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Nerlinger: „Ich bin nicht der Freund der Spieler“

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Christian Nerlinger © dpa

München – Sein Vertrag als Sportdirektor des FC Bayern läuft drei Jahre. „Das ist der Zeitraum, in dem ich mich beweisen muss“, sagt Christian Nerlinger.

Im zweiten Teil unseres Interviews erklärt er, wie er sein Verhältnis zu den einzelnen Spielern sieht, was er mit Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger plant und warum er niemals für einen anderen Klub arbeiten wird.

Herr Nerlinger, es war der Aufreger der Vorrunde schlechthin: Philipp Lahms Interview, in dem er dem FC Bayern gehörig die Leviten gelesen hat. Welche Rolle spielt sein öffentlicher Vorstoß bei der Suche nach den Knackpunkten?

Nullkommanull. Ich schätze Philipp als Spieler und Persönlichkeit unglaublich. Er ist einer, der den FC Bayern verkörpert und auch in Zukunft verkörpern wird. Es ist ein vermeintlich einfacher Weg, über ein Interview sein Profil zu schärfen – schwieriger und zugleich wichtiger ist es aber, es innerhalb der Mannschaft zu tun, indem man da Missstände offen anspricht und dabei nicht auf Einzelinteressen schaut, sondern die Entwicklung der Mannschaft im Blick hat. Und da sind wir, da ist der Philipp auf einem guten Weg. Auch andere Spieler entwickeln sich da. Es entwickelt sich insgesamt eine Mannschaft. Nach dem Haifa-Spiel – das war ein Knackpunkt – hat man in der Kabine richtig die Aufbruchstimmung im Team gemerkt. Und dann kam das Spiel in Turin – spätestens seitdem sehen wir eine positive Entwicklung.

In Turin saßen Sie spät nachts mit Lahm noch im Bankettsaal zusammen. Ein Moment, wo man wieder zusammenrückte?

Ich habe mit Philipp noch nie ein Problem gehabt. Ich war wie alle überrascht über das Interview. Es fiel ja in eine unglückliche Phase des Vereins, in der man tatsächlich ein paar Fragezeichen stellen konnte. Ich schätze Philipps Meinung, ich lade die Spieler immer ein zu diskutieren. Ich werde sie nie öffentlich kritisieren, aber unter vier Augen oder in kleinen Gruppen muss man sich deutlich die Meinung sagen können. Das ist essentiell und konstruktiv. Philipp hat das Wohl des FC Bayern im Blick, er ist wie ich hier durch die Jugend gegangen. Da ist ein besonderer Bezug zum Verein da. Bei Philipp ist das so, bei Bastian Schweinsteiger ist das genauso, auch bei vielen Jungen, die jetzt nachrücken. Das weiß ich zu schätzen. Es heißt immer, der Prophet im eigenen Land, der zählt nicht. Das ist bei mir sicher anders. Wobei das Bayern-Gen auch Spieler haben, die später gekommen sind: Mark van Bommel, Daniel van Buyten, Jörg Butt, ich kann da noch mehr Namen nennen – früher sind auch Giovane Elber, Jens Jeremies oder Hasan Salihamidzic Teile des Vereins geworden.

Wo stehen Sie im Alltag – näher bei den Spielern oder auf Trainerseite?

Zwischendrin. Ich habe mit keinem Spieler ein freundschaftliches Verhältnis, sonderen ein gutes, ein offenes. Die Spieler können sich auf mich verlassen, das wissen sie. Wenn sie mir etwas sagen, bleibt es auch bei mir. Und beim Vorstand und dem Trainer ist das nicht anders.

Stichwort Trainer-Nähe: Jürgen Klinsmann findet, Uli Hoeneß hätte mit ihm gehen sollen. Würden Sie mit van Gaal gehen?

