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„Ich bin Schalker, Münchner, Mainzer, Frankfurter“: Jan Kirchhoff über vier Herzen in seiner Brust.

Schalkes Jan Kirchhoff

„Ich würde jedem Talent zu Bayern raten“

  • Hanna Raif
    vonHanna Raif
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München - Schalkes Jan Kirchhoff spricht im Interview über seinen Reifeprozess in München, frustrierende Monate, sein Comeback und Franz Beckenbauer.

Die sieben letzten Partien des FC Bayern hat Schalke 04 verloren. Nach dem Fehlstart in Liga und Pokal soll diese Serie im Topspiel am Samstag (18.30 Uhr) ein Ende haben. Defensivspieler Jan Kirchhoff (23), bis 2015 von Bayern an Schalke verliehen, will dabei helfen.

-Herr Kirchhoff, seit Ihrem Wechsel zu Schalke haben Sie bisher erst zwei Kurzeinsätze gehabt. Wie ist Ihr aktueller Gesundheitszustand?

Ich habe bis vor zwei Wochen nicht mit der Mannschaft trainieren können. Jetzt bin ich aber fit – und bin auch in der Lage, am Samstag das erste Mal im Kader zu sein.

-Hoffen Sie gegen den Verein, dem Sie noch gehören, auf einen Einsatz?

Im Moment ist die Freude gar nicht nur deshalb so groß, weil es gegen den FC Bayern geht. Sondern ich freue mich einfach, fit zu sein. Natürlich ist es ein besonderes Spiel. Aber es hätte wegen mir auch jemand anders kommen können – egal wer.

-Für ein Comeback ist es doch der beste Gegner?

Klar. Das wäre sehr, sehr passend (lacht).

-Es heißt, Sie sind seit einem Jahr nur mit Ihrem Körper beschäftigt. Stimmt das?

So gut wie. Es zieht sich seit dem Wechsel nach München durch. Ich habe es in der Zeit nicht geschafft, körperlich in die Verfassung zu kommen, dass ich regelmäßig spielen kann. Aber ich hoffe, dass jetzt auch einfach mal das Pech aufhört. Denn davon hatte ich genug in den letzten eineinhalb Jahren. Ich war nicht schlecht austrainiert, aber im Sommertrainingslager bin ich zum Beispiel einfach auf dem Platz hängen geblieben. Jetzt muss es doch auch mal gut sein.

-Wie kann man das mental wegstecken?

Es ist nicht angenehm. Es macht einfach nicht so viel Spaß, seinen Beruf nicht ausüben zu können. Aber es gibt auch immer wieder schöne Momente. Mein Trainingsehrgeiz hat nicht gelitten. Und wenn man dann wieder auf dem Platz steht, vergisst man diese Zeit auch ganz schnell. Im Moment kann ich jedes Training genießen. Ab jetzt bin ich ein Schalker Neuzugang (lacht).

-Hatten Sie überhaupt die Chance, sich zu integrieren?

Ich bin voll integriert. Ich hatte gar keine Anlaufschwierigkeiten. Selbst in der Zeit, in der ich verletzt war, nicht so oft in der Kabine war, hatte ich das Gefühl, dass ich angenommen wurde.

-Sie sind also durch und durch Schalker?

Naja, auch noch Münchner. Und Mainzer. Und Frankfurter (lacht).

-Kann man von einem verlorenen Jahr sprechen?

Nein. Wenn ich jetzt auf dem Platz stehe, merke ich, dass ich in München viel gelernt habe. Es war das erste Mal, dass ich bei so einem großen Verein unter Vertrag stand, das hat mich als Fußballer, aber auch als Mensch weitergebracht. Und jetzt bei Schalke hoffe ich, dass ich all das auch umsetzen kann.

-In München kamen Sie meist auf der Sechs zum Einsatz. Was ist Ihre Rolle auf Schalke?

Mir ist das wirklich total egal. Innenverteidigung oder Sechser spiele ich gerne. Eine Alternative für Außen bin ich wohl eher nicht. Ich kann mich im Zentrum gut bewegen. Da fühle ich mich wohl.

-Pep Guardiola hat Philipp Lahm auf der Sechs installiert, ein ganz anderer Spielertyp als Sie. Haben Sie nicht in das System Guardiola gepasst?

Das kann ich so nicht sagen. Ich hatte in der Zeit in München das Gefühl, dass ich positives Feedback von ihm bekommen habe. Fakt ist aber, dass ich mich nicht durchgesetzt habe. Deswegen gehe ich nun einen anderen Weg.

