Einer, der sein Team schon immer mitreißen konnte: Bayerns Joshua Kimmich.
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Einer, der sein Team schon immer mitreißen konnte: Bayerns Joshua Kimmich.

In aller Munde

Joshua Kimmich: Vom niedrigen Seil in die höchste Klasse

  • vonHanna Raif
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Ein neuer Kurzhaarschnitt, eine eigene Dokumentation im Internet: Jedes Detail rund um Joshua Kimmich wird derzeit registriert. Dass der 22-Jährige schon jetzt als Gesicht des FC Bayern fungiert, ist kein Zufall. Er kann den Verein auch in Zukunft verkörpern, weil er einer ist, der weiß, wo er herkommt – und wo er hin will.

München – In der Jugendakademie des VfB Stuttgart hängt ein Foto, das schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat. Schwarz-weiß ist es nicht, so lange ist die Aufnahme nun auch noch nicht her. Aber ein Jahrzehnt dürfte bald vergangen sein, seitdem sie geschossen wurde. Sie zeigt einen jungen Burschen, der deutlich kleiner und bubenhafter wirkt als der Rest seiner Mannschaftskollegen. Aber: Dieser Bursche war an jenem Tag – beim Spaß-Wettbewerb am Niedrigseil-Parcours – einer der Besten.

Er trägt den Namen: Joshua Kimmich.

Die Anekdote über den einstigen Stuttgarter Nachwuchsspieler hat Markus Rüdt schon des Öfteren erzählt, aber er erzählt sie gerne noch mal. Immer und immer wieder. „Dieses Bild“, sagt der Leiter des VfB-Nachwuchsleistungszentrums, „ist ein Zeichen an die Jungs, die jetzt nachkommen.“ Für Rüdt und sein Team vermittelt es die Botschaft: „Ihr müsst euch reinhängen, es lohnt sich!“ Denn Kimmich war ja nicht nur an jenem Tag, an dem die Internat-Schüler damals gegeneinander antraten, einer, der herausstach. Als weitere Argumente führt der heute 22 Jahre alte Stammspieler des FC Bayern an: Zwei Fritz-Walter-Medaillen, 63 Bundesliga und 22 Champions League-Spiele, zwei Deutsche Meisterschaften und einen Sieg im DFB-Pokal, den Gewinn des Confed Cups, die sichere Nominierung für die WM 2018 und eine Vertragsverlängerung bis 2023 vor Augen.

Wer im Moment über den deutschen Fußball spricht, kommt an Joshua Kimmich kaum vorbei. Das mag daran liegen, dass der Rechtsverteidiger des FC Bayern sich auch gut verkaufen kann, aktuell läuft eine Dokumentationsreihe über seinen Lebensweg auf der Homepage einer Boulevard-Zeitung. Es liegt aber vor allem daran, dass aus dem jungen Kerl, der sich nach seinem Wechsel 2015 nach München über jeden Einsatz freute, inzwischen ein gestandener Profi geworden ist, ein Gesicht des Branchenführers. „Er ist einer, der unbedingt will“, sagt Rüdt. Dieses „Allesgeben“ habe Kimmich schon ausgezeichnet, als er ihn 2006 bei einem Hallenturnier im Oberschwäbischen zum ersten Mal gesehen hat.

Rüdt ist ein bescheidener Mann, obwohl er stolz sein kann auf die Bilanz des Leistungszentrums, das er seit 2007 leitet. Unter anderem der Leipziger Timo Werner und Kimmich sind unter ihm gereift, als Entdecker aber möchte er nicht gesehen werden. Natürlich war er es, dem der 11 Jahre alte Kimmich im Trikot des VfB Bösingen auffiel, genau wie dessen jubelnde Familie auf der Tribüne („auf solche Dinge achtet man“). Bis der heutige Nationalspieler aber 2007 ins Internat zog und sechs Jahre blieb, „waren noch viele andere involviert“.

Für den VfB Stuttgart war ab dem ersten Moment klar, dass dieser Bub verpflichtet werden soll. Denn schon damals, in der stickigen Turnhalle, sah man „seine Leidenschaft, seine Begeisterung, seine Führungsstärke“. Beim 1:2 der Bayern in Gladbach gab es am Samstag eine Szene, die zu diesem Profil passt. Sie zeigte Kimmich im Dialog bzw. Disput mit Javi Martinez, der beim zweiten Gegentor – gelinde gesagt – geschlafen hatte.

Der Rechtsverteidiger des FC Bayern, 22, stauchte den Spanier, 29, zusammen. Ob er sich das schon vor einem Jahr getraut hätte? Rüdt überlegt. „Vielleicht nicht so öffentlich.“ So oder so aber gehöre zu Kimmichs Führungspersönlichkeit, „die anderen nicht nur positiv mitzureißen, sondern auch zu stellen“.

Kimmich, der sein Abitur mit 1,7 abgelegte, hat diese Fähigkeit früh entwickelt. Er war Sprecher des Internats, hat die Interessen seiner Mitspieler stets vertreten und machte von Beginn an alles „sehr, sehr selbstständig“. Die Entwicklung auf menschlicher Ebene lief parallel zur fußballerischen. Im zentralen Mittelfeld ist er gereift, „ganz vereinzelt“, sagt Rüdt, „hat er auch mal rechts hinten gespielt“. Dass er aber weiter vorne ausgebildet wurde, kommt ihm nun als Nachfolger von Philipp Lahm zugute.

„Er war da im Getümmel, hat gelernt, schnell zu handeln, zudem Spielübersicht und Orientierung gewonnen.“ Zu sehen heute: Im Abwehrverhalten genauso wie auf dem Weg nach vorne, wo Kimmichs Flanken zuletzt schon von Michael Ballack mit jenen von Andreas Brehme verglichen wurden. Zur Erinnerung: Der Weltmeister von 1990 galt als ,Herr der Flanken‘.

In Stuttgart verfolgt man Kimmichs Entwicklung genau so – und vielleicht noch ein bisschen intensiver – wie im Rest der Republik. Wenn Rüdt den Kimmich von heute über den Bildschirm flimmern sieht, denkt er gerne zurück. Er hat viele Jungs begleitet und sagt: „Es geht nicht darum, wo einer hingekommen ist. Sondern darum, dass man den Menschen sieht.“ Im Fall von Kimmich hat halt alles gestimmt. Inzwischen könnte der Überflieger am Niedrigseil wahrscheinlich auch einen Hochseil-Parcours bewältigen.

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