„Es gibt einen regelrechten Superstars-Effekt in China“: Carlos Tevez soll das Niveau anheben.
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„Es gibt einen regelrechten Superstars-Effekt in China“: Carlos Tevez soll das Niveau anheben.

Interview zum Transfermarkt

„Der FC Bayern verfolgt eine tiefere Strategie“

  • Andreas Werner
    vonAndreas Werner
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Im Interview erläutert die Sportjournalistin Yiwen Chao die Transferpolitik der chinesischen Klubs, sagt, warum der FC Bayern mit dem Büro in Shanghai offene Türen einrennt und Joshua Kimmich in ihrer Heimat zunehmend populärer wird.

München – Das Transfenster schließt heute um 18 Uhr. In diesem Winter haben vor allem die teils absurden Angebote aus China für Schlagzeilen gesorgt. Carlos Tevez und Oscar etwa erlagen den Verlockungen, bei Bayerns Starstürmer Robert Lewandowski blitzte das Reich der Mitte hingegen ab. Die Journalistin Yiwen Chao („Lesports“) beobachtete in Katar unter anderem den FC Bayern bei seinem Trainingslager. Im Interview erklärt sie, was hinter den Millionen-Offerten der Klubs in ihrer Heimat steckt.

Frau Yiwen Chao, China hat in diesem Winter gewaltige Transfersummen aufgebracht. Jetzt ist bis zum Sommer erst einmal Shopping-Stop. Aber war das der Beginn einer geballten Kauf-Offensive?

Es ist nicht der Beginn. Das Ganze hat schon 2015 angefangen, doch inzwischen bieten einfach immer mehr chinesische Klubs mit. Alle haben erkannt, dass internationale Top-Stars einen großen Effekt erzielen. Auf die Fans, aber auch auf die Sponsoren. Carlos Tevez, Oscar, Hulk – es gab einen regelrechten Superstars-Effekt in China. Diese berühmten Spieler werden das Niveau des chinesischen Fußballs enorm verbessern.

Stimmt es, dass die Regierung plant, den Zukauf von internationalen Top-Stars zu reglementieren?

Ja, es gibt da Bestrebungen. Erste Schritte wurden bereits umgesetzt. Sehen Sie: Derzeit darf jeder Klub nur vier ausländische Spieler unter Vertrag haben, und nächste Saison dürfen es sogar nur noch drei sein. Es soll nicht alles Geld bloß in internationale Top-Stars investiert werden, sondern auch in den chinesischen Nachwuchs. Sonst wird es nicht möglich sein, dass eine nachhaltige, gesunde Fußballszene in China entsteht. Zum Beispiel darf man auch keinen ausländischen Torwart kaufen – wir wollen unsere eigenen Spieler entwickeln. Homemade (lacht).

Warum werden gerade jetzt so viele Millionen investiert? Gibt es einen Masterplan mit dem Ziel, bis zum Jahr X unbedingt Weltmeister zu sein?

Natürlich wollen wir eines Tages Weltmeister werden. Unser Präsident Xi Jinping ist ein großer Fan, er liebt den Fußball und möchte gerne, dass wir eine starke Fußballnation werden. Aber wir wissen, dass es ein langer Weg wird, bis wir einmal realistisch um den WM-Titel spielen können. Wir sind keine Träumer. Eine Nation wie Japan ist ein gutes Vorbild für uns. Japan ist inzwischen im internationalen Fußball etabliert, es gibt viele japanische Spieler in europäischen Top-Ligen, auch bei Ihnen zum Beispiel in Deutschland. Zudem spielt Japan bei WM-Turnieren immer wieder eine gute Rolle. Natürlich hat unsere Regierung auch im Kopf, dass eine starke Fußball-Branche immer gut für die Wirtschaft eines Landes ist. Der Fußball schafft Arbeitsplätze. Das ist wichtiger als ein WM-Titel.

Fußball soll in China auch Schulfach werden.
Es ist definitiv die Sportart, die bei den Kids am meisten beliebt ist. Fußball wächst. Er ist die Zukunft in China.

