Hand genommen, war zum Beispiel gegen Ajax enorm stark. Er ist schon jetzt eine Führungsfigur, kann kämpfen und hat Ideen. Natürlich ist so einer für den FC Bayern interessant, und er kann da auch bestehen. Ob es aber der richtige Weg wäre? Wir wollen ihn behalten, auch wenn man weniger Argumente hat, wenn man das internationale Geschäft verpasst. Es wird sicher schwer, Goretzka zu halten. Von meinem Gefühl her ist er aber nicht der Typ Spieler, auf den Carlo Ancelotti steht. Ich hoffe, er bleibt bei uns.

Junge Spieler in München: ein Endlosthema. Aktuell scheinen es Talente noch schwerer zu haben.

Thon: Carlo Ancelotti ist einer der besten Trainer der Welt. Mir hat Pep Guardiola aber besser gefallen: Seine Spielweise, seine Ideen und auch seine Fähigkeiten als Entwickler. Bei Ancelotti steckt noch der gute alte Catenaccio drin. Für junge Spieler scheint es unter ihm schwerer zu sein. Jupp Heynckes hat Toni Kroos aufgebaut, Louis van Gaal Müller, Holger Badstuber und David Alaba eingebaut, Guardiola Joshua Kimmich – Ancelotti ist da nicht so der Typ.

Wo Sie gerade Badstuber ansprechen – wie, wo sehen Sie seine Zukunft, er ist ja bis Sommer vom FC Bayern ausgeliehen?

Thon: Ich denke, bei Bayern hat er keine Chance mehr. In Schalke hat er sich noch nicht zur Stammkraft entwickelt, aber er brauchte da noch Zeit nach seinen langen Verletzungen. Ich würde ihm nächstes Jahr zu Schalke raten. Er kann hier eine gute Rolle spielen.

Kimmich und Renato Sanches sind zwei Spieler, die wie Sie früher im zentralen Mittelfeld beheimatet sind. Wie sehen Sie sie?

Thon: Kimmich ist schnell und wird rechts hinten ein sehr guter Ersatz für Philipp Lahm. Sanches musste sich bei Bayern erst zurechtfinden, er hat die Klasse. Ein Ausländer, noch dazu so jung, da ist eine Schonzeit nötig. Ich bin fest davon überzeugt, dass Sanches nächstes Jahr explodiert. Die Bayern grübeln vielleicht gerade, ob sie richtig in das Team investieren sollen, aber ich denke, sie brauchen das gar nicht zu tun, nicht dieses Jahr. Sie haben Sanches, Coman, Kimmich, die sich entwickeln sollen. Und sie haben auch noch ein Jahr mit Arjen Robben und Franck Ribery. Es macht keinen Sinn, den Aufbauprozess schon wieder über den Haufen zu werfen. Sie brauchen nur einen 6er, einen Rechtsverteidiger und einen Stürmer – der aber nicht Mario Gomez heißt.

Bayern will nun die Jugendarbeit im großen Stil revolutionieren. Was erwarten Sie vom Nachwuchsleistungszentrum?

Thon: Sehr viel. Leipzig hat da Maßstäbe gesetzt, auch im Ausland sind viele Klubs meilenweit voraus. Die Bayern mussten da nachziehen. Hermann Gerland soll das führen, bei ihm kann man davon ausgehen, dass er weiß, was er tut. Da dürfen wir also einiges erwarten. Ich bin gespannt, wann es den Bayern gelingt, mal einen 18-Jährigen in ihrer ersten Elf zu etablieren. Wichtig ist, dass man eine Philosophie hat, die auch der Trainer mitträgt. Die Bayern können Vorreiter werden – allerdings wäre es mir lieber, dass Schalke 04 die Rolle des Vorreiters einnimmt (grinst).

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