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Ottmar Hitzfeld, hier bei der Verleihung des Ballon d'Or.

Im Interview

Für Hitzfeld ist Guardiola Herkules

  • vonHanna Raif
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München - Ottmar Hitzfeld über die Zukunft des Bayern-Trainers, Müller als möglichen Lahm-Nachfolger, Optimismus und den BVB - ein Interview.

Herr Hitzfeld, Sie bezeichnen sich im Ruhestand als „ruhiger und gelassener“. Wie geht denn der neue Ottmar Hitzfeld an die Rückrunde?

Entspannt und gelassen (lacht). Ich freue mich, dass wieder Fußball gespielt wird – wie alle anderen Fans auch. Aber dieses Adrenalin wie früher als Trainer spüre ich nun nicht mehr.

Wie sollte Fußball-Deutschland an die Rückrunde gehen? Droht Langeweile?

Was die Meisterschaft betrifft: Ja, die wird Bayern nicht mehr zu nehmen sein. Sobald die mal fünf, sechs Punkte weg sind – oder wie jetzt elf –, ist sicher, dass sie so viele Punkte nicht mehr abgeben. Aber dahinter, um die Europapokalplätze, im Abstiegskampf wird es jede Menge Spannung geben. Keine Sorge, die Bundesliga bleibt Woche für Woche attraktiv.

Pep Guardiola meint, dass die Bayern in dieser Saison noch ein Spiel verlieren. Glauben Sie daran?

Es kann immer mal schnell was passieren. Ein Platzverweis, Verletzungen. Einmal nicht konzentriert. Aber ansonsten ist Bayern zu gefestigt, zu stark. Man kann in dieser Mannschaft jeden ersetzen. Das ist die beste Mannschaft der Welt. Dieser Kader ist der Wahnsinn. Nicht mal Real Madrid hat so eine Breite in der Mannschaft. Wenn also alles normal läuft, sind sie in der Liga nicht zu schlagen.

Vor einem Jahr sagten Sie: „Solche Bayern gab es noch nie.“ Und jetzt?

Jetzt kann ich diesen Satz wieder sagen, also noch ein bisschen gesteigert: Solche Bayern gab es noch nie! Pep Guardiola macht einen sehr guten Job, er ist ein fanatischer Taktiker, der auf Details versessen ist. Selbst bei einem 5:0 spornt der immer noch die Mannschaft an, will noch etwas verbessern. Jeder andere Trainer würde sich zurücklehnen. Das, was wir jetzt bei den Bayern sehen, ist das Werk der gesamten Bayern-Führung, in der Tagesarbeit aber vor allem das von Pep Guardiola. Im Vergleich zum Vorjahr haben sie sich nochmal steigern können.

Sind Sie so gefestigt, dass man ein zweites Real-Debakel ausschließen kann?

Gegen ein anderes Weltklasse-Team kann man nie eine Niederlage ausschließen, dazu ist der Fußball zu unberechenbar. Ein 0:4 gegen Real wird es nicht geben. Da ist noch eine Rechnung offen, die Bayern begleichen will.

Nach der WM sagten Sie, auf Guardiola warte eine „Herkules-Aufgabe“, durch die Hinrunde hat er seine Mannschaft ohne Niederlage geführt. Ist Guardiola Herkules?

Wenn man so will: Guardiola ist Herkules (lacht). Was er geschafft hat, kann man nicht hoch genug einschätzen. Er und Matthias Sammer ruhen sich nicht auf Lorbeeren aus. Sie nehmen den täglichen Kampf an, wollen sich immer wieder neu beweisen. Man hat am Beispiel Dortmund leider auch gesehen, wie schnell man trotz hoher Substanz abstürzen kann.

Kann man sich so einen Absturz bei den Bayern überhaupt vorstellen?

Beim besten Willen nicht. Bei Bayern würde früher die Reißleine gezogen werden. Die Kritik würde drastischer ausfallen, die Trainerdiskussion würde früher losgehen. Wenn man bei Bayern ein oder zwei Mal verloren hat, hat man doch schon eine Krise.

Fällt Dortmund den Bayern auf Dauer als Konkurrent erstmal weg?

Nein. Dortmund ist vom Potenzial her immer noch der stärkste Konkurrent der Bayern. Aber auch Wolfsburg, Leverkusen und Gladbach haben enorme Fortschritte gemacht. Die Tabelle lügt da nicht. Aber auf Dauer wirklich gefährlich werden können sie den Bayern sicher noch nicht.

Haben Sie Schalke bewusst nicht aufgezählt?

Ja. Auf Schalke gibt es zu viele Turbulenzen. Da passiert immer etwas, die haben nicht die Ruhe wie Gladbach, Leverkusen und Wolfsburg. Bei Schalke wird vor allem von außen immer alles dramatisiert, das hat Auswirkungen auf den sportlichen Erfolg.

