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Er geht auf in seiner Rolle als Leipziger Fußball-Herrscher: Ralf Rangnick in markengerechter Fan-Kutte.

RB Leipzig und die Suche nach Anerkennung

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Der deutsche Fußball-Betrieb droht zum Saisonende hin, langweilig zu werden. Die Bayern können auch ein vergleichsweise schwaches Jahr mit dem Double abschließen. Denkbar jedoch ist, dass noch was dazwischenkommt. Oder wer. RB Leipzig. Die Rasenballsportler haben es in der Hand, mit einem Sieg in der Bundesliga die Münchner Meisterfeier zu verhindern (sofern auch Dortmund mitspielt) und im Pokalfinale in Berlin am 25. Mai den Bayern ein weiteres Mal im Weg zu stehen. Doch würden dann die Mechanismen der Schadenfreude greifen? Würde Leipzig Applaus bekommen und endlich dazugehören?

Ralf Rangnick wollte freundlich sein. Manche meinten: Er übertrieb es mal wieder. Maßlos.

Das ZDF hatte den Trainer von RB Leipzig ins Aktuelle Sportstudio eingeladen; das bot sich an, weil das Team in der Bundesliga einen Lauf und im DFB-Pokal das Finale erreicht hatte. Üblich ist es, dass der Gast am Ende der Sendung noch zum Torwandschießen antritt. In der Regel gegen einen Amateurkicker, der sich mit dem Video von einem besonderen Tor oder Trick qualifiziert hat. Promi und Nobody schießen je „Dreimal unten, dreimal oben“ auf die beiden Löcher, hernach reichen sie sich die Hand. Und der Promi klatscht, wenn der Nobody trifft.

Ralf Rangnick aber wollte mehr bieten. Eine Charmeoffensive ohne Beispiel. Er umgarnte seinen Torwandgegner, Paul Görner von Fortuna Babelsberg II, vor der Sendung hinter den Kulissen, und nach dem 2:2 legte Rangnick richtig los. Moderatorin Dunja Hayali konnte auch mit Verweis auf die voranschreitende Uhrzeit ihn nicht mehr einfangen. Rangnick überreichte ein noch am Nachmittag beim Spiel gegen Wolfsburg von Timo Werner original getragenes Trikot („,Matchworn’ sagt man heute dazu“), versprach Tickets fürs Pokalfinale in Berlin und lud obendrein noch zur Party danach im Mannschaftskreis – „und deinen Bruder darfst du natürlich auch mitbringen“. Dass Paul Görner sich vor dem Torwandschießen dazu bekannt hatte, glühender FC-Bayern- und Arjen-Robben-Fan zu sein, schien Ralf Rangnick eher noch anzuspornen. So sehr überschüttete er ihn mit Zuwendung. Und mit Liberalität: „Gerne auch im Bayern-Trikot in unserem Fanblock.“

Typisch Rangnick, typisch Leipzig: Sie sind getrieben vom Drang des ständigen Overperformens. RB, ein einziger Superlativ. Bestes Konzept, vernünftigste Kaderplanung, friedlichste und familienfreundlichste Fanszene, innovativste Methoden, unschlagbares Preis-Leistungs-Verhältnis. Fehlt nur noch das Bekenntnis, für den Weltfrieden zu sein.

Ralf Rangnick gibt sich immer ganz erstaunt, dass die Leipziger Selbstdarstellung draußen im Lande als unglaubwürdige Inszenierung wahrgenommen wird. Er hat eine Argumentationskette allzeit parat. Richtig, RB fehle die Tradition. Noch. Doch irgendwann werde man sie haben, Schalke, Bayern und Dortmund waren auch mal jung. Und diejenigen, die sich wehmütig Traditionsvereine nennen, hätten lange genug die Chance gehabt, etwas Nachhaltiges aufzubauen. Er selbst sei ja auch einem Verein mit großer Vergangenheit zugetan: Mönchengladbach.

Erst kürzlich, als er von Borussen-Fans geschmäht wurde, musste Rangnick, 60, die Anmerkung anbringen, „dass ich zwischen meinem sechsten und 18. Lebensjahr in Gladbach-Bettwäsche geschlafen habe“. Nachgerechnet: Zwischen 1964 und 76 beschränkte sich das Merchandising der Bundesliga-Clubs noch auf Wimpel und Aufnäher – Vereinsbettwäsche gab es in Deutschland definitiv nicht.

Ertappt und überführt – jubilieren die Rangnick-Gegner, als deren prominentester sich vor knapp zehn Jahren Uli Hoeneß erwies. Er nannte den Trainer, der mit der TSG Hoffenheim den Münchnern eine unruhige Saison (2008/09) beschert hatte, einmal „einen Besserwisser, der überall scheitert“. Und auch wenn schon länger kein Konflikt mehr aufflammte – revidiert hat Hoeneß seine Aussage nie.

