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Stadion-Chef verrät im Interview: Rote Sitze und Graffiti - aber Arena soll noch röter werden

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Von: Andreas Werner

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Bereit für die Saison: Jürgen Muth vor der neuen Nordkurve.
Bereit für die Saison: Jürgen Muth vor der neuen Nordkurve. © Marcus Schlaf

Jürgen Muth, Geschäftsführer der Allianz Arena, über die umgestaltete Heimat des FC Bayern, Umweltschutz, Rauchverbot, die EM 2024 und Montagearbeiten aus dem Hubschrauber.

München – Auf Jürgen Muths Tisch liegt ein Stoß Illustrationen der Tribünen der neuen Allianz Arena. Und ein Handy. Während des Interviews surrt es, der Geschäftsführer des Münchner Stadions entschuldigt sich: „Ich muss da ran – das ist die Frau des Präsidenten.“ Susi Hoeneß möchte wissen, wie sie an ihr Park-Ticket kommt. Am Sonntag präsentiert der FC Bayern im Testspiel gegen Manchester United seine umgebaute Arena im rot-weißen Design (Anstoß 20.15 Uhr). Da will jeder dabei sein.

-Herr Muth, der Umbau der Allianz Arena in die Heimat des FC Bayern – war das bisher das schönste Projekt in Ihrer Karriere?

Jürgen Muth: Es war ein absolutes Highlight – hoch emotional. Ich erinnere mich aber auch immer sehr gerne an die Kapazitätserhöhung auf 75.000 Besucher mit der Schaffung der richtigen Südkurve mit 9000 Stehplätzen für die Fans. Das war höchst emotional. Auch der Neubau selbst hat einige unglaubliche Erlebnisse beschert. Wenn ich daran denke, wie wir unsere Rollstuhlfahrer zu ihren Plätzen hochgetragen haben, weil die Aufzüge noch nicht gegangen sind – da kriege ich noch heute Gänsehaut.

-Was erwärmt jetzt Ihr Herz im Stadion?

Muth: Es ist einfach schön, jetzt auch nach außen hin das Stadion als die Heimat des FC Bayern präsentieren zu können. Der Prozess begann gleich nach Auszug des TSV 1860, und das Ergebnis spricht für sich. Mein persönliches Highlight ist das Club-Logo auf der Nordkurve. Ich werde mich immer daran erinnern, dass das mit Abstand das Schwierigste war.

-Was genau war so problematisch?

Muth: So etwas kann man nicht 1:1 im Computer simulieren. Wir saßen in der Südkurve, und gegenüber wurde das Wappen mit Plastiktüten in rot, weiß und blau getestet. Mit Plastiktüten! Über Funk hieß es dann: Die eine blaue muss noch einen Meter runter, die weiße muss mehr nach rechts – sowas kann man nur in der Realität abwickeln, auch in unserer digitalen Welt. Am Ende ist so etwas Banales wie Plastiktüten die Lösung. Das Wappen auf die Ränge zu bekommen, war die größte Herausforderung. Das alleine hat vier Wochen gedauert.

-Im letzten Sommer gab es bereits ein Up-Date für zehn Millionen Euro – wie viel Geld stand Ihnen heuer zur Verfügung?

Muth: Wir haben im einstelligen Millionenbereich investiert.

„Ich habe es ehrlich gesagt nicht geglaubt, aber wir haben alle Stühle verkauft“ 

-Letztes Jahr musste wegen der Relegation des TSV 1860 in Zweischichtbetrieb geschraubt und gebohrt werden – war es diesmal auch wieder Akkordarbeit?

Muth: Es war leichter, es gab ja keine Überraschungen. Am Dienstag waren wir fertig.

-Der Austausch der Stühle nahm einen großen Teil der Arbeit ein; 25.000 wurden gewechselt – wurden alle alten verkauft?

Muth: Wir wollten die Stühle auf keinen Fall wegwerfen. Gleichzeitig wollten wir nichts daran verdienen, wir haben sie zu einem kleinen Preis veräußert und den Erlös gespendet. Ich habe es ehrlich gesagt nicht geglaubt, aber wir haben alle verkauft. Es gab Vereine, die haben 1000 Stück abgenommen, aber auch Einzelverkäufe. Wir sind sehr froh, dass das so gelaufen ist, denn der Umweltschutz ist ein Thema, dem sich die Allianz Arena schon lange verschrieben hat.

Neuer Look: Die Allianz Arena mit Schriftzügen und Bayern-Logo im Norden.
Neuer Look: Die Allianz Arena mit Schriftzügen und Bayern-Logo im Norden. © Marcus Schlaf

-Erklären Sie doch mal bitte: Wie werden die Tribünen nun aussehen?

