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Professor Florian Kainz ist Leiter des Internationalen Fußball-Instituts in Ismaning.

Professor Florian Kainz über Wissenschaft, Hoeneß‘ Naturtalent und Super League

„Die Verantwortlichen müssen einen neuen Sportdirektor stützen und ihn nicht zu schnell verbrennen“

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Professor Florian Kainz vom „Internationalen Fußball-Instituts“ in Ismaning über Wissenschaft im Fußball, das Naturtalent von Uli Hoeneß beim FC Bayern, Science Fiction und die Super League.

München – Professor Florian Kainz ist Leiter des „Internationalen Fußball-Instituts“ in Ismaning. „Wir verstehen uns als Kompetenzzentrum im und für den Fußball“, skizziert er die Arbeit der Einrichtung mit 19 hauptamtlichen Mitarbeitern. Einer davon ist Tobias Haupt, künftig Leiter der DFB-Akademie. Im Interview analysiert Kainz die Lage im deutschen Fußball.

Herr Professor Kainz, Ihr Institut hat den Ansatz, den Fußball ganzheitlich zu begleiten. Wer nimmt Ihre Arbeit in Anspruch?

Prof. Florian Kainz: Unsere Kunden sind vorrangig Spitzenvereine, Verbände und Unternehmen aus der Fußballbranche, die wir strategisch begleiten und beraten. Auch für Medien arbeiten wir, um beispielsweise mit unserer Kompetenz im Bereich Spiel- und Taktikanalyse die Berichterstattung auf ein noch höheres Level zu heben. Es kommen zudem Einzelpersonen zu uns, die gecoacht werden oder sich bei bestimmten Themenfeldern weiterentwickeln wollen. Seit unserer Gründung 2011 sind wir stark gewachsen und mittlerweile in Deutschland, Österreich und der Schweiz tätig. Wir richten uns zunehmend international aus. Erst neulich war etwa eine Delegation aus China da.

Was wird Tobias Haupt zum DFB mitbringen?

Kainz: Tobias Haupt denkt sehr analytisch und strategisch. Und der DFB braucht klare Analysen mehr denn je, insbesondere um herauszufiltern, wo der deutsche Fußball im internationalen Vergleich steht, wo Nachholbedarf, aber auch Chancen bestehen. Thematisch hat er bei uns unter anderem den Bereich Digitalisierung geleitet, davon wird die Akademie genauso profitieren wie von seinen Fähigkeiten im Bereich Wissensbündelung und Vernetzung. Aber klar ist auch: Ihm muss Zeit gegeben werden.

„Nach dem WM-Erfolg 2014 hat man sich zu lange ausgeruht“

Oliver Bierhoff spricht vom „Silicon Valley“ oder „Harvard“ des deutschen Fußballs.

Kainz: Ich denke, er möchte damit unterstreichen, dass der DFB mit der Akademie Vorreiter sein will. Und das sollte auch der Anspruch sein: Vorreiter im Weltfußball. Manchen sind diese Begriffe vielleicht zu wissenschaftlich, deshalb ist es wichtig, den Anwendungsbezug in den Mittelpunkt zu stellen. Es ist essenziell zu verstehen, dass sich der DFB mit der Akademie die Möglichkeit eröffnet, analytische Komponenten in sämtliche Überlegungen mit einzubeziehen. Diese sollen nicht verkomplizieren, sondern dazu führen, entscheidende Veränderungen auf den Platz zu bekommen.

1990 sagte Franz Beckenbauer, Deutschland sei auf Jahre unschlagbar. Dann dauerte es zehn Jahre, um zu realisieren, in welch tiefes Loch man gefallen war. Verschläft man jetzt wieder einen ganzen Zyklus?

Kainz: Nach dem großen Erfolg 2014 hat man sich zu lange ausgeruht. Damals wurde der Handlungsbedarf nicht realisiert. Da fehlten beispielsweise bereits Spieler, die mit Tempo in Eins-gegen-eins-Situationen gehen. Die Experten wiesen darauf hin, aber man schwebte nach dem WM-Sieg auf einer Wolke. Zu so einem Zeitpunkt ist es erfahrungsgemäß schwer, den Finger in eine Wunde zu legen, die keiner sehen möchte. Jetzt steht Deutschland auf dem 14. Platz der Weltrangliste – das kann man nicht wegdiskutieren. Aber es ist kein Vergleich zu 1990. Wir verfügen im deutschen Fußball mittlerweile über exzellente Strukturen.

DFB-Krise eine Momentaufnahme, die WM ein Warnschuss

Wir sind also näher an Silicon Valley als am Mittelalter nach der WM 1990?