Auch in Dortmund ist Unruhe drin, die Verletzungssorgen gehen weiter. Was trauen Sie dem BVB in der Rückrunde zu?

Objektiv betrachtet haben sie das Potenzial, einen internationalen Platz zu erreichen. Auch jetzt kann ich mir das noch vorstellen, dass die vier, fünf Spiele hintereinander gewinnen, dann geht es schnell nach oben. Aber es hängt von diesem Start jetzt sehr viel ab. Wenn man einen guten Start hinlegt, kann man nach ganz oben angreifen. Wenn der Start holprig wird, wird Dortmund im Mittelfeld landen.

Aber nicht absteigen?

Auf gar keinen Fall.

Die Champions League ist für Dortmund die Wohlfühloase. Kann man da um den Titel mitspielen?

Dortmund ist immer für eine Überraschung gut. Aber ich glaube, dass es in der Saison schwierig wird, das Finale zu erreichen. Das Halbfinale kann ich mir vorstellen.

Wen muss man heuer schlagen, um die Champions League zu gewinnen?

Für mich ist Bayern der Topfavorit, aus voller Überzeugung. Weil die mit Verletzungssorgen umgehen können wie es andere Vereine nicht können. Ansonsten muss man Real und Barcelona auf der Rechnung haben, Chelsea ist unangenehm zu spielen. Das war’s. Manchester City ist nicht stabil, Paris hat noch nicht das Potenzial und die nötige Erfahrung.

Könnte das Champions League-Finale in Berlin für das verlorene „Finale dahoam“ entschädigen?

Das Finale in Deutschland ist immer ein besonderes. Zuhause kann ein Finale zur Belastung werden, das hat man 2012 gesehen und gespürt. Man hatte unglaublich viel zu verlieren. Aber Berlin ist eher Motivation. Das erzeugt keinen Druck, sondern positive Stimmung. Der Titel dort wäre toll für die Bayern.

Ist dieser Titel für die Zukunft von Pep Guardiola ausschlaggebend?

Ich kann mir vorstellen, dass Pep Guardiola seine Arbeit in München noch nicht als beendet sieht. Solange er die Mannschaft immer noch verbessern kann, hat er Spaß. Das wird immer schwieriger, aber es ist noch möglich. Er kann jetzt die Früchte seiner Arbeit ernten. Er hat den Verein in einer für ihn ungünstigen Situation als Trainer übernommen. Man hatte unter Jupp Heynckes alles gewonnen. Diese schwierige Aufgabe hat er gemeistert. Ich hoffe, dass er noch ein paar Jahre bleibt – ob mit oder ohne Champions League-Titel.

Ist sein Job in München ein Projekt? Oder ein Langzeit-Engagement?

Ich glaube, dass er viel Freude an dieser Mannschaft hat. Bayern ist eine Top-Adresse – also warum sollte das für ihn nur eine Zwischenstation sein?

Die Diskussion um eine Vertragsverlängerung könnte in der Rückrunde etwas Unruhe bringen.

Natürlich ist das ein Thema. Aber man kann Meldungen ja auch beeinflussen, wenn man klare Ansagen macht. Dass er und der FC Bayern nun gesagt haben, erst im Sommer darüber sprechen zu wollen, war clever. Das ist ein Statement, bei dem beide bleiben werden.

Die Erwartungshaltung an Guardiola und das Team wird immer höher. Zählt bei den Bayern-Fans nur noch das Triple?

Nein. Jeder Titel bekommt Anerkennung bei den Fans. Man kann nicht immer alles gewinnen. Ein Titel aber ist doch immer das Mindeste.

Das wird wahrscheinlich die Meisterschaft sein. Entscheidet die sich gleich heute in Wolfsburg?

Das ist die letzte Chance überhaupt für Wolfsburg, dass man den Bayern nochmal etwas näher kommt. Wenn Bayern dort gewinnt, dann ist es sowieso klar. Aber auch wenn Wolfsburg gewinnt, kann man von Ostereiern auf der Meisterschale ausgehen. Man hat die Messlatte selbst so hoch gelegt.

Die Situation in Wolfsburg ist nach dem Tod von Junior Malanda schwierig. Ihr Bruder ist im Sommer während der WM verstorben. Wie wichtig ist Fußball in solchen Momenten?

Da werden Emotionen freigesetzt, die man so nicht kennt. Das sind ganz neue Erfahrungen, die man selten erlebt. Aber es kann eine Mannschaft auch zusammenschweißen, wenn man gemeinsam auch ein klares Ziel hat, gemeinsam für den Verstorbenen kämpft.

