+
„Ich hätte nie geglaubt, dass ich mal bei Bayern spiele“: Pierre-Emile Hojbjerg war schon zwei Mal „ganz unten“, sagt er – das hat ihn gestählt.

Merkur-Interview

Hojbjerg: "Ich bin ein neuer Spieler-Typ"

München – Pierre-Emile Hojbjerg (17) spricht im Interview mit dem Münchner Merkur über seine ersten Schritte bei Bayern, Frühstück bei Tarnats und Tränen im Zidane-Trikot.

Beim Spiel neulich in Leverkusen saß Pierre-Emile Hojbjerg das erste Mal bei den Profis des FC Bayern auf der Bank. Für den Dänen mit französischem Pass ist es seit seinem Dienstantritt vor einem guten Jahr an der Säbener Straße stetig bergauf gegangen. Thomas Müller sagt über den 17-Jährigen, er sei in dem Alter noch nicht so weit gewesen. Im Interview schildert er seinen Werdegang.

Pierre-Emile Hojbjerg – wie wird Ihr Nachname richtig ausgesprochen? Die Fans müssen es ja wissen, wenn Sie Ihren Namen einmal bei der Aufstellung rufen, wenn Sie in der Allianz Arena auflaufen . . .

(lächelt) Na, hoffentlich komme ich einmal so weit. Man spricht es „Heuber“ aus – das „g“ spricht man nicht.

Beim 2:1 in Leverkusen saßen Sie das erste Mal in einem Pflichtspiel auf der Bank. Waren Sie nervös?

Nervös nicht. Ich war gespannt. Der Trainer sagte mir, er nimmt mich mit, weil ich eine gewisse Qualität habe. Das war ein großer Schritt für mich und eine große Ehre.

Es heißt, als Jugendlicher in Kopenhagen hätten Sie fast schon mal aufgehört mit Fußball.

Es war eigentlich ein bisschen kindisch. Ich wollte Mittelfeld spielen, der Verein sah mich im Sturm. Das ging so weit, dass ich mich nicht mehr wohlgefühlt habe, ich hatte keinen Bock mehr, weil der Spaß weg war. Und ohne Spaß geht es nicht. Ich wollte keine Probleme machen, ich wollte nicht überheblich sein und sagen: Ich muss da und da spielen, weil ich der Beste bin. Aber ich fühlte mich auf allen Parametern nicht gut: fußballerisch, sozial. Es hat weh getan, diese Phase.

Was passierte dann?

Ich bin zu Bröndby gegangen. Der Trainer dort wollte mich schon länger, aber ich sagte ihm erst, ich will Kopenhagen noch eine Chance geben. Mit Kopenhagen haben wir immer gegen Bröndby gewonnen, aber es war lustig – ab da hat fast immer Bröndby gewonnen. Gleich im ersten direkten Duell habe ich drei Tore gemacht. Es hat gut getan, weil ich in Kopenhagen richtig runter war. Ich war dick, ich war mental nicht mehr da – der ganze Sportler in mir war verloren gegangen. Bei Bröndby hat sich alles gedreht. Ich wurde sogar Dänemarks Spieler des Jahres in meiner Altersklasse. Aber danach kam das schwerste halbe Jahr meines bisherigen Lebens als Fußballer . . .

Was war plötzlich los?

Ich weiß es nicht. Ich war einfach nervös. Ich hätte damals besser meinen Bruder ins Training geschickt. Und dann kam der Punkt, an dem ich mir sagte: Okay, jetzt gehe ich zurück zur Basis – harte Arbeit, diszipliniert sein, konsequent sein. Jetzt geht es los. Jetzt gibt es keine Mutter mehr. Man muss zielgerichtet sein. Heute kann ich sagen, seitdem bin ich mental ein bisschen älter als andere in meinem Alter. Das liegt auch daran, dass ich in meiner Laufbahn zwei Mal bereits wirklich echt weit unten war.

Björn Andersen empfahl Sie dann Michael Tarnat – die Bayern riefen.

Michael Tarnat kam zu einem Spiel gegen Kopenhagen, wir haben 5:2 gewonnen, ich habe drei Tore gemacht. An dem Abend habe ich Glück gehabt, da hat sich mein Leben verändert. Ich habe später gehört, dass Michael Tarnat nach fünf Minuten gesagt hat: Den müssen wir holen. Am 17. Dezember 2011, ich weiß es wie heute, war ich dann das erste Mal an der Säbener Straße. Erst im Büro von Christian Nerlinger (damaliger Sportchef/d. Red.), dann im Büro von Herrn Rummenigge, dann war ich in der Allianz Arena beim Spiel gegen Köln. Ich flog nach Hause und sagte zu meinem Vater: Papa – das will ich. Ich war nie im Leben so überzeugt, etwas machen zu wollen.

