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Uli Hoeneß: "1860 hat keine Substanz mehr"

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Uli Hoeneß © dpa

München - Bayern-Boss Uli Hoeneß spricht im Interview mit dem Münchner Merkur über den Stadion-Streit, gefallene Masken, verkauftes Tafelsilber und seine Pläne als Liga-Chef.

Die Entscheidung kam selbst für viele Kenner der Fußball-Szene überraschend, aber hinter den Kulissen gibt es die Idee schon lang: Uli Hoeneß, 58, strebt das Amt des DFL-Chefs an. Im Interview umreißt der Präsident des FC Bayern seine Pläne als mächtigster Mann des deutschen Profifußballs. Und er erzählt, was ihn am TSV 1860 am meisten ärgert.

Herr Hoeneß, Ihr FC Bayern hat den Gerichtsstreit um die Catering-Zahlungen gegen den TSV 1860 gewonnen. Wie groß ist nun Ihre Genugttung?

Zunächst muss ich mal sagen, dass ich es bedauere, dass Geschäftsführer Manfred Stoffers zurückgetreten ist – wenn das stimmt, was jetzt alle behaupten, nämlich dass ihn alle bei 1860 geliebt haben. Wenn die Sechziger der Meinung waren, dass alles so gut war mit ihm, hätten sie ihn aber unbedingt halten müssen. Der FC Bayern hätte vernünftige Gespräche nicht an Herrn Stoffers scheitern lassen. Was mich ärgert, ist, dass in der Öffentlichkeit die Meinung vertreten wird, dass der FC Bayern die Catering-Kosten verlangt – die verlangt der Catering-Partner Arena One. Das Geld ist nur sonst immer über den FC Bayern an Arena One geflossen, Arena One hat es bei uns in Rechnung gestellt. Wir kriegen da nur Geld zurück, das wir Arena One für 1860 gezahlt haben. Sie zahlen die Schulden, die wir für sie beglichen haben.

Die Löwen befinden sich seit langem auf Talfahrt. Woran liegt das?

Ich werfe 1860 vor, dass sie sich immer nur damit beschäftigen, wie sie Ausgaben verringern können. Aber nie damit, wie sie Einnahmen generieren. Ich bin nach wie vor der Meinung – auch wenn die mir da ständig das Gegenteil erzählen wollen –, dass es Abnehmer für diese 2100 Business-Karten gäbe, an denen angeblich die ganze Finanzierung hängt. Ich schwöre Ihnen – die gibt es! Aber die Löwen haben nie kreativ versucht, Abnehmer zu finden.

Stattdessen gab es Häme, Sie sollten doch selbst mal mit dem Bauchladen Abnehmer auftreiben.

Das hätte ich innerhalb von drei Monaten geschafft, das kann ich Ihnen schriftlich geben. Ich hätte keine aussichtslosen Kämpfe geführt, sondern gesagt: Ärmel hoch! Ich kenne viele, die sagen: „Ach, wenn 1860 gekommen wäre, ich hätte fünf oder zehn Karten genommen.“ Wenn die Theorie stimmt, dass keiner ’60 sehen will, wären ja auch die Logen bei Löwen-Spielen leer. Aber 80 Prozent waren da immer voll ausgelastet.

Ist das Tischtuch endgültig durch?

Zwischendurch sah es so aus, als wäre sogar der Tisch zu Bruch. Das Problem war: Die wollten uns erst mal vor Gericht besiegen und dann verhandeln. Hätten die Löwen gesagt, sie ziehen die Klage zurück, hätten wir uns sofort an einen Tisch gesetzt – jetzt haben wir acht Wochen verloren. Das Ganze wäre nie so eskaliert. Aber, nein! Die waren ja fest der Meinung, den Prozess zu gewinnen. Und da ging es ja nicht allein um 500 000 Euro Catering, sondern die wollten Millionen zurück. Aber das ist ja schon wieder das nächste Ammenmärchen: Dass sie ihre Stadion-Anteile, die sie uns für elf Millionen Euro verkauft haben, zurück wollten. Wenn, hätten die 20 oder 25 Millionen gekostet, weil wir ja in der ganzen Zeit die Verluste mitgetragen haben.

Was passiert, wenn eine Löwen-Delegation mit der weißen Fahne an der Säbener Straße aufkreuzt?

