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„Ich bin ein bodenständiger Mensch, der über alltägliche Dinge gerne spricht“: Heynckes verstellt sich nicht, egal wie viele Kameras auf ihn gerichtet sind.

Zweiter Teil des großen Interviews

Heynckes über sein Trainer-Amt: „Dieses Engagement habe ich ehrlich nicht gewollt“

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Im zweiten Teil des großen Interviews mit Jupp Heynckes geht es unter anderem um Franck Ribéry, Arjen Robben und die Frage, ob er nun weitermacht oder nicht. 

München – Jupp Heynckes hat sich Zeit genommen, und zwar viel. Anschluss-Termine? Mag es geben, aber erst, wenn alles besprochen ist. In knapp eineinhalb Stunden gibt sich der Bayern-Trainer in so gut wie all seinen Facetten: ernst wie lustig, politisch wie sportlich, weise wie jugendlich, beruflich wie privat. (Den ersten Teil des Interviews finden Sie hier).

Herr Heynckes, wenn Sie sich aussuchen könnten, worüber wir heute sprechen – was wäre es?

Jupp Heynckes: Fußballspezifische Dinge – denn die kommen ja immer zu kurz. Dabei fallen unsere Leistungen nicht vom Himmel. Ich muss das immer wieder einfordern, wir üben das tagtäglich auf dem Trainingsplatz, in kleinster Sisyphos-Arbeit. Ich lese immer: Der FC Bayern hat großartige Individualisten. Aber damit ist es nicht getan. Das sollte man doch mal rausstellen – auch wenn ich weiß, dass wir nicht ein ganzes Interview darüber führen werden (lacht).

Wenn wir uns in Ihrer ersten Amtszeit zum Interview getroffen hätten – über was hätten Sie da reden wollen?

Heynckes: Sie meinen 1987? Da waren Sie noch nicht alle auf der Welt, oder? Aber damals hätte man mich fragen können: Was hat München, was Mönchengladbach nicht hat? Ottmar Hitzfeld beschrieb es mal sehr treffend: Wenn Du gewinnst, ist die Freude groß beim FC Bayern. Aber spätestens nach der Spielanalyse tags darauf zählt nur noch das nächste Spiel. Man kann manchmal gar nicht mehr genießen.

1987 damals, 2018 heute – wir würden mit Ihnen gerne über das Alter reden. Tritt man Ihnen damit eigentlich zu nah?

Heynckes: Überhaupt nicht. Ich fühle mich ja auch nicht so alt, wie ich bin. Obwohl mein Bewegungsdrang eingeschränkt wurde, seitdem ich wieder hier bin. Leider habe ich kaum mehr Zeit für mich, was mich als Bewegungsmensch natürlich belastet. Das kommt jetzt alles zu kurz – wegen meinem Freund, dem FC Bayern München (lacht).

Sie haben von Beginn Ihres Engagements an über private Dinge gesprochen, Einblicke zugelassen. Diesen Ton kennt man in diesem Business kaum noch.

Heynckes: Das mag sein, aber ich bin ein bodenständiger Mensch, der über die alltäglichen Dinge gerne spricht. Ich gehe doch nicht in eine Pressekonferenz und spule nur den offiziellen Part ab. Das bin nicht ich. Das liegt natürlich zu einem Teil auch an meiner Erfahrung.

Also: der positiven Seite des Alters?

Heynckes: Genau. Aber verstehen Sie mich nicht falsch! Ich habe von Anfang an kritische Stimmen hinsichtlich meiner Verpflichtung nachvollziehen können, die sagen: Der alte Daddy coacht den FC Bayern. Viereinhalb Jahre nicht im Business, 72 Jahre alt. Nur muss man sich die Personen genau ansehen, schauen, wie sie ihren Beruf leben, darin aufgehen. Ich war mein Leben so wie jetzt: intensiv, akribisch, genau. Nur sehe ich vieles jetzt differenzierter. Im Sport wie im Weltgeschehen – wo manche Dinge anders als im Fußball nahezu unlösbar sind. Das Alter bringt da Vorteile, auch im Umgang mit den Spielern. Dafür muss ich aber mittendrin sein. Ich lebe jedes Training mit.

