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„Für mich ist das eine super Ausgangsposition“: Thomas Kraft, 22, darf sich hinter Hans-Jörg Butt positionieren.

Thomas Kraft: „Ich bin kein guter Zuschauer“

München - Beim 2:0 im Supercup am Samstag gegen Schalke hat er einen beachtlichen Einstand gefeiert, alles redet nun beim FC Bayern von ihm: Thomas Kraft startet als neue Nr. 2 hinter Hans-Jörg Butt (36) in die Saison.

„Das war eine sehr gute Leistung", lobte Cheftrainer Louis van Gaal das Debüt, „das hat mich sehr gefreut." Ein Gespräch mit dem 22-Jährigen über Ziele, Vorbilder und die Faszination Torwart-Spiel.

Thomas Kraft, wie sehen Sie der neuen Saison entgegen - in Ihrer jungen Karriere steht gerade ein mächtiger Einschnitt an.

Ja, dieses Jahr ist es für mich so, dass ich das erste Mal in meinem Leben als Nummer 2 einer Profimannschaft in eine Saison gehe, für mich etwas komplett Neues. Früher bin ich ja nur als Nummer 3 mal so dazugenommen worden. Und da Jörg (Butt/d. Red.) in den ersten Wochen wegen seines WM-Urlaubs nicht da war, konnte ich mich ein bisschen mehr präsentieren, als es sonst möglich gewesen wäre. Eine schöne Erfahrung.

„Ich ging bewusst nicht ins Internat“

Haben Sie sich auf diese Saison anders als auf die früheren vorbereitet?

Nein. Ich trainiere immer schon im Urlaub, das läuft jedes Jahr gleich: Eine Woche bis zehn Tage halte ich komplett Ruhe, aber dann werde ich unruhig. Ich hab’ bei mir in der Heimat einen Kumpel, mit dem ich seit sieben, acht Jahren dann ganz spezifisch Torwartsachen trainiere. Der ist selbst Torwarttrainer bei einem kleineren Verein und macht das ziemlich perfekt.

Als Nummer 2 leidet die Spielpraxis - können Sie das ausgleichen?

Also, anders trainiert man deswegen nicht. Und ich mache mir auch keine Sorgen wegen der Spielpraxis. Es ist vereinbart, dass ich weiter in der zweiten Mannschaft spielen kann, wenn der Trainer zustimmt und es möglich ist.

Wann und von wem haben Sie denn erfahren, dass Sie die Chance als Nummer 2 erhalten?

Das hat mir Louis van Gaal zwei Monate vor Saisonende gesagt. Bei dem Gespräch waren auch Butt und Sportchef Christian Nerlinger dabei. Da wurde schon vereinbart, dass kein neuer Torwart mehr kommt, Butt die Nummer 1 bleibt, ich die Nummer 2 werde und Rouven Sattelmaier als Nummer 3 geholt wird.

Haben Sie bei dem Angebot zögern müssen?

Gar nicht. Ich hab noch ein Jahr Vertrag, für mich ist das eine super Ausgangsposition. Als dritter Mann hast du ja praktisch gar keine Möglichkeit, mal ins Tor zu kommen.

Aber es besteht auch die Gefahr, als Nummer 2 Boden zu verlieren. Haben Sie nicht auch das Beispiel von Vorgänger Michael Rensing im Hinterkopf?

Nein, habe ich gar nicht. Das war eine andere Geschichte. Es ist eben ein schmaler Grat hier bei Bayern. Wenn du die Chance kriegst, darfst du dir keinen Fehler erlauben. Ich will es besser machen und habe auf jeden Fall keine Angst.

Wo soll Ihr Karriereweg denn mal hinführen?

Ich spiele nicht Fußball, um nur irgendwo zweiter oder dritter Torwart zu sein - und ich will auch nicht in der Zweiten oder Dritten Liga versanden. Ich will so schnell wie möglich Nummer 1 bei einem Bundesligisten werden. Dieses Jahr will ich mich noch mehr zeigen - vielleicht kann ich mich ja auch hier für die nächsten Jahre anbieten.

Nummer 1 bei Bayern wäre also der Traum?

Alles andere wäre gelogen.

Butts Vertrag läuft im Sommer aus, er ist schon 36 - wie ist Ihr Verhältnis?

Naja, er ist ja schon ein bisschen länger im Geschäft, da kann man sich in allen Bereichen viel von ihm abschauen. Schön ist für mich persönlich: Er verschließt sich nicht vor einem. Wir besprechen viel und diskutieren oft. Wir haben ein lockeres und gutes Verhältnis zueinander.

