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"Jeder Spieler muss der Patron in seiner Zone sein, in den 90 Minuten gibt es kein Pardon" - Bayern-Verteidiger Medhi Benatia.

Ehrliche Worte vom Neuzugang

Benatia im Merkur-Interview: "Ribérys Streiche fehlen mir"

  • vonHanna Raif
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  • Andreas Werner
    Andreas Werner
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München - FC Bayern-Star Medhi Benatia spricht im Interview mit dem Münchner Merkur über seine turbulente Jugend, Blut und Schweiß, Identitätsdebatten und Maschinengewehrjubel.

Medhi Benatia erscheint in spektakulärem Outfit zum Interview. Die Klamotten hat der französische Rapper „Booba“ designed, erklärt er. Man ist befreundet, auch Real-Star Karim Benzema gehört zum Zirkel. Der 28-Jährige wurde in den Vororten von Paris geprägt, nun verteidigt er für die Bayern. Unerbittlich.

Herr Benatia, erstes Spiel, erstes Tor – wenn es so weitergeht, sind sie am Ende bei 34 Saisontoren . . .

(lacht) Uns Verteidiger motivieren Tore zwar auch, aber ich werde wohl keine 34 schießen. Lieber hätte ich sowieso 34 Siege. Das ist wichtiger.

Früher haben Sie Ihre Tore mit einem Maschinengewehrjubel gefeiert. Warum dieses Mal nicht?

Ich habe damit in Rom angefangen, weil es mir Glück gebracht hat. Nachdem ich es bei meinem ersten Bayern-Tor gemacht habe, hat mich der Klub aber gebeten, es zu lassen. Das ist mir wichtig, dass die Fans das auch einmal wissen, nicht dass da ein falsches Bild von mir entsteht: Es sollte keine politische oder militärische Botschaft von mir dahinterstecken. Es war einfach ein Bild, das sagen sollte: Ich schieße viele Tore, zackzackzack. Damit wollte ich niemanden verletzten oder aggressiv rüberkommen. Ich habe auch kein Problem, die Geste zu lassen.

Beim AS Rom haben Sie einmal sieben Saisontore geschossen – wollen Sie diese Marke toppen?

Bei Bayern willst du immer attackieren. Meine erste Aufgabe als Verteidiger ist aber nicht Toreschießen. Ich habe allerdings schon immer ein Gespür, wo die Bälle hinfliegen, vor allem bei Standards – mehr als sieben Saisontore wäre schön.

"Fußball ist schön, eine gute Bildung ist wichtiger" - Medhi Benatia im Gespräch auf französisch mit den Redakteuren Hanna Schmalenbach und Andreas Werner. Links: Dolmetscher Ralf Mackrodt. In Ihrer Einstandssaison waren Sie oft verletzt – erlebt der FC Bayern jetzt erst den richtigen Benatia?

"Fußball ist schön, eine gute Bildung ist wichtiger" - Medhi Benatia im Gespräch auf französisch mit den Redakteuren Hanna Schmalenbach und Andreas Werner. Links: Dolmetscher Ralf Mackrodt.

Das erste Jahr war schwer, ich musste erst ankommen: Neues Land, neue Sprache, neue Mentalität. Dazu war ich körperlich nicht top drauf in der Vorbereitung, das brauche ich aber. Ich bekam keine Kontinuität in mein Spiel. Die Vorbereitung dieses Jahr lief nun super. Ich fühle mich jetzt besser und inzwischen zuhause.

Sind Sie Stammspieler?

Die Frage muss Pep Guardiola beantworten. Ich habe auf jeden Fall meinen Platz in der Kabine – und dort warte ich, dass der Trainer mich aufruft. Dann gebe ich immer 100 Prozent. Ich bin auch keiner, der schummelt – ich sage auch, wenn ich mal nicht bei 100 Prozent bin. Sonst hilfst du dieser Mannschaft nicht weiter.

Sie haben sich mal als „eklig“ und „unerbittlich“ auf dem Platz beschrieben – ist das Ihr Naturell?

Ich respektiere jeden Menschen – aber in den 90 Minuten, verstehen Sie mich da nicht falsch, gibt es kein Pardon für meinen Gegner. Jeder Spieler muss der „Patron“, der Chef, in seiner Zone sein. So ist mein Spiel angelegt. In meiner Zone bin ich der Boss, da gebe ich den Ton an. Ich muss in dieser Zone den Ball kriegen. Immer. Wenn ich 50 Prozent meiner Bälle verliere, kann ich auch zuhause bleiben. Dann habe ich nicht die Leistung gebracht, die ich bringen muss. Ich sage immer: Den Ball verlieren, mal einen Fehlpass spielen, das passiert, wir sind alle Menschen und niemand ist perfekt. Aber ein Verteidiger muss immer aggressiv sein, da darf dir in deiner Zone keiner auf der Nase herumtanzen. Nach Abpfiff kann man sich ja trotzdem umarmen.

Sie wuchsen in Evry auf, einem Problemviertel am Rande von Paris. Beschreiben Sie doch einmal bitte Ihre Kindheit und Jugend.