Und Sie haben Erfolg.

Heynckes: Ich war immer davon überzeugt: Beim FC Bayern wird wieder alles zum Positiven gewendet. Aber dass es so kommt – mit 20 Punkten Vorsprung im März –, damit konnten wir alle nicht rechnen, Sie nicht und ich nicht.

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Verspüren Sie manchmal Genugtuung?

Heynckes: Nein. So etwas kenne ich nicht. Ich habe nie mehr vorgehabt, eine Mannschaft zu übernehmen. Ich hatte in den ersten beiden Jahren nach dem Triple Angebote, wirtschaftlich und sportlich lukrativ. Ich habe sie alle abgesagt. Aber der FC Bayern bat mich um Hilfe, als es nötig war.

Im Moment wirkt es, als haben Sie alles im Griff. Sogar Franck Ribery und Arjen Robben – oder sind die beiden gar nicht so schlimm wie der Ruf, der ihnen vorauseilt?

Heynckes: Meine große Stärke ist meine Authentizität. Und wir haben ein sehr gutes Verhältnis zueinander. Beide wissen, dass ich ein Trainer bin, der Entscheidungen nach den Leistungskriterien trifft, und ich um eine größtmögliche Zufriedenheit aller bemüht bin. Aber man kann nicht jeden immer zufriedenstellen. Die Entscheidung vor dem Heimspiel gegen Istanbul ist mir nicht leicht gefallen, aber die Konstellation hatte sich so ergeben. Letztendlich wollen wir alle gemeinsam Erfolg.

„Arjen Robben hat einen Body, mein lieber Scholli – und den zeigt er uns auch jeden Tag“

Ist keine der Parteien nachtragend?

Heynckes: Nein, keineswegs, das sollte man nie im Leben sein. Aber ich habe Verständnis für den Wunsch von Arjen, von Beginn an zu spielen. Außerdem: Wenn Arjen Robben nicht so wäre, wie er ist, hätte er diese Weltkarriere nie hingelegt. Er ist besessen! Und hat zudem einen Body . . . mein lieber Scholli. Den zeigt er uns auch jeden Tag im Kabinentrakt.

Ein Karriereende im Sommer kann man sich kaum vorstellen, oder?

Heynckes: Der Verein hat mit beiden vereinbart, dass man sich Ende April zusammensetzt. Es ist gut, ihre Leistungen bis dahin zu bewerten. Ich werde meine Meinung intern dazu sagen, extern nicht. Ich bin heute aber überzeugt, dass die beiden noch sehr wichtig für uns sein werden. Man soll solche Spieler niemals abschreiben. Zumal man im Alter ja das Fußballspielen nicht verlernt.

Die beiden gelten nicht gerade als geduldig.

Heynckes: Sie haben ihren Status, ihren Anspruch, aber sie werden nicht jünger. Man kann den Alterungsprozess eine Weile herauszögern, deshalb traue ich ihnen auch noch einiges zu. Weil sie sehr akribisch dafür arbeiten, nicht nachzulassen. Arjen wie Franck – zwei einzige Muskeln.

Unter Ihnen besonders.

Heynckes: Als ich 2011 hier her kam, war Franck plötzlich Stammgast im Fitnessraum, hat seine Zahnarzt- und Physio-Termine wahrgenommen. Alle haben gesagt: Trainer, das ist ein anderer Spieler. Und als ich jetzt im Oktober gekommen bin, hat der so trainiert, dass die Fitnesstrainer gesagt haben: Der ist ein Wahnsinniger.

„Es finden jeden Tag Gespräche statt, drei, vier, fünf vielleicht“, Jupp Heynckes über Einzelgespräche. 

Robert Lewandowski stellt Überlegungen in Richtung Madrid an.

Heynckes: Er hat bisher nicht geäußert, dass ein Wechsel nach Madrid sein Wunsch ist. Es ist aber auch so: Wenn er seinen Berater wechselt, spekuliert man da die tollsten Dinge. Der FC Bayern hat immer eine ganz klare Position gehabt, was Spielerverkäufe betrifft: Wenn der Verein einen Spieler halten will und der Spieler einen Vertrag hat, kann ich mir nicht vorstellen, dass der FC Bayern einen Spieler ziehen lassen wird. Dafür kenne ich die Klub-Bosse zu gut.