Und dennoch sollen Sie wenig später gesagt haben, der FC Bayern sei eine Nummer zu groß für Sie . . .

Ja. Als ich im Januar 2012 ankam, dachte ich auf einmal: Bumm – das ist der FC Bayern, das ist nicht irgendein Klub! Für mich steht Bayern auf einer Stufe mit Barcelona. Ich rief meinen Berater Sören Lerby an und fragte: Bin ich hier wirklich richtig? Er sagte: Jetzt kannst du nicht mehr zurück, jetzt hast du schon unterschrieben. Und er sagte: Glaub’ mir – du kannst es. Ich muss ehrlich sein: Ich hätte nie von mir geglaubt, dass ich einmal mit 17 bei den Profis des FC Bayern trainieren werde. Viele Leute denken sicher, mein Weg ist gerade verlaufen. Aber das stimmt nicht.

Als Sie kamen, stellte Bayern zur Wahl, Sie könnten im Internat oder bei Tarnats Familie wohnen.

Ich muss ehrlich sagen, dass ich schon Bedenken hatte: Man wohnt nicht einfach so bei der sportlichen Leitung. Aber ich bin sehr froh. Er, seine Frau, die Kinder – das ist wie eine zweite Familie für mich. Ich wollte nicht ins Internat, weil ich mal ein bisschen Abstand haben wollte vom Vereinsgelände. Und ich konnte es nicht besser treffen als mit dieser Familie. Sie haben ein sehr großes Herz.

Aber ist das nicht komisch, wenn der Chef beim Frühstück gleich die erste Kritik anbringt, wenn man tags zuvor schlecht gespielt oder trainiert hat?

(lacht) Nein, so ist das ja gar nicht. Zuhause sprechen wir fast nie über Fußball. Wenn wir nach Hause kommen, ist mal Abstand nötig. Das sieht Michael Tarnat genauso.

Nachts ausbüxen ist aber schwer möglich . . .

Ach, es wäre das gleiche wie mit meinem Vater zuhause. Er würde es mir auch nicht verbieten. Aber ich kann ehrlich sagen, dass ich sowieso nicht jede Woche in eine Diskothek gehe oder sowas.

Es heißt, auf dem Feld seien Sie ein Typ wie Mehmet Scholl – Ihr Trainer.

(lacht) Ja, das habe ich auch gelesen. Aber ich sehe es anders. Ich habe zu Scholl gesagt, ich sei viel besser und habe gelacht. Es war ein Witz.

Hat er auch gelacht?

Er hat mich gleich auf die Bank gesetzt. Nein, das war ein Scherz. Er hat gelacht.

Ihr Vorbild ist ja ein anderer: Zinedine Zidane.

Das begann 2002, als er gegen Leverkusen im Champions League-Finale dieses Wahnsinnstor gemacht hat. Ich war sechs Jahre alt, hockte mit meinem Vater vor dem Fernseher. Ein kleiner Kasten, wir saßen einen Meter davor – da schießt Zidane dieses Tor. Ich dachte, so etwas gibt es nicht.

Stimmt es, dass Sie geweint haben, als Zidane im WM-Finale 2006 nach seinem Kopfstoß Rot sah?

Ja, aber nicht schlimm. Ich saß damals im Zidane-Trikot am Fernseher. Es war einfach schade, dass seine große Karriere so zu Ende gegangen ist. Ich war traurig, er hatte zuvor so gut gespielt. Mir hat er immer gefallen, wie er auf dem Platz war. Er hat die Mannschaft gut aussehen lassen, hat nicht für sich allein gespielt. Ich sehe das genauso: Wenn das Team Erfolg hat, hat das Individuum automatisch auch Erfolg. Klar muss man Ego haben, muss selbstbewusst sein. Du musst auch den Ball wollen, wenn du ihn drei Mal verloren hast. Aber es geht nie ohne die anderen.

Orientieren Sie sich an einem Zinedine Zidane?

