Niklas Dorsch ist frischgebackener U21-Europameister.
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Niklas Dorsch ist frischgebackener U21-Europameister.

Europameister mit dem DFB

Beim FC Bayern war kein Platz für ihn: Jetzt ist er der deutsche U21-Held - „Oma, ich liebe dich“

  • Alexander Kaindl
    vonAlexander Kaindl
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Die deutsche U21 ist Europameister. Die DFB-Junioren setzten sich bei der EM im Finale gegen Portugal durch - einer der Matchwinner: Niklas Dorsch.

München - Das nennt man dann wohl „Jammern auf hohem Niveau“. Seit Jahren heißt es, dass der deutsche Fußball-Nachwuchs nicht in Ansätzen mit der europäischen Konkurrenz mithalten kann. Uns fehlen die Talente, wir haben ein riesiges Loch, schon bald versinken wir im Mittelmaß - diese Aussagen hörte man in den vergangenen Monaten immer wieder.

Sogar von offizieller DFB*-Seite heißt es: „Ich bin mit allen aktuellen Ergebnissen unserer Teams unzufrieden. Die Ergebnisse sind ein Abbild der Entwicklung im deutschen Nachwuchsfußball, da mache ich mir Sorgen.“ Diese beiden Sätze von Joti Chatzialexiou, Sportlicher Leiter Nationalmannschaften, sind gerade einmal neun Monate alt.

U21: Deutschland ist Europameister - Eckpfeiler spielen in ausländischen Ligen

Da kommt es doch fast wie gerufen, dass die deutsche U21-Nationalmannschaft sensationell die Europameisterschaft gewonnen hat. Und das zum zweiten Mal innerhalb von vier Jahren! Ein weiteres Mal wurde man sogar noch Vize-Europameister - wo sind also die DFB-Probleme im Nachwuchs?

Zugegeben: Chatzialexiou liegt mit seiner Einschätzung natürlich richtig. Nationen wie Frankreich oder England fördern und fordern Talente aktuell in einer viel höheren Dichte. Es gibt so viele gute Nachwuchsakteure, dass viele von ihnen in den eigenen Ligen gar keine Chance haben und deshalb ins Ausland wechseln, um garantierte Spielzeit zu bekommen. Und da ist die Bundesliga extrem beliebt. Berühmte Beispiele sind Dayot Upamecano, Ibrahima Konaté (beide RB Leipzig), Jadon Sancho oder Jude Bellingham (beide Borussia Dortmund). Für die deutschen Talente, die in jungen Jahren vielleicht noch nicht auf dem Frankreich- oder England-Level sind, ist somit immer weniger Platz. Und deshalb müssen sie selbst oft ins Ausland wechseln, weshalb der DFB eben große Probleme für den eigenen Nachwuchs sieht. Ein Teufelskreis.

Fünf deutsche U21-Stars spielen aktuell in einer ausländischen Liga. Dazu zählen auch die großen Helden der EM: Siegtorschütze Lukas Nmecha (RSC Anderlecht) und Antreiber Niklas Dorsch (KAA Gent). Die beiden Belgien-Legionäre waren Eckpfeiler in der Mannschaft von Stefan Kuntz und dürften sicher auch das Interesse des einen oder anderen Bundesligisten geweckt haben.

U21-EM: Niklas Dorsch spielt sich in den Fokus - Dem FC Bayern München war er nicht gut genug

Dorsch zeigte im EM-Finale gegen Portugal einmal mehr eine bärenstarke Leistung. In den Schlussminuten stoppte er mit letzter Kraft einen gefährlichen Konter - ein unglaubliches Tackling in der gegnerischen Hälfte. Solche Qualitäten braucht es auch in der Bundesliga. In den vergangenen Wochen gab es bereits Gerüchte, dass der VfL Wolfsburg und Hertha BSC Interesse hätten.

Im Gegensatz zu Nmecha - der den Großteil seiner Jugend in England verbrachte und aktuell von Manchester City an Anderlecht verliehen ist - hat Dorsch sein Glück zunächst in Deutschland versucht. Der gebürtige Oberfranke wurde die meiste Zeit beim FC Bayern München* ausgebildet. Schon in jungen Jahren wurde er Leistungsträger der zweiten Mannschaft, debütierte sogar bei den Profis.

Niklas Dorsch: Trotz guter Leistungen - Keine Perspektive beim FC Bayern München

90 Bundesliga-Minuten stehen auf seiner Visitenkarte. Ende April 2018 gelang ihm gegen Eintracht Frankfurt sogar ein Tor - und trotzdem reichte das nicht, um sich nachhaltig für die Profis zu empfehlen. Denn natürlich wollte Dorsch ganz oben Spielpraxis. Diese konnte man ihm in München* nicht bieten. „Ich wollte den nächsten Schritt gehen. Es war für mich keine Option, in München zu verlängern, um ein weiteres Jahr bei den Amateuren zu spielen“, sagte Dorsch kürzlich in einem kicker-Interview. Die Bayern* wollten ihn zwar halten, doch dem Mittelfeldspieler fehlte die Perspektive, dauerhaft eine Chance in der ersten Mannschaft zu bekommen - also folgte der Wechsel zum 1. FC Heidenheim in die 2. Bundesliga.

Dorsch zeigte dort sofort seine Klasse, hatte maßgeblichen Anteil am Erreichen der Bundesliga-Relegation. Zum Aufstieg reichte es aber nicht. Nach zwei Jahren wagte er schließlich den nächsten Schritt und wechselte in die Jupiler Pro League zu KAA Gent. Dort ist er abermals Leistungsträger. In der U21 natürlich ebenfalls, der EM-Titel ist der vorläufige Höhepunkt in der Karriere des 23-Jährigen. Unmittelbar nach Abpfiff ließ er seinen Emotionen freien Lauf*: „Das ist so geil, das glaubst du mir gar nicht. Ich will meine Oma grüßen, die sitzt vorm Fernseher. Oma, ich liebe dich!“ Vielleicht kann die Oma ihren Enkel ja schon bald wieder in der Bundesliga sehen. (akl) *tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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