Wundermittel Actovegin

Neue Kälberblut-Studie erfreut Müller-Wohlfahrt

  • vonHanna Raif
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München - Für seine Patienten ist Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt ein „Wunder-Doc“ und das von ihm so oft verabreichte Actovegin ein „Wundermittel“. Eine neue Studie bekräftigt nun den Mediziner.

Mediziner kennen Mediziner – und für Professor Franz-Xaver Reichl war die Studie, die er im letzten halben Jahr durchgeführt hat, deshalb zu einem gewissen Teil auch eine Herzensangelegenheit. Die vielen negativen Schlagzeilen und Nachrichten, die er über seinen Kollegen Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt in den letzten Jahren gelesen und gehört hat, haben den Dental-Toxikologen gestört. Der ehemalige Teamarzt des FC Bayern hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, seinen Patienten – insbesondere Leistungssportlern – bei der Behandlung von Muskelverletzungen das Mittel Actovegin zu spritzen, das aus Kälberblut gewonnen wird. „Warum sollte er das auch tun?“, sagt Reichl: „Herr Müller-Wohlfahrt macht ja nichts Verbotenes.“ Eine These, die auch die Studie stützt, an der Reichl an der LMU München gemeinsam mit den Professoren Daniel Teupser (Institut für Laboratoriumsmedizin) und Wilhelm Bloch (Deutsche Sporthochschule Köln) gearbeitet hat.

Die Ergebnisse sind noch nicht publiziert, ein wissenschaftliches Paper ist in Arbeit. Trotzdem nimmt Reichl sich viel Zeit bei der Präsentation. Die wissenschaftliche Korrektheit, die Details im Versuchsaufbau, die Grenzen der Methode – all das ist dem 63-Jährigen wichtig. Denn er weiß, dass Actovegin nach wie vor kritisch gesehen wird. Nach einer Studie, die vor einem halben Jahr am renommierten Muskelforschungszentrum der Universität Kopenhagen durchgeführt wurde, hieß es seitens einiger Experten, die Aufnahme auf die sogenannte „Monitoring-List“ der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA – und somit in der Folge ein Verbot – sei nicht ausgeschlossen. Reichl bezeichnet seine Studie aber als „weitaus gewichtiger“.

Actovegin fördert Wachstum von Muskelzellen

Denn die bisher nicht genau aufgeschlüsselten Inhaltsstoffe von Actovegin sind dank seines Forscher-Teams nun bekannt. Zum ersten Mal wurde außerdem festgestellt, dass Actovegin die Proliferation (Wachstum und Vermehrung) von Muskelzellen fördert. Illegal ist es trotzdem nicht. „Die Daten, die heute verfügbar sind, rechtfertigen nicht, Actovegin als Dopingmittel einzustufen“, sagt Reichl. Und auch Müller-Wohlfahrt, der für Interviews grundsätzlich nicht zur Verfügung steht, ließ auf Anfrage eines Recherche-Teams der ARD (Report München) verlauten, „aus mehreren Gründen“ mit den Ergebnissen der „hochwertigen und umfangreichen Studie“ zufrieden zu sein. Zum einen, „weil endlich auch wissenschaftlich bewiesen ist, dass Actovegin die Reparaturmechanismen des Körpers an verletzten Muskelfasern verbessert“ und seine Kritiker somit widerlegt werden. Und zum anderen, weil erneut gezeigt wurde, „dass Actovegin keine leistungsfördernden Bestandteile enthält“.

Actovegin, so hat das Team um Reichl herausgefunden, weist zahlreiche Inhaltsstoffe (unter anderem Aminosäuren) in deutlich höherer Konzentration auf, als sie im menschlichen Serum zu finden sind. Diese Substanzen, so glaubt man, spielen bei der an kommerziell verfügbaren C2C12-Myoblasten (Vorläuferzellen von Muskelreparaturzellen) im Reagenzglas nachgewiesenen Proliferation die entscheidende Rolle. Die Zellen, die gebildet werden, wenn eine Schädigung am Muskel vorliegt, können sich durch diese Bestandteile von Actovegin schneller vergrößern und vermehren.

Testosteron und Cortisol stehen auf der Dopingliste

Dass auch Testosteron und Cortisol als Inhaltsstoffe aufgelistet werden, macht Kritiker natürlich stutzig – beide Substanzen stehen auf der Dopingliste. Bei genauerer Betrachtung der Ergebnisse aber fällt auf, dass sie in Actovegin um ein Vielfaches geringer sind als im menschlichen Organismus ohnehin vorhanden. „Dieser Einfluss dürfte von untergeordneter Rolle sein“, sagt Reichl und verweist auf die Faktoren: Testosteron ist 51 Mal weniger enthalten, Cortisol 26 Mal. „Jedes Steak“, sagt er, „ruft einen höheren Anstieg hervor.“

Auch Martin Bidlingmaier schreckt der Fund von Steroiden nicht auf. Der Endokrinologe sitzt im Expertengremium der WADA und nennt die Konzentrationen der beiden Stoffe nicht relevant, da sie „in einem Bereich liegen, der eine signifikante der systemischen Konzentration beim Menschen ausschließt“. Eine dopingtechnische Relevanz weist er zudem entschieden zurück, weil Actovegin, das in Deutschland wegen ausgelaufener Zulassung nicht zu erwerben ist, lokal – also intramuskulär – appliziert wird. Müller-Wohlfahrt (und andere Ärzte) spritzen das Mittel direkt in den Muskel. Die Volumina sind niedrig, eine systemische Wirkung also nahezu ausgeschlossen.

Franck Ribery, Bastian Schweinsteiger, Usain Bolt, Fabian Hambüchen – ihnen allen hat „Mull“ schon geholfen. Nach eigenen Angaben hat der DFB-Arzt weit über eine Millionen Injektionen des Präparats, das ursprünglich für die Behandlung von Durchblutungsstörungen im Gehirn und Demenz entwickelt wurde, verabreicht. Dass diese Actovegin-Spritzen einen Effekt im Muskel hatten, ist nun bewiesen.

Reichl: Keine Belege für systematisches Doping

Natürlich nervt es Reichl, dass es weiter Kritiker gibt. „Wenn einer behauptet, dass Actovegin Doping ist, muss er Ross und Reiter nennen“, sagt er. Belege für eine systemische Wirkung von Actovegin gibt es bisher nicht – und Reichl warnt: „Eine Übertragbarkeit von unserer in-vitro-Studie auf die klinische Situation ist nicht statthaft.“

Er hat nun einen Anfang gemacht, orientierend und breit angelegt. Die Forschung wird weiter gehen, auch in Reichls Laboren. Wie gesagt: Herzensangelegenheit.

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