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„Wenn du zickst, hast du keinen Erfolg“: Melanie Leupolz.

Klartext von Leupolz

„Ich war schon immer eine der Lauteren“

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Melanie Leupolz, neue Kapitänin beim FC Bayern, über Ehrlichkeit unter Frauen, Klischees und deutsche WM-Chancen

München – Melanie Leupolz, 24, geht in eine besondere Saison: Fünf Jahre spielt sie nun schon beim FC Bayern, in diesem Sommer beerbte sie Melanie Behringer als Kapitänin. Vor dem ersten Heimspiel gegen Duisburg am Sonntag (13 Uhr, Grünwalder Stadion) wird im Interview deutlich, dass sich die Nationalspielerin viele Gedanken über die Kreidelinien des Fußballplatzes hinaus macht.

-Frau Leupolz, wie gefährlich ist so ein 10:1 zum Liga-Auftakt wie letzte Woche gegen Leverkusen für das zweite Spiel?

Bei uns im Grunde nicht besonders. So ein hohes Ergebnis gibt Selbstvertrauen, aber mehr auch nicht. Die Konkurrenz im Kampf um die Spitzenplätze der Liga wird immer härter, da darf man keinen Spieltag lang nachlassen.

-Innerhalb der Liga wird die Konkurrenz größer, international droht eine Kluft – europaweit bauen Top-Clubs Frauen-Teams auf.

Wir müssen aufpassen, ganz klar. In England, Spanien und Italien wird viel Geld investiert, in Frankreich haben sich schon lange in Lyon und Paris zwei Top-Clubs etabliert. Die Bundesliga muss sich Gedanken machen, wie sie mithält. Das Wichtigste ist, dass deutsche Nationalspielerinnen im Land gehalten werden. Der FC Bayern tut da sein Bestes, wir haben so viele deutsche Nationalspielerinnen wie nie zuvor im Kader. Die Bundesliga war in der Vergangenheit immer eine der attraktivsten in Europa, sie muss dafür sorgen, dass der Status erhalten bleibt.

-Sorgen Sie sich?

Beim FC Bayern nicht. Ich denke, wir haben noch immer eine sehr starke Liga. Aber es müssen innovative Wege gefunden werden. Wir brauchen mehr Medieninteresse, mehr Zuschauer. Es ist mir klar, dass es nicht so einfach ist, auf einen Schlag mehr Fans in die Stadien zu locken. Aber man sieht ja an Paris, es ist möglich. Es wäre ideal, wenn mehr große Männer-Clubs die Frauen-Sparte angehen. Als Spielerin wünscht man sich natürlich, dass sich die Liga weiterentwickelt. Aber ich verstehe die Problematik, wenn Clubs sagen: Ich verdiene mit Frauen-Fußball nicht so viel Geld, warum sollte ich investieren?

-Europaweit haben Clubs wie der FC Barcelona, Real Madrid, Juventus Turin, Arsenal und Chelsea neben Paris und Lyon in der Hinsicht umgedacht . . .

. . . und ich kann mich beim FC Bayern auch kein bisschen beklagen. Wir haben super Bedingungen, besonders jetzt mit dem Campus. Aber es wäre sehr schön, wenn noch andere deutsche Männer-Clubs hier Potenzial erkennen würden.

-Wenn man Sie so reden hört, klingt die Sportwissenschaftsstudentin durch.

(lacht) Meine Bachelorarbeit ist bald fertig, ich muss dann überlegen, ob ich noch meinen Master mache. Sportmarketing macht mir tatsächlich viel Spaß, irgendwann wird das sicher mal spannend. Und wenn ich dann mal da irgendwo unterkomme, kann ich mir noch mehr Gedanken über die Attraktivitätssteigerung für den Frauen-Fußball machen.

-Dieser Zeitpunkt ist fern; mit 24 sind Sie noch immer jung und stehen mitten in der Karriere. Seit diesem Sommer sind Sie neue Kapitänin des FC Bayern. Beginnt nun ein neuer Abschnitt Ihrer Laufbahn?

Über die Binde mache ich mir nicht so viele Gedanken. Da wird von außen immer mehr draus gemacht als es nötig ist. Aufgrund meiner Position im zentralen Mittelfeld habe ich immer versucht, das Team zu leiten. Da ist man der Dreh- und Angelpunkt, der für die Balance sorgt. Und so bin ich in eine Führungsrolle hineingewachsen. Ich war schon immer eine der Lauteren auf dem Platz. Dass ich von der Mannschaft in der Vorbereitung als Kapitänin gewählt wurde, hat mich sehr gefreut. Das ist ja auch eine Bestätigung dafür, dass mir das Team vertraut.

-Melanie Behringer ist weiter im Kader, allerdings fehlte sie immer häufiger verletzt und arbeitet auch jetzt an ihrem Comeback. Ist das problematisch, wenn die ehemalige Amtsträgerin noch immer dabei ist?

