Sorgte für den größten Erfolg im türkischen Fußball: Ilhan Mansiz erreichte bei der WM 2002 Platz drei.
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Sorgte für den größten Erfolg im türkischen Fußball: Ilhan Mansiz erreichte bei der WM 2002 Platz drei.

Ilhan Mansiz über Bayern - Besiktas

„Bei der B-Note sehe ich Besiktas im Vorteil“

  • Andreas Werner
    vonAndreas Werner
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Ilhan Mansiz über die Altstars von Istanbul, Herzblut, Gehörstürze in Reporterkabinen und seine Karriere als Eiskunstläufer

München – Die Vita von Ilhan Mansiz ist mehr als kurios: Geboren im Allgäu, wurde er 2002 zum WM-Helden der Türkei. Bei Besiktas Istanbul verfolgten ihn daraufhin die Paparazzi, er floh nach Japan und wurde letztlich beim TSV 1860 Sportinvalide. Dennoch gab der heute 42-Jährige nicht auf; er arbeitete hart für eine zweite Karriere als Eiskunstläufer. Inzwischen betreibt er eine Berateragentur für Talente.

-Herr Mansiz, wie sind Ihre Erinnerungen an Ihre Zeit bei Besiktas Istanbul?

Es war meine beste Zeit. Für mich war es schon als Kind ein Traum, mal den schwarzen Adler zu tragen. Es ist ein Verein mit Herzblut, der die Arbeiterklasse anspricht, der sehr nah an den Fans ist. Ich konnte mich mit der Art immer am besten identifizieren, meine Eltern haben sich auch alles hart erarbeiten müssen. Man muss sich anstrengen, will man etwas erreichen. Es ist ein großer Klub, aber er spricht die Schicht an, der im Leben nichts geschenkt wird.

-Was erwartet den FC Bayern im Achtelfinale?

Besiktas spielt guten Fußball, wenn man sie lässt. Sie kombinieren auf engem Raum so gut wie kein anderes türkisches Team. Im Winter haben sie mit Cenk Tosun ihren besten Stürmer an Everton verloren, daher ist der Abschluss ein Manko. Dass aber Vagner Love im Winter hingegen zu Besiktas kam, sagt sehr viel aus über den Geist in dieser Mannschaft: Es ist ein altes Team – aber sie sind alle noch hungrig, genauso Love, der es noch mal wissen will. Pepe, Quaresma, Babel: Diese Stars spielen um ihre letzte große Chance in Europa. Die Routiniers brennen, sie werden über sich hinauswachsen.

-Wie wichtig ist es für den FC Bayern, im Heimspiel vorzulegen – denn im Rückspiel wartet ein wahrer Hexenkessel . . .

Oja, da müssen Sie nur Leipzig fragen, wie gewaltig die Stimmung dort ist. Ich habe dort Spiele für das türkische Fernsehen kommentiert und hatte selbst fast einen Gehörsturz – da will man nicht in der Haut der Spieler stecken, wenn es in der Reporterkabine schon so laut war.

-Als Sie dort Spieler waren, verfolgten Sie Paparazzi auf Schritt und Tritt – wie geht man mit diesem Enthusiasmus um?

Es ist schon schwer, ganz ehrlich. Ich konnte nicht spazieren gehen oder mal mit meiner Freundin in ein Lokal. Ich war oft in München, um etwas Ruhe zu haben. Die Begeisterung der Fans kennt keine Grenzen, was natürlich auch schön ist. Aber ich bin schon froh, dass es zu meiner Zeit noch keine Smartphones gegeben hat. Da wäre ich womöglich paranoid geworden.