Oh nein, Zidane ist weit entfernt. Klar kann man von ihm lernen, aber zwei Dinge sind wichtig. Erstens: Ich bin Pierre, nicht Zinedine, das ist mir klar. Und zweitens: Ich kann von allen lernen. Bei Bayern kümmern sich zum Beispiel Bastian Schweinsteiger, Dante und Daniel van Buyten um mich. Es ist beeindruckend, zu sehen, wie sie auf und neben dem Platz immer Top-Profis sind. Das sind echte Idole. Wenn man van Buyten sieht: Er ist schon 35, und er hält hier mit 20-, 25-Jährigen mit, mit den Besten der Welt. Unglaublich.

Zum Fußball sind Sie über Ihren ein Jahr älteren Bruder gekommen. Inzwischen spielt er nicht mehr – und Sie sind bei Bayern.

Erst wollte ich gar nicht Fußball spielen. Ich stand weinend neben dem Platz. Es waren ja alle anderen älter, das waren alles die Freunde meines Bruders. Aber dann fing ich an – und es machte Spaß.

Ihr Vater ist Professor für Anthropologie – war denn zuhause Fußball oder Darwinismus das Gesprächsthema Nummer 1?

Er ist ein großer, großer Fußballfan. Es hieß zwar immer: Schule kommt zuerst, Fußball auf Platz zwei. Aber er sagte auch, dass Schule wichtig ist, um einen Ausgleich zu haben. Wenn sich dein Geist auch mit etwas anderem beschäftigt, bist du wacher. Er war immer viel unterwegs, war zwar immer für uns da, hat uns aber früh beigebracht, eigenständig zu sein. Es war ganz natürlich, den Ball selbst in die Hand zu nehmen.

Pep Guardiola eilt der Ruf voraus, Talente zu fördern. Was erwarten Sie?

Natürlich liege ich manchmal wach im Bett und denke: Was passiert unter dem neuen Trainer? Aber er ist noch nicht da. Wir werden uns die Hand geben, dann gehen wir auf den Platz, und dann werden wir sehen, was passiert.

Guga, Jens, Paolo, Osram: Die Spitznamen der Bayern-Stars

Schnapper, Paolo, Pep: Die Spitznamen der Bayern-Stars

Es heißt, Sie seien ein Box-to-Box-Player, ein Achter, eine Mischung Kroos/Schweinsteiger – so einen hat der FC Bayern kein zweites Mal in den Reihen.

Ich denke, ich bin ein neuer Spieler-Typ. Ich kann Tore machen, die Offensive ist meine Stärke. Aber ich denke auch defensiv. Es ist ganz einfach: Ich bin Pierre.

Was sind Ihre Ziele?

Ich möchte so lange wie möglich beim FC Bayern bleiben. Und hier viele Erfolge feiern.

Interview: Andreas Werner

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

FC Bayern: Darum wollte Xherdan Shaqiri ganz schnell wieder weg
Am liebsten hätte Xherdan Shaqiri den FC Bayern München ganz schnell wieder verlassen. Das steckt hinter seinem überraschenden Geständnis.
FC Bayern: Darum wollte Xherdan Shaqiri ganz schnell wieder weg
Robben rechnet ab: FC Bayern für Titel zu schlecht - „Habe so etwas hier noch nicht erlebt“
In einem Interview rechnet FCB-Star Arjen Robben mit der Leistung des FC Bayern München ab. Er meint: Für einen Titel reicht es aktuell nicht.
Robben rechnet ab: FC Bayern für Titel zu schlecht - „Habe so etwas hier noch nicht erlebt“
„FCB tut nur noch weh“: Satire-Song über FC Bayern wird zum Klickhit im Internet - Video
Als ob die momentane Situation beim FC Bayern noch nicht schlimm genug sei, kommt nun ein Satire-Song dazu. In dem Clip werden die Spieler auf die Schippe genommen.
„FCB tut nur noch weh“: Satire-Song über FC Bayern wird zum Klickhit im Internet - Video
„Diese Inkompetenz ekelt mich an“: Nach Lisa Müller rastet mit Wahiba Ribéry die nächste Bayern-Spielerfrau aus
Beim Remis des FC Bayern München gegen den SC Freiburg kritisierte Lisa Müller Trainer Niko Kovac auf Instagram. Nun legt mit Wahiba Ribéry die nächste Spielerfrau beim …
„Diese Inkompetenz ekelt mich an“: Nach Lisa Müller rastet mit Wahiba Ribéry die nächste Bayern-Spielerfrau aus

Kommentare