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„Wir brauchen Ruhe, um unsere Träume vielleicht wahr werden zu lassen“: Jupp Heynckes.

Bayern-Trainer im Interview

Heynckes: „Das kostet Lebensqualität“

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Konkret will Jupp Heynckes immer noch nicht verraten, wie seine Zukunft ab dem Sommer aussieht. Große Hoffnungen darf sich der FC Bayern gleichwohl auf seinen Trainer nicht mehr machen. Auch ohne Worte sagt der eine ganze Menge. Im Interview vermeidet Heynckes eine klare Festlegung so resolut, dass er zuweilen selbst darüber lachen muss.

Herr Heynckes, Sie haben in dieser Woche eine Lanze für Thomas Tuchel gebrochen. Ist er Ihr Nachfolger als Bayern-Trainer?

Habe ich das? Zu Thomas Tuchel hatte ich schon immer eine sehr positive Meinung. Bevor er nach Dortmund gegangen ist, haben wir uns auf einem Geburtstag von Charly Körbel (Anm. d. Red.: früher Eintracht Frankfurt) getroffen. Am Tag danach haben wir uns verabredet und sehr lange über Fußball diskutiert. Da habe ich einen sehr guten Eindruck von ihm gewonnen.

Er hat in Dortmund Talente wie Weigl, Dembélé oder Pulisic in kürzester Zeit integriert. Wäre er da nicht prädestiniert?

Ich weiß nicht, was im Sommer ist. Deswegen müssen wir alle abwarten. Intern werde ich meine Meinung zu der Gesamtsituation sagen. Über Thomas Tuchel habe ich gesprochen, weil ich gefragt wurde. Und weil von ihm ein Zerrbild gezeichnet wird. Manchmal hat man es als Trainer in Klubs nicht ganz so einfach. Vor allem wenn man innovativ, ehrgeizig und dazu noch besessen ist, wie es bei Thomas der Fall ist.

Fachlich ist er unumstritten.

Ja, aber er führt Mannschaften auch gut! Das ist ja das: Als junger Trainer will man vieles erzwingen, da hat man manchmal keine Geduld. Und dann korrigierst du alles, jede Kleinigkeit – dass das dem einen oder anderen Spieler nicht gefällt, ist nachvollziehbar. Da bin ich heute auch anders: Jetzt sehe ich auch mal bewusst über kleine Schwächen einzelner Spieler hinweg. So sind wir Menschen: Wir sind nicht alle gleich.

Sie sprechen aus Erfahrung?

Ja, das habe ich auch schon erlebt, dass andere nicht verstanden haben, was ich wollte. Lassen Sie uns die Politik als Beispiel nehmen: Wir haben ein halbes Jahr gebraucht, um eine große Koalition zu bekommen, das muss man sich mal vorstellen! Und so ist es manchmal im Fußball auch: Es sind unterschiedliche Ansichten und Meinungen vorhanden. Der eine ist einfach viel tiefer in der Materie drin, viel kreativer, viel kompetenter. Und wenn das kollidiert mit anderen Meinungen, dann wird es nicht einfach. Ich finde den Thomas Tuchel richtig gut. Wer weiß, vielleicht wird er irgendwann mal den FC Bayern trainieren.

Sie sprechen über die Zukunft, die Sie nicht mehr aktiv begleiten werden.

Wissen Sie das?

Es las sich zuletzt so.

Sie können es versuchen, aus allen Richtungen – aber ich werde es auch Ihnen nicht sagen (lacht).

Sie haben von einem Nachfolger gesprochen.

Von einem möglichen Nachfolger und nicht von einem Zeitpunkt der Nachfolge. Ich bleibe dabei: Ich sage nichts Definitives dazu, weil ich weiß, wie die Öffentlichkeit darauf reagiert. Und wir müssen noch mal ein bisschen Ruhe haben, um unsere Träume vielleicht wahr werden lassen zu können. Da braucht man auch ein ruhiges Umfeld, das ist hier nicht immer einfach.

Wäre Ruhe nicht einfacher zu kriegen, wenn man die Thematik schnell löst?

Das mag sein, aber es ist, wie es ist. Deswegen müssen wir alle warten. Sie und ich.

Die Charme-Offensive von Uli Hoeneß ist zumindest abgeebbt. Wie haben Sie sie erlebt?

Die Abstimmung beim Fanclub fand ich zu dem Zeitpunkt nicht ganz glücklich, ich mochte das nicht. Aber das ist Uli Hoeneß, wie er leibt und lebt. Ein emotionaler Mensch, der eine Vorstellung hat, wie es weitergehen soll. Er möchte mich halten, das kann man ihm glauben. Mittlerweile ist die Offensive aber ad acta gelegt. Und dem Uli kann ich einfach nicht böse sein.

Mit welchen Argumenten hat er es versucht?

Wissen Sie, Halbfinals gegen Real, Finals – das habe ich doch alles schon gehabt. Ich bin im Mai 73 Jahre alt, und dann so einen Job hier machen? Der ist sehr intensiv, und ich sage ehrlich: Das kostet Sie ein großes Stück Ihrer Lebensqualität. Ich bin von morgens bis abends mit dem FC Bayern, dem Fußball, meiner Mannschaft beschäftigt. Ich bin alleine hier, habe kein Privatleben. Die Gesamtentwicklung im Profifußball und das damit verbundene Anspruchsniveau wird immer komplexer.

Schreckt das machtvolle Führungs-Duo Rummenigge/Hoeneß vielleicht potenzielle Trainer ab?