Muth: Von der Südkurve aus auf die Nordkurve blickend wird man das große Vereinslogo sehen. Von der Haupttribüne in Richtung Osten den Schriftzug „FC Bayern München“. Beides über die drei Ränge. Auf der Westtribüne steht auf dem Unterrang „Mia san mia“ – das übrigens in Schreibschrift, was auch noch einmal eine Herausforderung war, weil es diese Marke im Original nur in Schreibschrift gibt.

-Von einem Stadion ganz in Rot wurde abgesehen. Sowas gibt es schon – wie viele Stadionentwürfe haben Sie gesichtet?

Muth: Knapp ein halbes Dutzend an unterschiedlichen Entwürfen kam in die engere Auswahl.

-Ist alles abgeschlossen – wie geht es nun weiter?

Muth: Nachdem wir nun einen neuen großen Anteil roter Sitze haben, wird eine Aufgabe in nächster Zeit sein, uns mit der Lichtplanung zu beschäftigen, weil wir den Innenraum in Zukunft auch stärker in dieser Farbe illuminieren wollen. Dazu werden wir am Dach entsprechende Leuchten montieren.

1860-Auszug machte weg frei für Mehrwegbecher-System in der Allianz Arena

-Ein großes Thema ist die Umstellung auf Mehrwegbecher. „Die Liga bechert zu viel“, lautete zuletzt eine Schlagzeile.

Muth: Es gibt eine Partnerschaft zwischen dem FC Bayern und dem Bayerischen Umweltministerium, bei dem regelmäßig Ideen entwickelt werden, unter anderem wird 2019 eine Photovoltaik-Anlage auf dem Parkhaus der Gästefans entstehen. Dieses Mehrwegsystem ist ein Meilenstein. Möglich wurde es durch den Auszug von 1860, weil wir nun die Räume haben, um die Logistik zu bewerkstelligen. Wir haben uns über ein halbes Jahr mit dem Thema beschäftigt, und nach einem einzigen Probelauf hat es funktioniert. Ziel ist, Abfall zu vermeiden und noch besser mit Energie-Ressourcen umzugehen. Es ist durchdacht bis ins Design: Es gibt Bierbecher mit dem Logo unserer Partner-Brauerei, die alkoholfreien sind ohne entsprechendes Logo, und die Gästebecher sind neutral, ohne Spieler des FC Bayern . . .

Ab sofort gibt es in der Allianz Arena Mehrwegbecher.
Ab sofort gibt es in der Allianz Arena Mehrwegbecher. © MIS / Bernd Feil/M.i.S.

-. . . damit die Fans des Gegners ihr Bier auch ohne die Gesichter der Münchner Stars genießen können.

Muth: Ja, so gastfreundlich sind wir (lacht). Die Becher kosten zwei Euro Pfand, wobei es auch da wieder einen karitativen Hintergrund gibt. Wer will, kann seine Becher in Sammelboxen an den Ausgängen zur Esplanade abgeben, das ersparte Geld wird einem guten Zweck zugeführt.

-Ist die Arena das umweltfreundlichste Stadion der Welt? Das grünste, obwohl es den Roten gehört?

Muth: (schmunzelt) Ich bin immer vorsichtig mit Superlativen. Aber wir wollen eines der besten Stadien der Welt sein, und Umweltschutz spielt bei all unseren Entscheidungen eine große Rolle. Wir sind stolz, dass wir seit 2006 stets mit dem höchstem europäischen Umweltsiegel EMAS ausgezeichnet werden. Wir nehmen viel Geld in die Hand, um diesem Anspruch jedes Jahr aufs Neue gerecht zu werden.

Hier ist die Allianz Arena top in Europa

-Wenn Sie mit Superlativen vorsichtig sind: Wo ist die Allianz Arena dennoch definitiv vorne?

Muth: Von der Infrastruktur her gibt es in Europa sicher kein vergleichbares Stadion. Generell spielen wir in der internationalen Spitzenliga mit. Wembley hat zum Beispiel kaum Parkplätze. Und wir haben einen phantastischen Innenraum: Egal, wo der Fan sitzt, der Blick auf den Rasen ist überall schlicht erstklassig.

-Wie steht es um ein Rauchverbot?

Muth: Auf der Jahreshauptversammlung 2017 wurde mit großer Mehrheit von den Mitgliedern das Mandat erteilt, uns mit diesem Thema zu befassen. Es wurde nun die Entscheidung getroffen, mit dem Beginn der Saison 2018/19 das Rauchverbot umzusetzen. Daher gilt ab sofort, dass in den Tribünenbereichen, ab dem Blockzugang, nicht mehr geraucht werden darf. Das betrifft sämtliche Rauchwaren. Es gibt aber ausgewiesene Räumlichkeiten und Möglichkeiten in den Ebenen 4, 5 sowie auf der Promenade und der Esplanade. Alles gilt schon am Sonntag gegen Manchester United. Bei vielen Fans ist das Verständnis für Nichtraucher in den letzten Jahren enorm gestiegen.

