Kroos: Bonus bei Heynckes? 0,0 Prozent!

München - Vor einem Jahr zögerte Toni Kroos (21), als der FC Bayern die Rückkehr seiner Leihgabe von Bayer Leverkusen befahl. Nun zieht der Nationalspieler ein Fazit.

Toni Kroos, war es nun richtig oder falsch, zurück nach München zu gehen?

Es war der absolut richtige Schritt. Mein Hauptziel war, möglichst viel zu spielen, damit sich die Rückkehr lohnt. Das ist so gekommen. Unter Louis van Gaal habe ich immer gespielt, wenn ich fit war. Die meisten Leistungen waren gut, aber es ist natürlich noch immer Luft nach oben.

Bis zu einer Verletzung kurz vor der Winterpause fehlten Sie kein Spiel. Derzeit gehören Sie aber nicht mehr zur Stammelf. Haben Sie inzwischen Sorge, dass der Trend gegen Sie läuft?

Nein. Andries Jonker schaut jetzt gerade mehr auf die Defensive. Das ist in der aktuellen Lage nachzuvollziehen, weil wir Ergebnisse brauchen. Und da verspricht er sich von Anatolij Timoschtschuk im Mittelfeld mehr Stabilität, das ist in Ordnung. Ich mache mir da jetzt keine Sorgen.

Als Sie nach Leverkusen gingen, war die große Frage: Was kann dieses hochgelobte Talent wirklich? Sie entwickelten sich zum WM-Teilnehmer. Nun steht die nächste große Frage im Raum: Wo kann dieser Kroos spielen?

Ich habe immer betont, dass ich mich auf einer zentralen Mittelfeld-Position am wohlsten fühle: Auf der 6, 8 oder 10. Ich bin für die Mannschaft am wertvollsten, wenn ich viele Bälle bekomme. Aber ich will mich gar nicht auf eine Position festlegen. In der Hinrunde habe ich im Mittelfeld auf allen Positionen gespielt, auch links und rechts. Es kommt immer auf die Sicht des Trainers an. Van Gaal hat mich eigentlich als 10er zurückgeholt, dann aber gefunden, dass ich als 6er besser in seine Philosophie passe. Flexibilität gehört dazu, gerade bei so einem starken Kader wie hier beim FC Bayern.

Haben Sie denn Freude am „Reise-nach-Jerusalem“-Spiel im Mittelfeld?

(schmunzelt) Es ist grundsätzlich immer gut, wenn man eine feste Position hat – aber ich denke, wenn ich nicht so flexibel wäre, hätte ich nicht so viele Spiele gemacht. Und das ist am Ende das Wichtigste: Dass man auf dem Platz steht und seinen Teil beiträgt.

Sie sagten mal: „Ich bin keiner, der am Boden rumgrätscht“ – haben Sie das als 6er nun gelernt?

Ja, klar gehört das dazu. Nur kann man die 6er-Rolle so oder so interpretieren. Man hat da natürlich mehr Zweikämpfe als beispielsweise auf der Position als 10er, muss da öfter seinen Mann stehen. Aber man kann auch da viele Situationen spielerisch lösen. Ich werde diese Position immer einen Tick mehr spielerisch interpretieren.

Ihr Vorbild war lange der frühere Bremer Johan Micoud – ein 10er. Bleibt es trotz neuem Job dabei?

Natürlich – zumal er ja nix mehr falsch machen kann, er hat ja aufgehört (lacht). Er ist nach wie vor der Spieler, der mich am meisten fasziniert hat. An einem wie ihm kann man sich schon orientieren. Er war meiner Meinung nach fußballerisch einer der Besten, den die Bundesliga je gesehen hat. In der Jugend habe ich immer auf ihn geschaut – auch, weil er als 10er halt die gleiche Position hatte.

Auf wen schauen Sie auf der 6er-Position?

Ich muss natürlich meine eigene Linie finden. Aber wenn man jetzt bei Barcelona Xavi und Andres Iniesta auf dieser Position sieht – das ist einfach Weltspitze. Und daran muss ich mich orientieren. Bei denen ist die Problemlösung auch nicht zwingend die Grätsche, sondern der fußballerische Ansatz. Ohne, dass die Beiden jetzt ein Vorbild wären, denke ich, dass das ein Stil ist, von dem man sich inspirieren lassen kann – oder besser gesagt: inspirieren lassen muss. Ganz einfach, weil es nichts Perfekteres gibt.

Sie sagten, bei Ihnen ist noch Luft nach oben – was muss besser werden?

