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Nerlinger im Interview: "Werden erfolgreiche Zeiten erleben"

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Christian Nerlinger blickt goldenen Zeiten entgegen © Getty

München - FC-Bayern-Sportdirektor Christian Nerlinger spricht im Interview mit dem Münchner Merkur über den Start in der Champions League, Arjen Robbens Zukunft und Jupp Heynckes' Führungsstil.

Herr Nerlinger, der FC Bayern gibt sich seit dem 0:1 zum Auftakt gegen Gladbach partout keine Blöße – jetzt kursiert schon wieder die bange Frage: „Ist dieser FC Bayern überhaupt zu schlagen?“ Wie lautet Ihre Antwort?

Christian Nerlinger: Also, Schwarz-Weiß-Malerei habe ich noch nie unterstützt. Bei uns, heißt es, ist jetzt alles fantastisch, gleichzeitig wird bei Dortmund diskutiert, ob da jetzt alles zusammenbricht – ich schließe mich solchen Diskussionen nicht an. Wir dürfen die letzten Spiele nicht überbewerten. Es ist schön, wie sich der FC Bayern gerade präsentiert. Aber jetzt geht eine neue Phase los. Auf uns kommen nun andere Hausnummern zu. Und unsere Mannschaft ist bereit dafür.

So sahen die Bayern-Stars früher aus

Dennoch: Diese Euphorie um Ihren Klub – ist Sie Ihnen nun zu viel? Oder tut sie doch auch gut nach einer missratenen Saison?

Nerlinger: Es tut gut, oben zu stehen und es tut gut, zu sehen, wie die Mannschaft spielt, wie Jupp Heynckes sie führt. Da hat man ein gutes Gefühl. Der Trainer ist immer hochkonzentriert, selbst in der 86. Minute, wenn es schon 6:0 steht. Sein Motto „Die Null muss stehen“ hat die Mannschaft sehr gut verinnerlicht. Jetzt kommen die Spiele, die uns nun wirklich fordern werden – aber wir nehmen diese Herausforderungen sehr gern an. Wir sind sicherlich nicht nur ordentlich gestartet, wir spielen auch überzeugend. Wie wir auftreten, das ist das Entscheidende. Und das macht Hoffnung auf die Zukunft.

Heynckes’ Führungsstil wird als „lieb & locker“ betitelt – ist das so einfach?

Nerlinger: Nein, das trifft es gar nicht. Er ist sicher ein umgänglicher Mensch, sehr kommunikativ und keiner, der sich an Kleinigkeiten echauffiert. Aber er gibt ganz klare Linien vor, auf und außerhalb des Platzes fordert er Disziplin. Das Gemeinschaftsgefühl ist ihm zudem wichtig, da ist er sehr akribisch, das zu forcieren. Allein mit lieb und locker kommst du nicht weit.

Haben Sie den Coach schon einmal laut erlebt?

Nerlinger: Nicht direkt laut – aber schon auch unzufrieden. Zum Beispiel in der Vorbereitung, als er gemerkt hat, es dauert, bis das Team seine Vorstellungen umsetzt. Da spricht er Punkte kritisch und deutlich an. Zum Glück nimmt die Mannschaft das schnell auf – schauen Sie: Die letzte Großchance haben wir gegen Wolfsburg zugelassen. Das war vor drei Spielen. Das spricht für die hohe Auffassungsgabe des Teams.

Franck Ribery hat bekannt, er habe erstmals seit zwei Jahren wieder Spaß.

Nerlinger: Heynckes hat das richtige Gefühl mit ihm. Dazu ist das A und O, dass er endlich verletzungsfrei aufspielen kann. In den letzten Jahren haben ihn teils größere Blessuren oft zurückgeworfen, jetzt ist er topfit, er arbeitet auch nach hinten und macht wieder Dinge, die nicht viele Spieler auf der Welt können. So wird er ein sehr wichtiges Element, wenn es gegen Top-Teams geht.

Fast zwei Jahre war Ribery sowas wie ein unerfülltes Versprechen – ist er nun in der Bringschuld?

Nerlinger: Nein, nein, gar nicht. Er hat immer alles gegeben. Verletzte Spieler muss man unterstützen, die haben danach nichts gutzumachen. Franck hat gemerkt, dass der Verein zu ihm steht, wir eine Einheit sind. Er brennt, er hat immer gebrannt. Wir haben diesen Geist in der Mannschaft, den sieht man Franck an, den erkennt man bei allen – die Jungs wollen erfolgreich sein.

Günter Netzer sagt, in der Champions League müssen nun die Münchner Top-Stars wie Ribery über sich hinauswachsen.

Nerlinger: Ja, aber wir haben viele Top-Stars in der Mannschaft. Bastian Schweinsteiger hat das Zepter beispielsweise wieder beeindruckend in die Hand genommen. Dazu steht unsere Defensiv-Achse mit den Neuzugängen Manuel Neuer und Jérôme Boateng, die dem Team Sicherheit gibt. Jeder Spieler muss sein Potenzial abrufen, das gelingt derzeit sehr gut.

Bei Badstuber sind da letztes Jahr Zweifel aufgekommen. Wie froh sind Sie, dass er nun wieder an seine Debüt-Saison erinnert?