-Sie haben zuletzt gesagt, dass Sie sich auch eine Zukunft auf Schalke nach Ende der Ausleihe 2015 gut vorstellen können.

Ich meinte damit: Rein menschlich kann ich mir vorstellen, länger im Verein zu bleiben, im Team zu spielen. Bisher war ich ja noch nicht fit. Es wird sich alles im nächsten Jahr klären. Ich muss jetzt meine Leistung bringen und dann schauen: Ist Bayern bereit, mich zu verkaufen? Würde Schalke eine Ablöse für mich zahlen?

-Der Weg zurück ist aber nicht ausgeschlossen?

Ausgeschlossen ist doch nie etwas. Ich stehe nach der Saison noch ein Jahr in München unter Vertrag.

-Es wird häufig diskutiert, ob es für junge Talente Sinn hat, zu Bayern zu gehen. Würden Sie nach Ihrer Erfahrung abraten?

Nein. Ich würde jedem, der die Chance hat, empfehlen, den Schritt zu machen. Jeder, der das Gefühl hat, er kriegt von den Verantwortlichen einen Weg vorgezeigt, den er gehen will, soll es machen. Die Erfahrung, bei so einem Verein zu spielen, mit solchen Spielern zu trainieren, ist Gold wert. Man kann jeden Tag im Miteinander mit diesen Spielern etwas lernen. Ich würde alles wieder so machen wie ich es gemacht habe.

-Sie haben zu Beginn gesagt, Sie sind mit dem Tempo im Training gar nicht zurechtgekommen.

Das stimmt. Das hat eine Zeit lang gebraucht. Aber am Ende sind mir die Spielformen gar nicht mehr schwer gefallen. Ich bin mir für mich selber total sicher, dass ich in München zu einem besseren Fußballer geworden bin. Taktisch, in meinem Spiel, auch in meinem Trainingsverhalten. Es ist kein Zufall, dass die Jungs bei dem Verein spielen, dass sie international auf Toplevel sind. Sie investieren viel. Ich konnte auf jeder Ebene etwas mitnehmen.

-Benedikt Höwedes hat erst zuletzt an alle Teamkollegen appelliert, mehr Profi zu sein.

Jeder sollte sich fragen: Wo kann ich mehr machen? Wo kann ich besser werden? Das ist der Anspruch, den ein Profi an sich haben sollte. Das wollte er ins Gedächtnis rufen.

-Trotzdem ist bei Schalke die Verletzungsanfälligkeit ein großes Thema. Haben Sie Angst vor der Doppelbelastung?

Nein. Es ist unglücklich, dass wir so viele Verletzte haben. Wenn wir die Lösung hätten. würden wir es abstellen. Aber die Problematik kann sehr vielschichtig sein.

-Wie versucht man, das Problem zu unterbinden?

Ein paar Sachen kann man nicht verhindern, zum Beispiel, wenn ich im Rasen hängen bleibe. Trotzdem glaube ich, dass wir auf einem guten Weg sind, die Verletzungen zu minimieren. Wenn der Kader komplett ist, haben wir große Qualität – auch für die Champions League.

-Franz Beckenbauer hat zu Beginn der Woche gesagt: „Das ist der Anfang vom Ende bei Schalke.“ Wie kontern Sie ihm?

Wir haben einen anderen Anspruch an uns. Und trotzdem ist es so, dass die Saison lange ist und wir in der Liga noch 33 Spiele vor uns haben.

-Die Hoffnungen nach der Rückrunde auf ruhigere Zeiten waren sehr groß.

Ja. Aber wir werden keine Saison ohne Niederlage spielen. Jetzt schon zu sagen, dass es schlecht läuft, ist vollkommen unangebracht. So schnell, wie alles schlecht geredet wird, so schnell geht es auch wieder nach oben. Wir müssen einfach die Ruhe bewahren. Wir finden unseren Weg – und hoffen, den Kaiser dann überzeugen zu können.

-Wie schwer ist es denn, im Schalker Umfeld die Ruhe zu bewahren?

Das ist eine Sache der Herangehensweise. Es ist niemand gezwungen, jeden Tag die Boulevard-Blätter zu lesen. Wer das möchte, kann es tun – ich tue es nicht. Wir besprechen die Sachen intern. Darum müssen wir uns kümmern – um nichts anderes. Dann werden wir auch wieder erfolgreiche Spiele abzuliefern.

-Auch gegen Bayern?

Es braucht das Leistungsmaximum, wir sehen uns aber nicht als chancenlos. Wir wollen uns ja auch an solchen Spielen messen lassen.

Interview: Hanna Schmalenbach

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