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Pep Guardiola im Bayern-Trainingslager am Gardasee

Dopingfall von Brescia

Pep und das Trauma seines Lebens

Riva - Es war wohl die dunkelste Zeit des Sportlers Pep Guardiola: der Dopingfall von Brescia. Trotz des Freispruchs kann Bayerns Neu-Coach nicht vergessen.

Am Dienstag um 18.30 Uhr spielt der FC Bayern in seinem Trainingslager gegen den AC Brescia. Es ist der bisher ranghöchste Testgegner, Serie B in Italien. Nur 70 km entfernt liegt Brescia vom Quartier der Bayern. Pep Guardiola kennt den Weg von Brescia an den Gardasee, er ist ihn früher öfter gefahren, die freien Montage hat er für Ausflüge mit seiner Familie genutzt, als er Spieler in Brescia war.

Die Erinnerungen sind nun wieder präsent im Vorfeld der Freundschaftspartie, und es sind keine guten. Guardiola hat das Brescia-Thema selbst angesprochen: „Meine Doping-Sache. Sie hat mich sehr belastet.“ Man kann auch sagen: Sie war das Trauma seines Lebens.

Im Jahr 2001 fühlte Guardiola, dass beim FC Barcelona kein Platz mehr für ihn sein würde. Er verhandelte mit Spitzenklubs in England und Italien, das zog sich über Monate, ein Vertrag mit Juventus Turin war ausverhandelt, als Juve sich nach einem Trainerwechsel gegen Guardiola entschied, der daraufhin etwas überraschend bei Brescia, damals noch in der Serie A, landete. Fakt sind dann zwei positive Dopingproben, am 21. Oktober und 4. November 2001. In Guardiolas Körper fand sich Nandrolon, ein angesagtes Mittel, das Ausdauer und Kraft auf die Sprünge hilft. Guardiola berief sich auf verunreinigte Nahrungsergänzungsmittel, er legte eine Liste mit 16 Produkten vor, die allesamt im Massenspektrometer des IOC-anerkannten Dopinglabors in Rom untersucht wurden – doch in diesen Vitamintabeletten und Riegeln fand sich Nandrolon nicht. Guardiola wurde von FIFA und Italienischem Fußballverband für vier Monate gesperrt.

2005, als er aus Italien längst weg war, verurteilte man ihn zu einer siebenmonatigen Haft- plus zu einer Geldstrafe – er war der erste Fußballer in Italien, den es auf Grundlage des neuen Doping-Gesetzes in dieser Härte traf. Ins Gefängnis ist Guardiola aber nie gegangen, man rechnete ihm an, dass er nicht vorbestraft war. Er prozessierte und erwirkte in den Berufungen 2007 und 2009, als er längst ein gefeierter Trainer beim FC Barcelona war, seinen Freispruch.

Wie die Fakten zu bewerten sind – in dieser Frage ist sich die Literatur zum Dopingfall Guardiola nicht einig. Sein spanischer Biograph Guillem Balagué, dessen Pep-Buch sich seit einigen Wochen in der Sachbuchbestsellerliste des „Spiegel“ hält, sieht seinen Mann als aufrechten Kämpfer für Gerechtigkeit: „Für Pep ging es bei diesem Thema um menschliche Werte, Wahrheit und Lügen. Man beschuldigte ihn einer Tat, die er nicht begangen hatte, und er war darauf eingestellt, alles, was er besaß, für den Nachweis seiner Unschuld aufzubringen . . . Er musste solange durchhalten, bis sein Name wieder reingewaschen war.“

Es unterstützte ihn dabei sein Freund, der Wasserball-Olympiasieger Manel Estiarte, den Guardiola als persönlichen Adjutanten auch mit zum FC Bayern gebracht hat. Estiarte entdeckte im Videotext des italienischen Fernsehens eine Meldung, wonach laut neuesten Erkenntnissen der menschliche Körper Nandrolon selbst produzieren könne – zumindest in dem Ausmaß, wie es bei Guardiola festgestellt wurde. Neun Nanogramm pro Milliliter seien bei ihm gefunden worden, beim Nandrolon-Ursünder Ben Johnson, 100-m-Olympiasieger von 1988, seien es 2000 gewesen. „Ja, er hat seine Unschuld bewiesen und hart dafür gekämpft“, schreibt Balagué über Pep, „sein Ruf und seine Integrität waren wiederhergestellt.“

Guardiola sagte nun im Bayern-Trainingslager, er hätte sich gewünscht, „dass die italienische Justiz schneller gearbeitet hätte“. Doch diese Aussage leitet über zu einer anderen Sichtweise der ganzen Geschichte – und die wird erzählt vom Mitteldeutschen Rundfunk (MDR), der ARD-Anstalt, die zu Guardiolas Amtsantritt in München einen brisanten Knapp-Drei-Minüter ins Hörfunkprogramm nahm. Autor Holger Gerska: „Teure Anwälte schleppten das Verfahren acht Jahre hin, bis zum Entsetzen der Staatsanwaltschaft ein Freispruch dritter Klasse stand, ein Mix aus Verjährung und einem simplen Verfahrensfehler.“

So tickt Pep Guardiola

So tickt Neu-Bayer Pep Guardiola

Für den MDR ist der FC Barcelona der „Verein, der Epizentrum des spanischen Fußballdopings war – Stichwort Eufemiano Fuentes.“ Laut der französischen Zeitung Le Monde soll Fuentes, als er im Jahr 2006 als Dopingarzt aufgeflogen war, „jene Fußballteams benannt“ haben, „deren Spieler er mittels Blutdoping fitgemacht hat – allen voran der FC Barcelona“. Aber: „Drei Morddrohungen später kann sich Fuentes an nichts mehr erinnern, die spanische Justiz hält die Unterlagen strikt unter Verschluss.“

Der MDR gibt an, noch eine weitere pikante Verbindung Guardiolas recherchiert zu haben: Luis Garcia del Moral, „Erfinder des Dopingsystems rund um Lance Armstrong“ von 1999 bis 2003 beim Radteam US Postal, soll laut englischsprachiger Website des FC Barcelona bis Sommer 2012, solange Guardiola Trainer war, für den FC Barcelona als medizinischer Berater tätig gewesen sein. Del Moral bestreitet jegliche Beteiligung an Dopingpraktiken, doch im US-Sport ist er lebenslang gesperrt.

Alle etwaigen Doping-Verdachtsmomente scheinen nicht von dieser Welt zu sein, wenn man Guardiola sieht, wie er Ballschule betreibt, Passspiel, wie er schnelles Denken fördert und die Fähigkeit, den Fußball lesen zu können. Doch die Doping-Geschichte ist wieder hochgekommen mit dem Tag, an dem Guardiola beim FC Bayern anfing. Und heute gegen Brescia können seine Gefühle dem, was vor knapp zwölf Jahren war, nicht ausweichen.

Von Günter Klein

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