Doch es gibt auch Leute, die Rangnicks Wirken anerkennen. Ulm, Hoffenheim, Leipzig – der Trainer hat einige Aufstiegsgeschichten geschrieben in seiner Karriere. Und er hat einige Entwicklungen befeuert: Viererkette, schneller Umschaltfußball. Der Fußball-Professor? Ja, Rangnick ist offen für Wissenschaft. In Leipzig gibt es einen Laufschlauch zur Verbesserung der Sprintfähigkeit, den Spielern wird täglich Blut abgenommen, um die Trainingsbelastung individuell steuern zu können; schlafen müssen sie in Spezialanzügen, die die Regeneration unterstützen.

Im dritten Jahr nun spielt RB Leipzig in der Bundesliga, und wie ein normales Mitglied des 18er-Felds wirkt der Club noch immer nicht. Die Diskussionen um Leipzig drehen sich im Kreis.

Die Befürworter sagen: Ist doch schön, dass auch der Osten einen erfolgreichen Vertreter hat. Ist doch anerkennenswert, was mit dem Geld in Leipzig angestellt wird, einer der prosperierendsten Städte im Lande – viel, viel besser als in Hamburg oder wo auch immer die Investorenkohle verpulvert wird. Die Verbände und die Deutsche Fußball-Liga haben RB Leipzig zugelassen, es wurde gegen kein Statut verstoßen. Und ist, was der österreichische Unternehmer Didi Mateschitz und seine Firma Red Bull mit Leipzig veranstalten, denn wirklich so sehr anders als die Modelle Bayern, Leverkusen und VfL Wolfsburg, wo Vereine ja eigentlich auch von Konzernen betrieben werden? Und können die Fans in turbokapitalistischen Clubs wie Borussia Dortmund (an der Börse gehandelt) und FC Bayern etwa mehr mitbestimmen als in Leipzig mit seinen 17 stimmberechtigten Mitgliedern, die alle eng verbunden sind mit Red Bull?

Das mit dem Mitglieder-Limit ist eines der Top-Argumente der Kritiker, zu denen auch Klaus Hofmann gehört, der Präsident des FC Augsburg, der eine persönliche Feindschaft pflegt zu den führenden RB-Köpfen Oliver Mintzlaff und Ralf Rangnick. Seit einem Jahr versucht Hofmann, auch er ein reicher Unternehmer (im Bereich Brandschutz), Mitglied im Leipziger Konstrukt zu werden – mit der Perspektive des Scheiterns, um aufzuzeigen, wie undemokratisch es bei Rasenballsport zugeht.

Die RB-Gegnerschaft ist gerüstet mit Argumenten. Sie zitiert aus Mateschitz-Interviews, dass man mit Fußball werben müsse, um die dem Snowboard-Alter entwachsene Kundschaft zu halten. Sie kennt die Geschichte, dass Leipzig als Standort nach Düsseldorf, Hamburg und München nur vierte Wahl war. Sie kann Statistiken vorlegen, wonach Leipzig für das größte Transferminus im deutschen Profifußball steht. Sie lästert, wenn wieder ein Spieler den Weg von Red Bull Salzburg zu RB Leipzig geht („Das waren sicher harte Verhandlungen“) und glaubt nicht, dass die beiden Vereine wirklich entflochten sind, was formal erforderlich ist, dass sie in den europäischen Wettbewerben mitspielen dürfen. Die Anti-Rasenballer machen sich lustig über leere Fanblöcke bei RB-Auswärtsspielen. Und sie verweisen darauf, dass Didi Mateschitz politisch rechts zu verorten ist: In seinem Sender Servus TV wurde neulich der Identitären Bewegung eine große Plattform geboten.

In den sozialen Medien wird sich beherzt gefetzt in Sachen Leipzig.

Jüngster Aufreger: Uneinigkeit sogar unter Leipzigern. Anlässlich des Erreichen des DFB-Pokalfinales brachte RB Shirts heraus, die auf die Reise nach Berlin zur ersten großen Titelchance in der Vereinsgeschichte einstimmen sollten. Nur: Das Shirt hatte nichts Leipzighaftes, es war ein Null-Acht-Fünfzehn-Produkt aus dem Souvenirpool der Red-Bull-Markenwelt und hätte genauso gut für einen der anderen Clubs im Fußball und Eishockey oder Veranstaltungen wie das Air Race oder Crashed Ice stehen können.

Erheiterung jedenfalls bei den RB-Skeptikern: Oh, die Leipziger bemerken, dass sie nur da sind, um Werbung zu betreiben. Dafür haben sie aber zehn Jahre gebraucht.

Jetzt freilich bietet sich ihnen die Chance auf den durchschlagenden Marketingerfolg. Nichts bringt im deutschen Sport mehr Aufmerksamkeit als die Bayern zu schlagen. Am Ende der Saison und so, dass es (eventuell) Folgen hat.

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