Wir sind nicht nachtragend. Wenn jemand kommt und sagt: Tut uns leid, wir haben uns total getäuscht, ist das ok. Wir haben immer klar gesagt: Bayern ist bereit, ’60 aus dem Stadion-Vertrag zu entlassen. Es gibt aber viel zu klären, darunter einige Schwerpunkte. Die Allianz als Namensgeber etwa – die hätte im Ausstiegsfall außerordentliches Kündigungsrecht. Und dann haben wir gerade die 105 Logen fünf Jahre verlängert, das basiert auf zwei Vereinen. Ich kann ja nicht alle Vorstandschefs anrufen und sagen: „Ab 1. Juli 2011 sind wir allein – aber Sie sind doch einverstanden, dass alles so bleibt?“ So eine Loge kostet zwischen 100 000 und 200 000 Euro. 1860 weiß, wir sind bereit zu reden. Aber ich will von 1860 einen Vorschlag. Die sind Bittsteller. Wir sagen grundsätzlich nicht nein – aber wir wollen hören, wie die sich das vorstellen.

Sorgen Sie sich um das Überleben des TSV 1860?

Mir täte es um die vielen Fans Leid, wenn es schiefgeht. Und ich habe Sorge, dass der TSV 1860 an seiner wirtschaftlichen Lage kaputt geht. Man konzentriert sich zu sehr auf solche Dinge wie diesen Prozess gegen uns. Schauen Sie: Wir denken praktisch täglich darüber nach, wie man die Marke FC Bayern optimieren kann – da sehe ich bei 1860 keine Ansätze. Jetzt ist die Maske gefallen, und es kommen die Fakten auf den Tisch. Vor ein paar Jahren war noch viel mehr Substanz in diesem Verein. Jetzt haben die nichts mehr. Die haben ihr ganzes Tafelsilber verkauft. Man kann einem nackten Mann nicht in die Tasche greifen.

Herr Hoeneß, warum bewerben Sie sich für das Amt des Liga-Chefs?

Weil wir beim FC Bayern glauben, dass ich für den deutschen Fußball auf diesem Posten eine Menge bewegen kann. Das heißt nicht, dass wir finden, dass Reinhard Rauball das schlecht macht – er macht es ordentlich –, aber ich glaube, dass ich von meiner Person und mit meiner Erfahrung aus über 31 Jahren Bundesliga-Fußball einen guten Beitrag leisten kann, wenn es gilt, die Aufgaben, die jetzt im deutschen Fußball vor uns liegen, zu meistern.

Uli Hoeneß: Sein Leben in Bildern

Welche Aufgaben haben Sie vor allem im Auge?

Man muss dafür sorgen, dass der gute Ruf des deutschen Fußballs ausgebaut wird. Und dass mehr Geld eingenommen wird. Es war immer mein Credo, dass man sehen muss, wo man die Einnahmen optimieren kann. Als ich beim FC Bayern angefangen habe, lag der Umsatz bei sechs Millionen Euro. Dieses Jahr wird er bei weit über 300 Millionen Euro liegen – das ist eine Steigerung von über 5000 Prozent. Qua meiner Person hätte ich große Möglichkeiten im Lobbyismus, um Partner für die Liga zu finden. Dazu sind viele politische Fragen zu lösen: Pay-TV zum Beispiel. Oder das Thema Sportwetten – da läuft der Staatsvertrag 2011 aus, und der muss unbedingt geändert werden, damit der gesamte Sport mehr Geld aus diesem Sektor bekommt.

Wie soll der Staatsvertrag geändert werden?

Der muss abgeschafft werden. Das kann kein Monopol sein. Das ist ein Wahnsinnsbeschluss der Politik, völlig irre. Das hat überhaupt keine Basis. Es ist ein Witz, sich da auf Suchtgefahr zu berufen. Das nehme ich dem Staat erst ab, wenn er alle diese Spielbanken wie zum Beispiel in Bad Wiessee zumacht. Die ist 500 m Luftlinie von meinem Haus entfernt, und wenn ich da irgendwann mal nachts um ein Uhr vorbeifahre und keine Süchtigen mehr raustorkeln sehe, habe ich vielleicht ein kleines Verständnis für die aktuelle Argumentation des Staats. Aber so wie die Dinge jetzt stehen – ich kann doch als Staat nicht sagen: Privates Spielen ist Sucht, aber Lotto/Toto, Pferdewetten und Spielbank ist keine Sucht.

Beim Thema TV-Gelder haben Sie letztes Jahr mal einen Fußball-Beitrag von zwei Euro pro Bürger angeregt. Haben Sie das weiterhin im Hinterkopf?