-Ihre Karriere endete beim TSV 1860 – wie war das damals, als Sie eines Tages zu Ewald Lienen in die Kabine gingen und sagten: „Ich höre auf, ich werde Eiskunstläufer.“

Das mit dem Eiskunstlauf habe ich in dem Moment noch verschwiegen. Ich hatte zwei Jahre lang um eine Rückkehr in den Hochleistungssport gekämpft. Die Zeit bei 1860 war sehr wichtig, weil ich da noch einmal herangekommen bin. Dennoch hatte ich dann für mich entschieden, dass ich zwar noch könnte, aber nicht mehr möchte. Mir war es wichtiger, mit dem Eiskunstlauf zu zeigen, dass man alles schaffen kann, wenn man es will. Egal, wie alt, egal, was die Kritiker sagen. Ich hatte es in meiner Fußballkarriere nicht einfach, auch beim Eiskunstlauf schüttelten alle den Kopf. Wir haben es zwar zu Olympia in Sotschi nicht geschafft, aber die technischen Punkte für die EM zum Beispiel schon erzielt. Ich denke, ich habe da durchaus Leute inspirieren können.

-Ihre fußballerische Karriere endete im Grunde, als Sie eine Frau hier in München an einer Ampel angefahren hatte, richtig?

Ja. An der Uni-U-Bahn-Station. Ich hatte Grün, aber sie hat es ja nicht absichtlich gemacht. Mein linkes Knie war kaputt, noch mal zehn Monate Reha. Ich sah das dann als Zeichen, dass es mit dem Fußball nicht mehr sein soll. Ich habe nie gehadert und denke immer, wenn ein Weg endet, beginnt ein neuer. Mit Arbeit erreiche ich etwas Neues, das war mir klar.

-War Ihre Umschulung von Fußballer auf Eiskunstläufer die ungewöhnlichste der Sportgeschichte?

Wahrscheinlich, ja. Da liegen ja nicht nur Welten dazwischen, sondern ein komplettes Universum. Wenn wir es ein paar Jährchen früher gestartet hätten, hätten wir es wohl zu einer EM geschafft. Für Olympia, da bin ich Realist, hätte es nie gereicht. Aber ich habe viel gelernt aus dieser Zeit, wir haben täglich zehn Stunden auf dem Eis trainiert, ich war härter zu mir als im Fußball. Fußball war Liebe, Eiskunstlauf war Ehrgeiz. Du willst die Perfektion.

-Sie sagten mal, im Fußball ist viel Neid im Spiel, alles drehe sich darum, wer mehr verdient, das tollere Auto hat und die schönere Frau. Ist das sogar noch schlimmer geworden?

Es ist mehr Geld im Spiel definitiv. Ich sage meinen Talenten aber ständig, dass es nicht immer um das Geld gehen darf – zumindest darf es nicht immer die oberste Rolle spielen. Wenn man sich als junger Spieler für das schnelle Geld entscheidet und dabei keinen vernünftigen Plan verfolgt, landet man schnell auf dem Abstellgleis. Du darfst dich nicht über dein Gehalt oder das, was du dir leisten kannst, definieren – und damit auch nicht darüber, was die anderen Leute sagen. Ich weiß, dass das für die jungen Spieler heute nicht leicht ist. Aber man muss bei sich sein. Von nur 15 Minuten Ruhm kannst du dir nichts kaufen.

-Abschließend noch einmal zum Duell Bayern gegen Besiktas – mit den Parametern aus dem Eiskunstlauf: Wer bietet die bessere Kür? Wer erhält die bessere B-Note?

Die B-Note betrifft ja das, was das Auge verwöhnt. Da sehe ich Besiktas im Vorteil, denn ehrlich gesagt spielen sie den schöneren Fußball. Die Bayern bestechen durch ihre Effizienz, sie wissen, was zu tun ist und machen nur so viel, wie sie machen müssen. Natürlich sind die Münchner Favorit – aber wenn sie das attraktive Spiel von Besiktas zulassen, landen sie auf Glatteis. Wobei die Gefahr gering ist: Taktisch sind die Bayern Besiktas um Welten voraus.

-Sie leben in München – sind Sie im Stadion?

Ja, obwohl offiziell keine Besiktas-Fans da sein werden (lacht). Ich kommentiere für das türkische Fernsehen, das Rückspiel genauso. Das lasse ich mir doch nicht entgehen.

Interview: Andreas Werner

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