Am Boden zerstört: Thiago.
+
Am Boden zerstört: Thiago.

Nach der Pokal-Enttäuschung

Die Zukunft des FC Bayern hat begonnen

  • Marc Beyer
    vonMarc Beyer
    schließen

München - Die Fakten sind ernüchternd: In dieser Saison wird der FC Bayern nur einen Titel abräumen. Was hat diese magere Ausbeute für Folgen an der Säbener Straße?

Dass sie sich schlecht vorbereitet hätten auf die Herausforderungen des Abends, kann man den Männern vom FC Bayern wahrlich nicht vorwerfen. Sie waren sogar erstklassig eingestellt. Als die 2:3-Niederlage gegen Borussia Dortmund amtlich war, dauerte es nur wenige Sekunden, ehe ein Pop-Klassiker aus den Neunzigern mit dem treffenden Titel „Bittersweet symphony“ erklang. So ein Lied zieht man nicht spontan aus der Schublade. Songs über die bittere Seite des Lebens legt man sich vorher bereit, wenn man das ungute Gefühl hat, sie könnten nötig sein, um der allgemeinen Tristesse einen Soundtrack zu verleihen.

Der Mittwochabend war so ein Moment. Kurz bevor Karl-Heinz Rummenigge sich vor den Mikrofonen aufstellte, waren bereits Bierkästen durch die Interviewzone in Richtung der Gästekabine getragen worden, aus der laute Partymusik dröhnte. Auch der BVB hatte seinen Soundtrack zum Spiel. Es kostete den Vorstandsboss der Bayern einige Disziplin, seinen Gefühlen nicht wieder freien Lauf zu lassen wie vor einer Woche in Madrid („Wir sind beschissen worden“), als man sich auf ähnlich schmerzhafte Weise von einer Titelambition hatte verabschieden müssen. Rummenigges Worte waren diesmal wohlbedacht und in Anbetracht der Umstände durchaus diplomatisch. Der Subtext klang gleichwohl unüberhörbar durch.

„Altherrenmannschaft“: So kritisieren die User den FC Bayern

„In Ruhe die Wunden lecken“

Während Spieler wie Mats Hummels freimütig einräumten, man könne es „auf jeden Fall so formulieren“, dass ein Titel eine enttäuschende Saisonausbeute sei, verweigerte der Boss auf diese brisante Frage die Aussage auf eine Weise, die dann doch eine Aussage war. Er empfahl, „in Ruhe die Wunden zu lecken. Jetzt ist kein guter Abend, um über die Zukunft nachzudenken.“ Zumindest nicht öffentlich, denn intern hat die Zukunft längst begonnen.

Die Schwächen eines hochkarätig, aber unrund besetzten Kaders traten in den vergangenen Wochen deutlich zu Tage. Zu Robert Lewandowski gibt es im Sturm keine Alternative, was sich nach seiner Schulterverletzung - ausgerechnet aus dem Ligaspiel gegen Dortmund - als fatal erwies. Für betagte Stars wie Alonso, Robben oder Ribery gäbe es zwar potenzielle Erben, doch weder Sanches und Kimmich noch Costa und Coman haben sich in den vergangenen Monaten weiterentwickelt.

Fünf 4er - zwei 5er: Bilder und die Noten der Bayern-Stars

FC Bayern München Borussia Dortmund
FC Bayern München Borussia Dortmund DFB-Pokal
FC Bayern München Borussia Dortmund DFB-Pokal
FC Bayern München Borussia Dortmund DFB-Pokal
Fünf 4er - zwei 5er: Bilder und die Noten der Bayern-Stars

Ancelottis Gesicht der Enttäuschung

Es ist darum absehbar, dass auch die Rolle des Trainers gründlich hinterfragt werden wird. Carlo Ancelottis Gesichtsausdruck nach dem Spiel war nicht anders als in den vergangenen Wochen bis Monaten. Der Unterschied lag in der Deutung. Als es für die Bayern besser lief, war das sparsame Mienenspiel des Trainers sichtbarer Ausdruck der Qualitäten eines tiefenentspannten Menschenfängers. Nun hingegen muss es als Gesicht der Enttäuschung herhalten, die sich über den ganzen Verein gelegt hat. Zeitgleich saß oben auf der Tribüne Julian Nagelsmann, der allseits begehrte Hoffenheimer Trainer. Er trug einen roten Mantel, ausgerechnet.