Kainz: Ja. Die Aufgabe sollte immer sein, den Wandel zu analysieren. Das müsste meines Erachtens auch im Pflichtenheft der DFB-Akademie stehen: Permanente Analyse als Kernaufgabe – wo müssen wir nachschärfen? Dann wird es auch nicht wieder zehn Jahre bis zum nächsten Erfolg dauern.

Es ist also nicht so, dass Franzosen, Briten und Niederländer, die alle gerade zukunftsfähige Nationalteams aufgebaut haben, so voraus sind, dass man sagt, man müsse jetzt deren Systeme kopieren?

Kainz: Aus meiner Sicht nicht. Das ist eine Momentaufnahme. Die WM war ein echter Warnschuss. Aber Deutschlands Fußball ist nicht weit weg von der Spitze.

Woran liegt es, dass im deutschen Fußball die 1:1-Spieler so fehlen?

Kainz: Man lässt in der Ausbildung kaum zu, dass sich charakterstarke Individualisten entwickeln. Man neigt zu einer Gleichförmigkeit, stülpt über unsere Spieler oftmals ein System. Wenn wir wieder mehr Persönlichkeitsentwicklung fördern, wird dieses Problem zu beheben sein. Man muss zulassen, dass der eine Spieler anders ist als der andere.

„Leroy Sané und Timo Werner verdienen mehr Wertschätzung“

Ist das möglich im Zeitalter der NLZs, in denen Talente schon in jungen Jahren getrimmt werden?

Kainz: Eine Persönlichkeit liegt tief begründet. Man muss aufpassen, welche Spitzen man ihr nimmt. Nehmen wir als Beispiel Leroy Sané. Der fliegt mir immer zu schnell von der Tischkante. Auch ein Timo Werner, der auf mich sehr geradlinig wirkt, verdient mehr Wertschätzung. Wir sollten darüber diskutieren, ob unsere Nachwuchstalente zu sehr hofiert werden und sich zu wenig erarbeiten müssen. Es stellt sich die Frage: Wie gierig bist du? Reicht dir mal ein Unentschieden? Oder willst du unbedingt den Sieg und diesen dann auch in der maximalen Höhe? Ich meine: Wir brauchen wieder mehr Siegertypen. Mit einer 4:0-Mentalität!

„Sané fällt mir immer zu schnell von der Tischkante“: Professor Kainz über die deutschen Fußball-Talente.

Hat Mehmet Scholl Recht, wenn er sagt, die Talente könnten heute ein System rückwärts furzen, verlören aber jede Individualität?

Kainz: Bei Scholl bin ich nicht sicher, wie strategisch seine Aussage gemeint war. Generell wird in den NLZs sehr gut gearbeitet. Ich spreche da aus persönlicher Erfahrung: Meine Söhne spielen in der U 13 und U 15 im NLZ der SpVgg Unterhaching. In Zukunft muss nur noch mehr Individualisierung im Training stattfinden. Die Quote der Talente, die es von einem NLZ in den Profibereich schaffen, kann sicher erhöht werden. Schaut man runter bis zur U 12, sind es nur 1,8 Prozent, die oben bei den Profis ankommen. Außerdem denke ich, die gezielte Talentförderung kann früher beginnen.

Talentförderung: „Ich mache mir mit dieser Aussage keine Freunde, aber ...“

Dabei ist ja immer ein Argument, ein Talent nicht zu früh aus seinem vertrauten Umfeld zu lösen.

Kainz: Ich weiß, ich mache mir mit dieser Aussage keine Freunde. Aber im Tennis beginnt die Selektion und die gezielte Förderung schon mit sieben, acht Jahren. Im Fußball ist man im Vergleich zu anderen Sportarten spät dran. Wir verlieren nennenswerte Jahre. Auch dieser Punkt sollte an der neuen DFB-Akademie analysiert werden. Zu früh aus dem vertrauten Umfeld müsste deswegen aber kein Spieler heraus: Man könnte regionale Förderkader aufbauen, in denen Perspektivspieler zusätzlich geschult werden, ohne dass sie gleich ihren Heimatverein verlassen müssten.

Jetzt haben wir über die Talentförderung gesprochen. Wie sieht es mit Führungskräften aus? Gladbachs Manager Max Eberl regt eine Ausbildung für Sportdirektoren an.

Kainz: Die Aus- und Weiterbildung im professionellen Fußball ist bei uns ein zentrales Leistungsfeld. Wir bieten in Kooperation mit der Hochschule für angewandtes Management den Studiengang Fußballmanagement an. In Ismaning, Berlin, Unna und Hamburg. Das Interesse daran ist enorm. Es wird in Zukunft in der Regel nicht ausreichen, allein eine sportliche Vergangenheit mitzubringen. Um als Sportdirektor erfolgreich und überzeugend zu sein, werden auch Kenntnisse im Transferwesen, im Vertragsrecht, bei Sprachen sowie ein wirtschaftliches Grundverständnis nötig sein.