Ohne den Fußball wüsste ich nicht, wo ich heute wäre. Ich war nie so gerne in der Schule, hatte früher Probleme mit Autoritäten und ließ mir wenig sagen. Meine Jugend war, sagen wir es mal so: sehr turbulent. Das habe ich alles hinter mir. Ich bin jetzt Familienvater und bemühe mich heute, ein Vorbild für meine Kinder zu sein. In der Jugend hatte ich aber nicht nur einfache Momente.

Und der Fußball hat Sie praktisch gerettet?

Ja, das kann man wirklich sagen. Sehen Sie: Ich bin abends nach der Schule nie nach Hause, sondern habe immer nur Fußball gespielt. Manchmal haben wir sogar nur so getan, als wären wir in die Schule gegangen und waren in Wahrheit kicken. Dann bekam meine Mutter einen Anruf von der Schule, wo ich sei. Es war unvernünftig von uns und verrückt – aber Fußball hat uns auch davor bewahrt, krumme Dinger zu drehen. Heute sage ich meinen Kindern, dass sie zur Schule gehen sollen. Bildung ist wichtig, das öffnet ihnen alle Türen. Fußball ist schön, gute Bildung wichtiger.

Wie ist es denn mit Ihrem vierjährigen Sohn: Will er Fußballer werden?

Er hat auf jeden Fall Talent und bereits einen unglaublichen Schuss. Er ist wirklich fußballverrückt. Für mich ist das ab und zu anstrengend: Ich komme vom Training nach Hause – und er will kicken. Ich sage: „Ich habe Schmerzen!“ Er bleibt aber hart: „Komm’ Papa, spiel’ mit mir!“ Und er hat den ganzen Tag Bayern-Klamotten an, den ganzen Tag (lacht)!

Singt er schon den „Stern des Südens“ mit?

Er versucht es. In Rom hat er schon ganz gut Italienisch gelernt, da hat er „Bella Roma“ prima mitgesungen. Warten Sie ein Jahr – dann singt er den „Stern des Südens“ perfekt!

Zurück zu Ihrer Kindheit: Sind Sie denn noch ein echter Straßenfußballer?

Ja. Mein Bolzplatz war die Straße, jedes noch so kleine Plätzchen war gerade richtig. Unsere Torpfosten waren zwei T-Shirts. Abends waren die Knie blutig und die Hosen zerrissen. Immer. Mama fragte mich: „Warum spielst du Fußball? Warum gehst du nie in die Schule? Das muss doch mal langweilig werden!“ Ehrlich gesagt, glaube ich, hat sie es bis heute nicht verstanden. Für sie war es damals nicht leicht mit mir, aber sie freut sich inzwischen für mich und weiß, dass es gut gegangen ist. Es wäre nicht richtig, zu sagen, der Fußball hat mein Leben verändert. Richtig ist: Der Fußball hat mein Leben komplett verändert. Ich hatte nur zwei Optionen: Fußball – oder sehr große Schwierigkeiten. Mir haben viele Leute geholfen, auch Gott. Ich besuche heute noch Leute in Evry. Ich werde nie vergessen, wo ich herkomme.

Mit 13 kamen Sie aufs Fußballinternat nach Clairefontaine. Wie war das?

Das war ein neues Leben. Mit 12 Jahren machen 600 bis 800 Talente einen Eignungstest, übrig bleiben 25. Mit 13 dürfen sie auf die Akademie. Du warst dort eingesperrt und wurdest jeden Tag genau beobachtet, nach Hause durftest du nur am Wochenende. Mit 13 ist das schwer, so ohne Familie. Aber du denkst nur an Fußball, und das hilft dir. Das hielt mich davon ab, auf der Straße herumzustreunen. Meine Mutter atmete auf. Sie sagt heute: „Es war schwer, weil du nicht mehr da warst – aber ich musste mir auch keine Sorgen machen.“

Franck Ribery kommt aus ähnlichen Verhältnissen. Wie wichtig ist er für Sie?

Franck muss man einfach mögen, er ist ein fantastischer Mensch: Immer gute Laune. Nachdem ich bei Bayern unterschrieben hatte, rief er sofort an und sagte, wenn ich irgendwas brauche, kann ich mich immer melden. Ich bin kein Typ, der andere belästigt, aber ich weiß, wenn ich ihn brauche, ist er für mich da. Er ist wie ein Bruder für mich.

Seine Streiche sind berüchtigt. Wie oft wurden Sie schon sein Opfer?

(lacht) Jeden Tag, jeden Tag! Nur in letzter Zeit weniger, leider. Er ist ein Fußballbesessener, er will spielen und man merkt ihm an, dass er sich wegen seiner Verletzung ärgert. Seine Streiche fehlen mir. Es wird Zeit, dass er zurückkehrt. Aber er kommt wieder – und das noch stärker als vorher.

Fühlt er sich von Douglas Costa bedroht?

Wenn man Franck Ribery heißt, braucht man sich nicht bedroht zu fühlen. Da weiß man, was man kann. Douglas hilft uns dennoch sehr, das ist ein richtig guter Neuzugang. Die beiden werden keine Probleme miteinander haben, sondern sie werden uns viele Siege garantieren. Zusammen.