Wie viel Zeit Ihrer Woche geht eigentlich für Einzelgespräche drauf?

Heynckes: Es finden jeden Tag Gespräche statt, drei, vier, fünf vielleicht. Dann bin ich auch ein Mann, der im Frühstücksraum ist, im Fitnessraum, bei den Physios ist, Smalltalk betreibt. Da frage ich dann nach der Familie und alltäglichen Dingen, das sind doch menschliche Selbstverständlichkeiten, die eine Atmosphäre schaffen, in der jeder morgens freudig zur Arbeit kommt. Wir sind da so etwas wie eine Familie. Da schließe ich jeden mit ein – die Physios, die Ärzte, die Zeugwarte, auch Alfons Schubeck.

Ihr Ernährungsberater?

Heynckes: Ach! Der Alfons ist doch besser als jeder Ernährungsberater. Wir ernähren uns sowieso gut – aber: Es muss doch auch schmecken (lacht)!

Gab es auch schon mal Rheinischen Sauerbraten?

Heynckes: Sie glauben es ja nicht: Seit Kurzem gibt es in seinem Restaurant „Rheinischen Sauerbraten à la Jupp“. Ich habe ihm aber schon gesagt, er muss noch „Iris“ dazuschreiben. Meine arme Frau.

Haben Sie gekostet?

Heynckes: Nein, ich muss da hin, dringend. Alfons hat schon 2013 eine Woche vor dem Champions League-Endspiel in London bei mir daheim für die Mannschaft gekocht. Da gab es Rheinischen Sauerbraten.

Ist das ein Erfolgsgeheimnis?

Heynckes: Vielleicht. Sie haben Recht: Ich warte noch mit dem Sauerbraten-Essen (lacht).

„Wir ernähren uns sowieso gut – aber: Es muss doch auch schmecken (lacht)!“

„Meine Mutter schimpfte immer: ‚Was soll aus dem Jungen nur werden?‘“

Mögen Sie Teambuilding-Maßnahmen?

Heynckes: Es ist doch allein daran zu sehen, wie Real Madrid zuletzt zwei Mal die Champions League gewonnen hat. Die Mannschaft, die am besten harmoniert, homogen ist, sich respektiert und Qualität hat – die wird die Champions League gewinnen. So war das 2013, so wird es 2018 sein.

Manche Dinge bleiben, Vieles ändert sich aber in dieser Fußball-Welt. War früher alles besser?

Heynckes: Nicht alles. Aber einiges geht in der Entwicklung des Fußballs schon an den Fans vorbei. Nehmen Sie zum Beispiel den Anstieg der Eintrittspreise, nehmen Sie den FC Arsenal. Da muss man doch gegensteuern. Es kann nicht immer alles nur auf Kosten der Fans ausgetragen werden. Dass die Transfersummen explodieren, die Gehälter. Da braucht es ein vernünftiges Maß. Wenn eine rote Linie überschritten wird, ist es schwer, das Rad zurück zu drehen. Ohne Atmosphäre im Stadion macht das alles keinen Spaß.

Sollten die Bayern nicht trotzdem mit Blick auf die internationale Konkurrenz mehr Geld in die Hand nehmen?

Heynckes: Nein, das ist nicht die Philosophie des FC Bayern, für einen Spieler astronomische Summen zu zahlen. Ich habe kürzlich einen Artikel gelesen, dass Scouts für die Vereine immer wichtiger werden. Wissen Sie, was wichtig ist? Natürlich, dass man frühzeitig Talente holt. Aber von viel größerer Bedeutung ist es, mit den jungen Spielern in wirklich allen Ausbildungsbereichen zu arbeiten, oft fehlt aber die Geduld und der Fleiß dafür. Top-Spieler, die schon einen Namen haben, kann man heute fast nicht mehr bezahlen. Und das würde ich dem FC Bayern auch nicht empfehlen.

Wird PSG zur Resterampe? Diese Spieler wären auch für den FC Bayern interessant

Was ist die Alternative?