Der Ruf Ancelottis, dieses weltweit anerkannten Fachmanns für die entscheidenden Saisonphasen, hat in den vergangenen Wochen gelitten. Er hat einige wichtige Spiele verloren und seltsame Auswechslungen angeordnet. Wenigstens diesen Vorwurf musste er sich am Mittwoch nicht gefallen lassen. Der Abgang des bis dahin souveränen, aber lädierten Hummels war zwar ein Schlüsselmoment, doch an der Richtigkeit der Entscheidung bestand nicht der Hauch eines Zweifels.

Hummels hadert mit Chancenverwertung

Zu diesem Zeitpunkt hätte man aber längst enteilt sein müssen. „Ich weiß gar nicht, wie wir das geschafft haben, nicht 3:1 zu führen“, rätselte Hummels. Das eklatanteste Versäumnis leisteten sich die Kollegen kurz nach seiner Auswechslung, als erst Lewandowski zu umständlich agierte und dann Arjen Robben an der Fußspitze Sven Benders und am Pfosten scheiterte. „Im Endeffekt“, ahnte der Niederländer, „sind wir selber schuld.“

Die Bayern haben so etwas gegen die Dortmunder schon öfter erlebt: Ob vor zwei Jahren im Pokal, wo sie trotz turmhoher Überlegenheit in einem slapstickhaften Elfmeterschießen scheiterten, oder im vorentscheidenden Ligaspiel 2012, als sie ähnlich verschwenderisch mit ihren Chancen umgingen. Der Mittwochabend wirkte wie die Verschmelzung beider Partien. So einen Abend vergisst man nicht so leicht.

Fünf 4er - zwei 5er: Bilder und die Noten der Bayern-Stars

FC Bayern München Borussia Dortmund
FC Bayern München Borussia Dortmund DFB-Pokal
FC Bayern München Borussia Dortmund DFB-Pokal
FC Bayern München Borussia Dortmund DFB-Pokal
Fünf 4er - zwei 5er: Bilder und die Noten der Bayern-Stars

Nimmt sich Bayern den BVB zum Vorbild?

Ein weiteres Duell, das Pokalfinale 2012, ist ebenfalls in lebhafter Erinnerung. Der Dortmunder 5:2-Sieg löste damals in München eine radikale Reaktion aus, in deren Verlauf die Bayern sehr bald sehr viel Geld in die Hand nahmen (40 Millionen für Javi Martinez) und der BVB drei seiner besten Spieler (Götze, Lewandowski, Hummels) verlor. Mehr gezwungen als freiwillig verjüngten die Dortmunder vor einem Jahr ihren Kader drastisch. Ähnliches (wenn auch nicht so krass) steht nun auch Bayern bevor.

Mats Hummels wirkte regelrecht erleichtert, als er die naheliegende Frage nach der Zukunftsplanung des Vereines mit der Begründung abwehrte, das sei „nicht mein Gebiet, soweit ich meinen Vertrag kenne“. Noch weiß er nicht, „welche Rädchen anfangen, sich zu drehen“. Doch dass sich im Hintergrund das Räderwerk unmerklich in Bewegung setzt, ist ihm bewusst. Womöglich, glaubt Hummels, wird der bittere Mittwochabend dafür sorgen, „dass da wieder richtig was vorangetrieben wird“.

Marc Beyer

WhatsApp-News zum FC Bayern gratis aufs Handy: tz.de bietet einen besonderen Service für FCB-Fans an. Sie bekommen regelmäßig die neuesten Nachrichten zu den Roten direkt per WhatsApp auf Ihr Smartphone. Und das kostenlos: Hier anmelden!

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare