Vertreibung aus dem Paradies

München - FCB-Kapitän Mark van Bommel geht schweren Herzens zum AC Mailand – zurück bleibt ein unsortierter FC Bayern.

Die Schneeflocken wehten wirr über die Säbener Straße, als Mark van Bommel gestern um 9.48 Uhr seinen letzten Gang als Kapitän des FC Bayern antrat. Der Weg führte vom Kabinentrakt zum Flügel der Vorstandsetage, im Schlepp hatte er seinen Berater. Das Duo wurde von Karl-Heinz Rummenigge und Christian Nerlinger erwartet, später stieß noch Uli Hoeneß hinzu. Zwei Stunden und drei Minuten später ließ der Klub vermelden, man habe sich auf eine Vertragsauflösung geeinigt. Der 33-Jährige wechselt mit sofortiger Wirkung zum AC Mailand in die Serie A.

Hier macht Mark van Bommel seinen Abschied vom FC Bayern perfekt

Hier macht Mark van Bommel seinen Abschied vom FC Bayern perfekt

Hier macht Mark van Bommel seinen Abschied vom FC Bayern perfekt

Es ist ein historisches Ereignis, dass ein Kapitän beim FC Bayern vorzeitig und unter umstrittenen Bedingungen seine Koffer packt, und van Bommel machte auch keinen Hehl daraus, wie er über die Entwicklung der letzten Monate denkt. Für ihn kam es der Vertreibung aus dem Paradies nahe. Er hatte sich in München viereinhalb Jahre sehr wohlgefühlt und trug seit 2008 mit Stolz die Spielführerbinde. Auch wenn der FC Bayern derzeit wenig mit dem Paradies gemein hat (genaugenommen wirkt der Verein derzeit reichlich unsortiert) – van Bommel ging nicht gern, erklärte er zum Abschied. „Es tut weh“, sagte er, und: allein sportliche Gründe seien ausschlaggebend gewesen. Auffallend war, dass der Niederländer zum Abschluss ehrliche und lobende Worte für die gesamte Vorstandschaft nebst Nerlinger fand, der Name seines Trainer Louis van Gaal allerdings nicht über seine Lippen kam. So wurde fast noch interessanter, was van Bommel nicht sagte.

„Ich habe mit dem Verein überhaupt gar kein Problem“, meinte der Niederländer, dieses Fazit lässt sich problemlos als Kritik am Chefcoach deuten. Die Landsleute waren schon länger über Kreuz, und um Missinterpretationen auszuschließen, stellte der Scheidende explizit klar, die sportlichen Gründe für seine Entscheidung seien nicht der Zukauf von Luiz Gustavo oder die Angst um seinen Stammplatz. „Vor zwei Jahren wurden auch Spieler geholt und ich habe meine Spiele gemacht. Ich weiß, dass ich dem FC Bayern hätte helfen können. Das mit der Stammplatzgarantie ist völliger Schmarrn – jeder muss hier kämpfen, ich habe volles Vertrauen zu mir. Wenn ich geblieben wäre, hätte ich auch gespielt.“

In seiner letzten Aussage schwang einiges an Trotz mit, denn die Anzeichen, dass van Gaal bereits in der Rückrunde die Nach-van-Bommel-Ära eingeläutet hätte, waren offensichtlich. Gustavo wurde nicht umsonst für stolze 17 Millionen Euro von Hoffenheim ausgelöst, Toni Kroos durfte sich fast die gesamte Vorrunde empfehlen, Bastian Schweinsteiger gilt als gesetzt. Danijel Pranjic und Andreas Ottl stehen als Vertreter parat, in der Hinterhand lauern die gerade ausgeliehenen Talente David Alaba und Mehmet Ekici auf Chancen.

Die Zukunft ist das eine – Aktualität das andere. In den eineinhalb Jahren Amtszeit liest sich die Liste derer, die vor van Gaal Reißaus genommen haben, überaus prominent. Lucio ließ es erst gar nicht zu einem Aufeinandertreffen kommen, Luca Toni war schnell Geschichte, mit Martin Demichelis und Mark van Bommel brachen nun weitere Korsettstangen der alten Mannschaft raus. Dazu stellte der Coach im Winter Jörg Butt kalt. Mit manchen Entscheidungen konnten die Bosse leben, aber längst nicht mit allen. Man fürchtet um die Hierarchie im Team – und die Alleingänge eines unberechenbaren Trainers.

Auch diese Trennung von van Bommel wird in der Führung nicht ohne Skepsis gesehen. „Mark war immer ein vorbildlicher Profi und ein großartiger Kapitän“, lobte Rummenigge gestern. In der Mannschaft war er zuletzt ein wenig umstritten, mit 33 neigt sich die Karriere auf Top-Niveau dem Ende zu – doch es bestand kaum Anlass, den für den Sommer angedachten Abschied vorzuziehen. Allerdings war es letztlich auch van Bommel selbst, der die Zeichen der Zeit richtig gedeutet hatte und um die Freigabe bat. In Mailand wird er nun zunächst ein halbes Jahr spielen, die Chancen auf einen Anschlussvertrag stehen bei der Seniorenauswahl des italienischen Tabellenführers aber ungleich besser als in München. „In meiner Situation war es nicht schwierig, zu wechseln“, sagte er, „es war hier nicht mehr so, wie ich es mir vorgestellt habe. Deshalb habe ich ja überhaupt über einen Wechsel nachgedacht.“

Ob Bayern heute schlechter dastehe als noch vor einem Jahr, wollte jemand zum Abschied wissen. Eine heikle Frage. Van Bommel umdribbelte sie routiniert: „Um es einfach zu sagen: Das ist jetzt nicht mehr meine Sache.“

Andreas Werner

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