Ich habe das erste Mal konstant auf einer neuen Position gespielt und denke, dass das fußballerisch ganz in Ordnung ist. Aber bei Zweikämpfen kann ich noch zulegen. Wir haben als Mannschaft insgesamt nicht gut verteidigt. Da muss jeder Einzelne bei uns eine Schippe drauflegen.

Jupp Heynckes kommt als Trainer zurück – jener Mann, der Sie in Leverkusen geformt hat. Was versprechen Sie sich von ihm?

Für mich war Heynckes ein Glücksfall. Er war der erste Trainer im Profibereich, der mir konstant das Vertrauen geschenkt hat. Ich denke, davon haben beide Seiten profitiert. Vor der Saison hatte er mir damals klar gesagt, was ich verbessern muss. Das habe ich gern aufgenommen bei so einem Trainer, der ja schon etliche Weltstars trainiert hat, ob jetzt bei Bayern oder Real Madrid. Am Ende des Spieljahrs hat er mir gesagt, er sei sehr zufrieden. Er meinte, es gehören ja immer zwei dazu: Einer, der Tipps gibt – und einer, der sie annimmt. Er hätte mich gerne in Leverkusen behalten . . . naja, jetzt kommt er halt einfach nach (lacht).

Glauben Sie, Sie haben unter ihm einen Bonus?

Nein, gar nicht. Was bei Leverkusen war, ist Vergangenheit. Hier herrscht eine ganz andere Situation. Wir haben einen anderen Kader als Leverkusen. Zum Thema Kroos-Bonus bei Heynckes sage ich ganz klar: Der liegt bei exakt nullkommanull Prozent.

Wie wird Jupp Heynckes die Bayern prägen?

Er tut diesem Klub sicherlich gut, weil er a) den FC Bayern von früher bestens kennt und b) einfach insgesamt ein sehr erfahrener Trainer ist, der weiß, wie er mit bestimmten Situationen umzugehen hat. Mit ihm werden wir wieder sehr viel Erfolg haben. Er ist der Typ Trainer, der eine gewisse Ruhe ausstrahlt und keine Hektik an den Tag legt. Das wird unserer Mannschaft gut tun. Er weiß gleichzeitig aber auch, wann er mal anziehen und lauter werden muss. Diese Mischung kommt bei den Spielern gut an. Es ist mal Spaß dabei, das nutzt aber keiner aus, weil alle wissen, man muss immer Gas geben. Er hat ein sehr gutes Gespür für jeden einzelnen Spieler.

Offensichtlich hatte er das ja auch für Sie – und Sie sind ein spezieller Fall: Mit 16 bereits bei Bayern zu den Profis beordert, mit 21 spielen Sie schon Ihre vierte Profisaison. Wie gehen Sie mit dem Etikett „Wunderkind“ um, das Ihnen früh umgehängt wurde?

Ach, den Begriff habe ich jetzt schon länger nicht mehr gehört. Ich kann mit sowas sowieso nicht so viel anfangen und sehe das alles eigentlich positiv. Ich bin früh zu den Profis gekommen, dann hat Jürgen Klinsmann nicht auf mich gesetzt. Der Wechsel zu Leverkusen war genau richtig. Der Verein hat gut zu meinem Stil gepasst. Da konnte ich allen zeigen, dass ich das alles auch wirklich kann, wovon vorher nur geschrieben wurde. Dann bin ich als gereifter Spieler zu Bayern zurück. Es war der richtige Weg. Der Prozess ist insgesamt natürlich nicht abgeschlossen.

Finden Sie es ungerecht, dass von Ihnen stets mehr erwartet wird?

Nein, gar nicht. Das ist ja in erster Linie ein Zeichen von Wertschätzung. Und dass andere von mir mehr erwarten, war für mich von Anfang an normal – ich habe von mir auch immer mehr erwartet. Dieser hohe Erwartungsdruck schon in der Lernphase war in meinem Fall immer gut – wenn du bei den Profis des FC Bayern bestehen willst, hast du diesen Druck jeden einzelnen Tag. Ich hatte da also eine sehr gute Schule.

Als langjähriges Vereinsmitglied wissen Sie natürlich auch, was am Ende einer enttäuschenden Saison gefragt ist: Eine Kampfansage an den neuen Meister Dortmund . . .

(grinst) Die müssen wir hier in München gar nicht formulieren. Den Meisteranspruch hat jeder von uns. Dieses Mal sind wir ein ganzes Jahr hinterhergehinkt. Wir sind heiß auf die neue Saison – und darauf, es allen zu zeigen, dass wir die beste Mannschaft in Deutschland sind. Ich bin da ziemlich zuversichtlich.

Interview: Andreas Werner

 

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