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Mr. Unbesiegbar: Boateng ist 56 Liga-Spiele ungeschlagen.

Bayern-Abwehr

Jerome Boateng: Der Chef ohne Plappermaul

München - Die Konkurrenz in der Bayern-Abwehr ist groß – nur Boateng scheint gesetzt: Er selbst sagt: "Man wird älter und reifer".

Eine Reise nach Berlin war im Zeitplan von Jerome Boateng für diese Woche nicht vorgesehen. Als im Raum 113 des Landgerichts Berlin am gestrigen Donnerstag um angeblich ausstehende Provisionszahlungen von 750.000 Euro verhandelt wurde, waren weder der beschuldigte Abwehrspieler des FC Bayern noch der Kläger, Boatengs ehemaliger Berater Jörg Neubauer, vor Ort. Verpasst haben beide recht wenig: Eine Einigung blieb aus, es wird wohl zu einer weiteren Anhörung kommen. Dabei würde Jerome Boateng die Vergangenheit doch so gerne hinter sich lassen. Er ist längst ein anderer Mensch als damals.

Es ist ja nicht so, als sei der 26-Jährige früher als schlimmer Finger aufgefallen. Aber es ist doch eine gewisse Wandlung zu erkennen, wenn man den Jerome Boateng von heute mit dem vergleicht, der 2011 zu den Bayern gewechselt ist. Ein paar Titel sind hinzugekommen, Boateng hat das Triple gewonnen, ist Weltmeister. Aber es hat sich vor allem auch etwas an seinem Gesamtauftritt geändert. Wenn Jerome Boateng heute einen Raum betritt, strahlt er etwas aus. Selbstsicherheit. Souveränität. Entschlossenheit. Eigenschaften, die seine Mitspieler auch auf dem Platz zu schätzen gelernt haben.

„Man wird älter – man wird reifer“, sagt der gebürtige Berliner selbst über seine Entwicklung, die ihn laut Matthias Sammer zu „einem der besten Innenverteidiger der Welt“ gemacht hat. Schludrigkeiten oder private Ausrutscher wie früher, als Boateng bisweilen doch ein wenig geblendet von der großen, schillernden Fußball-Welt wirkte, erlaubt er sich nicht mehr. Die Ernährung hat er bereits vor einigen Jahren umgestellt, seitdem ist er austrainiert und weniger verletzungsanfällig. „Die körperliche Konstitution von Jerome: Besser geht es nicht“, schwärmt Sportvorstand Sammer: „Er ist schnell, groß, trotzdem beweglich, ausdauernd, taktisch und technisch auf einem Toplevel.“

Man sagt, Pep Guardiola habe keine Stammelf im Kopf. Boateng aber gilt trotz des nach der Rückkehr von Holger Badstuber und David Alaba verschärften Konkurrenzkampfes in der Bayern-Abwehr als gesetzt. In den vergangenen zwei Jahren hat er die groben Schnitzer, die ihm früher immer wieder unterliefen, so gut wie abgestellt. Zudem ist er der heimliche „Mr. Unbesiegbar“ des Rekordmeisters: Die letzten 56 Liga-Spielen mit ihm in der Startaufstellung haben die Bayern nicht verloren.

Boateng selbst sieht sich nicht als Abwehrchef. „Jeder kann mit jedem zusammenspielen“, sagt er im Sinne des Teamgedankens artig. Dass er inzwischen aber in seine Rolle reingewachsen sei, mehr Verantwortung übernehme, gibt er zu. In den großen Spielen, die ab Februar in der Champions League warten, wird es besonders auf Boateng ankommen. Er organisiert die Hinterreihe der Bayern, gibt Kommandos, egal ob in Dreier- oder Viererkette. Dass er dem Druck gewachsen ist, hat er nicht zuletzt im WM-Finale von Rio bewiesen.

„Die WM hat gepusht“, sagt Boateng, der auch in der internen Hierarchie des Teams inzwischen deutlich weiter oben steht. „Und trotzdem“, sagt Sammer, „gibt es andere Typen, die lautstärker auftreten als er“. Ein „Plappermaul“ werde er nicht mehr werden, da ist man sich bei den Bayern sicher: „Aber man ist auch in der Lage, gute Kommunikation zu betreiben, wenn man nicht so viel spricht.“ Genau das ist sie, die Art des ,neuen’ Jerome Boateng.  

hls

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