Schaut her – uns kann nichts schocken: Die Bayern um Alaba (r.) und den starken Coman (M.) bewahrten Ruhe.
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Schaut her – uns kann nichts schocken: Die Bayern um Alaba (r.) und den starken Coman (M.) bewahrten Ruhe.

Nagelsmanns Hoffenheimer sind mit den Heynckes-Bayern nur kurz auf Augenhöhe

Per Du mit dem Meister

  • vonHanna Raif
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Zwei Gegentore schmecken den Bayern nicht. Wer aber fünf schießt, weiß, dass er sich alles erlauben kann. Der berühmte Schlendrian ist heuer noch nicht da.

München – Es gibt Regeln, die Männer alter Schule einhalten, also wusste Jupp Heynckes rund um die Partie seiner Bayern gegen 1899 Hoffenheim: Jetzt – oder womöglich nie. Stand heute war das erste Bundesliga-Duell mit dem 42 Jahre jüngeren Julian Nagelsmann ja auch gleichzeitig sein letztes, und deshalb wohl auch die einzige Möglichkeit, aus dem „Sie“ ein „Du“ zu machen. Als die beiden eigentlich so ungleichen Trainer also nach dem 5:2 das Podium betraten, wirkten sie nicht nur wie zwei Männer auf Augenhöhe, sondern waren es auch. „Vor dem Spiel hab’ ich ihn noch gesiezt, jetzt hat er mir das Du angeboten“, verriet Nagelsmann. Ein Ritterschlag.

Natürlich waren die Worte des Jungspunds unter den deutschen Elite-Trainern begleitet von diesem schelmischen Schüler-Grinsen, das nicht mehr allzu oft, aber immer noch ab und an durchblitzt. Nagelsmann war sichtlich gut drauf, obwohl sein Team die schnelle Führung durch Mark Uth und Serge Gnabry – zwölf Minuten waren da gerade gespielt – ähnlich schnell aus der Hand gegeben und letztlich verdient verloren hatte. Er verließ seinen Womöglich-irgendwann-mal-Arbeitgeber aber immerhin mit der Erkenntnis, den zur sechsten Meisterschaft eilenden Bayern ein wenig Verbesserungspotenzial aufgezeigt zu haben. Auch Duz-Partner Heynckes gab zu: „Ich gewinne lieber zu null.“

Vier Gegentore hat sich der Rekordmeister in den vergangenen beiden Heim-Partien (4:2 gegen Bremen, 5:2 gegen Hoffenheim) gefangen. Darüber müsse man sich „Gedanken machen“, sagte Thomas Müller, der wie Franck Ribery und James lange von der Bank hatte zusehen müssen. Dass allerdings selbst ein Blitz-Rückstand und eine erste Viertelstunde voller Fehler in diesem Team niemanden nervös werden lassen, war die zweite Erkenntnis des Tages. Sie beeindruckte vor allem den Last-Minute-Torschützen Sandro Wagner, der sich auf der Ersatzbank umgesehen hatte und merkte: „Alle dachten, das drehen wir noch.“ Dieses Gefühl muss sich bei einem Mann, der bis vor wenigen Wochen da spielte, wo man nach einem 2:0 noch 2:5 verliert, erst entwickeln.

Heynckes immerhin war zwischendurch sauer gewesen und wollte die Fehler trotz des 18. Sieges im 19. Spiel seiner vierten Amtszeit deutlich ansprechen. Der fehlende Zugriff steht da in der letzten nicht-Englischen Woche genauso auf der Agenda wie die Reaktion auf den parierten Foulelfmeter von Gnabry, den Uth im Nachschuss verwandelte. Die kollektive Meinung: In anderen Wettbewerben werden solche Fehler vehementer bestraft. Und um nichts anderes, als die Spannung für diese anderen Wettbewerbe hochzuhalten, geht es ja als designierter Meister.

16 Punkte Vorsprung sind es weiterhin. Obwohl Sven Ulreich daran erinnerte, „dass es noch einen zweiten und dritten Tabellenplatz“ gebe, ist Thomas Müller sich jetzt schon sicher, „dass da nichts mehr anbrennen wird“. Man müsse daher den Fokus darauf legen, dem „Schlendrian“ keinen Raum zu bieten. Deutlicher wurde Torschütze Robert Lewandowski, der das Dilemma, sich im langweiligen Bundesliga-Alltag nicht hängenzulassen, ungewohnt offen beschrieb.

„Wir wissen, was in den letzten zwei, drei Jahren passiert ist“, sagte der Pole und erinnerte an die Halbfinal- bzw. Viertelfinal-Pleiten in der Champions League. Auch da habe man national stets „viele Punkte Vorsprung“ gehabt, was es „manchmal schwer“ mache, für den Ernstfall gewappnet zu sein. Das Ziel heuer: „Wir müssen auch in der Bundesliga und im Pokal mit 100 Prozent spielen.“ Also konkret gegen Mainz, Schalke, Wolfsburg und Paderborn, ehe das Achtelfinal-Hinspiel gegen Besiktas Istanbul ansteht.

Hoffnung, dass das gelingt, macht natürlich: Heynckes. „Aktuell“, sagte Müller, stehe „der beste Mann an der Seitenlinie, allein wenn man sich seine Ansprachen anhört und sieht, wie er trotz unserer aktuellen Situation auch wirklich Feuer versprüht, und das in dem Alter – Hut ab!“ Die Bosse sollten den Jupp jetzt mal schön „charmeurisieren“ (Wortkreation Müller) – und Nagelsmann kann sich freuen, per Du zu sein mit diesem Meister im doppelten Wortsinne. Die Dienstreise hat sich gelohnt.

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