Nein, das sehe ich nicht als Problematik. Wenn der FC Bayern einen Trainer verpflichten würde, der beispielsweise schon in Dortmund, Leipzig oder bei anderen Klubs verantwortlich war, hat derjenige doch ganz klare Vorstellungen. Dann geht es lediglich darum, den Ansprüchen des Klubs gerecht zu werden und miteinander Erfolg zu haben. Und darum, dass er das Kerngeschäft versteht, Fußballkompetenz hat, die notwendige Autorität besitzt und eine Mannschaft führen kann. Soll ich Ihnen etwas über junge Trainer verraten?

Ja, bitte!

Die dürfen keine Fehler machen, weil die Medien-Situation eine ganz andere ist. Da wird alles zerpflückt und bis auf das kleinste rausgefiltert.

Rote Mäntel etwa.

So ein Schwachsinn! Entschuldigen Sie, dass ich das sage. Das war früher nicht der Fall. Darum haben es die jungen Trainer schwerer in dieser Beziehung. Man darf aber nicht alles an sich heran lassen. Man muss das Wichtige vom Unwichtigen trennen.

Ab wann ist man reif, eine Mannschaft wie den FC Bayern zu trainieren?

Das ist die Frage. Heute ist es üblich, ein Persönlichkeitsprofil zu erstellen, so wie man das bei Spielern auch macht. Das war früher nicht der Fall, auch nicht beim FC Bayern. Pep und Carlo sind so verpflichtet worden: Beide haben die Champions League gewonnen, sie haben Barcelona, Madrid oder Chelsea trainiert. Das macht Hasan Salihamidzic in meinen Augen ganz hervorragend: Er macht sich sehr viele Gedanken, hat einen klar strukturierten Plan, wie er hier vieles verändern will. Und er hat Persönlichkeits-Portraits, wenn er Spieler verpflichtet – und unter Umständen auch, wenn irgendwann mal ein Trainer verpflichtet werden muss (schmunzelt).

Irgendwann mal? Kennen Sie die aktuelle Trainerliste des FC Bayern?

(lacht): Ja, Hasan und ich haben ein sehr offenes Verhältnis. Ich weiß Spielerlisten . . .

Trainerlisten?

Trainer weiß ich nicht. Braucht er ja im Moment nicht (lacht wieder).

Aus dem deutschsprachigen Raum sollte der Neue schon kommen, oder?

Das ist ja auch für die Medien gut, das habe ich gemerkt. Für die Repräsentation nach außen und die Kommunikation nach innen ist es wichtig, dass der Trainer die deutsche Sprache beherrscht. Aber den ausländischen Trainern will ich keinen Vorwurf machen: Ich bin damals nach Bilbao gegangen und habe kein Wort Spanisch gesprochen. Vier Monate vorher lernte ich Italienisch, weil Italien im Fußball führend war. Das war 91/92. Dann kam die Anfrage von Bilbao, und ich habe Spanisch gelernt. Das war für Trainingsgestaltung und Kommunikation natürlich nicht ausreichend.

Und dann?

Habe ich etwas Kluges gemacht und mir einen Dolmetscher genommen. Der Otto hat von Fußball nichts verstanden, aber er konnte die Sprache besser als 95 Prozent der Spanier. Ein hochintelligenter Mann, mit dem ich heute noch Kontakt habe.

Herr Heynckes, was ist eigentlich das Erste, was Sie machen, wenn Sie wieder ganz zuhause sind?

Ich war ja neulich erst nach dem Berlin-Spiel zuhause. Eigentlich wollten wir nur nach einem Sieg zwei Tage frei geben. Dann haben wir unentschieden gespielt. Normalerweise bin ich da ja konsequent. Dann habe ich aber darüber geschlafen und gesagt: Wir machen doch zwei Tage frei. Also konnte ich sonntags auch heimfahren. Es war sehr kalt zu der Zeit, da habe ich am Montagabend den Kamin angemacht, eine Flasche französischen Rotwein geöffnet, ein bisschen Musik gehört und wunderbare Gespräche mit meiner Frau geführt.

Einfach Energie getankt.

Das sind so Momente, die lebenswert sind. Da gibt es vieles. Ich hoffe, dass mein Cando dann noch gesund ist. Dann bin ich wieder morgens und abends unterwegs mit ihm. Alltägliche Dinge: Essen gehen, ins Theater, zuhause relaxen. Ich bin so ein aktiver Mensch. Zuhause sitzen und nicht wissen, was man tun soll – das gibt es bei mir nicht.

Und wie wird der neue Koi-Karpfen heißen, falls Sie im Sommer wieder einen als Abschiedsgeschenk von der Mannschaft kriegen wie 2013. Oder 2019. „Frankie“ würde passen.

Oder „Robbery“. Ja, das war eine tolle Idee von den Jungs. Aber sie hätten nicht gegen Barcelona verlieren dürfen. Nach der 3:0-Niederlage hat der Koi-Karpfen den Geist aufgegeben. Ich war damals auf Sylt, da rief unser Gärtner an: „Eine schlechte Nachricht!“ Damit habe ich überhaupt nicht gerechnet. Da sind bestimmt 30. Und ausgerechnet unser Philippo!

Und es besteht kein Zweifel, dass er es war?

Ja, natürlich. Man erkannte ihn sofort. Er hatte die Vereinsfarben.

Das Gespräch führten Hanna Raif und Marc Beyer

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