Die TV-Landschaft wird sich in den nächsten zehn Jahren noch einmal komplett verändern. Da braucht man kreative Ideen. Dieser Vorschlag war ein Druckmittel auf die Pay-TV-Anbieter, dass es nie eine Monopolstellung geben wird. Man kriegt nur mehr Geld, wenn man Alternativen hat. Und ich habe damit aufzeigen wollen, dass die Pay-TV-Sender nicht glauben sollen, sie seien allein auf der Welt. Das war zugegeben ein futuristischer Vorschlag – aber Sie werden sehen, irgendwann wird er möglicherweise noch realistisch. Zum Beispiel, wenn ein Rupert Murdoch plötzlich bei Sky aussteigt. Es hat mich immer ausgezeichnet, dass ich nie mit runtergelassen Hosen dastand, wenn sich ein Problem ergeben hat. Ich beschäftige mich schon im Vorfeld mit den Dingen, damit ich dann, wenn es ein Problem gibt, bereits Lösungen parat habe.

Was entgegnen Sie denen, die fürchten, ein Liga-Chef Hoeneß würde Belange der Top-Klubs über die der Kleinen stellen?

Wer mich kennt, weiß, ich habe immer schon ein Herz für die Kleinen gehabt. Mein ganzes Leben lief nicht nach dem Motto: nach oben buckeln und nach unten treten – sondern umgekehrt. Bei mir werden es immer die Oberen schwer haben und die Kleinen Hilfe kriegen. Viele glauben, wenn der Hoeneß Liga-Chef wird, wird er alles den Großen zuschanzen und die Kleinen links liegen lassen. Es wird das Gegenteil der Fall sein: Ich werde mit der tüchtigen Mannschaft der DFL versuchen, mehr Geld einzunehmen – und dieses Plus dann so verteilen, dass es am Ende allen Klubs besser geht. Den Kleinen und den Großen.

Über allen steht die deutsche Nationalelf. Das Verhältnis zu Rauball ist wegen seiner Haltung zu den Vertragsverhandlungen mit Joachim Löw da zuletzt sehr abgekühlt.

Ja. Ein paar Kommentare von Herrn Rauball haben einigen bei der Nationalelf nicht gepasst. Da ist ein Konflikt aufgemacht worden, den ich nicht für nötig halte. Ich glaube, meine Beziehungen zu allen Beteiligten und zur Nationalelf sind so gut, dass ich ein guter Vermittler in dem Geflecht DFB, DFL und Nationalelf wäre. Ich glaube, hätte ich diese Position schon innegehabt, hätten wir jetzt nicht die Problematik mit der Vertragsverlängerung von Löws Team. Auch die Schiedsrichter-Affäre hätte sich anders entwickelt, weil mein Einfluss schon im Vorfeld so groß wäre. Mein großer Vorteil gegenüber Herrn Rauball ist, dass ich viel näher an den Leuten dran bin. Meine Nähe würde Probleme schon im Ansatz ersticken. Ich habe hohe Akzeptanz bei allen Beteiligten und strebe immer in der Kommunikation Lösungen an.  

Sie würden das Amt in Doppelfunktion ausüben. Erwarten Sie da keine Interessenskonflikte, wenn Sie Lobbyismus betreiben?

Nein. Das geht bei Rauball ja auch. Und würde man sagen, diese Position darf keiner haben, der ein aktives Amt hat, fände ich das kontraproduktiv, weil es schon jemand sein sollte, der im aktuellen Geschehen steckt und weiß, was so drin ist. So ein Altgedienter, der den Druck und Stress der Liga nicht kennt und nicht weiß, was die Leute bewegt, bringt einen nicht voran. Ich bin kein Freund davon, nur Leute in einem Gremium zu haben, die früher mal was gemacht haben und dann abgewählt worden sind.

Wie sieht Ihre Wahlkampfstrategie aus?

Ich habe jetzt noch keinen klaren Plan, ich habe mich ja erst letzte Woche entschieden. Ich werden die Reaktionen in den nächsten vier Wochen abwarten – es werden nicht alle „Juhu“ rufen, aber man kann viel aus kontroversen Debatten lernen. Neulich war ich beim Kamin-Abend der CSU in Kreuth, mit allen Ministern. Das hat unheimlich viel Spaß gemacht, weil ich bei solchen Anlässen viel lerne. Ich geh’ da ja nicht hin, um einen Vortrag zu halten, was ich für ein toller Hecht bin, sondern um Meinungen anzuhören und zu diskutieren – ich möchte auch mit 58 meinen Horizont erweitern.

Interview: Andreas Werner

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