Im letzten Jahr gab es bei den Bayern nach dem Gewinn der Meisterschaft einen Spannungsabfall, der dann zur Niederlage gegen Real führte. Kann Guardiola das in diesem Jahr verhindern?

Wenn Bayern Meister ist, wird man das in diesem Jahr anders kommunizieren. Man wird immer die Lehren aus der Vergangenheit ziehen. Das ist doch Guardiolas Stärke: Er versucht, perfekt zu sein. Diesen Fehler wird er nicht mehr machen.

Konfliktpotenzial hat auch die Konkurrenzsituation. Droht Unruhe, wenn mal alle Spieler fit sind?

Das ist die einzige Gefahr in dieser Mannschaft: Dass dieser große Konkurrenzkampf zu Unzufriedenheit bei einzelnen Spieler führt. Dann wird es schwer für den Trainer, richtig zu rotieren. Es ist dann kaum möglich, alle Spieler zufrieden zu stellen. Es wird Präzedenzfälle geben. Als Trainer musst du dann klare Entscheidungen treffen. Auch wenn sie hart sind. Du musst Farbe bekennen, klar sagen: Auf wen setzt du? Auf wen setzt du weniger? Wie ist die Hierarchie?

Reizt diese Stufe des Trainerdaseins, in der man die Qual der Wahl hat?

Trainer zu sein, ist immer eine hohe Beanspruchung an mentaler, physischer und psychischer Kraft. Die Situation für Guardiola ist nicht einfach, aber eine große Herausforderung. Wenn ich aber ehrlich bin: Ich bin froh, dass ich das hinter mir habe (lacht).

Die Schlüsselspieler der Bayern sind inzwischen über 30. Wer steht in der Pflicht, mehr Verantwortung zu übernehmen? Thomas Müller, David Alaba, Mario Götze?

Das sind jetzt die Jungen, die infrage kommen. Aber bei Bayern haben alle so einen hohen Stellenwert, dass sie Verantwortung übernehmen können und auch sollen. Müller wäre schon ein Prototyp des Vorzeigeprofis, der sich unglaublich entwickelt hat und eine unfassbare Winner-Mentalität hat. Er steht auch für die Identifikation mit Bayern München. Ich könnte ihn mir gut als Kapitän vorstellen. Aber das ist nur eine Außenansicht.

In Absenz von Philipp Lahm ist Bastian Schweinsteiger Kapitän. Sie gelten als Bewunderer seiner Kunst. Kann er die nochmal zeigen?

Nach der WM war es schwierig für ihn. Aber wenn er wieder ganz fit ist, wird er wieder viele Spiele machen. Er wird dann wieder an seinem Zenit spielen können.

Hat er noch Platz in der Mannschaft?

Für mich hat Bastian Schweinsteiger immer Platz in der Mannschaft. Der Trainer wird sonst einen Platz für ihn suchen und finden. Ich finde es auch nicht zu defensiv, wenn er mit Xabi Alonso gemeinsam spielt. Und Schweinsteiger könnte auch in die Offensive gehen.

In der Hinrunde ist Robert Lewandowski noch nicht richtig in Fahrt gekommen. Zündet er in der Rückrunde?

Robert Lewandowski ist ein Spieler, der immer Anpassungsschwierigkeiten hatte, auch in Dortmund. Er musste sich ja umstellen vom schnellen Umschaltspiel auf mehr Kombinationen, mehr Ballbesitz, mehr mit dem Rücken zum Tor. Das ist ein Reifeprozess. Aber mir ist nicht bange um ihn. Er wird die Erwartungen noch mehr als erfüllen.

In der Rückrunde?

Als Trainer bin ich ja immer als Optimist, dass es sofort klappt (lacht).

Zur Rückrunde ist auch Uli Hoeneß wieder im Verein. Wie ist Ihr Kontakt zu Ihrem Freund?

Ich hatte schon mehrfach Kontakt zu ihm, seitdem er Freigänger ist. Ich hoffe, dass er irgendwann wieder eine entscheidende Rolle bei Bayern spielen wird. Egal auf welchem Posten. Weil er eine großartige Persönlichkeit ist und dazu beigetragen hat, dass Bayern da steht wo sie heute stehen.

Wie wichtig ist seine Rückkehr für Trainer und Spieler?

Man kann sich Bayern München eigentlich ohne Uli Hoeneß nicht vorstellen. Dafür hat er viel zu viel Präsenz in der Vergangenheit gehabt. Für mich als Trainer war Uli immer ein fantastischer Mensch, auf dessen Meinung ich gesetzt habe. Man kann sich auf ihn verlassen, er findet immer ehrliche Worte. Das wird auch jetzt so sein.

Interview: Hanna Schmalenbach

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