Martin Stadler kickte in der Jugend für den FC Bayern München. Er galt als vielversprechendes Talent, riss sich dann allerdings das Kreuzband. Der Mittelfeldspieler im Interview.
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Martin Stadler kickte in der Jugend für den FC Bayern München. Er galt als vielversprechendes Talent, riss sich dann allerdings das Kreuzband. Der Mittelfeldspieler im Interview.

Martin Stadler über die Nachwuchsarbeit des FCB

Jugend-Kapitän des FC Bayern im Interview: „Am Ende wird knallhart aussortiert“

  • Andreas Schmid
    vonAndreas Schmid
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Schon lange hat sich kein Nachwuchsspieler mehr beim FC Bayern etabliert. Einer, der die Jugendarbeit des FCB hautnah erlebt hat, ist Martin Stadler. Interview.

Rosenheim - Martin Stadler wechselte mit 13 Jahren in die Jugend des FC Bayern München. Bis zur U17 war der heute 25-Jährige Stammspieler und sogar Kapitän. Doch dann warf den zentralen Mittelfeldspieler ein Kreuzbandriss zurück. Der Traum von der Profikarriere platzte. Ein Gespräch über Druck im Jugendbereich und die Nachwuchsarbeit des deutschen Rekordmeisters

Martin Stadler: Du musst schon eine richtige Granate sein, um eine Chance im Profikader zu haben“

Herr Stadler, einige Ihrer ehemaligen Mitspieler haben den Sprung zu den Profis geschafft. Leopold Zingerle (Paderborn), Benno Schmitz (Köln), Alessandro Schöpf (Schalke), Emre Can (Dortmund) und Philipp Max (Augsburg) spielen aktuell in der Bundesliga. Waren sie einfach besser als Sie? 

Das würde ich so nicht sagen. Als ich topfit war, konnte ich mit diesen Spielern mit Sicherheit mithalten, auch wenn Emre Can oder Alessandro Schöpf schon auch zusätzlich noch das gewisse Etwas hatten und in meiner Mannschaft besonders herausstachen. 

Bei diesen Spielern fällt auf, dass sie allesamt nicht mehr in München unter Vertrag stehen. Bis auf Emre Can (sieben Einsätze), hat keiner von ihnen je für die Profis der Roten gespielt. Bekommt man als junger Spieler keine Chance in der Ersten Mannschaft des FCB? 

Dass es beim FC Bayern extrem schwierig ist, hört man ja immer wieder. Da musst du schon eine richtige Granate sein, um eine Chance im Profikader zu haben. Bei Bayern ist es nun mal so, dass, wenn ein Spieler gebraucht wird, er eben gekauft wird. Du musst dann zur richtigen Zeit den richtigen Trainer haben, wie Thomas Müller damals mit Louis van Gaal oder vielleicht auch den richtigen Berater. Dass man aus der Jugend direkt zu Spielzeiten bei den Profis kommt, bewerte ich als fast unmöglich. Da muss man schon ein echtes Ausnahmetalent sein. 

Martin Stadler: „Man sollte der Jugend vermehrt die Chance und das Vertrauen bei den Profis geben“

Seit David Alaba und eben Thomas Müller hat sich kein sogenannter „Local Player“ beim FC Bayern etablieren können. Beide standen schon im Champions-League-Finale 2013 auf dem Platz. Sollten die Klubbosse in Zukunft mehr auf den eigenen Nachwuchs setzen? 

Ja, ich glaube allerdings, der Trend geht generell wieder in die Richtung, sich mehr auf die Jugendarbeit zu konzentrieren, vor allem auch wenn man sich die horrenden Ablösesummen auf dem Transfermarkt ansieht. Da ist ein Talent aus den eigenen Reihen natürlich wesentlich billiger. Aber man sieht es ja auch beim FC Bayern, wo mit dem neuen Jugendcampus (Fertigstellung im August 2017, d. Red.) verstärkt der Fokus auf den Nachwuchs gelegt wurde. 

Sehen die Fans des FC Bayern in Zukunft also öfter einen Nachwuchsspieler in der Allianz Arena

Es wäre schön. Die Junioren bekommen über Jahre hin eine extrem gute Ausbildung. Mit Sicherheit kann man sich in den Nachwuchsteams den ein oder anderen Spieler so formen, wie man ihn später haben will. Man sollte den jungen Spielern deshalb vermehrt die Chance und das Vertrauen bei den Profis geben. 

Gibt es aufgrund der geringen Durchlässigkeit zu den Profis eine gewisse Drucksituation in den Jugendteams? 

Dieser Leistungsdruck ist definitiv da und wird auch von Trainern und Verantwortlichen weitergegeben. Wenn die Leistung dann eben nicht mehr stimmt, wird auch dementsprechend damit umgegangen und einem das auch mitgeteilt. 

Martin Stadler: „Am Ende wird knallhart aussortiert“

Wie haben Sie diese Situation beim FC Bayern erlebt? 