Es ist also nicht so wie einst beim Karlsruher SC, als Oliver Kahn auf seine Chance auf die Nr. 1 lauerte und der Stammtorwart Alexander Familla fürchtete, der junge Ehrgeizling werde ihm mal nachts das Kissen ins Gesicht drücken.

(grinst) Nein. Aber ich habe Kahn hier noch fast zwei Jahre erlebt. Ich bin jetzt sechs Jahre bei Bayern, Ende 2005 hat mich Felix Magath erstmals zu den Profis geholt.

War Kahn Ihr Idol?

Als ich klein war, hatte er gerade seine wirklich ganz große Zeit. Da schaut man schon besonders hin. Aber im Prinzip hat das später aufgehört, dann schaust du ganz allgemein bei allen Torleuten, wo du dir was herholen kannst. Da gibt es nicht mehr ein einziges ganz großes Vorbild, zu dem man aufschaut oder so.

Im Herbst 2007 sagten Kahn und auch Uli Hoeneß erstmals, aus diesem Kraft könnte mal was werden.

Da war ich noch relativ jung, aber ich hatte in der Jugend eine konstant gute Zeit. Gut, ein paar Schwankungen sind immer drin. Als ich gerade ein halbes Jahr hier war, ist mein Vater gestorben. Das war sehr hart. Ich hatte mir gleich zum Start bei Bayern eine eigene Wohnung genommen, habe damals bewusst nicht im Internat gewohnt - ich denke, das hat mir viel gebracht, dass ich schon früh für mich allein verantwortlich gewesen bin.

Wo müssen Sie Ihr Spiel noch verbessern?

Vor allem im fußballerischen Bereich geht noch einiges. Da lege ich größtes Augenmerk drauf, weil sich van Gaal ja auch einen spielenden Torwart wünscht. Und man sieht ja, dass Torhüter immer mehr der elfte Mann sein müssen. Dieser Anspruch wird in Zukunft sicher nicht weniger.

Hans-Jörg Butt spielte bis 16 im Feld - waren Sie schon immer Torwart?

Ja. Ich habe mit acht Jahren angefangen und war immer Torwart. Die letzten drei Jahre, bevor ich 2004 zu Bayern bin, habe ich auch regelmäßig mal im Feld als Stürmer ausgeholfen. Aber meine große Liebe ist das Torwart-Spiel. Ich bin damals als Knirps auch nicht ins Tor, weil sonst keiner wollte - nein, ich wollte unbedingt in diesen Kasten, ich wollte Bälle halten.

Das ist untypisch - oft ist der Torwart-Job unbeliebt, weil man da oft der Dumme ist. Was fansziniert Sie so am Torwart-Spiel?

Das kann man ja so oder so sehen. Klar ist ein Torwart nach einem Fehler immer der Dumme. Aber wenn du viele Bälle hältst, bist du der Held. Ich habe schon als Kind viel gehalten, wir hatten immer Erfolg mit unserer Truppe.

Ab wann haben Sie gemerkt, Sie könnten es zum Profi-Torwart schaffen?

Ich komme aus einer kleinen Gemeinde, Kirchen im Westerwald, Rheinland-Pfalz - da ist fußballerisch nichts. Da muss man Glück haben und über Auswahlteams auf sich aufmerksam machen. Mit 12, 13 habe ich dann aber wirklich viel trainiert - für mich gab es nichts anderes als Fußball. Zusätzlich zum Vereinstraining war ich mit meinen Jungs ständig am Bolzplatz. Als ich zu Bayern gekommen bin, habe ich das erste Mal gedacht: Jetzt packst du es. Es gibt aber immer den, der mit 18 als Superspieler gilt und es dann doch nicht schafft.

Sind Sie eigentlich ein Fußballbesessener?

Absolut. Aber nur, wenn ich selber spielen kann. Ich bin nicht der, der jedes Spiel anschaut - da werde ich nervös und will lieber selber spielen. Ich bin kein guter Zuschauer.

Sie kennen den alten Spruch, dass Torwarte und Linksaußen verrückt sind - sind Sie das: verrückt?

(lächelt) Man muss natürlich schon ein bisschen verrückt sein, wenn man sich da in so ein Tor stellt und sich die Bälle aus zwei, drei Metern um die Ohren hauen lässt. Aber ganz verrückt kannst du ja nicht sein: Wenn du ständig am Ausflippen bist - das geht nicht. Ruhe ist als Torwart einfach das Wichtigste.

Interview: Andreas Werner

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