„Hoeneß hat Pionierarbeit geleistet“

So eine Figur wie Uli Hoeneß, die das kaufmännische und das sportliche Wissen in sich vereint hat, ist nicht in Sicht – oder hatte er es einfacher zu seiner Anfangszeit?

Kainz: Hoeneß ist ein Naturtalent und hat viele Dinge genieartig gestaltet. Leichter hatte er es früher sicher nicht. Heute mag die Branche komplexer sein, aber er musste damals Pionierarbeit leisten. Wichtig ist, dass die Verantwortlichen einen neuen Sportdirektor stützen und ihn nicht zu schnell verbrennen. Er muss wachsen können und dürfen. Aber dafür muss er eben auch zentrale Kompetenzen mitbringen und gewillt sowie fähig sein, Verantwortung zu übernehmen.

Digitalisierung ist ein Wort, das im Fußball immer mehr kursiert. Was kann sich der Fan konkret darunter vorstellen?

Kainz: Es gibt viele konkrete Nutzwerte, im Ticketing kann etwa vieles vereinfacht werden. Die Frage muss jedoch immer sein: Was nimmt der Fan an? Wir dürfen uns im großen Bereich der Digitalisierung nicht verirren, sondern müssen klare Maßnahmen-Felder herausarbeiten. Denn Fußball muss ein authentisches Erlebnis bleiben. Wir können gerne mal unsere Fantasie spielen lassen: In Zukunft schaue ich zuhause im Sessel Fußball und trage dabei ein mit Sensoren ausgestattetes Trikot, das mir ermöglicht, den Herzschlag des Schützen vor einem Elfmeter zu spüren oder die Hitze, wenn es schweißtreibend wird. Vielleicht habe ich sogar Stutzen an und bekomme den Tritt des Gegners in die Wade durch einen Impuls mit.

Das klingt nach Science Fiction.

Kainz: Ich nenne es Innovation. Und ich bin überzeugt: In ein paar Jahren ist das Realität. Diese Dinge sind bereits alle in der Entwicklung. Vielleicht gibt es dann auch in den Stadien Sitze, die so eine Art des Miterlebens für den Fan möglich machen. Außerdem steckt im Digitalen Marketing, mit dem wir uns hier in Ismaning intensiv auseinandersetzen, viel spannendes Potenzial. Es eröffnet völlig neue Kommunikations- und Monetarisierungsmöglichkeiten.

„Die Faszination Fußball darf nie verloren gehen“

Der Ultra wird bei diesen Prognosen aufheulen.

Kainz: Bei allen Innovationsgedanken ist mir das Augenmaß wichtig. Die Faszination Fußball darf nie verloren gehen. Das Kernerlebnis muss bleiben. Der Ultra sieht es wahrscheinlich anders, aber Kommerzialisierung und Medialisierung gehören heute dazu. Es ist eine Illusion zu denken, das Rad würde noch mal zurückgedreht werden. Es wird Zielgruppen geben, für die die von mir geschilderten Möglichkeiten superspannend sind. Zur Digitalisierung des Fußballs zähle ich übrigens auch den eSport, eine der größten sportgesellschaftlichen Bewegungen der jüngeren Zeit. Wir haben, ebenfalls in Kooperation mit der Hochschule für angewandtes Management, deshalb in diesem Jahr den Studiengang ‚eSports Management’ an den Start gebracht.

Wird im Fußball unweigerlich eine europäische Super-Liga kommen?

Kainz: Aus meiner Sicht geht es eindeutig in diese Richtung. Ich beschäftige mich deshalb bereits seit zwei, drei Jahren intensiv mit den Fragen: Wie müsste sie aussehen? Wie würde sie sich auf die deutschen Ligenstrukturen auswirken? Was würde sie für den Spitzenfußball bedeuten? Fakt ist: Wir haben in den Top-Ligen überall die Situation, dass wenige Teams die Titel unter sich ausmachen. Ob deshalb aber eine ‚Europa-Liga’ von der Masse angenommen würde, ist schwer vorauszusagen.

Kann man den Weltmeister 2038 am Reißbrett, an einer Akademie, in einem Institut planen?

Kainz: Ein Weltmeister-Bild ist ein Puzzle aus vielen Teilen. Die Arbeit hinter den Kulissen macht sicher einige Puzzle-Stücke aus. Aber wenn man einen Weltmeister komplett am Reißbrett entwickeln könnte, wäre das der Tod des Fußballs. Dann wäre die Faszination verloren. Ich wünsche mir also, dass es den Reißbrett-Weltmeister auch in 20 Jahren nicht gibt.

Interview: Andreas Werner

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