Ganz im Gegenteil. Der Anstoß kam ja von Mel, dass sie jetzt den Zeitpunkt gekommen sah, den Jungen im Team mehr Verantwortung zu übertragen. Wir lösen die Aufgabe im Mannschaftsrat, zu dem sie neben meiner Vertreterin Carina Wenninger zählt. Sie hilft tatkräftig mit, hat immer ein offenes Ohr für mich, wenn ich Fragen habe. Ich war in der Junioren-Nationalmannschaft öfter Kapitänin, aber das ist jetzt etwas anderes. Mel ist immer beratend zur Stelle, wenn man sie braucht. Ich sehe mich da nicht an oberster Stelle, es ist eher Teamwork. Und im Grunde wird Mel für mich immer ein Stück weit unsere Kapitänin sein. Sie ist eine der größten Persönlichkeiten in der Geschichte des deutschen Frauen-Fußballs.

„In guten Zeitenist jeder einguter Kapitän.“

-Dennoch schauen die Leute außerhalb noch ein Stück mehr auf den, der die Binde trägt, als auf andere.

Mir ist das nicht wichtig. Entscheidender ist, dass außerhalb des Platzes ein paar Aufgaben mehr auf einen zukommen – vor allem, wenn es mal nicht läuft. In guten Zeiten ist jeder ein guter Kapitän. In schlechten Zeiten muss man sich stellen. Ich habe eine sehr professionelle Einstellung und will damit täglich ein Vorbild für andere sein. Und wenn ich mal etwas sehe, was mir nicht gefällt, bin ich jemand, der das ehrlich und direkt anspricht. Wir haben alle große Ziele und sollten alle so professionell sein, dass wir uns ehrlich sagen können, wenn wir das Gefühl haben, irgendwas gefährdet diese Ziele. Ich bin der direkte Typ. Nur die Wahrheit, auch wenn sie manchmal hart ist, bringt einen weiter.

-Eine klischeehafte Frage, die vielleicht nur ein Mann stellen kann: Ist es so leicht, in einer Gruppe mit 23 Frauen ehrlich und direkt zu sein? Es kursiert ja immer das Vorurteil, der Zickenfaktor sei sehr hoch.

Die Frage ist in Ordnung, aber ich kann da etwas Licht reinbringen. Generell stimme ich zu, dass Frauen sicher etwas mehr reden als Männer. Aber Fußballerinnen, Leistungssportlerinnen kann man meines Erachtens nicht in dieses Klischee hineinpacken: Wir sind nicht, wie so schön heißt, typisch Mädchen, typisch zickig. Weil bei uns, vor allem bei einem Club wie dem FC Bayern, der Leistungsgedanke über allem steht. Wenn du zickst, kannst du in einem professionellen Team keinen Erfolg haben. Vielleicht regeln wir die Dinge mehr in der Gruppe, in einem großen Gespräch – während Männer ein Problem schneller unter sich ausmachen und es abhaken.

-Sie werden oft als Aushängeschild des Frauen-Fußballs gesehen, haben enorme Follower-Zahlen in den sozialen Netzwerken. Sehen Sie das auch als eine Ihrer Aufgabe an, für den Frauen-Fußball zu werben?

Ein Stück weit schon. Wobei die hohe Follower-Zahl nicht geplant war. Das kam, weil ich beim EM-Sieg 2013 und dem Olympiagold 2016 so jung war – da werden die jungen Menschen auf einen eher aufmerksam. Aber wenn einem so viele junge Mädchen folgen, sollte man versuchen, einer Vorbildrolle gerecht zu werden. Ich bin mir bewusst, dass ich den FC Bayern und die deutsche Nationalelf präsentiere. Es ist schön, wenn mich junge Mädchen fragen, wie sie es in den Profibereich schaffen können – sogar Jungs fragen mich manchmal nach Tipps . . .

„Sogar Jungs fragen mich nach Tipps . . .“

-Sogar Jungs?

(lacht) Ja. Eher die Kleineren. Mich freut das sehr. Ich versuche immer, mir die Zeit zu nehmen, um zu antworten.

-Im Sommer steht die WM in Frankreich an. Ist die DFB-Auswahl bis dahin wieder salonfähig?

Wir bekommen in Martina Voss-Tecklenburg eine neue Trainerin, die erst nach der WM-Qualifikation mit der Schweiz zu uns stößt. Zwei ihrer Co-Trainer arbeiten schon mit uns, das wird die Phase des Zueinanderfindens verkürzen. Vor dem Rückspiel in der Qualifikation auf Island waren wir nervös, muss ich ehrlich sagen. Ich bin sicher, dass wir in den nächsten Monaten nach dem Umbruch wieder eine Einheit werden und unseren Rhythmus finden. Die Qualität der Spielerinnen ist ja da. Ich finde gut, dass wir den Algarve-Cup und den SheBelieves Cup diesmal nicht spielen. Da ginge es wieder nur ums Gewinnen, aber es ist wichtiger, dass wir uns im Training wieder mehr unsere Inhalte erarbeiten.

-Und was ist mit dem FC Bayern alles drin?

Bei Bayern streben wir nach zwei Vizemeisterschaften den Titel an, auch wenn es schwer wird. Auch das Pokalfinale erneut zu erreichen ist ein Ziel. In der Champions League müssen wir mindestens weiter kommen als im letzten Jahr. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir eine gute Saison spielen werden.

Interview: Andreas Werner

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