Von der U14 bis zur U17 waren im Jahr circa acht Probespieler im Training, Ende des Jahres wurden immer drei bis sechs Spieler aussortiert und durch andere ersetzt. Am Ende einer Saison gab es außerdem bestimmte Übernahmegespräche, in denen einem gesagt wurde: 'Was passt gut? Was weniger gut?' Deswegen gab es schon einen gewissen Druck, von Jahr zu Jahr weiterzukommen - auch, wenn man weiß, dass am Ende knallhart aussortiert wird. 

In der U17-Saison 2010/11 haben Sie 24 von 26 Spielen gemacht. Sie waren unumstrittener Stammspieler und Kapitän beim erfolgreichsten Verein des Landes. Denkt man da schon an die große Fußballbühne Bundesliga?

Klar, da macht man sich schon seine Gedanken, dass man den Sprung in den Profifußball schaffen kann, auch wenn es trotzdem noch ein weiter Weg war. Ich kam dann in das Alter, in dem die Situation ernster wurde, die Schritte zum Profi wurden weniger. Zu dem Zeitpunkt unterschrieb ich auch meinen ersten Vertrag und in den Gesprächen wurde mir signalisiert, dass es funktionieren kann, wenn nichts dazwischenkommt. 

Aber es kam etwas dazwischen. 

Ja, leider habe ich mir das Kreuzband gerissen und musste längere Zeit auf Fußball verzichten. 

Wie ist der Klub in dieser für Sie schwierigen Zeit mit Ihnen umgegangen? 

Der Verein ist in der Zeit absolut top mit mir umgegangen, hat mich an die Hand genommen und mir genau die Schritte erklärt, die jetzt auf mich zukommen. Jeder im Verein hat mir seine Unterstützung zugesagt, sei es Spieler, Trainer oder Physios. Von dem her war die Behandlung und Vorsorge durchweg positiv. 

Martin Stadler: „Kreuzbandriss kam zu einem extrem unglücklichen Zeitpunkt“

Letztlich hat Sie der Kreuzbandriss aber zurückgeworfen. 

Klar, meine Verletzung kam natürlich zu einem extrem unglücklichen Zeitpunkt. Da ging es dann gerade so in Richtung Herrenfußball. Dann wurden Spieler geholt wie Pierre Emile Højbjerg (von Brøndby IF, jetzt FC Southampton, d. Red), die dann auch noch auf meiner Position spielten. In dem Zeitraum nach meiner Verletzung waren mir meine Mitspieler bestimmt ein paar Schritte voraus. Das habe ich dann nicht mehr so schnell aufholen können und dann wurde die Zusammenarbeit mit dem FC Bayern München dementsprechend auch beendet.

Wie haben Sie auf diese Nachricht reagiert? 

Am Anfang war das natürlich brutal bitter, dass eine so lange Zeit bei so einem Top-Verein zu Ende geht, aber ich war in einem Alter, in dem ich die Lage schon auch selbst einschätzen konnte und dementsprechend auch verstanden habe, dass es jetzt einfach nicht mehr weiter geht und ein neuer Schritt her muss. Die Einsatzzeiten in der U19 blieben aus und ich wollte einfach immer Fußball spielen. Deswegen war auch die Vorfreude auf einen neuen Schritt da, aber klar, die Enttäuschung war am Anfang extrem. 

Martin Stadler: Vom FC Bayern über 1860 Rosenheim zurück zu den Wurzeln

Sie sind dann in die Regionalliga zu 1860 Rosenheim gewechselt. Haben Sie damals noch an eine Fußballkarriere geglaubt? 

Das Kapitel Fußballprofi habe ich damals noch nicht ganz abgeschrieben, allerdings setzte ich zu der Zeit dann einfach andere Prioritäten. 

Inwiefern? 

Zum einen legte ich mehr Wert auf die Gesundheit. Ich hatte immer wieder kleinere Probleme mit meinem Knie, wenn auch nicht schlimm. Zum anderen fokussierte ich mich mehr auf den Bereich neben dem Fußball. Ich hatte damals noch keine Ausbildung in der Tasche und das schlimmste für mich war, mit Mitte 30 den ganzen beruflichen Weg neu gehen zu müssen, wenn der ganze Lebensunterhalt zuvor durch den Fußball bestimmt war. Deshalb habe ich dann eine Ausbildung begonnen und damit meine Prioritäten verlagert. 

Jetzt sind Sie 25 Jahre alt und spielen in der Kreisliga bei Ihrem Jugendverein ASV Großholzhausen. Zufrieden? 

Ja, hier hat alles begonnen, ich bin absolut zufrieden. Letztlich hat sich einfach alles so ergeben wie es aktuell ist und vielleicht hat es auch so sein sollen. Ich habe jetzt einen guten Job, viel Kontakt zu meinen Jugendfreunden und bin auch öfter daheim. Außerdem macht Fußball spielen immer noch genau so Spaß, auch wenn es natürlich ein anderes Niveau ist. 

Interview: Andreas Schmid

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