Einer der Kioske der Arena, die mit einem Graffiti verziert wurde.
Einer der Kioske der Arena, die mit einem Graffiti verziert wurde. © Marcus Schlaf

-Die Fans haben in einer AG die Wände mit Graffitis verschönert. Welche?

Muth: Es gibt 16 Kioske, und in dieser Sommerpause wurden sechs bemalt. 13 Motive sind schon fix, drei heben wir uns für hoffentlich kommende Erfolge auf. Die Fans haben sich Szenen seit der Gründung 1900 überlegt und das dann in Eigenregie und auf eigene Kosten umgesetzt. Wir sind stolz auf diese Initiative. Die Fans waren Tag und Nacht da. So eine Gemeinschaftsaktion mit Verein, Stadion und Fans gab es unseres Wissens noch nirgends. Sie ist ein schöner Beleg, dass so ein Stadion nicht für die Spieler, die Funktionäre oder die Betreiber da ist. Sondern für die Fans.

-Es wurde mit Wartungsstegen unterm Dach gearbeitet etc. – ist so ein Umbau halsbrecherisch?

Muth: Nicht halsbrecherisch, aber wir mussten diesmal wegen der Temperaturen oft Nachtschichten einlegen. Nachmittags hatte es im Innenraum 55 Grad, da legt man sich maximal in die Sauna, aber an Arbeit ist da nicht zu denken. Da ging die Schicht um vier Uhr morgens los, und um 11 Uhr war Feierabend. Interessant war auch für mich der Austausch einiger hydraulischer Hubkissen in der Stadionmembran. Das ging nur mit Hubschraubern, die über der Arena in der Luft standen, von dort aus wurde dann montiert.

-Wie sehen die Pläne für die Esplanade aus, die 2019 umgesetzt werden sollen?

Muth: Details kann ich noch keine sagen, aber es geht um den Service für die Fans, und wir haben einiges im Köcher.

„Allianz Arena ist für die Bewerbung 2024 sicherlich ein Faustpfand“

-Ist die Allianz Arena bereit für die EM 2020 – und auch für 2024?

Muth: Ja und ja. Bei der EM 2020 freuen wir uns, dass wir als einziges deutsches Stadion dabei sind. Wir haben das Selbstvertrauen, dass wir ein Viertelfinale 2020 sehr gut umsetzen. Bei den Gesprächen mit der UEFA merke ich, dass wir alles andere als ein Sorgenkind sind. Im Gegenteil. Man vertraut uns sehr. Die Arena ist auch für die Bewerbung 2024 sicherlich ein Faustpfand. Wir sind bereit für höhere Weihen als ein Viertelfinale, können auch das Endspiel einer EM ohne Weiteres durchführen.

-Kann man mit der Arena werben, gerade erst hat Karl-Heinz Rummenigge Hilfe für die Kandidatur auf allen Ebenen angeboten?

Muth: Ja, mit der Allianz Arena kann man sehr guten Gewissens werben. Wir hoffen auf die EM 2024. Mit dem Champions League-Finale 2012 haben wir Maßstäbe gesetzt. Das weiß auch die UEFA.

„Mia san mia“ - das Bayern-Motto prangt nun auf der Haupttribüne.
„Mia san mia“ - das Bayern-Motto prangt nun auf der Haupttribüne. © Marcus Schlaf

-In Russland bleiben viele weiße Elefanten – blutet Ihnen da das Herz? Und sollte so etwas bei einer Turniervergabe nicht auch berücksichtigt werden?

Muth: Nachhaltigkeit sollte eine Rolle spielen in unserer Zeit. Auch bei Olympiabewerbungen. Es tut weh, wie viel Geld verpulvert wird.

-Ist die Arena auch 2030 noch State of the Art?

Muth: Wir arbeiten dran. Die Substanz ist sehr gut. Und dank des FC Bayern ist es möglich, den Wert des Hauses nicht nur zu erhalten, sondern auch zu steigern. Wir sind immer einer der Vorreiter gewesen, wenn es um Neuerungen ging. Wir sind europaweit ein Leuchtturm und wollen es bleiben.

-Wo verfolgen Sie Spiele persönlich am liebsten?

Muth: Wenn Sie denken, ich habe einen speziellen Platz, muss ich Sie enttäuschen. Ich habe einen ganz normalen Sitz. Nicht mal mit Komfort. Und manchmal sehe ich sogar mal eine Halbzeit am Stück. Aber eigentlich ist immer irgendwas – und ich bin unterwegs.

Interview: Andreas Werner

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