Heynckes: Junge, hoch talentierte Spieler verpflichten, die schon unter Beweis gestellt haben, dass sie gut sind, eine festgeschriebene Ablösesumme kosten oder deren Vertrag ausläuft. Diese Spieler müssen dann geformt werden, und dafür braucht man ein Trainerteam, das innovativ und kreativ ist und gerne mit jungen Leuten arbeitet. Die Trainer müssen Defizite sehen und Korrekturen vornehmen. Wie sie Bälle annehmen, mitnehmen, wie sie ihr Passspiel verbessern, wie sie sich auf dem Platz oder vor dem Tor bewegen, wie man die richtige Flanke schlägt. Das sind viele Kleinigkeiten. So wie der Tennisspieler, der tausend Mal die Vorhand oder Rückhand trainiert, ist das im Fußball auch von Bedeutung.

Sprechen Sie damit auch Straßenfußballer an?

Heynckes: Diesen Begriff gibt es ja nicht umsonst. Die früheren großen Fußballer würden heute Weltklasse sein. Wir haben das Handwerk auf der Straße gelernt. Meine Mutter hat immer geschimpft: Was soll aus dem Jungen werden, wenn ich immer Stunden gegen die Hauswand geschossen habe?

Ein begnadeter Stürmer.

Heynckes: Ja, aber genau deswegen wusste ich früher immer, ob ich in die kurze oder lange Ecke schießen sollte. Das geht heute so ein bisschen verloren, weil immer nur das große Ganze erarbeitet wird.

Heynckes im Interview: „Als Methusalem möchte ich nicht auf der Trainerbank sitzen“ 

Sie haben klare Vorstellungen von der Branche. Schließen Sie ein fünftes Engagement eigentlich kategorisch aus?

Heynckes: Das schließe ich definitiv aus. Als Methusalem möchte ich nicht auf der Trainerbank sitzen. Schon dieses Engagement hätte ich mir nie vorstellen können, und ich habe es ehrlich nicht gewollt. Meine Frau und meine Tochter haben mich überredet. Weil sie wie ich gemerkt haben, dass der FC Bayern zu diesem Zeitpunkt anscheinend aus Vereinssicht keine Alternative hatte. Aber das wird es nicht mehr geben. Nein, nein. Es ist ja auch nicht so, dass man das Alter nicht spürt. Das ist hier nicht ganz so einfach. Das werden auch andere irgendwann noch merken. Oder sie haben es schon gemerkt.

Sie wurden überredet?

Heynckes: Meine Familie hat gesagt: Dann mach es doch! Ich habe trotzdem länger gezögert. Wirtschaftlich war es für mich sowieso nicht relevant. Das kann ich Ihnen sagen: Ich habe mit dem FC Bayern nicht eine Sekunde verhandelt! Es war bloß Ja oder Nein. Ich weiß ja, der Klub ist großzügig. Aber geplant habe ich das nicht. Ich habe gemerkt, dass es wie in der Politik war. Es wurde immer enger, und irgendwann musste eine Entscheidung getroffen werden. Und dann habe ich gesagt. Na gut, dann mache ich es!

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Die Bayern werden Ihnen ewig dankbar sein.

Heynckes: Karl-Heinz Rummenigge hat mir gesagt: „Aber Jupp, es macht doch Spaß!“ (lacht). Und ich sagte: „Ja. Aber immer nur kurz nach dem Spiel.“ Da bist du erleichtert und freust dich. Und morgen ist das Spiel von gestern schon abgehakt. So ist das. Sonst wäre man hier nicht so erfolgreich. So ist das bei Ihnen doch auch, oder? Bei einem klasse Artikel freut man sich.

Bei uns wird weniger gelobt als bei Ihnen.

Heynckes: Sehen Sie: Ich lobe. Im Haus, in der Umkleide, überall. Wenn es irgendwas zu loben gibt, dann mache ich das. Anerkennung brauchen wir alle. Wenn die Physios gut arbeiten, dann sage ich das. Oder wenn die Schuhbeck-Leute wieder richtig gut gekocht haben. Das sind so Kleinigkeiten, die sind ganz wichtig.

Interview: Hanna Raif und Marc Beyer

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