Wie steht es um Ihr Deutsch? Xabi Alonso sagte neulich, das Verrückteste, was er auf Deutsch gehört hat, ist „Flüssigkeitshaushalt ausgleichen“ . . .

Wie war das Wort?

Flüssigkeitshaushalt.

(lacht) Boah, das ist ein unglaubliches Wort! Neulich fuhr ich im Auto und habe versucht, im Radio wenigstens mal ein Wort zu verstehen – ich habe nicht ein Wort verstanden, nicht eines! Sie sprechen da aber auch schon schnell. Da verzweifle ich ein bisschen. Deutsch ist sehr schwer. Die Fachtermini im Fußball verstehe ich aber inzwischen. In der Kabine spreche ich mit den Deutschen Englisch, dazu mit Rafinha Italienisch, mit Dante und Franck Französisch – die Kommunikation funktioniert.

Ihr Vorbild ist Paulo Maldini, der 17 Jahre für den AC Mailand kickte. Wollen Sie beim FC Bayern nun auch sesshaft werden?

Warum nicht für immer FC Bayern? Das ist einer der Top 3 von Europa. Wenn du hier bist, willst du nicht mehr weg. Ich habe noch vier Jahre Vertrag, so lange möchte ich auf jeden Fall bleiben – gerne auch noch länger. Dafür muss ich allerdings immer Leistung bringen.

In Italien verteidigen die Verteidiger – Guardiola fordert, dass sie mitspielen. Ist das auch Ihr Stil?

Guardiola hat eine sehr offensive Vision vom Spiel. Das ist neu für mich, ich lerne enorm viel und nehme seine Tipps an. Ich finde diese Art schön.

Sie gelten neben Thiago als ein Spieler, den Guardiola unbedingt wollte

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Ich habe keine Spezialrechte bei ihm. Guardiola ist vom Fußball besessen. Ich genieße es, mit ihm zu arbeiten. Guardiola ist es gewohnt, alles zu gewinnen. Das lebt er vor. Er ist für die großen Wettkämpfe geboren. Ich bin oft einer der Letzten, der das Trainingsgelände verlässt – aber Guardiola ist immer länger als ich da.

Können Sie die Debatte verstehen, dass dem FC Bayern langsam die bayerische Identität verloren geht?

Ehrlich gesagt nein. Ein großer Klub braucht gute Spieler, egal, woher sie kommen. Und ich identifiziere mich komplett mit dem FC Bayern. Jeder bei uns in der Mannschaft weiß, dass er glücklich sein muss, hier zu sein zu dürfen. Ich lebe gerade meinen Traum, mein Herz gehört voll und ganz dem FC Bayern. Ich hatte jetzt Angebote von Juventus Turin und Inter Mailand, das schmeichelt, es zeigt, ich bin keine Eintagsfliege. Aber der FC Bayern ist mein Zuhause. Für mich gibt es keinen Gedanken, zu gehen. Im Gegenteil. Ich gebe mein Blut, meinen Schweiß, ich gebe alles für diesen Klub und will hier alle Titel gewinnen.

Können Sie denn schon „Mia san mia“ sagen?

(wie aus der Pistole geschossen) Mia san mia. Ich finde, das ist ein schönes Motiv. Außenstehende behaupten vielleicht, das sei arrogant. Aber ich habe mir das erklären lassen und finde: Wenn du hier bei Bayern bist, musst du das auch aussprechen dürfen.

Hat Sie der Wechsel zu Bayern in Ihrer Heimat Marokko populärer gemacht?

Ja, die Leute sind stolz, dass einer von ihnen jetzt ins große Weltgeschehen des Fußballs eingreift. Wir haben ja leider nicht so viele Marokkaner im Spitzenfußball. Die Menschen in Marokko sind fußballverrückt. Wissen Sie: Ich habe in Evry in kleinen Gassen gespielt – doch das war nichts im Vergleich zu Marokko. Da spielen die Leute mit zusammengeknüllten Zeitungen auf Schotterpisten. Alles ist sehr arm. Ich fahre immer gern nach Marokko, die Fans sind herzlich, ich kann ihnen nie genug danken.

Und ist Ihr Bayern-Trikot nun der große Verkaufs-Hit in Marrakesch, auf dem Platz der Gaukler?

Ja, überall sehe ich Kinder damit herumlaufen, in der Stadt, am Strand – leider sind es keine Originale. Wenn „adidas“ das sehen würde, wären sie nicht so glücklich. Aber man muss das verstehen: Bei den wenigen Mitteln, die sie da haben, geht es nicht anders.

Robert de Niro und Al Pacino sind Ihre Lieblingsschauspieler. Beide spielen gerne den Finsterling. Sind Sie das auch: Der Finsterling auf dem Fußballplatz?

(lacht) Nein, ich möchte nicht das Bad-Boy-Image haben. Ich mag nur ihre Filme. Das eine ist Fiktion, das andere Fußball. Da gibt es einige Unterschiede. Es soll keiner denken, ich will der Mafioso auf dem Platz sein.

Interview: Hanna Schmalenbach und Andreas Werner

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