„Das ist nicht der, den wir von Benfica kennen“: André Villas-Boas über Bayerns Renato Sanches
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„Das ist nicht der, den wir von Benfica kennen“: André Villas-Boas über Bayerns Renato Sanches

Villas-Boas über Bayern

„Renato ist noch immer ein Junge“

  • Andreas Werner
    vonAndreas Werner
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André Villas-Boas über das Sorgenkind Sanches, den FC Bayern, den Prototypen Thomas Müller, die WM und seinen Ausflug in die Welt der Rallye Dakar

Monaco – André Villas-Boas sammelte einst als Stratege hinter Jose Mourinho Erfahrungen, coachte dann unter anderem Porto, Chelsea und Tottenham. Im Herbst hörte der 40-Jährige bei Shanghai auf. Seine Auszeit nutzte er kurios: Er startete bei der Rallye Dakar in Südamerika. Bei den Laureus Awards in Monaco erzählte der Portugiese unserer Zeitung nun, wie sein Ausflug in den Motorsport war – und was er vom FC Bayern hält.

-Herr Villas-Boas, Sie sind bei der Dakar-Rallye im Krankenhaus gelandet. Wie geht es Ihnen?

Danke, es geht gut. Alles ist in Ordnung, wobei wir erst, als in Portugal war, gemerkt haben, dass ich mir einen Bruch im Rückenbereich zugezogen hatte. Wir lagen bis dahin gut im Rennen. Dann hatten wir eine Panne nach 150 Kilometern Felswüste, ehe es in die Dünen ging. Wir machten das Auto flott, aber als wir eingestiegen sind, habe ich wohl meinen Gurt nicht korrekt angelegt. Anfängerfehler (lacht). Als wir dann bei einem Sprung über eine Düne mit der Nase voraus im Sand stecken geblieben sind, hat es mich nach vorne gewuchtet. Ich habe jetzt Wochen voller Reha hinter mir.

-Hat man da, gerade als Anfänger, mal Todesangst?

Nein. Ich war nur sehr sauer. Der Ärger hat alles überlagert. Zunächst wusste ich ja auch gar nicht, wie schwer meine Verletzung ist. Du bist voller Schmerzmittel, du denkst, du kannst weitermachen. Aber es war eine gute Entscheidung, dass wir ausgestiegen sind – hätten wir noch einen Unfall fabriziert, weil wir nicht mehr auf der Höhe waren, wäre ich jetzt vielleicht paralysiert. Eines Tages möchte ich definitiv noch einmal teilnehmen.

-Woher rührt diese Rallye-Faszination in Ihnen?

Das liegt in der Familie im Blut. Mein Onkel ist bei der Dakar-Rallye 1982, 1984 und 1987 gestartet. Er schrieb ein Buch darüber, das habe ich als Kind verschlungen. Heute ist er 74, wenn er das erste Mal dabei war, war er 40, so wie ich jetzt. Seit ich ein Kind bin, habe ich davon geträumt.

-Was sind Sie nun: Trainer oder Rallyefahrer?

Trainer. Deshalb weiß ich auch noch nicht, wann es ein Comeback im Rallyesport gibt. Mein Beruf ist Trainer, meine Leidenschaft ist Trainer. Ich möchte ab Juni wieder ein Projekt im Fußball finden. Gibt es keines, das mir gefällt, geht es mit Rallyesport weiter. Dakar war eine individuelle Herausforderung, ich hatte erst einen Monat zuvor als Trainer in Shanghai aufgehört. Da war wenig Vorlauf. Aber es ist gut, dich ab und zu speziellen Tests zu unterziehen. Das heißt ja nicht, dass ich die Schnauze voll von Fußball habe.

-Würde Sie die Bundesliga reizen – Sie haben schon Deutsch gelernt, heißt es . . .

Das ist eine sehr interessante Liga, ich hatte schon ein paar Angebote. Ich bin für alles offen. Deutsch zu lernen ist nicht so leicht, aber ich versuche es.

-Der FC Bayern sucht über kurz oder lang einen neuen Trainer . . .

Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, das ist nicht interessant. Die Qualität dieses Klubs ist unfassbar, die absolute Spitzenklasse von Europa. Sie haben wundervolle Spieler, spielen wundervollen Fußball. Ich werde Carlo Ancelotti nicht kritisieren, er ist ein feiner Mensch und sehr guter Coach – manchmal passt es nicht. Unter Jupp Heynckes hat Bayern ein fantastisches Comeback geschafft. Auf den FC Bayern schauen die Menschen – auf der ganzen Welt.

-Ihr Landsmann Renato Sanches hat sich dort bisher nicht durchgesetzt.

Ja, er hat einen schweren Start hinter sich. Das ist aber auch nicht leicht – man darf nicht vergessen: Er ist noch sehr jung. Er war der jüngste Europameister der Fußballgeschichte. Man muss Geduld haben. Ich hoffe, das Experiment mit Swansea bringt ihn weiter. Er hat ausgezeichnete Anlagen und das Fußballspielen sicher nicht verlernt. Du brauchst Selbstvertrauen, du brauchst Rückhalt, gerade, wenn du so jung das erste Mal im Ausland spielst. Er ist nicht der, den wir von Benfica Lissabon kennen. Renato ist nervös, er macht Fehler, er ist noch immer ein Junge. Der Druck bei einem Klub wie dem FC Bayern ist natürlich immens.

-Hat er noch eine Zukunft bei Bayern?

Ja, auf jeden Fall. Er ist ein großes Talent. Aber er muss den Druck annehmen und sich der Konkurrenz stellen. Er muss bereit sein, zu lernen, vor allem aus seinen Fehlern. Wenn du ein großer Fußballer werden willst, musst du lernen, dich durchzubeißen. Er kann es schaffen, auch bei Bayern.

-Was erwarten Sie von der WM – ist Titelverteidiger Deutschland Favorit?

Es gibt vor allem vielversprechende Außenseiter wie Belgien. Spanien will zurück an die Spitze, Brasilien mit Trainer Tite, Frankreich, Portugal und Argentinien darf man nicht vergessen. Deutschland ist in Russland das Team, das man schlagen muss. Mir imponiert die deutsche Disziplin, die gibt es in keinem anderen Team. Sie arbeiten zudem schon lange zusammen. Wenn es drauf ankommt, sind die Deutschen zur Stelle.

-Wenn Sie einen Deutschen in Portugal integrieren dürften, wer wäre es?

Ich bin ein Riesenfan von Thomas Müller. Er ist immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort, um ein Tor zu machen. Ein Phänomen. Er taucht einfach auf, das ist für mich so faszinierend. Er ist selbst top motiviert, wenn er von der Bank aus startet. Sein Timing, seine Übersicht, seine Wege – es gibt nicht viele, die das so in sich haben. Er ist für mich der Prototyp des modernen deutschen Fußballs.

Interview: Andreas Werner

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