Gesucht: Die böse Seite der Bayern

Basel – Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge sieht nach der Niederlage von Basel die Saison am Knackpunkt: Er versucht alles, um die Mannschaft jetzt wach zu rütteln.

Die Stimme fand etwas mühsam ihren Weg in den Saal „Sydney“, nach einem Räusperer ließ sich kurz nach Mitternacht aber selbst im entferntesten Winkel der dritten Etage des „swissotels Plaza“ vernehmen, wie Karl-Heinz Rummenigge die Lage des FC Bayern anlässlich des 0:1 beim FC Basel einschätzt. „Jetzt“, sprach der Vorstandschef, „ist ein wichtiger Moment in dieser Saison.“ Er erinnerte an „wunderbare Zeiten“, als man Weihnachten als Tabellenerster feiern durfte oder die Gruppenphase der Champions League souverän abgewickelt hatte – aber natürlich verspüre man „jetzt eine gewisse Sorge: Was ist passiert zwischen Weihnachten und heute?“ Sein Appell an die Mannschaft: „Ihr müsst wach und böse werden!“

Nun, böse sind sie bereits – nur eher aufeinander, was kontraproduktiv ist. Die Geste des Abends war im St.-Jakob-Stadion ein Abwinken in Richtung des Kollegen, wenn etwas mal nicht klappte. Und es klappte auch in Basel vieles nicht. Toni Kroos erntete fast ein spöttisches Lächeln, als er anmerkte, der Auftritt sei „besser als gegen Freiburg gewesen“. Die Generalprobe war ja auch furchtbar, und rein vom Ergebnis her hält die Aussage einer gewissenhaften Ausleuchtung kaum stand: 0:1 ist ein verdammt schlechtes Resultat für das Rückspiel.

Drei Wochen sind nun Zeit, um sich für den zweiten Teil des Duells um den Einzug ins Viertelfinale zu rüsten. Rummenigge warnte seine Spieler: „Die Dinge werden sich nicht von allein regeln – ihr müsst das angehen!“ Im Gegenzug versprach er, dass die Führung „nicht den ganz großen Zirkus machen“ werde, was einem Deal mit pädagogisch überschaubarem Ausmaß gleichkommt: Die Bosse hatten das Team bereits am Montag ins Gebet genommen. Erfolg blieb aus.

Bayern-Verantwortliche: Das Mienenspiel zum Trauerspiel

Bayern-Verantwortliche: Das Mienenspiel zum Trauerspiel

Bayern-Verantwortliche: Das Mienenspiel zum Trauerspiel

Viele Spieler stapften zornig von der Kabine zum Bus, verlegen um einen Kommentar. Auch Christian Nerlinger hielt am Ende nicht mehr für eine Analyse an, obwohl der Sportdirektor laut gerufen wurde. Philipp Lahm stellte sich. Ob das nun eine Krise sei, wurde der Kapitän gefragt. Er hob trotzig den Kopf: „Das ist uns egal – es geht immer nach vorne. Und wir sind noch nicht ausgeschieden!“ Lahm fand, es sei „mehr drin gewesen“, und dass „das Ergebnis das Spiel nicht widerspiegelt“. Mario Gomez hingegen ließ den Trotz beiseite und gewährte ehrliche Einblicke ins Innenleben der Bayern: „Wir haben eine schwierige Phase, keiner spielt befreit auf.“ Jetzt habe man „wieder ein Auswärtsspiel vergeigt – wir müssen das in den Griff kriegen“.

Wo aber anfangen? Die Verunsicherung ist ein Virus, der inzwischen keinen Mannschaftsteil mehr verschont. In der Offensive ist selbst Arjen Robben nur ein Schatten früherer Tage, und Franck Ribery spielte zwar passabel, gab Jupp Heynckes nach seiner Auswechslung aber nicht die Hand. Präsident Uli Hoeneß fand das nicht schlimm, doch in kritischen Zeiten wird jedes Detail abgeklopft, man sucht ja nach Erklärungen für die Misere. Hoeneß weiß das, mochte es unter dem Eindruck des Abends trotzdem nicht so einfach akzeptieren. Als er beim „sky“-Interview mit dem Handschlag-Thema konfrontiert wurde, raunzte er: „Hört doch auf mit dem scheiß Handschlag! Wenn ich auf mich, auf das Spiel sauer bin, dann gebe ich halt mal keinen Handschlag. Wir sind nicht im Mädchenpensionat.“

Heynckes erklärte tags darauf, er habe die Sache mit Ribery erörtert, als er mit dem Team noch in Basel das 0:1 abarbeitete. „Da besteht kein Klärungsbedarf mehr“, so der Trainer, der noch anmerkte, der Franzose habe in Hälfte zwei abgebaut. „Und ich habe ja wohl noch das Recht, ihn mal auszuwechseln – zumal für ihn ein deutscher Nationalspieler reinkam.“

„Wir müssen zusammenstehen“, verordnete Rummenigge bei seiner offenen, ehrlichen und pointierten Bankettrede, die ab sofort nach Franz Beckenbauers Ansprache in Lyon Platz zwei der Aufrüttel-Reden hält. Ungewöhnlich deutlich formulierte er seine Botschaft im schicken Ambiente. Es gehe darum, „aus dieser Scheiße, die wir uns in den letzten Wochen eingebrockt haben, raus zu kommen“. Dass die Profis von den mitgereisten Edelfans mit Applaus empfangen wurden, wertete er als Indiz, „dass der Glaube an dieses Team noch da ist“. Den gelte es aber jetzt zu rechtfertigen.

Schließlich habe man den Anhängern ja etwas versprochen. „Am 19. Mai ist das Finale in unserem Stadion, da kann man nicht im Achtelfinale einfach so ausscheiden.“ Er halte es nun mit Sepp Herberger, meinte der Vorstandschef: „Einer für alle – alle für einen.“ Nun, dieses Zitat stammt zwar nicht vom ehemaligen Bundestrainer, sondern aus der Feder von Alexandre Dumas. Doch das Motto der „Musketiere“ passt trotzdem zum FC Bayern. Ob es die Spieler aber auch mit Leben erfüllen werden?

ANDREAS WERNER

Rubriklistenbild: © dpa

Auch interessant

Kommentare