Auf einer Wellenlänge: Heynckes (l.) und Streich. Knöpfen die Freiburger am Samstag Schalke Punkte ab, wäre bei einem Münchner Sieg am Abend die Meisterschaft klar.
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Auf einer Wellenlänge: Heynckes (l.) und Streich. Knöpfen die Freiburger am Samstag Schalke Punkte ab, wäre bei einem Münchner Sieg am Abend die Meisterschaft klar.

Bayern-Helfer aus Freiburg

Streich des Jahres

  • Andreas Werner
    vonAndreas Werner
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Christian Streich ist wohl der exotischste Name auf der Liste der Kandidaten für das Erbe von Jupp Heynckes. Am Samstag kann er mit seinem SC Freiburg nun erst mal helfen, den FC Bayern zum Meister zu machen.

VON FELIX QUARTIER UND ANDREAS WERNER

Freiburg – Was macht einen Trainer so besonders, dass die „Badische Zeitung“ ihm eine eigene Rubrik schenkt? Der „Streich der Woche“ erschien zweieinhalb Jahre wöchentlich. Mit lustigen Sprüchen, aber auch mal mit Zitaten des Freiburger Coaches über ernste Themen wie die Flüchtlingspolitik. „Echt, unverstellt und absolut Kult“, hieß es in der Beschreibung der Zeitung. Christian Streich sorgt für Rummel – dabei ist er eigentlich gar nicht der Typ für viel Rummel. Würde er außerhalb der Nische im Breisgau denn überhaupt funktionieren? Im notorisch aufgeregten München?

Als er 2011 den Posten als Freiburger Cheftrainer angeboten bekam, lehnte der Metzgersohn, der bereits als Profi für die Breisgauer gespielt und nach seiner aktiven Karriere als Juniorencoach und Assistent bei der ersten Mannschaft gearbeitet hatte, zunächst sogar ab: Er wolle keine öffentliche Person sein. Noch heute ist ihm die mediale Aufmerksamkeit oft zu viel. Im Endeffekt ließ er sich zu dem Job überreden. Dabei hatten auch einige SC-Offizielle an der Entscheidung gezweifelt, Streich zum Chef zu befördern. Sie hatten Angst, der zum Choleriker neigende 52-Jährige käme mit der medialen Aufmerksamkeit nicht klar, bei der jedes Wort für Schlagzeilen sorgen kann.

Inzwischen beherrscht er das Spiel mit den Medien gut. Er überzeugt mit seiner authentischen Art und nutzt seinen Einfluss ab und an, um zu kontroversen Themen Stellung zu beziehen. Ungewöhnlich, wo sich die meisten Trainer ja nicht mal zu sportlichen Themen klar äußern. Streich ist sich nicht zu schade, seine Spieler unter anderem aufzurufen, zum Wählen zu gehen, um die AfD zu verhindern. Dass es da mal Gegenwind gibt, empfindet er als Motivation, weiter seine Meinung zu sagen.

Kaum ein Trainer zeigt seine Emotionen auf dem Platz so offen wie Streich. Im Guten wie im Schlechten. Nach einem gewonnenen Spiel legt er gerne mal einen 100-Meter-Jubel-Sprint über das halbe Feld hin, um mit seinen Spielern zu feiern. Auf der anderen Seite bekam er mehrmals Geldstrafen, weil er sich mit dem Schiedsrichter anlegte. „Ich bin jetzt fast 50, das ist mir sogar peinlich, und ich schäme mich dafür“, sagte er, nachdem er die Hoffenheimer während des Spiels als „Schweine“ beleidigte. Das gehört aber auch zu der Person Streich, die den Fußball lebt wie kaum ein Zweiter. Gertjan Verbeek, damaliger Trainer des 1. FC Nürnberg, boykottierte einst nach dem Spiel gegen Freiburg die Pressekonferenz. Er beschuldigte den Freiburger Coach, ihn beschimpft zu haben. Er habe verrückt agiert, so Verbeek. Streich wies die Vorwürfe zurück: „Ich bin emotional – aber null gegen ihn.“

Wer ihn am Spielfeldrand herumfuchteln sieht, hegt keine Zweifel an der Identifikation mit seinem Verein. Seit knapp 23 Jahren ist er bei Freiburg aktiv, schon seit sieben Jahren als Cheftrainer der Profis. Abgesehen von Heynckes ist er damit der dienstälteste Trainer der Liga. Sieben Jahre bei einem Verein – das kann aktuell kein Kollege vorweisen.

Zwei Mal führte er Freiburg in den Europapokal, nun wird der gelernte Industriekaufmann mit dem FC Bayern in Verbindung gebracht. Nachdem Thomas Tuchel abgesagt hat, könnte die Sache an Fahrt gewinnen. Streich reagierte auf die Gerüchte wie gewohnt ironisch: „Ich wäre fast beleidigt gewesen, wenn bei den vielen Namen ich nicht irgendwann auch aufgetaucht wäre.“

Heynckes zollte ihm großen Respekt für die „überragende Arbeit“ in Freiburg. Er wisse, wie schwer es sei, wenn man jährlich seine besten Spieler verliert. Saison für Saison muss Streich eine neue Mannschaft aufbauen – und das mit dem kleinsten Etat der Liga. Dabei schafft er es, jeden Spieler besser zu machen und viele junge Spieler zu formen. Max Kruse, Daniel Caligiuri oder Maximilian Philipp verhalf er zum internationalen Duchbruch.

Dass Streich nicht nur aus sportlicher, sondern auch aus menschlicher Sicht ein großer Trainer ist, belegte jüngst der „kicker“, indem er ihn zum „Mann des Jahres 2017“ kürte. Vom „Streich der Woche“ zum „Streich des Jahres“, quasi.

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