Nerlinger: Sehr froh. Er war letzte Saison lange Zeit verletzt, er wurde teils unter der Gürtellinie kritisiert, und dabei wurde verkannt, dass unser ganzes Team ein Defensiv-Problem hatte. Holger ist jetzt absolut gesetzt – bei uns und in der Nationalelf. Es gibt wenige Verteidiger wie Badstuber weil er neben großer Zweikampfstärke überragende technische Fähigkeiten hat. Er ist jetzt in seinem dritten Jahr und entwickelt sich nach Wunsch, da steht er Thomas Müller, der in seinen ersten beiden Jahren 40 Pflichtspieltore für uns geschossen hat, in nichts nach. Unsere jungen Spieler entwickeln sich ganz hervorragend.

Klingt, als nähere man sich dem Ziel, ein großes Team reifen zu lassen.

Nerlinger: Die Mannschaft hat ein sehr, sehr gutes Alter. Wir haben gut daran getan, die Stützen mit langfristigen Verträgen auszustatten, weil sie sich alle auf hohem Niveau weiterentwickeln werden. Sehen Sie: Philipp Lahm und Schweinsteiger sind 27 – Oliver Kahn war 31, als er die Champions League gewann. Man muss mal einen Sturm, das eine oder andere Stürmchen erleben, um zu reifen. Lahm und Schweinsteiger machen diese Erfahrungen gerade durch, mit dem Gerede über Führungsspieler oder auch dem Wirbel um Philipps Buch. In solchen Phasen wächst man. Wir werden mit dieser Mannschaft noch sehr erfolgreiche Zeiten erleben.

Ist man bei Bayern derzeit wunschlos glücklich?

Nerlinger: Wir werden die Mannschaft jedes Jahr punktuell verstärken, das ist ganz klar. Neuzugänge bringen eine Qualitätserhöhung und Impulse, die ein Team einfach braucht. Sowas tut jeder Mannschaft gut. Aber es ist auch klar, dass unser Kader sehr ausgeglichen ist. Dieses Team braucht keinen großen Umbruch.

Sie haben Ihre Defensiv-Achse gelobt. Dazu gehört auch Luiz Gustavo. Ist er nach Startschwierigkeiten endlich angekommen?

Nerlinger: Das würde ich schon sagen. Wir haben uns sehr um Luiz Gustavo bemüht. Er hatte ein sehr schweres erstes halbes Jahr bei uns. Zu Beginn hat er gar nicht gespielt, dann mal in einem Spiel drei Positionen – der wusste ja gar nicht mehr, für was er geholt wurde: Als linker Verteidiger, Manndecker oder für die 6. Seine Position ist ganz klar das zentrale Mittelfeld. Er wird gerade jetzt, wenn die Gegner schwerer werden, ein wichtiger Baustein, mit seiner Schnelligkeit, seiner Aggressivität, seiner Zweikampfführung. Er gewinnt Bälle ohne Fouls und kann sie schnell weiterleiten. So, wie er sich momentan präsentiert, ist das genau, wie es gewünscht war.

Sucht man Münchens Horizont nach Wolken ab, landet man ausgerechnet bei Arjen Robben. Schambeinentzündungen können heikel sein – was sind die neuesten Prognosen?

Nerlinger: Es ist eine sehr unangenehme Verletzung, ich halte mich da mit Limits und Wasserstandsmeldungen zurück. Für Arjen selbst ist es eine ungute Situation, weil keiner seriöse Prognosen abgeben kann. Ich bin trotzdem zuversichtlich, dass er bald wieder spielt.

Angesichts der zuletzt berauschenden Ergebnisse – braucht der FC Bayern Arjen Robben überhaupt?

Nerlinger: Natürlich. Wir dürfen in der aktuellen Euphorie nicht die Realität verkennen. Ein FC Bayern muss mal ein, zwei, drei Verletzte kompensieren können, das können wir auch – aber natürlich brauchen wir einen fitten Arjen an Bord.

Uli Hoeneß sagte kürzlich, man wolle bald mit Robben verlängern – und dass er zuversichtlich sei.

Nerlinger: Das zeigt die große Anerkennung seiner Leistungen, wenn Uli Hoeneß sowas sagt. Und Arjens Reaktion war ja vielversprechend. Aber es gibt da derzeit keinen Zeitplan, wir schauen erst einmal auf das Sportliche, da steht ja jetzt einiges an. Vertragsgespräche werden bei uns in der Regel ab Dezember eingeleitet.

Teilen Sie denn Hoeneß’ Zuversicht?

Nerlinger: Ja, ich bin da auch sehr zuversichtlich. Ich weiß, dass sich Arjen in München wohlfühlt, sportlich wie privat. Er weiß, was er am FC Bayern hat. Wir wollen, dass sich diese Mannschaft entwickelt – und da ist Arjen ein wichtiger Baustein.

Heynckes ist ebenfalls ein wichtiger Baustein – wie erleben Sie den Trainer, der das dritte Mal bei Bayern das Sagen hat?

Nerlinger: Er schmunzelt oft, wie froh er ist, dass er nicht mehr 44 Jahre alt ist, so wie damals zu Beginn seiner Trainerzeit, weil er damals so oft durch die Decke gegangen ist. Er ist jetzt 66, er bewertet die Dinge mit dem gebotenen Maß. Er erkennt, was essentiell ist und was nebensächlich. Wir brauchen keine Nebenkriegsschauplätze. Davon hatten wir speziell im letzten Jahr genug. Die Chemie Team/Trainer ist hervorragend, weil die Spieler spüren, dass er ein moderater Trainer ist. Zudem verströmt er positive Atmosphäre. Wir sind sehr zufrieden mit ihm, er fühlt sich wohl. Wir haben nicht umsonst keinen Unbekannten zurückgeholt. Der FC Bayern und Jupp Heynckes – das passt einfach.

Interview: Andreas Werner

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