Ich denke, dieses Interview muss man nicht kommentieren. Im Führungsbereich eines Klubs muss Kontinuität herrschen. Sicher ist der Trainer eine wichtige Figur, nur ist eine gewisse Gewaltenteilung sinnvoll. Ein Qualitätsmerkmal bei Bayern ist, Kontinuität und Kompetenz in der Führung zu haben. Ich hoffe, das bleibt weiter so. Ich hatte eigentlich nicht das Ziel, zurück in den Profifußball zu gehen. Und es käme für mich auch niemals in meinem Leben in Frage, bei einem anderen Klub als dem FC Bayern zu arbeiten. Mich haben etwa die letzten beiden Jahreshauptversammlungen sehr bewegt. Da habe ich gemerkt, wie stolz ich bin, für diesen großartigen Verein mit diesen tollen Fans arbeiten zu dürfen. Ehrlich: Wir sind ja schon etwas unsicher gewesen vor der Veranstaltung. Es war eine schwierige Phase. Und dann kommst du in den Saal, und da herrscht so eine positive Stimmung. Das ist die Basis, da sieht man, was wirklich los ist. Nicht das, was medial kreiert wird. Die Schlagzeilen waren ja: „Der FC Bayern in Trümmern“ etc.

In der Öffentlichkeit ist Schweinsteiger heuer oft nicht gut weggekommen. In Turin machten Sie sich dann ungefragt für ihn stark – sehen Sie sich auch mal als Anwalt der Spieler?

Nein. Aber wenn der Bastian über längere Zeit gleich beim ersten Fehlpass ausgepfiffen wird, tut mir das weh. Bastian ist einer, der Denker und Lenker der Mannschaft werden kann. In der schwierigen Phase der Saison hat er gespielt, wie ich das von einer Führungskraft erwarte. Er hat die richtige Einstellung und ist einer, der alles für den FC Bayern gibt. Es ist mir ein Anliegen, ihn in der Öffentlichkeit da zu platzieren, wo er meiner Meinung nach hingehört.

Danijel Pranjic erzählt, Sie hätten ihn mit aufbauenden Gesprächen unterstützt – das klingt schon nach Spieler-Versteher.

Aber nicht alle Gespräche mit den Spielern sind immer nur positiv. Man muss sie auch kritisieren. Ich bin nicht der Freund der Spieler, nicht der Spieler-Versteher, im Gegenteil. Ich verstehe natürlich, dass es schwierige Phasen für einen Spieler geben kann – aber ich erwarte Respekt und Leistung. Leidet beides auf Dauer, gibt es mit mir Probleme, das ist ganz klar.

Wird es auch unter Ihnen Transfers der Kategorie Ribery/Robben geben?

Wir sprechen da immer von einem Zwei-Säulen-System. Unsere eigene Jugend forcieren, und auf der anderen Seite Top-Spieler holen, von denen wir wissen: Die helfen uns. Da geht es nicht um Namen und den Trikotverkauf, sondern um Leistung.

Wackelte das Zwei-Säulen-System heuer etwas – die zweite Mannschaft hatte einen Durchhänger – oder sehen Sie dennoch Kandidaten, die den Weg eines Müller oder Badstuber einschlagen können?

Mehmet Scholl hat seinen Weg gefunden, hat der Mannschaft ein Gesicht gegeben und Spieler individuell ausgebildet, die für uns ein Thema sind. Da gibt es schon ein paar Junge, die eine Perspektive auch bei uns haben.

Arjen Robben kostete 25 Millionen. Hat man da als Neuling im Geschäft mal schwitzige Hände?

Nein, eigentlich nicht. Man wünscht sich natürlich, dass es gut geht. Bei jedem Transfer. 100prozentige Sicherheit hast du nie. Als Spieler habe ich auch alles selbst verhandelt – und bin gut gefahren. Ich kenne das Geschäft. Und der FC Bayern war nie eine One-Man-Show, er wird es auch nie werden. Große Transfers werden immer gemeinsam abgesprochen.

Die Winterpause ist traditionell ein Zeitpunkt, um Verträge zu verhandeln oder Trennungen zu vollziehen. Gibt es schon konkrete Personalpläne?

Wenn ein Spieler unzufrieden ist, kann er immer das Gespräch suchen. In Dubai gibt es keine konkreten Vertragsverhandlungen. Entscheidungen fallen erst im Frühjahr. So lange wollen wir die Spieler noch etwas beobachten.

Interview: Andreas Werner

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