„Präsident Xi Jinping will China als eine starke Fußballnation“

Wie steht es um den FC Bayern in China? Wie populär ist dieser Klub?

Die englische Premier League ist mit ihren Klubs ohne Frage populärer. Danach kommen Real Madrid und der FC Barcelona. Aber gleich darauf folgt schon der FC Bayern. Die Bayern sind der bekannteste deutsche Klub und bei den Chinesen vor allem sehr beliebt, weil in München so viele deutsche Nationalspieler spielen. Die sind uns allen vertraut, weil die WM sehr genau verfolgt wird und die Leute natürlich registriert haben, dass beim Sieg 2014 in Brasilien viele Bayern im deutschen Team standen.

Der FC Bayern eröffnet nun ein Büro in Shanghai. Sind solche Maßnahmen entscheidend, um in China richtig Fuß zu fassen?

Ja, absolut. Viele britische Klubs sind in China bereits präsent, aber der FC Bayern verfolgt – glaube ich – eine tiefer gehende Strategie. Der FC Bayern sucht den direkten Kontakt zu den Menschen, das ist wichtig. Natürlich ist der beste Weg, die Herzen zu gewinnen, wenn man mit seiner Mannschaft und allen Top-Stars möglichst oft nach China kommt. Die Münchner waren schon zwei Mal hier, das waren immer große Erfolge. Mit dem Büro in Shanghai werden sie noch mehr Möglichkeiten haben, weitere Trips perfekt zu organisieren.

Wer sind die bekanntesten Bayern-Spieler in Ihrer Heimat?

Thomas Müller und Robert Lewandowski. Ich denke, die Menschen lieben diese beiden, weil es ihnen imponiert, wie man so viele Tore schießen kann. Wir Chinesen sind immer beeindruckt, wenn jemand mit viel Kraft und Willen hart für seine Ziele kämpft – und du musst eben diese Merkmale haben, wenn du so viele Tore schießt. Interessant ist, dass Joshua Kimmich auch immer populärer wird. Er ist inzwischen wirklich sehr beliebt. Die Leute haben bemerkt, dass da ein junger Spieler unter den Top-Stars seinen Weg macht. Vielleicht gefällt er uns Chinesen auch so, weil er sich durchsetzt, obwohl er kleiner ist (lacht).

Also müssen die Bayern bald ein Millionen-Angebot aus China für Joshua Kimmich fürchten?

Nein, ich denke nicht. Soweit ich weiß, hat er auch schon gesagt, dass er seine Zukunft in Europa sieht. Er ist viel zu jung für den Schritt nach China, das ist klar.

Was wissen Ihre Landsleute generell über die bayerische Kultur? Ist es hilfreich für den Klub, dass mit ihm auch gerne mal Oktoberfest und Lederhosen verbunden werden?

Wir können da auch ganz einfach direkt beim Fußball bleiben. Die Menschen in China sind absolut fasziniert von der Allianz Arena. Unser Nationalstadion „Birds nest“ in Peking wurde von den gleichen Architekten entwickelt, und nahezu jeder Fan in China möchte einmal in seinem Leben nach München, um ein Spiel in der Allianz Arena zu sehen. Einer meiner besten Freunde zum Beispiel sagt das ständig: „Oh, ich muss da hin! Einmal im Leben!“ Dieses Stadion ist im ganzen Land unglaublich populär.

Wird es eines Tages einen chinesischen Spieler geben, der in dieser Arena für die Bayern aufläuft?

Hm, bei Shanghai SIPG, dem Klub, wo nun Oscar spielt, sollte man mal auf die Nummer 7 achten. Sein Name ist Wu Lei. Er ist 25 Jahre alt, Nationalspieler und taucht in allen Listen der besten Spieler von Asien auf. Er ist der Chinese, der in den letzten vier Jahren immer die meisten Tore geschossen hat. Vielleicht geben Sie den Bayern da mal einen Tipp (lacht)!

Interview: Andreas Werner

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